01.08.1966

STARFIGHTER-ABSTÜRZEKünftig orange

Karl Gumbel, 56, Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, schulmeisterte den Lehrer und Hamburger CDU-Bundestagsabgeordneten Carl Damm, 39: "Wir wollen doch nicht so ins Detail gehen."
In einer Sitzung des wehrpolitischen Ausschusses der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hatte Damm am 25. Januar Gumbel gefragt: Wie ist es mit der Seenotausrüstung der deutschen Starfighter-Piloten bestellt?
Damm trug dem Ausschuß die Klagen vor, die ihm vier Tage zuvor die Piloten des Jagdgeschwaders 71 "Richthofen" im ostfriesischen Wittmund gesteckt hatten: Bei der Verteidigungs -Verwaltung bestellte orangerote Fliegerkombinationen seien noch immer nicht geliefert worden. Die bunte Kluft wird von den Piloten für den Fall gewünscht, daß sie über See aus ihrem Starfighter springen müssen und in Seenot geraten. In Farbe sind die Piloten auf dem Meer besser als in ihrer mausgrauen Kluft auszumachen.
Die Bürokratie aber argwöhnte, die Piloten wollten in den knalligen Overalls nur "angeben". Im Januar waren die Kombinationen noch nicht an die Einheiten ausgeliefert.
Am 24. März erinnerte der Abgeordnete Damm im Bundestag während der Starfighter-Debatte an den bunten Dreß der Flieger. Vier Monate später - am 18. Juli - mußte Oberleutnant Siegfried Arndt, 33, vom "Richthofen"-Geschwader zehn Seemeilen nördlich von Helgoland aus seinem Starfighter aussteigen. Seitdem ist er verschollen. Suchschiffe und Flugzeuge kurvten zwei Tage ergebnislos auf und über der Nordsee.
Das Küsten-Minensuchboot "Düren" schleppte an seiner Schraube Fetzen eines Fallschirms ohne Gurte in den Helgoländer Hafen. Die Luftwaffe prüft jetzt, ob es sich um Reste der Rettungs -Seide von Arndt handelt. Träfe das zu, hätte die "Düren" möglicherweise den Flieger in Grau übersehen und mit der Schiffsschraube zerstückelt.
In der Zeitung las Damm am letzten Dienstag, daß Oberleutnant Arndt mausgrau bekleidet seinen Meeresflug angetreten hatte.
Der Bundestagsabgeordnete rief den "Richthofen"-Geschwaderchef Oberst Günter Josten in Wittmund an. Damm: "Josten bestätigte mir, daß Arndt in grauer Fliegerkombination in die Nordsee gesprungen ist."
Arndt war am 16. Juni, einen Monat vor seinem Todesflug, in das Wittmunder Geschwader versetzt worden. Kurz vorher hatte die Verwaltung den "Richthofen"-Fliegern 16 orangerote Fliegerkombinationen angeliefert. Sie wurden unter den 63 Piloten des Geschwaders verteilt. Arndt bekam keinen Bunt-Dreß mehr ab. Erst vier Tage nach dem Absprung Arndts in die graue See wurden dem Geschwader weitere 27 Orange-Overalls zugestellt.
CDU-Bundestagsabgeordneter Damm zum SPIEGEL: "Das ist doch ein Skandal. Ich habe in der Starfighter-Debatte an die Kombinationen erinnert. Das Starfighter-Programm habe ich verteidigt. Aber ich muß doch erwarten können, daß die Leitung des Verteidigungsministeriums aus erkannten Mängeln die Konsequenzen zieht."
Bevor Damm am letzten Freitag in Urlaub fuhr, schickte er Staatssekretär Gumbel, dem Verwaltungs-Chef des Bundesverteidigungsministeriums, einen Brief. Damm: "Diesmal will ich die Details von ihm wissen."
Jetzt muß sich auch Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel um das Detail kümmern. Damm stellte ihm einen Durchschlag seines Briefes an den Staatssekretär zu.
Starfighter-Piloten
In grauem Dreß unsichtbar

DER SPIEGEL 32/1966
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