01.08.1966

Fahrplan eines Welteroberers

Adolf Hitlers "Mein Kampf"

Von Maser, Werner

(siehe Titelbild*)

Unser Kampf muß und wird im Siege enden", schrieb Hitler am 10. April 1924 auf einen Zettel. Aus der Festungshaftanstalt Landsberg am Lech, wo er wegen des von ihm inszenierten Putsches vom 8./9. November 1923 inhaftiert war, dankte er auf diese Weise einer Ortsgruppe der NSDAP für das Vertrauen, das sie ihm trotz des gescheiterten Unternehmens weiterhin entgegenbrachte.

"Der Kampf", ähnlich wie Hitlers Dankadresse begann, lautete 1919 auch der Titel einer Münchner Zeitung der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), denen Hitler sich 1919 angeblich hatte anschließen wollen, bevor die kommunistischen Räte in Bayern mit Reichshilfe niedergeworfen wurden. Ob Hitlers Entscheidung für den Buchtitel "Mein Kampf" allerdings von dem Namen des USPD-Organs beeinflußt wurde, ist nicht zu beweisen.

Am 20. Dezember 1924 verließ Adolf Hitler vorzeitig die Haftanstalt. Oberregierungsrat Leybold, der Direktor der. Anstalt, war bereits am 15. September 1924 beim Landgericht München I nachdrücklich für die Bewilligung einer Bewährungsfrist für Hitler eingetreten

(siehe Kasten Seite 36). Hitler, der die rund einjährige Festungshaft gelegentlich als seine Hochschule auf Staatskosten" bezeichnete, verließ die Festungshaftanstalt nicht mit leeren Händen, sondern mit einem Manuskript, das im wesentlichen abgeschlossen war und am 18. Juli 1925 im Verlag Franz Eher Nachfolger in München als Buch

in einer Auflage von 10 000 Exemplaren unter dem Titel "Mein Kampf" erschien.

Wann Hitler mit der Arbeit an "Mein Kampf" begann, dessen 1. Band schon am 2. Dezember 1925 in der 2. Auflage herauskam, ist unsicher. Im Vorwort schreibt er: "Am 1. April 1924 hatte Ich, auf Grund des Urteilsspruches des Münchner Volksgerichts von diesem Tage, meine Festungshaft zu Landsberg am Lech anzutreten. Damit bot sich mir nach Jahren ununterbrochener Arbeit zum ersten Male die Möglichkeit, an ein Werk heranzugehen, das von vielen gefordert und von mir selbst als zweckmäßig für die Bewegung empfunden wurde. So habe ich mich entschlossen, in zwei Bänden nicht nur die Ziele unserer Bewegung klarzulegen, sondern auch ein Bild der Entwicklung derselben zu zeichnen."

Der spätere Reichsleiter Alfred Rosenberg behauptet dagegen im Januar 1924 im Vorwort seines Kommentars zum NSDAP-Programm, das unter dem Titel Wesen, Grundsätze und Ziele der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei" erschien: "Da das Werk Adolf Hitlers ... noch nicht so weit fortgeschritten ist, daß seine Drucklegung in baldiger Aussicht stünde ... "

Sicher ist auf jeden Fall, daß Hitler das Manuskript für den 1. Band, der 391 Seiten und einen Plakat-Anhang umfaßte, während seiner Festungshaft verfaßte. Nach den Unterlagen lagen zwischen dem Beginn der Niederschrift und der Auslieferung knapp 14 Monate.

Nach Hitlers eigenen Worten wäre das Buch ohne die Haft gar nicht geschrieben worden. Bis November 1923 hatte er keine Zeit gefunden, an einem Buch zu arbeiten. Er mußte reden, Versammlungen organisieren, Beziehungen zu Geldleuten und Gönnern pflegen, den Ausbau seiner "Bewegung" organisieren und überwachen, Streitigkeiten seiner Unterführer schlichten, Richtlinien ausarbeiten, sich über tagespolitische Ereignisse äußern, mit politischen Gegnern herumprügeln, reisen und anderen Verpflichtungen nachkommen.

Hitler, der nach seinem Putsch vom 8./9. November 1923 unter normalen politischen Umständen als Politiker aus - gespielt haben würde, nutzte die Chance, in der Zeit der ihm aufgezwungenen Ruhe, zielstrebig und konsequent zur schriftlichen Darlegung seiner Vorstellungen. Die Verhältnisse in der Haftanstalt waren geradezu ideal dafür.

Den Tageslauf schilderten Mithäftlinge und Anstaltsbeamte wie folgt: Während des Frühstücks unterhielt Hitler sich mit den Mitgefangenen. Danach ging er auf seine Stube, die inzwischen stets von Gefängnissträflingen in Ordnung gebracht worden war. "Eine reichhaltige Bibliothek ... meist Geschenke von Freunden und Verehrern", stand ihm, wie Wachtmeister Lurker berichtete, zum Studium zur Verfügung. An der Arbeit der übrigen Häftlinge beteiligte er sich nicht, da er während des Feuerwechsels mit der Polizei am 9. November vor der Feldherrnhalle eine schwere Verletzung an der linken Schulter davongetragen hatte (im Gutachten des Obermedizinalrats Dr. Brinsteiner vom 8. Januar 1924 über Hitlers Verletzung heißt es u. a.: "... eine Luxation der linken Schulter mit Bruch des Oberarmkopfes und einer nachfolgenden sehr schmerzhaften traumatischen Neurose").

Wenn er nicht die eingegangene Post beantwortete oder an dem Manuskript für "Mein Kampf" arbeitete, sah er den Turnübungen und der Arbeit der rund

40 Häftlinge zu oder empfing Besuche. Am gemeinsamen Mittagessen im Tagesraum nahm er teil. Nachmittags beantwortete er wiederum Post, empfing Besuche oder ging im Anstaltsgarten spazieren. Nach dem Abendessen war er Zuschauer bei den Ballspielen der nationalsozialistischen Anstaltsinsassen. Um 22 Uhr begab er sich normalerweise in seine Räume und ging um 24 Uhr zu Bett.

Hermann Fobke, ein Jura-Student, der als Mitglied des sogenannten Stoßtrupps Hitler, einer Gruppe besonders rauflustiger SA-Männer, am November -Putsch 1923 teilgenommen hatte und wie Hitler - zu Festungshaft verurteilt worden war, schrieb einem Bekannten namens Ludolf Haase am 23. Juni 1924: "... Unsere Post wird zwar zensiert, zurückgehalten werden aber nur Schriftstücke, 'deren Inhalt geeignet ist, die Ordnung oder Sicherheit zu stören, oder Entweichungen zu fördern, sowie Schriftstücke, deren Inhalt beleidigend oder sonst strafbar ist oder den Anstand gröblich verletzt'. Na, das

alles trifft bei der von uns behandelten Materie ja nicht zu, und meines Erachtens darf auch die Zensurbehörde keinen Gebrauch von Dingen machen, die sonst in den Briefen stehen.

