25.07.1966

EIN ANHAUCH VON KANNITVERSTAN

Er sieht aus, als ob er wäre, was er eigentlich hat werden wollen: ein Mediziner, ein Chirurg. Aber er ist es nicht.
Er sieht nicht aus, als gehöre dem Fußball sein Leben; als bewege ihn ernsthaft die Frage, wer wann wie viele Tore geschossen habe. Und sie bewegt ihn doch.
Kein Fußballer würde auf die Idee kommen, ihn "Eia" oder "Emma", "Lutte" oder "Tute" zu nennen, und auch als "Muckl"* kann man ihn sich gar nicht denken. Doch er gehört dazu.
Alle Fußballer verlieren das Augenmaß, wenn sie ihn beschreiben sollen; alle können sie ihn nicht fassen, jedenfalls nicht in Worte: So wie ihn stellen sie sich einen "Dozenten", einen "Schöngeist", einfach einen "Herren" vor. Und er ist dennoch ein Fußballer.
Aber zwischen Helmut Schön und der Fußballerei bleibt ein schmaler Streifen Niemandsland, ein bißchen respektvolle Verfremdung, ein Anhauch von Kannitverstan.
Denn Helmut Schön ist einer von jenen Menschen, die den Beruf verfehlen und es trotzdem zu etwas bringen können. Er hat es zum Bundestrainer gebracht.
Aber das ist eigentlich erst seit dem letzten Mittwoch gänzlich unbestritten: seit entschieden war, daß die deutsche Nationalmannschaft zumindest unter den "letzten Acht" des Weltturniers, daß Deutschland also unter den acht besten Fußball-Ländern der Welt bleibleiben würde.
Wäre es anders gekommen - Helmut Schön hätte zwar nicht das Amt, wohl aber die Würde des Bundestrainers verloren.
Denn er führt nicht bloß die Nationalelf, sondern eine ganze Nation ballophiler Tretomanen an, welche "Fußball -Deutschland" heißt und von lauter kleinen Bundestrainern bevölkert ist, die sich pausenlos Helmut Schöns Kopf zerbrechen.
Vom Industriekapitän, der ob eines Fußball-Spektakels die Geschäfte schleifen läßt, bis zum Rabauken, der bei Nichtgefallen Bierflaschen aufs Spielfeld schmeißt; vom Volkskanzler bis zu denen, die er "schamloses Gesindel" nennt - alle, alle eint sie Kennerschaft, sobald es um die Aufstellung der Nationalelf geht.
Nicht alle können dem Bundestrainer das Ergebnis ihrer Überlegungen persönlich mitteilen - wie Ludwig Erhard, der ihm nach dem letzten Bundesligaspiel Borussia Dortmund gegen 1860 München seine Zweifel an "Emma" Emmerichs Verläßlichkeit anvertraute, Uwe Seelers neugewonnene Kampfkraft hingegen pries.
Die meisten schreiben Briefe - mit Mannschaftsaufstellungen (Unterschrift: "Der Wahrsager"), mit Morddrohungen (Unterschrift: keine) und mit Gebeten (unterschrieben "in Ehrerbietung, Hochachtung und mit wesentlichen Wünschen" von einem Pfarrer aus Lavelsloh über Uchte). Selbst in Zwickau hofft jemand "auf eine Karte aus London vom Endspiel".
Aber schon ein verlorenes Spiel, ein Tor schon kann genügen, um aus diesen Kennern Feinde zu machen. Und Helmut Schön ist nicht der Mann, der dies mit einem Achselzucken einfach als branchenüblich hinnehmen könnte. Dafür ist er bestimmt zu sehr "Schöngeist" und vielleicht zuwenig Fußballer.
Schon seine erste Begegnung mit der Masse Mensch bei einem Länderspiel wäre beinah letal verlaufen. Er war damals fünf Jahre und acht Monate alt, sein Bruder Walter hatte ihn mitgenommen. Das Spiel (Deutschland gegen Österreich) endete unentschieden (3:3), und nach dem Schlußpfiff wurden die Schön-Knaben von der wild drängelnden Menge so eingeklemmt, daß Helmut glatt erdrückt worden wäre, hätte Walter nicht mit dem Ellenbogen ein paar Bretter aus dem Zaun gestemmt, um dem kleinen Bruder wieder Lebensraum zu schaffen.
