08.08.1966

LUFTHANSAFlatternde Hosen

Der Posteingang aus dem Ausland war bei der Deutschen Lufthansa-Direktion in den letzten Monaten ungewöhnlich rege. Zumeist anonyme Schreiber beschimpften die Lufthansa-Manager als Nazis und Nationalisten. Ein Anonymus schickte Ihnen gar eine herausgerissene Lufthansa-Anzeige mit dem Vermerk "Eichmann" ins Haus.
Der Zorn der Kritiker gilt der neuen Lufthansa-Werbung im Ausland. Deren Hauptthema: Sicherheit und deutsche Pingeligkeit.
Die von der Gesellschaft 1965 eingespannte Düsseldorfer Werbeagentur Doyle Dane Bernbach hat sich über ein Tabu der Luftfahrtwerbung hinweggesetzt, wonach über Sicherheit nicht gesprochen wird.
Mehr noch: Wenig geschätzte Eigenschaften, die im Ausland den Deutschen noch immer nachgesagt werden - Arbeitswut und Gründlichkeit -, wurden in eine Sicherheitsgarantie umgemünzt.
Drei von sechs Anzeigen besingen den deutschen Lufthansa-Mechaniker. Die Texte rühmen seine materielle Anspruchslosigkeit durch Gehaltsangaben ("Sixty-two fifty a week"), seine "quälende" und "fanatische Gründlichkeit" ("painful, fanatical thoroughness") und seine Pedanterie ("extreme fussiness").
Die angeblich typischen Eigenschaften der Deutschen, so suggeriert die Lufthansa-Werbung, machen die Gesellschaft zur sichersten Fluglinie der Welt.
Doch der Lobgesang auf die deutsche Tüchtigkeit mißfiel nicht nur Lufthansa-Kunden, Kritik kam auch aus den eigenen Reihen. Amerikanische Mechaniker, die zirka zehn Prozent der Lufthansa-Techniker stellen, fühlten sich durch die Hymnen auf ihre deutschen Kollegen verprellt.
Die erbosten Amerikaner - sie arbeiten nicht für 250 Mark in der Woche, sondern erhalten den gleichen Lohn in Dollar - hefteten in der Lufthansa-Werft auf dem New Yorker Kennedy Airport die Anzeigen ans Schwarze Brett, die sie zuvor mit unfreundlichen Kommentaren versehen hatten.
Wegen der vielfachen Kritik keimen im Lufthansa-Management leise Zweifel, ob es richtig ist, mit dem Klischee des Deutschen, der sich seines Schweißes freut, im Ausland zu werben. Ein Lufthansa-Manager: "Einigen Leuten flattern hier die Hosen."
Den Vorwurf des Nationalismus freilich weisen die Lufthansa-Gewaltigen zurück. Der verantwortliche Werbeleiter, Hans G. Conrad, ist Schweizer; die Texte ersann der amerikanische Staatsbürger Charles Ewell.
Lufthansa-Anzeige
Mit dem häßlichen Deutschen geworben

DER SPIEGEL 33/1966
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