"Mir geht's soweit ganz gut, das Leben spielt sich so ab, daß man um S 8 Uhr etwa aufsteht, dann ins Bad steigt, frühstückt, spazierengeht. Um 10 ist regelmäßig eine Stunde Vortrag beim Chef (Hitler), besser vom Chef. 12 Uhr Mittagessen gemeinsam, dann schlägt man bis 1/2 5 Uhr die Zeit tot. Um die Zeit darf man wieder in den Hof, es wird geturnt, gespielt, geabendbrotet, bis es 1/2 9 Uhr ist. Dann geht's wieder 'rein ins Vergnügen. Sie sehen, es läßt sich aushalten. Nur sind die Aussichten für meine Arbeit (Dissertation) mau, da ich mit fünf Kameraden zusammen in einer Stube liege."

Die Anstaltshäftlinge erhielten die gleiche Verpflegung wie die in den Gefängnisgebäuden wohnenden Beamten. Darüber hinaus durften sie täglich einen Schoppen Wein oder einen halben Liter Bier trinken, und an besonders heißen Tagen war ihnen ein weiterer halber Liter Bier zusätzlich gestattet. Stärkere alkoholische Getränke erhielten sie laut Anstaltsordnung dagegen nicht. Da der Häftling Hans Kallenbach jedoch an Malaria litt, wurde ihm vom Arzt erlaubt, täglich ein Glas Schnaps zu trinken. Das nutzten die inhaftierten Hitler-Anhänger aus und schmuggelten Alkohol in die Haftanstalt.

Kallenbach berichtet: "Eine Flasche Steinhäger kam an. Eine Flasche Enzian kam an. Eine Flasche Ettaler Klosterlikör kam an. Eine Flasche Asbach Uralt kam an. Eine Menge Flaschen mit Schnaps und Likören kamen an ... Den Wachtmeistern lief das Wasser im Munde zusammen, sooft sie einen Blick taten in unseren Alkoholschrank."

Jedem Häftling standen anfänglich zwei Räume zu, ein Wohnraum und ein Schlafraum. Zur Einrichtung der "Zellen" gehörten eine eiserne Bettstelle mit Matratze und Wolldecke, ein Tisch, zwei Stühle, ein Schrank und ein Nachtkästchen. Die Besuchszeiten galten: 20 bis 30 Minuten für nächste Angehörige (einstündige Sprechzeit in Ausnahmefällen), 15 bis 20 Minuten für Freunde, fünf bis zehn Minuten für "sonstige Bekannte". Häftlingen, die Besucher empfangen wollten, die nach der Ansicht der Beamten geeignet erschienen die Gefangenen gegen die Regierung oder Anstaltsvorschriften einzunehmen, wurden Besuchszeiten nicht zugebilligt.

Hitlers Wünschen wurde nahezu in jeder Hinsicht entsprochen. So findet sich beispielsweise auf einer vom 1. Staatsanwalt bei dem Landgericht München I unterschriebenen Besuchserlaubnis vom 3. Dezember 1923* für einen Besucher namens Mathäus Hofmann die Bemerkung: "Der Schäferhund des Hitler darf bei der Besprechung mitgeführt erden."

Hitler standen wöchentlich offiziell sechs Stunden für Besuchsempfänge zu. Die Zeit wurde, wie Lurker schreibt, "von der Anstaltsleitung in dringenden

Fällen verlängert". Zeitweilig empfing er täglich sechs Stunden lang Besucher. Das waren Industrielle, Geschäftsleute, Geistliche beider Konfessionen, Bauern, Anwälte, ehemalige Offiziere, Professoren, Künstler, Adelige, Verleger und Redakteure, Buchhändler, Bittsteller, Stellungsuchende, völkische Politiker und viele Frauen. Nach den Angaben von Otto Lurker fiel es "dem besuchüberwachenden Beamten oft schwer... (Hitler) bei Ablauf der Besuchszeit in seinen Ausführungen zu unterbrechen. War dies gelungen, so beendete Hitler sofort das Gespräch und verabschiedete sich".

Außerhalb der Mauern der Festungshaftanstalt verlief die Entwicklung nach der zwangsweisen Auflösung der NSDAP und dem Verbot des "Völkischen Beobachter" so, wie der inhaftierte Hitler es sich wünschte. An der Tatsache, daß zwei seiner intimsten und einflußreichsten Freunde, Dietrich Eckart und Dr. Erwin v. Scheubner-Richter, nicht mehr lebten und Hermann Göring ins Ausland geflohen war, wo er sich bis 1927 aufhielt, konnte Hitler zwar nichts ändern; aber das, was in und mit der offiziell nicht mehr existierenden NSDAP geschah, blieb doch in entscheidendem Maße von ihm abhängig.

Zwischen Alfred Rosenberg, dem Hitler die Führung der NSDAP mit zuletzt 55 787 Mitgliedern übertragen hatte, Hermann Esser, einem der wichtigsten Männer in Hitlers nächster Umgebung seit 1919, und General Ludendorff und Gregor Strasser, die sich in Freiheit befanden, war es zu empfindlichen Streitigkeiten gekommen.

Hitlers Unterführer waren ohne Hitler, ohne den "Führer", hilflos und unfähig, zielklar und souverän planend weiterzuarbeiten. Ein aufschlußreiches Zeugnis über die Situation ist ein vertraulicher Bericht von Dr. Adalbert Volck über die Tagung nationalsozialistischer Funktionäre vom 20. Juli 1924 in Weimar. Über die Tagung, die im "Hotel Hohenzollern" in Anwesenheit von rund 80 Nationalsozialisten stattfand, die mit der Freiheitspartei vereinigt werden sollten, heißt es im Bericht des Dr. Volck, der als Vertreter eines sogenannten Direktoriums der Norddeutschen Verbände fungierte, das die Nationalsozialisten von Pommern, Schleswig -Holstein, Groß-Hamburg, Hannover Ost, Hannover Süd, Bremen und Umgebung und Teilen Westfalens während Hitlers Haft gewählt hatten:

"Da Ludendorffs Erscheinen abgewartet werden sollte, füllte die Zwischenzeit ... Esser mit unsympathischen, wie ein Sprengmittel wirkenden Ausführungen aus. Um 11 Uhr erschien General Ludendorff, man fühlte förmlich, wie die meisten innerlich zusammenknickten. Der Leiter (der Veranstaltung), Herr (Gregor) Strasser, erteilte ... Rosenberg das Wort, der bis vor kurzem Hitler in Bayern vertreten hatte; Rosenberg verlas ein ausführliches Schriftstück ... An diesen Bericht schlossen sich beleidigende Zurufe seitens der Herren Streicher und Esser an die Adresse. " Rosenbergs, so daß ... Rosenberg sich diese pöbelhaften' Bemerkungen verbat, was ... Streicher mit dem brüllenden Zuruf quittierte: 'Sie können mich überhaupt nicht beleidigen.'"