Heute, 45 Jahre und viele Länderspiele später, spürt Helmut Schön den Druck der Menge immer noch - nur psychisch, nicht physisch.
"Es ist doch eigentlich unfaßbar", sagt er, wenn er sich klarmacht, daß jenes 2:1 gegen Schweden, das Deutschland im September 1965 den Weg zum Weltturnier in England freimachte, tatsächlich einen Wendepunkt in seinem Leben bedeutet hat, "es ist doch eigentlich unfaßbar, daß so viel an einem einzigen Tor hängen soll."
Dabei ist es nicht das Risiko des Mißerfolges, was er scheut. Denn natürlich weiß der Bundestrainer Schön, daß er als Funktionär des Deutschen Fußball-Bundes mit einem Monatsgehalt von rund 4500 Mark immer noch gesicherter ist als ein Vereinstrainer der Bundesliga, der vielleicht das Doppelte verdient, aber bei jedem verlorenen Spiel um seinen Job zittern muß.
Vielmehr vergrämt ihn insgeheim wohl die Erkenntnis, ausgeliefert zu sein an den minderen Sachverstand und an die unappetitlichen Affekte eines gleichwohl marktbeherrschenden Publikums. "Man bezieht eine gewisse Trotzstellung", sagt Helmut Schön. "Sonst geht man kaputt."
Der Trotz äußert sich in gelegentlichen Sarkasmen, mit denen er, grimmen Gesichts, das Hosianna wie das Kreuziget-ihn der öffentlichen Meinung kommentiert; und in mehr oder weniger deutlich artikulierten Vorbehalten gegen den landläufigen Begriff des Trainers, den Schön auf sich nicht angewendet wissen mag.
Sportlehrer möchte er heißen, nicht Fußballtrainer. Und wenn er über sein Amt spricht, so tut er es selten ohne den Hinweis auf dessen pädagogische Möglichkeiten. Er legt gesteigerten Wert darauf, "über den Zaun zu gucken", mit seinen Spielern nicht nur über Fußball zu sprechen, sie ins Theater zu führen - wenigstens in die Operette. "Das sind doch elf Menschen, die da auf dem Platz stehen", gehört zu seinen geflügelten Worten.
Privat schließlich - also ohne Trainingsanzug und ohne die immergrüne Kulisse bundesdeutscher Sportschulen - könnte Helmut Schön sogar für das gelten, was zu sein ihn viele Fußballer verdächtigen: für einen Intellektuellen.
Er ist der Sohn eines Dresdner Kunsthändlers (der von Fußball nichts hielt), hat Abitur, spricht passabel Englisch, fürs Nötigste auch Französisch, und im Herbst will er ein Lehrbuch schreiben - über Fußball zwar, aber keins von den üblichen.
Sein Habitus - abgesehen von einer bemerkenswert variationsbreiten Kollektion sportlicher Sweater - verrät nicht den Sportsmann, eher den (korrekten) "Herren". Sein Fahrzeug ist das Auto des intellektuellen Mittelstandes: ein weißer BMW 1800 mit Helmut Schöns Initialen im Nummernschild - aber nicht die versportlichte TI-Version, sondern die Normalausführung. Schön fährt das Auto ausgesprochen untertourig; es kann vorkommen, daß er schon bei vierzig den vierten Gang einlegt.
In seiner Wiesbadener Drei-Zimmer -Etage, Ecke Fasaneriestraße und Trommlerweg (des Bundestrainers neuer Bungalow ist noch im Bau), erinnert eigentlich nichts mehr an Fußball. Ein paar Plaketten und Pokale, die eher schemenhaft als demonstrativ hinter den zartgetönten Scheiben eines Wohnzimmerschranks sichtbar werden, "gehören da eigentlich nicht hin", wie der Hausherr flugs versichert. Trophäen werden im Keller verwahrt.
Parterre hingegen hat Helmut Schön ein "Dresdner Zimmer", so genannt wegen der antiken Möbelstücke, der Dresdner Stiche, des Meißener Porzellans und einer verspielten kleinen Boulle-Uhr - was er alles aus dem elterlichen Hause herübergerettet hat in den Westen.
