01.08.1966

DEUTSCHE SCHRIFTRauschende Eichen

Ein greiser Hannoveraner weiß, woran ganz Deutschland krankt - an "Bogenitis" und "Deckstrichose".
Nährboden der Massenseuchen ist nach Karl Arndt, 72, dem Vorsitzenden des "Bundes für deutsche Schrift", die "Unzahl von Hoch- und Tiefbögen" und "Deck- und Doppelstrichen" der heute in Deutschlands Westen wie Osten gängigen lateinischen Schreib- und Druckschrift.
Die von Arndt empfohlene Therapie ist denn auch drastisch: Anstelle der "in ihrer Wirkung gefühlsarmen" lateinischen Lettern sollten an Deutschlands Schulen wieder als Erstschriften die deutschtümelnde Fraktur als Druckschrift sowie die sogenannte deutsche Schreibschrift gelehrt werden. In dieser spitzig-verschnörkelten Schrift, von der es mehrere Arten gab, war den Deutschen noch zu Beginn dieses Jahrhunderts das Abc beigebracht worden. Sie war auch Grundlage der ersten reichseinheitlichen Schreibschrift, die der Berliner Graphiker Sütterlin 1911 entwarf.
Mit 800 Bundes-Getreuen kämpft Arndt dafür, daß "kostbares Erbgut" zur "ersten Schreibschrift erklärt", "in allen Schularten intensiv gepflegt" und für "spätere Geschlechter" gerettet werde. Zahlreiche Petitionen an Bundesdeutschlands Kultusminister verhalfen Arndts Verein bislang freilich zu nicht mehr als der Erkenntnis, daß - so das Verbandsblatt "Die deutsche Schrift" diese "bewußt nichts für die Pflege des Volkstums und damit auch der deutschen Schrift" tun wollen.
Mit Wehmut erinnern, sich die Vorkämpfer einer "deutschen Schreibpflicht", die beim Anblick deutscher Schnörkelschreibe und gotischer Fraktur "tausendjährige Eichen rauschen hören" und dabei etwas vom "Ur-Rhythmus des Auf-Ab" verspüren, der Hoch -Zeit ihres Bundes: Nach Hitlers Machtübernahme verschwand die lateinische Schrift aus Zeitungen und Büchern, von Verkehrsschildern und Briefmarken. Als "Sachbearbeiter für Sprache und Schrift" im Reichsinnenministerium ordnete der damalige Vorsitzer des Schrift-Bundes an, daß im Ministerium und den nachgeordneten Behörden "nur Schreibmaschinen mit deutschen Schriftzeichen anzuschaffen" seien. Und "auf Anregung unseres Bundes trug das letzte große deutsche Luftschiff 'Graf Zeppelin' seinen Namen in gotischen Lettern um die Erde" Verbandsblatt "Die deutsche Schrift").
Aber im Januar 1941 brach "das Unglück" herein': Die auf altdeutscher Schreibe basierende Sütterlin-Schreibschrift durfte an den Schulen nicht mehr gelehrt werden, die Frakturschriften mußten gemäß einer "nur, für den Dienstgebrauch" bestimmten Anordnung Hitlers eingeschmolzen werden,und der Bund für deutsche Schrift wurde zwangsaufgelöst. Nazistische Schriftforscher hatten herausgefunden, daß - wie es in dem Erlaß hieß - "die sogenannte gotische Schrift (Fraktur) auf die SchwabacherJudenlettern" zurückzuführen sei.
In der offiziellen Begründung für das Schrift-Verbot aber hieß es, der Führer gehe davon aus, daß die Fraktur "den deutschen Interessen im In- und Auslande schade, weil Ausländer, die die deutsche Sprache beherrschen, diese Schrift meist nicht lesen können".
Zu ihrer Erleichterung ermittelten die Deutschschriftler später, daß "zu der Zeit, als Ende des 15. Jahrhunderts die Schwabacher Schrift geschaffen wurde, alle ... Zunftberufe den Juden streng verschlossen" waren. Und 1951 formierten sich die Fraktur-Freunde neu, um die deutsche Schrift als Ausdruck "germanischer Vertikalgesinnung", "nordisch-gotischen Wesens" und "Schutzwehr des Deutschtums" zu feiern.
Solange sie bei den Kultusministern kein Gehör finden, begnügen sie sich damit, in ihrem Verbandsblatt jeden noch so kleinen "Erfolg" zu registrieren.
Etwa: .Wie wir erfahren, gibt es in Dinkelsbühl nur deutsche Buchstaben für alle Laden- und Geschäftsaufschriften."
- Lateinische Druckschrift, Fraktur
Germanische Vertikalgesinnung ...
Lateinische Schreibschrift, deutsche Schrift
... als Schutzwehr des Deutschtums

DER SPIEGEL 32/1966
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