Ludendorff*, der für den Zusammenschluß der NSDAP mit der Freiheitspartei und für die Unterordnung unter Partei und Fraktion eintrat und während der Konferenz mehrfach entrüstet erklärte; daß ihm "nach den ... Erfahrungen ... speiübel geworden" sei, hielt es zur Bestürzung Volcks "nicht für nötig, dieses Betragen von Streicher und Esser zu rügen ... hielt sich auch nicht für verpflichtet, irgend etwas zu dem vernichtenden ... Bericht Herrn Rosenbergs (über seine schlechten Erfahrungen mit der Freiheitspartei) zu sagen".

Hitler, der über die Vorgänge außerhalb der Festungshaftanstalt selbstverständlich jederzeit genau informiert wurde, waren die Zwistigkeiten recht. Ohne sich wollte er die NSDAP nicht wieder wirklich aufleben lassen. Da er Österreicher war, mußte er seine Position im Rahmen der "Bewegung" durch die Pläne einiger maßgeblicher NSDAP -Mitglieder bereits als gefährdet ansehen, die sich als Repräsentanten der einstigen NSDAP im Frühjahr 1924 an den Reichstags- und Landtagswahlen hatten beteiligen wollen.

Seit 1919 hatte Hitler jedes positive Engagement im Rahmen einer parlamentarisch betriebenen Politik als falsch bezeichnet und darüber hinaus als gefährlich für die Unabhängigkeit der NSDAP abgelehnt. Wenn führende Mitglieder der aufgelösten NSDAP während seiner Haft den Weg der Legalität einschlugen, zu der Hitler sich urimittelbar nach seiner Haftentlassung bekannte, konnte seine Stellung, durch die Teilnahme von Nationalsozialisten an der parlamentarischen Politik gefährdet,werden. So begrüßte er denn, während er in der Festungshaft saß und an "Mein Kampf" arbeitete, die Verwirrung in seiner "Bewegung".

Hermann Fobke, der während der Haft an seiner Dissertation arbeitete und die von ihm dafür angeforderte Literatur zur Verfügung gestellt bekam, die Hitler ebenfalls las, schrieb Dr. Adalbert Volck, in einem Brief vom 29. Juli 1924: "... Bei der Beurteilung von Hitlers Verhalten ist neben seinem mir reichlich unverständlichen ,Neutralitätsfimmel' zu berücksichtigen, daß er tatsächlich außerordentlich stark mit seinem Buch beschäftigt ist, von dem er sich sehr viel verspricht."

In der Festungshaftanstalt "regierte" Hitler ebenso diktatorisch wie von August 1921 bis November 1923 in Freiheit. Diejenigen, die nach ihm eingeliefert wurden, mußten sich sofort bei ihm zum Rapport melden: "Ich war kaum dazu gekommen, mich in meiner Zelle umzusehen", berichtete Hans Kallenbach vom "Stoßtrupp Hitler", "als der Angeklagte Nr. 2, Emil Maurice, erschien und mir den Befehl überbrachte, unverzüglich beim Führer zur Meldung zu erscheinen."

Hitler, der gezwungen war, sich jetzt in einen Rhythmus einzufügen, den er nicht entscheidend beeinflussen konnte, fand die Möglichkeit, Bilanz zu machen.

In der Nacht vom 3. zum 4. Februar 1942 sagte er im Kreise "AlterKämpfer": "Ohne meine Haftzeit wäre 'Mein Kampf' nie geschrieben worden. Diese Zeit gab mir Gelegenheit, mir über verschiedene Begriffe klarzuwerden, die ich bis dahin nur instinktiv empfunden hatte ... Aus dieser Zeit rührt auch meine Überzeugung her, daß wir die Macht nicht mehr durch Gewalt erringen konnten, was viele meiner Anhänger nie begriffen haben. Der Staat hatte Zeit gehabt, sich in sich selbst zu festigen, und er hatte die Waffen."

Hitler wurde in Landsberg die Möglichkeit geboten, Zwischenbilanz zu machen und zugleich den Grundstein für die Fortsetzung seines einmal begonnenen Weges zu legen.

Der einstige Aufsichtsbeamte Lurker, der einiges aus eigener Erfahrung kannte, schrieb in seinem 1933 veröffentlichten Buch "Hitler hinter Festungsmauern":

"Tagsüber bis spät in die Nacht hinein klapperte die Schreibmaschine, und man konnte ihn (Hitler) in der engen Stube seinem Freunde Heß diktieren hören. Die bereits fertigen Abschnitte las er dann meist an ... Samstagabenden seinen wie Jünger um ihn sitzenden Schicksalsgenossen vor."

Ilse Heß behauptete dagegen am 28. Dezember 1952: "Daß mein Mann Mein Kampf' niedergeschrieben hat, ist eine von den sich hartnäckig haltenden Unwahrheiten der letzten Jahrzehnte." Und am 29. Juni 1965 erklärte sie: "Der Text von 'Mein Kampf' ist ohne jegliche Mitarbeit einer zweiten Person ausschließlich von Adolf Hitler selber mit zwei Fingern in eine uralte Schreibmaschine während der Landsberger Haft getippt worden. Den zweiten Band hat er nach der Haftentlassung seiner damaligen Sekretärin diktiert."

Ein Bericht des Mithäftlings Kallenbach verbreitete eine weitere Version. Er schrieb: Die absolute Ruhe in dem von den Mithäftlingen Hitlers als "Feldherrnflügel" bezeichneten Trakt der Festung, in dem Hitler, Dr. Weber, Hermann Kriebel und Rudolf Heß wohnten, wurde unterbrochen, "wenn die sonore Stimme des Führers diktierend ertönte; das war, wenn Maurice ... sie durchbrach durch eifriges Schreibmaschinengeklapper bei Reinschrift des Manuskriptes des weltberühmt gewordenen Buches des Führers 'Mein Kampf', des Evangeliums der Bewegung".

Wenn Hitler an den als ",Kameradschaftsabenden" bezeichneten Gemeinschaftsabenden sprach, "sammelten sich draußen im Treppenhaus lautlos die Beamten der Festung und lauschten.. Um solche Stunden retteten sich drunten im Hof die Polizisten vom Wachkommando zusammen, und niemals ging von einem Zuhörer auch nur die leiseste Störung aus ..."