Das beherrschende Möbelstück in Schöns Behausung ist ein ebenso schlichter wie umfänglicher Schreibtisch, auf dem sich allerhand Korrespondenz stapelt und der eingerahmt wird von zwei schmalen, bis zur Decke reichenden Bücherborden.
Die Bücher selber freilich kommen seit geraumer Zeit zu kurz; und die Reue, die Helmut Schön darob sogleich erweckt, hat nichts Gekünsteltes. Eine "Illustrirte Weltgeschichte" von 1880 antiquarische Erwerbung aus der Schulzeit - fesselt ihn auch heute noch. Und gerade neulich hat er sich, er weiß selber nicht warum, "Hermann und Dorothea" aus dem Regal gefischt und ein bißchen darin herum gelesen.
Zu kurz kommt auch das Theater; viel kürzer jedenfalls als in Dresden, wo die Schöns eine Neigung für die Oper entwickelt hatten und es sich angelegen sein ließen, bei Richard-Strauss-Premieren ("Arabella" zum Beispiel) dabei und mit der Besetzung persönlich vertraut zu sein. Sport und Kunst - heiter alle beide - ergänzten einander.
Daß dem heute nicht mehr so ist, gehört zu den wenigen wunden Punkten in der ansonsten wie geschmiert funktionierenden Ehe von Helmut und Annelies Schön. Gelegentliche Gelöbnisse des Gatten, sich in puncto Theaterbesuch bald zu bessern, bewertet Frau Schön mit liebenswürdiger Resignation als gutgemeinte, doch leere Versprechungen. Fußball first.
Annelies Schön geborene Gräfe hat ihren Mann in der gemeinsamen Vaterstadt Dresden zwar als Fußballer, aber abseits von seinem Sport kennengelernt (und 1942 geheiratet). Auf dem Fußballplatz ist sie selten dabei.
Das soll nicht heißen, daß ihres Mannes Karriere ihr gleichgültig sei. Sie tut im Gegenteil dafür, was sie kann - und zwar tut sie das mit einem äußerst attraktiv verkleideten Ehrgeiz, der gewiß jeden Ehemann in jeder Branche zum Fortkommen animieren würde. Ein Blick in den Sportteil einer Gazette genügt, und Annelies Schön hat gesehen, ob was Böses oder was Gutes über ihren Mann drinsteht.
Fachsimpelei aber kommt im ehelichen Dialog so gut wie gar nicht vor. Helmut Schön nimmt seinen Kicker -Kummer lieber schweigend mit in den Wald, wenn er den schwarzen Pudel spazierenführt, der eigentlich, zu Ehren der brasilianischen Stürmer-Stars, Didi oder Pelé heißen sollte, der nun aber doch bloß Dickie heißt.
Kein Fußballer geworden ist auch des Bundestrainers einziger Sohn. Immerhin ist der Filius Leichtathlet. Dem rollenden Leder hat er entraten - teils aus Mangel an Sehschärfe (er ist Brillenträger), teils aus Mangel an Neigung. Stephan Schön studiert in Mainz im siebten Semester Physik und Mathematik - Fächer, in denen der Vater nach eigenem Bekenntnis nie Champion geworden ist.
Daran hat ihn freilich nicht nur mangelnder Zahlensinn, sondern vor allem jene quasi ästhetische Eigenschaft gehindert, die ihn schließlich zu dem gemacht hat, was er heute ist: seine intime Beziehung zur bewegten Kugel nämlich, sein "Ballgefühl".
Denn "überall, wo ein Ball dabei ist", fühlt Helmut Schön sich magisch angezogen und zu spielerischem Umgang herausgefordert - selbst noch beim Billard.
Daß er beim Fußball geblieben ist, entbehrt jeglicher Zwangsläufigkeit. Er bestreitet das auch nicht. "Wahrscheinlich", sagt er, "bin ich eher ein verhinderter Tennis-Crack."
Verhindert hat ihn der Erfolg, den er frühzeitig bei der Behandlung jener Bälle hatte, die einem jeden Buben wie von selber vor die Füße rollen. "D'r Meester gommd", riefen Dresdens Kicker-Knaben unisono, wenn der hochaufgeschossene Helmut zum "Bäbbeln" (sächsisch für Kicken) auf die Straße kam.
