25.07.1966

RUDOLF BULTMANN

RUDOLF BULTMANN
ist neben Karl Barth der bedeutendste und zugleich der umstrittenste Theologe der Gegenwart. Die Schüler und Anhänger des 81jährigen Marburger Protestanten vergleichen seine Arbeiten mit denen Luthers, Kants und Kierkegaards, seine Gegner halten ihn für einen "Irrlehrer" und fordern von der evangelischen Kirche, daß sie zum erstenmal in ihrer Geschichte einen ihrer führenden Wissenschaftler verketzert.
Für und wider Bultmann wurden Hunderte von Büchern und Broschüren sowie Tausende von Aufsätzen-geschrieben. In diesem Jahr griff die Auseinandersetzung auch auf die Gemeinde über. Seit im März 1966 in der Dortmunder Westfalenhalle 22 000 "Protestanten an einer Protestkundgebung gegen Bultmann teilgenommen haben, breitet sich in der Bundesrepublik eine "Bekenntnisbewegung" gegen die von dem Marburger Gelehrten geprägte moderne Theologie aus. In Braunschweig unterschrieben Hunderte von Pfarrern eine Resolution, in der etwa 70 angebliche "Irrlehren" Bultmanns verurteilt werden. Bis vor die Synode - das Parlament und höchste Organ der Evangelischen Kirche in Deutschland - wurde der Streit um Bultmann bereits getragen.
Überall sind die Meinungen über den renommierten Theologen geteilt, der vor zwei Jahren seine Bibliothek der Ruhr-Universität Bochum übergab und zur Zeit an einem Kommentar zu den Johannes-Briefen arbeitet. Während an den deutschen Universitäten seine Schüler - selbst mittlerweile 40- bis 60jährige Professoren - das Feld beherrschen, scheinen in den Gemeinden die Bultmann-Gegner zu überwiegen.
Katholische Theologen halten ihren Marburger evangelischen Kollegen für einen Lutheraner (Marlé, Paris), einen Kalvinisten (Adam, Tübingen), einen Kantianer (Fries, München), einen Ungläubigen (Romeo, Rom) oder für einen Gläubigen, dessen Grundgedanken auch für Katholiken akzeptabel sind (Hasenhüttl, Tübingen).
Auch berühmte Philosophen sind sich über Bultmann nicht einig: Auf der Philosophie Heideggers beruht die sogenannte Existentialtheologie Bultmanns, die von dem Philosophen Jaspers - seinem früheren Schulkameraden in Oldenburg - abgelehnt wird.
Weltruhm erwarb Bultmann schon 1921, als er in seinem ersten Buch "Die Geschichte der synoptischen Tradition" das Neue Testament analysierte und zu dem Ergebnis kam, daß viele Worte Jesu ihm erst nach seinem Tode zugeschrieben worden seien und daß viele Wunderberichte Legenden seien (SPIEGEL-Serie Jesus und die Kirchen", Heft 14 bis 16/1966).
1941 löste Bultmann, der in der Hitler-Zeit von Anfang an zur NS-feindlichen Bekennenden Kirche gehört hatte, mit einem einziger Artikel die Debatte über die Entmythologisierung aus, die auch heute noch anhält. Bultmann erklärte das Weltbild der Bibel für vergangen: "Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben."
Vorgeworfen wird Bultmann vor allem, daß er die Gottessohnschaft Jesu, die Jungfrauengeburt und die Auferstehung Jesu leugne.

DER SPIEGEL 31/1966
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