Was Hitler, der ursprünglich Kunstmaler werden wollte (siehe Kasten Seite 40), persönlich an Anlagen zum Schriftsteller fehlte, konnten die Mithäftlinge als fragende Zuhörer, gläubige Bewunderer und folgsame Schüler wenigstens in einem relativ geringen Maße ersetzen. An ihnen konnte er prüfen, wie seine Gedanken und Formulierungen aufgenommen wurden. "Wohl niemals", schrieb Hans Kallenbach, "erhielten für Volksgenossen die Leitsätze unserer Weltanschauung so einfache und zugleich vollständige Formung, als in jenen Stunden. Selten werden je die Begriffe Rasse und Volk, Blut und Boden ähnlich leibhaftiges Leben gewinnen, als es dortmals Geist und Sprache des Führers schuf.

"Zwei, dem kurzen Blick unvereinbar erscheinende Anschauungen und Wesensseiten, national und sozial, wurden in unserem Geist zu einer Höhe gehoben, in der es nur noch einen Weg und ein Ziel gibt; sie beide, die zwangsläufig aufeinander angewiesen sind, wurden folgerichtig vereint ... Hatte der Führer zu uns gesprochen, forderte er bewußt Rede und Gegenrede heraus."

Aber Hitler versäumte, die Reden nachträglich so zu formulieren, wie es für eine Veröffentlichung im Rahmen eines Buches unbedingt nötig gewesen wäre, zumal er in Bayern gern seine österreichische Mundart pflegte, die dem bayerischen Idiom sehr verwandt ist, und seine Reden nach seinen eigenen Worten in "Mein Kampf" nicht "nach dem Eindruck" maß, "den sie bei einem Universitätsprofessor" hinterlassen würden, "sondern an der Wirkung, die sie auf das Volk" ausübten.

Während kaum jemals behauptet wurde, daß Hitler seine Reden nicht selbst konzipierte, vorbereitete und endgültig formulierte, wurde Hitler als Folge der Legenden über den jungen Hitler der Wiener und Münchener Jahre von 1908 bis 1914, die ihn als Taugenichts und Tagedieb, als ziellos vagabundierenden Obdachlosenasylbewohner darstellten, der zeitweilig bettelnd seinen Lebensunterhalt fristete, gelegentlich als "Anstreicher" arbeitete und weder etwas lernte noch anstrebte und seinen angeblichen krankhaften Anlagen nichts entgegensetzte, immer wieder unterstellt, nicht der tatsächliche Autor von "Mein Kampf" gewesen zu sein. Es gibt jedoch keine Zweifel darüber, daß nicht nur die Hitler-Reden, sondern auch der Text von "Mein Kampf" von Hitler stammen.

Hermann Hammer, der im April 1956 eine Studie über die deutschen Ausgaben von "Mein Kampf" vorlegte, behauptete: "Max Amann (Verleger des "Völkischen Beobachter")... war sein (Hitlers) Mitarbeiter bei der Abfassung des zweiten Bandes, den er im Laufe des Jahres 1925 ... niederschrieb. Nach einer gründlichen Überarbeitung, an welcher der (während des Röhm -Putsches am 30. Juni 1934 ermordete) Pater Bernhard Stempfle, Herausgeber des antisemitischen 'Miesbacher Anzeiger', einen bedeutenden Anteil hatte, wurde das Manuskript des gesamten Buches noch einmal abgeschrieben. Rudolf Heß, der Musikkritiker und Schriftleiter am 'Völkischen Beobachter' Stolzing-Cerny, der Druckereibesitzer Adolf Müller, Pater Stempfle und Professor Haushofer sollen die Korrekturbogen durchgesehen haben. Das Originalmanuskript schenkte Hitler seiner langjährigen Gönnerin, Frau Bechstein."

Ilse Heß stellt dagegen fest: "Von den genannten Personen hat niemand ,mitgearbeitet'; es kann sein, daß der zweite Band nicht nur einer Sekretärin, sondern auch zum Teil Max Amann in die Maschine diktiert wurde ... auch hier kam am Schluß nur die ... Überarbeitung eines vorhandenen Textes in Frage, das heißt eine rein stilistische, die aber durch die gemeinsame Arbeit an Band I bei Band II schon wesentlich einfacher war. Weder Stolzing-Cerny, noch Druckereibesitzer Müller (er soll mehr Kinder gehabt haben als August der Starke! Sein literarischer Ehrgeiz aber dürfte im umgekehrten Verhältnis dazu gestanden haben, so hervorragend seine kaufmännische Begabung war, aus der Max Amann viel lernte für seinen Völkischen Beobachter!), noch Pater Stempfle oder Haushofer (der Heß gelegentlich in der Festungshaftanstalt besuchte) haben mitgearbeitet. Es grenzt allmählich, wie ich aus so vielen. Veröffentlichungen entnehmen muß, ans Kindische, daß man stets neue Mitarbeiter findet, zumindest wesentlich häufiger diese als die Wahrheit!"

Sämtliche Änderungen im Hitler -Manuskript für beide Bände von "Mein Kampf" wurden nach Angaben von Ilse Heß von Rudolf Heß und Ilse Heß vorgenommen. Dabei bemühten sie sich, Hitlers Formulierungen und Stil so wenig wie möglich zu ändern.

In einer Erklärung von Frau Heß heißt es: "Beide Schreibmaschinen -Manuskripte sind ... von meinem Mann und mir rein stilistisch überarbeitet worden - aber keine Änderung geschah, ohne daß mein Mann sie nicht mit Adolf Hitler besprach; dieser hatte, wie aus seinem Werdegang erklärlich, ein reines 'Sprech-Deutsch', er wiederholte auch wie bei einer Redebestimmte Dinge, was im Drucktext entfernt werden mußte.

"Wir haben wochen- und monatelang mit diesem Manuskript (das immer ein Maschinen-Manuskript war; das Manuskript vom ersten Band besaßen mein Mann und ich; es ist 1945 vorerst abhanden gekommen, mitsamt Adolf Hitlers Original-Verbesserungen nach unseren eigenen) gekämpft, ebenso mit Adolf Hitler, der nur allmählich einsah, wie recht wir hatten - dann aber auch radikal uns Vollmacht gab! Wenn jemand außer meinem Mann und mir noch Verdienste hat, so ist es ein alter Chef von mir (ich bin von Haus aus Antiquariats-Buchhändlerin), dem ich strittige Stellen ab und an vorlegte, von dem ich das Lesen von Manuskripten und Fahnen lernte."

Bereits 1924, während Hitler am Manuskript des I. Bandes von "Mein Kampf" arbeitete, der ursprünglich unter dem Titel "4 1/2 Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit" hatte erscheinen sollen, wurde Reklame für Hitlers Buch gemacht ...