Was Helmut Schön und den Fußball letztlich professionell zusammengebracht hat und was beide bis heute im Innersten zusammenhält, das ist denn auch weniger Lust und Leidenschaft, als vielmehr Erfolg und Erfahrung.
"D'r Meester", damals noch Volksschüler, trat alsbald einem Fußball -Verein bei, der "Dresdensia". Und als deren Vereins-Sportplatz einer neuen Industrieanlage weichen mußte, tat er, unterdessen Gymnasiast, den entscheidenden Schritt: er ging zu dem sportlich wie gesellschaftlich gleichermaßen renommierten "Dresdner Sport-Club".
Auf dem DSC-Platz im Ostragehege zwischen dem Zwinger und der (an eine Moschee erinnernden) Gizeh-Zigarettenfabrik wirkte ein englischer Trainer (Jimmy Hogan von "Aston Villa"); zeitweilig traten dort mehr als ein halbes Dutzend Nationalspieler in der Vereinsmannschaft an. Für einen begabten jungen Mann war der DSC fraglos die richtige Adresse.
Und Helmut Schön war sehr begabt. Mit siebzehn spielte er bereits in einer Mannschaft der Ersten Liga. Ein Jahr später wurde er, immer noch Gymnasiast, vom damaligen Reichstrainer Otto Nerz erstmals zu einem Lehrgang nach Berlin eingeladen. Und abermals ein Jahr später, bei den Gruppenspielen zur Deutschen Meisterschaft 1934, spielte er sich (vor allem mit zwei Toren gegen den 1. FC Nürnberg) vollends nach vorn.
Sein erster Auftritt in der Nationalelf hingegen ließ auf sich warten. Erst 1937, als der Schweinfurter Außenläufer Albin Kitzinger wegen einer Meniskus-Verletzung ausfiel, berief Josef (Seppl) Herberger, der inzwischen von seinem früheren Chef Nerz die Macht übernommen hatte, den langen Dresdner (1,85 m) auf Halbrechts. Schön schoß zum Einstand - gegen Schweden - gleich zwei Tore.
Aber den Bums im Bein hat Helmut Schön nie gehabt. Oder wie die DSC -Funktionäre es ausdrückten: "E dieregder Lewe is es ja nich." Dafür war er ein gewieftes Bürschchen. Was man nicht in den Beinen hat, muß man eben im Kopf haben - faute de mieux.
Der Fußballspieler Helmut Schön ist immer mit dem Gefühl am Ball und mit dem Kopf beim Spiel gewesen. Fragt man ihn heute,
was ihm beim Fußball das Wichtigste gewesen und geblieben sei, so antwortet er: "das Kampfspiel" - will sagen: der Wettkampf, das Agonale, das Drama. Die Spieler sind für ihn dramatis personae, und er selber ist auch als Spieler immer ein bißchen Regisseur gewesen.
Der Fußballspieler Helmut Schön war nicht Renner und Reißer, sondern Techniker und Taktiker; war bedächtig, artistisch und verletzlich zugleich.
Bedächtig: Als beim DSC der ehemalige Frankfurter Torhüter-Star Willi Kress spielte, der dafür bekannt war bei Schiedsrichter-Entscheiden gegen sein Team cholerisch zu protestieren, rannte Schön nach jedem einschlägigen Pfiff des Unparteiischen aus der Stürmerreihe nach hinten und hielt Willi Kress im Tor fest, um den Schiedsrichter vor Keile zu bewahren.
Artistisch: Das wohl typischste Tor, das Schön geschossen hat, war (im April 1941 als Halblinker gegen Ungarn) ein Fallrückzieher, dessen technische Perfektion selbst den mit 7:0 geschlagenen Gegner zu stürmischem Beifall hinriß.
Verletzlich: Schon acht Tage nach seinem ersten Ländermatch holte er sich bei einem Punktspiel zur sächsischen Meisterschaft einen schweren Meniskus-Schaden, der mehrere Operationen nötig machte und ihn über ein Jahr zum Aussetzen zwang. Und auch danach ist er stets verletzungsanfällig geblieben.