Die Führungsmitglieder der NSDAP, die nicht inhaftiert waren, unterstützten alles, was Hitlers "Mein Kampf" als buchstäblich notwendig erscheinen ließ. In einem undatierten Befehl (Nr. V) des sogenannten Direktoriums der Norddeutschen Verbände zum Beispiel wurde erklärt:

"Eine Unzahl gelehrter Professoren warf sich mit Feuereifer auf die Ergründung des jüdischen Problems. Eine Flut von Literaturerzeugnissen wurde über unser Volk losgelassen, eins aber wurde versäumt, nämlich das Verbreiten der grundlegenden Erkenntnis, daß alles Erkennen der sogenannten gebildeten Kreise wert- und zwecklos ist, solange diese

1. nicht in der tage sind, es dem breitesten Volke zu übermitteln, und sie

2. nicht jenen unbarmherzig diktatorischen Willen aufbringen, das Erkannte durchzusetzen ohne Rücksicht auf parlamentarische Majoritäten, nur getrieben vom heiligen Feuer der Überzeugung, daß Wahrheit schon in sich die Berechtigung trage, den Menschen, wenn nötig, aufgezwungen zu werden."

Die Formulierungen lassen Hitler selbst als Autor vermuten.

Hitler, der am 4. Januar 1925, bald nach der Entlassung aus der Haft, den bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Heinrich Held aufgesucht und ihm versprochen hatte, sich mit seiner NSDAP fortan ausschließlich auf legale Weise am politischen Leben zu beteiligen, wurden in der Freiheit bald Zügel angelegt. Die bayerische Regierung verbot ihm nach seiner provokatorischen Rede während der Versammlung vom 27. Februar 1925 zur "Wiederbegründung" der NSDAP, künftig öffentlich zu reden, so daß er nicht einmal in die Vorbereitungen zur Reichspräsidentenwahl eingreifen konnte. So nutzte er denn die Zeit des Redeverbots und diktierte den II. Band von "Mein Kampf", der seinen Redestil ebenso unverfälscht enthält wie der 1. Band.

Bei der Niederschrift des II. Bandes von "Mein Kampf", den Hitler sowohl seiner Sekretärin als auch Max Amann in der Villa "Haus Wachenfeld" auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden diktierte, die Hitler im Sommer 1925 gemietet hatte, mußte Hitler-andere Voraussetzungen berücksichtigen als bei der Arbeit am 1. Band. Die politische Situation, in die er sich seit dem 20. Dezember 1924 nach seiner Haftentlassung gestellt sah, unterschied sich wesentlich von der Lage, die er bis November 1923 erlebt und teilweise entscheidend mitgeschaffen hatte. Die internationalen politischen Konferenzen, Beschlüsse und deren Konsequenzen, die Deutschland betrafen, hatten erhebliche Wandlungen bewirkt, wenn sie auch so rasch ausgelöst worden waren, daß sie bis zu Hitlers neuerlichem politischem Engagement Anfang 1925 noch keinen wirklichen Niederschlag im Volksbewußtsein gefunden hatten.

Die Spannungen und Konflikte zwischen München und Berlin, die sowohl ihren Höhepunkt als auch ihr Ende im November 1923 im Hitler-Putsch gefunden hatten, waren weitgehend aus der Welt geschafft. Die revolutionären und pseudorevolutionären Umtriebe und Unruhen hatten mit der Stabilisierung der Währung im wesentlichen ein Ende gefunden. Zahlreiche Wehrverbände und andere rechtsradikale Organisationen und Bünde waren gezwungen worden, ihre gefährliche illegale Tätigkeit einzustellen, andere - auch infolge von Geldmangel - zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Industrie und Wirtschaft, die Hitler bis 1924 bereits erheblich unter die Arme gegriffen hatten, mußten sich zunächst in einem harten Existenzkampf zurechtfinden und auf die Bedürfnisse des Marktes konzentrieren.

Für die Verbreitung von "Mein Kampf" sorgten nicht nur besonders Max Amann und der "Völkische Beobachter", sondern von Oktober 1925 bis, Januar 1927 auch die von Gregor Strasser geleitete und unter Hitlers unmittelbarem Einfluß stehende Propagandaabteilung der NSDAP, die 1928 Dr. Joseph Goebbels übernahm.

Bis 1930 erschien "Mein Kampf" in zwei relativ großformatigen Bänden (Seitengröße: 15,3 mal 22,8 Zentimeter) zum Preise von je 12 Mark. Dann (1930) wurden beide Bände zu einer einbändigen Volksausgabe zusammengefaßt, die ein Blattformat von 12 mal 18,9 Zentimeter aufwies und (auch in der meist schwarzen Einbandfarbe) auffällig dem allgemein üblichen Bibelformat angeglichen war. Sie wurde zum Preis von nur acht Mark verkauft. Vorabdrucke im "Illustrierten Beobachter" zwischen 1927 und 1930 wirkten sich auf den Verkauf von "Mein Kampf" besonders günstig aus ...

Bis 1945 ist "Mein Kampf in Deutschland, wo es nach 1945 nicht möglich ist. "Mein Kampf"-Rezensionen aufzutreiben, nicht nur auf die allgemein übliche Weise durch Privatverkauf vertrieben worden. So ordnete der preußische Minister für Erziehung beispielsweise 1934 an, daß "Mein Kampf" in den Schulfibeln bei der Darstellung der Rassenlehre, der Erblichkeit und Bevölkerungspolitik zitiert werden muß. Im Juli 1934 gab die Reichsbahn-Direktion Instruktionen heraus, nach denen ein Band den Beamten als Anerkennung für verdienstvolle Leistungen ausgehändigt werden sollte, und im April 1936 "empfahl" der Reichsinnenminister den Standesbeamten, jedem Brautpaar ein Exemplar zu überreichen.

Dieser "Vorschlag" wurde auf die deutschen Konsulate im Ausland ausgedehnt. Im Rundschreiben 41/39 der Parteikanzlei vom 13. Februar 1939 hieß es: "Die weitmöglichste Verbreitung des Buches 'Mein Kampf' ist vordringlichste Pflicht aller Stellen der Partei, ihrer Gliederungen und angeschlossener

Verbände. Es ist anzustreben, daß eines Tages jede deutsche Familie, auch die ärmste, des Führers grundlegendes Werk besitzt."

In "Dr. Koenigs Kommentaren zum Gebrauch in der Schule und zu Hause" (Nr. 249) war bereits 1934 auf das "klassische Meisterwerk" Hitlers nachdrücklich wie folgt hingewiesen worden: "Jungens und Mädchen, die noch nicht 20 Jahre alt sind, müssen einen genauen Einblick erwerben, um diese neue Bibel des Volkes zu verstehen. Sie müssen vertraut gemacht werden mit den Richtlinien der Politik, die darin von des Meisters Hand aufgezeichnet wurden. Die Erwachsenen müssen, wenn sie das Buch lesen, ihr staatsbürgerliches -Bewußtsein reinigen, und stärken. Väter müssen die Gedanken, die in ihm enthalten sind, ihren Kindern lehren."

Eine von der Hochschulbücherei für Blinde in Marburg herausgegebene Ausgabe für Blinde existierte seit 1936. Um die angeblichen "Nachfragen" deutschsprechender Ausländer zu dekken, wurde 1939 eine Ausgabe in Antiquaschrift herausgebracht. Der Truppe war eine seit 1940 erscheinende (rund zwei Zentimeter dicke) Dünndruck -Ausgabe zugedacht.

Im Oktober 1938 wurden die Buchhändler vom Präsidenten der Reichsschrifttumskammer angewiesen, nur neue "Mein Kampf"-Bände zu verkaufen, da es "für jeden nationalsozialistisch denkenden Deutschen schmerzlich ist, das Werk unseres Führers in unserer Zeit als 'antiquarisch' ausgeschrieben zu sehen".

Systematisch wurde der Verkauf- von "Mein Kampf" durch die nationalsozialistische Propaganda unterstützt. Wieweit Hitler selbst daran interessiert war, sich als "Führer und Reichskanzler' ständig mit "Mein Kampf" identifiziert zu sehen, ist nicht eindeutig festzustellen. Mehrfach ist bezeugt, daß er "Mein Kampf" als Belastung empfunden hat.

Zu Hans Frank, damals Reichsminister ohne Geschäftsbereich, soll er 1938 gesagt haben: "Das ... weiß ich, wenn ich 1924 geahnt hätte, Reichskanzler zu werden, dann hätte ich das Buch nicht geschrieben. Aber ich weiß nicht, ich sah mich immer nur als Parteiführer und höchstens einmal als beratenden 'Intimus' eines Reichsoberhauptes!"

1940, als der Leiter des Hauptarchivs der NSDAP. Dr. Uetrecht, während des Parteitages in Nürnberg Teile des ursprünglichen "Mein Kampf"-Manuskripts ausstellen wollte, unterband Hitler die Verwirklichung dieses Planes. Reichsleiter Martin Bormann, zu der Zeit "Stabsleiter des Stellvertreters des Führers" (Rudolf Heß), mußte Dr. Uetrecht auf Weisung Hitlers 'mitteilen, daß der "Führer" eine Ausstellung des "Mein Kampf"-Manuskripts nicht erlaube, "weil es sich nicht um eine Handschrift im eigentlichen Sinne, sondern um ein einfaches mit der Maschine geschriebenes Manuskript" handele. Uetrecht, der die Hintergründe offensichtlich nicht kannte, wandte sich trotz des Bormann-Bescheids am 22. August 1940 noch einmal an die Bormann-Dienststelle, der er mitteilte, daß auch Seiten eines Maschinentextes ausgestellt werden könnten, wenn es sich' um das "Mein Kampf"-Manuskript handeln würde.

Am 2. September 1940 ließ Bormann dem Leiter des Hauptarchivs der

NSDAP durch seinen Persönlichen Referenten Dr. Hanssen unmißverständlich mitteilen, "daß weder die Überlassung der Urschrift oder auch nur einiger Seiten aus dem Manuskript des ,Mein Kampf' für die Ausstellung (im Oktober 1940 In München, nicht mehr wie ursprünglich vorgesehen auf dem Parteitag in Nürnberg) möglich ist. Auch Fotokopien können zu diesem Zweck nicht zur Verfügung gestellt werden".

Mit einer Gesamtauflage von rund 10 000 000 Exemplaren bis 1945 und der Übersetzung In 16 Sprachen gehörte "Mein Kampf" zu den am meisten aufgelegten und übersetzten Büchern der Welt.

Die nach Hitlers "Machtübernahme" im Januar 1933 im Ausland in der Presse veröffentlichten kritischen "Mein Kampf"-Rezensionen, unter anderem in "The Times" und in "The Daily Telegraph", die ebenfalls außerhalb Deutschlands erschienenen kritischen Bücher über Hitlers "Mein Kampf", zum Beispiel von Irene Harand und Manuel Humbert, haben dem Umsatz von "Mein Kampf" nicht geschadet, selbst im Ausland nicht.

Die Tatsache, daß Heinrich Manns "Vorwort" in dem in deutscher Sprache in Paris unter dem Titel "Hitlers Mein Kampf'. Dichtung und Wahrheit" herausgekommenen Buch Humberts politische Weitsicht nicht bezeugte, lud 1936 nicht gerade dazu ein, sich mit Argumenten gegen Hitlers Thesen zu wappnen ...

"Man weiß", schrieb Heinrich Mann, "daß der Nationalsozialismus eine leere Ausrede ist, vorgebracht, nur damit noch fünf Minuten lang die fällige Neuordnung der Gesellschaft nicht vorgenommen werden muß. Der Nationalsozialismus und sein Reich füllen mit üblen Nebensachen eine Pause aus. Nichts Wesentliches oder auch nur Richtiges geschieht, solange sie da sind. Einmal beseitigt, werden der Nationalsozialismus und sein Reich überhaupt nicht dagewesen sein." Aber auch die Tatsache, daß namhafte Hitler-Biographen und -Kritiker wie Konrad Heiden, Rudolf Olden und Ernst Nickisch, um hier nur sie zu nennen, Hitler vor und während der Zeit des Dritten Reiches geradezu mit vehementem Engagement klug, sachkundig und wirkungsvoll demaskierten, hat dem Hitler-Werk in Deutschland nicht geschadet.

In den USA erschien die erste (auszugsweise) Übersetzung berets am 11. Oktober 1933 bei Houghton, Mifflin unter dem Titel "My Battle". Die vollständige, von Hitler nicht autorisierte Ausgabe von Stackpole & Söhne löste in den USA einen juristischen Streit aus. Nach einer Entscheidung des Gerichtshofes, der das Copyright bestätigte, mußten sowohl die Inhaber des Copyrights (Houghton, Mifflin) als auch Stackpole & Söhne, nach deren Auffassung Hitler ein staatenloser Deutscher und damit Bürger eines Landes war, mit dem die Vereinigten Staaten keine wechselseitigen Beziehungen unterhielten, den Gewinn aus dem Umsatz des Hitler-Werkes zum Wohle von Flüchtlingen aufwenden, die der nationalsozialistischen Unterdrückung hatten entgehen können.