Vor allem aber war Helmut Schön erfolgreich: Zweimal (1940 und 1941) war er mit dem DSC Pokalsieger, zweimal (1943 und 1944) Deutscher Meister. Sechzehnmal war er - wegen seiner Knieverletzung vom Kriegsdienst bei der Schweren Motorisierten Artillerie befreit - Nationalspieler und hat als solcher siebzehn Tore geschossen.
Und mindestens zweimal in Helmut Schöns Berufsleben hatte dieser Erfolg
die Weichen seiner Laufbahn schon gestellt, als er selber sich noch über die Richtung klarzuwerden versuchte.
Das erste Mal war 1937, als er (nach zweieinhalb Lehrjahren in der Sächsischen Staatsbank) im Außendienst bei dem Pharmazeuten und DSC-Gönner Dr. Madaus den Wunsch in sich wachsen fühlte, Arzt zu werden. Das Studium, auf das er nach dem Abitur, größtenteils aus Geldmangel, zunächst verzichtet hatte, wäre ihm vom Vorsitzenden des DSC nun finanziert worden. Doch da wurde Helmut Schön in die Nationalelf berufen. Und der Nationalspieler besiegte den Studenten.
Das zweite Mal war 1952, als Schön das Fußballspielen schon eine Weile aufgegeben hatte und (unterdessen Trainer des SV Wiesbaden) über einschlägige Offerten des 1. FC Köln und des (damals noch selbständigen) Fußballbundes der Saar Gespräche führte. Denn gleichzeitig verhandelte er auch wieder mit Dr. Madaus, dessen Firma inzwischen ebenfalls im Westen ansässig geworden war. Doch der Pharmazeut konnte seinem ehemaligen Angestellten nicht bieten, was der Fußball dem ehemaligen Nationalspieler bot. Annelies Schöns geheimer Wunsch, daß ihr Mann "wieder zu Madaus geht", blieb unerfüllt.
Aber einfach bloß Trainer eines Fußball-Vereins ist Helmut Schön eben doch nicht geworden. Seine Karriere umfächelt der Hauch der großen weiten Welt. Mindestens ist sie gesamtdeutsch.
Nach dem Zusammenbruch des Reiches trainierte er in der Zone, wo seine Dresdner Wohnung unzerstört geblieben war, nicht nur den Nachfolge-Verein des aufgelösten DSC (namens "SG Friedrichstadt"), sondern auch eine DDR-Auswahl - war also
sozusagen Zonentrainer. Dennoch konnte er 1947/48 einige Male beim 1. FC St. Pauli spielen und Anfang 1950 sogar die Kölner Hochschule für Leibesübungen besuchen, wo Herberger lehrte.
Dessen ungeachtet verließ er die Zone noch im gleichen Jahr - wenig,e Wochen nachdem es im Anschluß an ein Punktspiel um die Zonen-Meisterschaft zu Ausschreitungen des Publikums gegen den anwesenden Ulbricht gekommen war (der Schiedsrichter hatte "Motor Zwickau" gegen die als reaktionär geltende "SG Friedrichstadt" begünstigt). Da organisierten die Schöns einen Möbelwagen, sagten den Nachbarn, sie zögen nach Leipzig, und fuhren nach Berlin. Die ehemaligen DSC-Spieler kamen - ohne Schöns Wissen - nach. Eine Neugründung des DSC im Westen freilich scheiterte.
Aber Helmut Schön hatte mit Vereinen ohnehin nicht mehr viel im Sinn. Er ging an die Saar, die damals noch Länderstatus genoß. Als dieser Status 1956 erlosch, kehrte auch Schön heim ins halbe Reich: zum Deutschen Fußball-Bund. Als Saar-Trainer war er Herbergers Konkurrent gewesen. Nun wurde er - jedenfalls formal - Herbergers Assistent.
Politik war nie sein wahres Problem, und die Ländergrenzen, die "Fußball -Deutschland" teilen, überwand er wie unbeschränkte Bahnübergänge, vor denen man allenfalls verharrt und sorgsam nach rechts und links horcht, um nicht überfahren zu werden.
Und doch ist sein wahres Problem sozusagen politisch gewesen: Wie wird man Nachfolger eines Großen Alten Mannes, der 27 Jahre und 160 Länderspiele lang Bundestrainer und einmal (1954) sogar Weltmeister war? Und kann man einen Mythos überhaupt beerben?
Der Wechsel in der Fußball-Führung vom "Chef" Seppl Herberger zum Nachfolger Helmut Schön ist zuweilen verglichen worden mit dem Wechsel von Adenauer zu Erhard. Schön findet den Vergleich abwegig, Herberger nicht. Soviel also stimmt auf jeden Fall daran: daß auch Herberger und Schön sich drastisch unterscheiden.
Aber: Sie unterscheiden sich kaum in der Sache. Denn wie eigentlich jedermann im deutschen Fußball, so ist auch Schön ein Herberger-Schüler und bleibt es. Er bleibt es, auch wenn er zuweilen mehr als der "Chef" darüber nachdenkt, "was die Leute sagen werden", wenn er Haller nicht aufstellt, dafür aber Krämer, wenn er den nimmt und nicht jenen.
Dafür unterscheiden sich Seppl Herberger und Helmut Schön desto mehr im Typ. Denn Herberger und der Fußball sind nicht nur synonym, sondern auch wesensgleich. Seine gegerbte Gesichtshaut ist Leder vom Leder des Fußballs, seine legendäre "Magie" ist Geist vom Geiste der Bezauberten, die das Stadion füllen. Er wurzelt tief und fest im Mutterboden deutschen Fußball-Rasens.
Helmut Schöns durchaus differenzierte Annäherung an den Fußball hingegen ist Herbergers Wesen fremd. Sein Verhältnis zu Schön hat denn auch immer darunter gelitten, daß Herberger nicht verstehen konnte, warum ein guter Fußballspieler (und das war Schön doch) nicht gänzlich im Fußball aufging, warum er zuweilen Dinge tat, die ein richtiger Fußballer (à la Herberger) eben nicht tut, sondern bloß ein "Spinner": mit einer karierten Schlägermütze auf den Platz kommen zum Beispiel, oder im Auto Handschuhe tragen.
Allein schon deshalb ist - und bleibt
- es verwunderlich, daß der "Chef" gerade Helmut Schön zu seinem Nachfolger vorgeschlagen hat. Unter welchen Umständen und mit welchen Empfindungen er es getan hat - das will Seppl Herberger erst in seinen Memoiren preisgeben. Nur soviel mag er heute sagen: "daß in meiner Nachfolge nicht alles so gekommen ist, wie ich es mir vorgestellt habe".
Dies immerhin läßt sich rekonstruieren: Herberger hat lang und hartnäckig gehofft, er werde Fritz Walter, seinen Lieblingsschüler und "verlängerten Arm" auf dem Spielfeld, zum Nachfolger aufbauen können. Aber "Friedrich", wie der "Chef" ihn gern nennt, hatte zuviel Zweifel und zuwenig Nerven; er sagte nein.
Für Herbergers "zweite Wahl" nun gab es mehrere Kandidaten - in erster Linie natürlich Helmut Schön und den Vereinstrainer Georg Gawliczek, die der DFB beide als "Chef"-Assistenten engagiert hatte, beide auf dessen Vorschlag. Gawliczek in Edenkoben warb Herberger persönlich an, mit Schön in Saarbrücken verhandelte der DFB. Der Dritte in der Kronprinzen-Garde, der Sportlehrer Dettmar Cramer, zog sich zunächst einmal aus der vordersten Linie zurück und ging, übrigens gegen Herbergers Willen, zum Zweiten Fernsehen.
Schön und Gawliczek fochten sozusagen ein Duell. Gawliczek jedenfalls fühlte sich von Schön bevormundet und ließ sich deshalb 1958 vom DFB bestätigen, daß er genau die gleichen Rechte wie dieser habe. Im selben Jahr noch kündigte Schön seinen Vertrag, um bessere Bedingungen durchzusetzen, und bekam sie auch. Zwei Jahre drauf resignierte Gawliczek, verkaufte sich teuer an Schalke 04 und fuhr zu Herberger nach dessen Urlaubsquartier Füssen, um davon Mitteilung zu machen. Bei dieser Gelegenheit versicherte ihm der "Chef", er habe über seine eigene Nachfolge noch keineswegs entschieden. Gawliczek ging dennoch.