In England erschien am 13. Oktober 1933 eine Übersetzung unter dem Titel "My Struggle", die 1935 in 2. Auflage (1. Auflage: 5000 Exemplare, 2. Auflage: 14 000 Exemplare) herauskam und bis Oktober 1936 verkauft wurde. Bis

August 1938, kurz bevor Hitler am 16. September mit dem britischen Premierminister Neville Chamberlain in Berchtesgaden zusammentraf und Hitler, Mussolini, Daladier und Chamberlain am 29. September in München über die tschechoslowakischen Verpflichtungen gegenüber Deutschland verhandelten und Hitler und Chamberlain kurz danach eine deutsch-britische Nichtangriffserklärung unterzeichneten, sollen 47000 Exemplare verkauft worden sein. 1939 kam bei Hurst und Blackett eine von James Murphy übersetzte ungekürzte und "nicht überarbeitete" Ausgabe heraus, die in England auf großes Interesse stieß. Die Übersetzung Murphys, der von 1934 bis 1938 amtlicher Übersetzer in Goebbels' Reichs-Propagandaministerium gewesen war, wurde zu Beginn des Zweiten Weltkrieges (neben Karl Marx' "Das Kapital") im Rahmen der offiziellen Büchersendungen für die britischen Truppen an die Front geschickt.

"The Times" und "The Daily Telegraph"' reagierten 1939 mit Rezensionen, die bezeugten, daß "Mein Kampf" in England, anders als in Deutschland, nicht nur gelesen, sonden auch richtig verstanden wurde. In "The Daily Telegraph" hieß es zum Beispiel am 23. März 1939: "Die vollständige Übersetzung ... ist ein furchtbares Buch ... Ein großer Teil ... besteht aus einem ermüdenden und unverdaulichen Wortschwall, der wohl die Geduld des ... Lesers unerträglich prüfen will, bevor er damit halb durch ist."

Und "The Times", die am 24. März 1939 feststellte, daß Hitlers Prophezeiungen "brutal wahr und zynisch proklamiert" worden seien und seine Feststellungen "Wut" hervorrufen würden, schrieb am 25. März 1939 unter anderem: "Diese Ausgabe hat bedeutende Vorteile gegenüber der zensierten Ausgabe. Die wirklich leidenschaftlichen Passagen, die gegen die Juden und die französische Nation gerichtet sind, erscheinen jetzt, und der Leser fängt nun etwas von dieser hitzigen, gehässigen Art ein, die den Leserkreis ... aufreizte. Der unstete Stil und die Disposition - unverändert - reflektieren die hohe emotionelleArt des Denkens" Hitlers, das "zwangsläufig in plötzlichen Entscheidungen mündet, die unmittelbar ausgeführt werden müssen".

In Dänemark (Min Kamp) und Schweden (Min Kamp om Uppgörelse) wurde "Mein Kampf" 1934 in zwei Bänden herausgebracht. Die dänische Übersetzung stammte von Professor Clara Hammerich, die schwedische von Anders Quiding und Sigvard Lind.

Hils Holmberg besorgte sowohl eine norwegische als auch eine schwedische Ausgabe, Lauri Hirvensalo (Anfang 1941) eine finnische.

In Brasilien erschien eine Übersetzung von einem Deutsch-Professor der "Escola Militar" in Rio de Janeiro. Eine bulgarische Ausgabe wurde von Christo Kuncheff, dem Chef der bulgarischen Arbeiterpartei, vorbereitet. In Bagdad veröffentlichte die irakische Zeitschrift "The Arab World" 1934 Auszüge in Fortsetzungen aus "Mein Kampf", der 1936 als Buch erschien.

In Italien kam bei "Bompiani" in Mailand eine gekürzte Ausgabe des II. Bandes unter dem Titel "La Mia Battaglia" mit einer 34seitigen Hitler -Biographie und einem Vorwort heraus,

das Hitler für diese Ausgabe schrieb. Der 1. Band unter dem Titel "La Mia Vita" wurde erst 1938 veröffentlicht. In Spanien erschien "Mein Kampf" als "Mi Lucha" bereits Mitte 1935. Eine ungarische Ausgabe, die den Titel "Harcom" trug, kam 1935 in Budapest heraus. Die russische Emigrantenzeitschrift "Der russische Faschist" veröffentlichte (von Hitler zwar nicht autorisierte, jedoch recht wohlwollend aufgenommene) Auszüge unter dem Titel "Moja Borba" in russischer Sprache in Amerika.

Ein Jahr später gab das nationale Übersetzungsinstitut in Nanking eine chinesische Ausgabe heraus. In der Tschechoslowakei erschien eine Ausgabe von "Mein Kampf" 1936 unter dem Titel "Muj Boj", die von offizieller deutscher Seite nicht gebilligt wurde. Eine von Hitler nicht autorisierte, mit einem Vorwort von Marschall Lyautey versehene und 1934 bei Nouvelles Editions Latines vorbereitete vollständige französische Ausgabe mußte infolge einer Klage des Münchener Franz Eher Verlages eingestampft werden. Die französische Bevölkerung, die ein verständliches Interesse für Hitlers Verhältnis zu Frankreich bekundete, mußte sich bis 1938 durch Broschüren wie "Que Veut Hitler?" ("Was will Hitler?", Paris 1932) über Hitlers Politik informieren, für den Frankreich nach den Ausführungen in "Mein Kampf" einer der gefährlichsten Feinde Deutschlands war.

Die von Hitler Ende Februar 1936 gegenüber dem französischen Journalisten und Schriftsteller Bertrand de Jouvenel geäußerte Absicht, in "Mein Kampf" inhaltlich nichts ändern zu wollen, soweit es seine schriftlich fixierte Haltung gegenüber Frankreich betraf, ist in der französischen Ausgabe nicht befolgt worden. 1939 billigte Hitler eine erheblich überarbeitete französische Übersetzung unter dem Titel "Ma Doctrine".

In Japan, wo Professor Kinro Gorai seit 1931 an einer Übersetzung arbeitete, sollte Anfang 1938 eine auszugsweise Übersetzung erscheinen, was nach der Meldung von "The Times" vom 21. November 1938 jedoch "von offiziellen Zensoren unterdrückt" wurde, weil sie der Ansicht waren, daß die wahren Absichten Hitlers möglicherweise falsch interpretiert werden könnten. In Thailand kam "Mein Kampf" 1944 in Bangkok heraus, wo das Buch überraschend schnell verkauft wurde.

Doch auch nach 1945 wurde "Mein Kampf" übersetzt und in relativ hohen Auflagen verkauft. So kam 1950 zunächst in der Übersetzung von Alberto Saldivar in Mexiko eine spanische Ausgabe (Editorial Iztaccihuatl) heraus. Im März 1951 wurden von einem spanischen Verlag in Madrid ungekürzte deutsche, englische und spanische Ausgaben angeboten.

Nach Angaben der "Kölnischen Rundschau" vom 12. Mai 1951 soll die österreichische Polizei ein Exemplar einer deutschsprachigen Neuauflage von ,Mein Kampf" beschlagnahmt haben. In dem Bericht hieß es: "Nach Feststellung der Polizeibehörden zahlen britische und amerikanische Sammler bis zu dreitausend Schilling (rund 500 DM) für ein Exemplar. Als die Polizei eines dieser Bücher beschlagnahmte, stellte sie fest, daß es von einer Druckerei stammt, die nach dem Anschluß' -viele nationalsozialistische Bücher gedruckt hatte und sich jetzt in kommunistischen Händen befindet." Wie die Wiener Polizeidirektion die deutsche Pressemeldung dementierte, so stritt auch die Londoner Verlegergruppe Hutchinson die Behauptung einiger deutscher Zeitungen ab, daß der Hutchinson-Verlag infolge einer Intervention der Deutschen Botschaft darauf habe verzichten müssen, eine von Professor Desmond Williams als Herausgeber vorbereitete auszugsweise "Mein Kampf"-Ausgabe nach 1960 in England herauszubringen.

Von 1952 bis 1962 erschienen "Mein Kampf"-Übersetzungen in folgenden Verlagen im Ausland: 1952 bei Dar Beyrouth, Immenble l'Azarich in Beirut im Libanon, 1961 bei Zarbanos in Athen, bei Reimei Shobô in Nagoya in Japan, bei Diana, S. A., Editorial in -Mexiko, 1962 bei Sentinel Books in Boston in den USA, bei Editorial Mateu, San Gervasio in Spanien, und bei Editora Mestre Jou in Sao Paulo in Brasilien eine portugiesische Ausgabe.

Nach Angaben der "New York Times" ("Bücher-Rezension" vom 18. September 1960) erreichte die amerikanische Ausgabe von Houghton, Mifflin, wo "Mein Kampf" bereits am 11. Oktober 1933 auszugsweise erschien, seit 1943 rund 300 000 Exemplare. So wurden 1943 beispielsweise 53 000 Exemplare verkauft, im Jahre 1949 nur 690 Exemplare. 1951 wurde das Buch bei Houghton, Mifflin nicht gedruckt. Dann stieg das Interesse jedoch wieder allmählich an. 1957 wurden 4000, ein Jahr später 6000 und bis September 1960 wiederum 7500 Exemplare vertrieben. In den Jahren nach 1960 nahm das Interesse der amerikanischen Leser an "Mein Kampf" wieder merklich zu.

Eindeutig neofaschistisch zwischen 1945 und 1965 waren besonders eine 1963

in Beirut erschienene Ausgabe und die portugiesische Ausgabe "Minha Luta", deren Herausgeber Mestre Jou Hitlers "Mein Kampf" empfahl, weil er den Studenten ein eindrucksvolles Studium der zeitgenössischen Geschichte ermögliche, nicht teuer wäre und eine "dramatische Botschaft einer Warnung in der Krise" enthielte, von der die Nationen der Welt bedroht wären.

Hitler, von Leonardo Arroyo, dem Verfasser des Vorwortes, zwar für die Ausrottung ganzer Völker, für die furchtbare Praktizierung des "Rechtes des Stärkeren", für die Besetzung von Nachbar-Territorien, für die willkürliche Interpretation des internationalen Rechts und für den pervertierten Rassenwahn in Deutschland in der Zeit von 1933 bis 1945 verantwortlich gemacht, wurde in den auserwählten kleinen Reigen der "göttlich inspirierten Führer" eingereiht und gerühmt, "eine vollständige Serie schöpferischer Gedankenströme" ausgelöst und verwirklicht zu haben.

Nach dem von Hitler heraufbeschworenen katastrophalen Ende des Dritten Reiches im Mai 1945 wurde der Verkauf des 20 Jahre alten Hitler-Werkes an Deutsche in Deutschland verboten. Eine Versammlung der Alliierten Kommission in Berlin untersagte im Oktober 1945 den Vertrieb von "Mein Kampf" an Deutsche. Die Abteilung Volksbildung des Magistrats von Groß-Berlin gab im November 1945 eine Liste heraus, auf der die Bücher verzeichnet waren, die aus dem Handel zu ziehen waren. Am 13. Mai 1946 veröffentlichte der Alliierte Kontrollrat den Befehl Nr. 4, der die Einziehung der nationalsozialistisehen und militärischen Literatur anordnete. In beiden

Fällen betrafen die Verordnungen auch Hitlers "Mein Kampf".

Die in den fünfziger Jahren von Bundespräsident Theodor Heuss zur Abschreckung neonazistischer Tendenzen und Umtriebe erwogene Herausgabe einer kommentierten Ausgabe von "Mein Kampf" in der Bundesrepublik Deutschland kam nichtzustande.

IM NÄCHSTEN HEFT:

Stil, Aufbau, Änderungen - Das Arsenal des Autodidakten - Lehrer und Vorbilder - Die Ouellen - Hitlers Vorstellungen über Propaganda

* Das Titelbild entstammt einer Serie von Aufnahmen, die Hitler 1925 von seinem Photographen Heinrich Hoffmann machen ließ, um die Wirksamkeit seiner Rednerposen zu kontrollieren. Die Bilder durften während des Dritten Reiches rächt veröffentlicht werden.

Copyright by Bechtle Verlag, München und Esslingen.

* Hitler befand sich bereits seit dem 11. November 1923 als Untersuchungshäftling in Landsberg * Ludendorff war Anhänger der Freiheitspartei.

Häftling Hitler in Landsberg am Lech 1924: "Erhofft sich eine hohe Auflage"

"Mein Kampf"-Ausgabe 1933

"Ziele der Bewegung in zwei Banden"

Hitler-Aufruf 1923

"Schmerzhafte traumatische Neurose ...

... nach dem Marsch auf die Feldherrnhalle": Bewaffnete SA am 9. November 1923

Angeklagte im Hitler-Prozeß 1924: "Die Begriffe Rasse und Volk, Blut und Boden ...

... gewinnen leibhaftiges Leben": Hitler-Karte an Parteigenossen 1924

Hitler-Zelle in Landsberg: "Jeder neue Häftling ...

Zellenbewohner Hitler

... erst zum Rapport beim Führer"

Hundehalter Hitler

"Der Schäferhund des Häftlings ...

Sprecherlaubnis für Hitler-Besucher

... darf mitgeführt werden"

"Mein Kampf"-Bearbeiter Rudolf Heß, Ilse Heß: "Wir haben monatelang ...

... mit diesem Manuskript gekämpft": "Mein Kampf"-Original

"Mein Kampf"-Propagandist Strasser

"Für jede deutsche Familie ...

"Mein Kampf"-Anzeige

... die Richtlinien der Politik ...

"Mein Kampf"-"erleger Amann

... von des Meisters Hand"

"Mein Kampf"-Ausgaben. "Die weitmöglichste Verbreitung ...

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Ungarisch

... ist vordringlichste Pflicht der Partei: Überreichung von "Mein Kampf" bei standesamtlicher Trauung 1936


DER SPIEGEL 32/1966
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