Helmut Schön - taktisch wieder einmal überlegen - harrte aus und polierte seinen guten Draht zum DFB. Herberger aber schwieg noch zwei Jahre. Erst 1962, nach der Weltmeisterschaft in Chile, erklärte er öffentlich: "Es kommt niemand außer Helmut Schön als mein Nachfolger in Frage, wenn meine Zeit vorbei ist."
Wann dies wohl sein werde, versuchte Schön noch im selben Jahr beim DFB festzustellen. Entweder, so bat er sich aus, solle Herberger die Weltmeisterschaft 1966 noch selber machen, oder aber bereits vor den Qualifikationsspielen zur Weltmeisterschaft das Ruder abgeben.
Herberger trat am Ende der ersten Bundesliga-Saison im Sommer 1964 zurück - sehr zur Überraschung der meisten Experten, denen noch seine wiederholte Versicherung im Ohr war, die Vorbereitungen für die Weltmeisterschaft 1966 lägen - "selbstverständlich" - in seiner Hand.
Sein Erbe aber hinterließ er nicht ungeteilt ("Das habe ich selbst noch veranlaßt"): Helmut Schön vermachte er die Zuständigkeit für die Nationalelf und die Junioren, dem Anfang 1964 zurückgekehrten Dettmar Cramer die Zuständigkeit für die Amateure, die Jugend und die Übungsleiter-Ausbildung.
Und so regiert den deutschen Fußball nun ein gänzlich anderer Mann - keine Herberger-Kopie, eher der Gegentyp; kein geborener, nicht mal ein gelernter, allenfalls ein gelehrter Fußballer; kein Schrat mit den Intuitionen des Primitiven, sondern ein Schlaumeier mit der Kalkulationsgabe des Extrovertierten; ein beweglicher, meist verbindlicher, zuweilen glatter Mann, empfindsam bis zur Sensibilität, wortwendig bis zum Kalauer; ein Mann, der auch anderswo, vielleicht überall, Karriere gemacht hätte.
Aber wer sonst wohl hätte dem "Chef" nachfolgen, wer sonst den Mythos Herberger ablösen können, wenn nicht einer, der diesen Mythos einfach unberührt, der ihn eben vergangen sein läßt?
Vergangen die klassische Herberger-Anrede "Männer!"; Helmut Schön sagt meistens bloß "Paßtemal auf!". Vergangen auch die unbedingte Autorität, die Höchstleistungen förmlich herbeizuzwingen schien; Helmut Schön wirkt da eher wie Pril, er entspannt die Spieler.
Mag sein, daß Weltmeister so nicht sind. Mag sein, daß man Weltmeister so auch gar nicht werden kann.
Sicher aber hat der Fußball unter dem Bundestrainer Helmut Schön wieder eine Chance, zu werden, was er eigentlich sein sollte: eine Nebensache - am Ende gar die herrlichste Nebensache der Welt.
* "Eia" Krämer, "Emma" Emmerich, "Lutte" Goldbrunner und "Tute" Lehmann sind, bzw. waren deutsche Star-Fußballer "Muckl" ist der unter Fußballern gebräuchliche Kosename für Altbundestrainer Seppl Herberger.
Bundestrainer Schön mit Assistent Cramer: "Gewisse Trotzstellung"
Fußballspieler Schön (r.) 1940*
"E dieregder Lewe ...
Fußballehrer Schön 1966*
... is es ja nich"
Bundestrainer-Kandidat Walter
Kann man einen Mythos ...
Bundestrainer-Kandidat Gawliczek
... überhaupt beerben?
Ex-Bundestrainer Herberger, Nachfolger: Weder Lutte noch Tute
Schön-Wohnung, Bewohner
Pokale im Keller
* Oben: Beim Spiel Deutschland-Dänemark (1:0) am 17. November in Hamburg, in dem Schön das einzige Tor schoß; unten: mit Nationaltorhüter Hans Tilkowski.
Von Hermann Schreiber

DER SPIEGEL 31/1966
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