17.07.1967

BUNDESHAUPTSTADTFunkeln und blinken

Achtzehn Jahre haben die Bonner vergebens davon geträumt. Nun wollen ein Offenbacher Textilhändler namens Philipp Bauschke und der Bonner Maurermeister Bernd Domscheit ihnen den Traum wahrmachen -- den Traum vom weltstädtischen Glanz.
Wie New York sein Rockefeller Center (259 Meter), Berlin sein Europa-Center (86 Meter), so soll die Residenz am Rhein binnen zwei Jahren ihr Bonn-Center (55 Meter) bekommen.
300 Meter vom Bundeshaus entfernt, nur einen Steinwurf vom Kanzler-Palais Schaumburg, wo jetzt noch Schrebergärtner ihren Kohl bauen, sollen -- nach den Plänen des Beueler Architekten Friedrich Wilhelm Gerasch und seiner Geldgeber -- die Hauptstädter im Winter schwimmen und im Sommer eislaufen können.
An der Bonner Kanzler-Kreuzung, im stumpfen Winkel zwischen Reuterstraße und Adenauerallee (der ehemaligen Koblenzer Straße), werden Anfang nächsten Jahres Baubagger buddeln und Zementmixer kreisen: Auf 15 000 Quadratmetern lassen die Bauherren und ihre anonymen Finanziers für 40 Millionen Mark ein 17geschossiges Hochhaus mit vierstöckigem, 90 Meter langem Seitentrakt errichten. Diese beiden Gebäudeteile werden durch eine auf Säulen ruhende Pavillon-Zeile zum Dreieck verbunden.
Plänemacher Gerasch beschreibt sein Projekt so: "Ein Schaufenster der Bundeshauptstadt mit internationalem Charakter, eine Begegnungsstätte der Bundeshauptstadt.
Bürger und Beamte, Abgeordnete und Ausflügler beiderlei Geschlechts sollen einander nicht nur im Schwimmbecken und auf der Kunsteisbahn, sondern auch in der Sauna und im Massagesalon, auf der Bowlingbahn und im Kino, in der Diskothek, in zwei Bars, in drei Restaurants und in 288 Hotelbetten begegnen.
Nach dem Muster des Berliner Europa-Center sind ein Supermarkt, 28 Pavillon-Läden -- vom Antiquitätengeschäft bis zum Zeitschriftenkiosk, vom Autosalon bis zur Bankfiliale -- und acht Büroetagen eingeplant.
Aushäusigen Abgeordneten und den "in Bonn tätigen Führungskräften" bieten die Bonn-Center-Bauer 64 komfortable Ein-, Zwei- und Drei-Zimmer-Appartements, "leer oder möbliert als Zweit- oder Dauerwohnungen".
In aller Heimlichkeit hatte die Stadt Bonn schon vor Monaten das ihr gehörige Schrebergärten-Areal an die Interessenten Bauschke und Domscheit veräußert. Am Donnerstag vorletzter Woche genehmigte Bonns Stadtrat in geheimer Sitzung auch das Bauprojekt.
Oberstadtdirektor Wolfgang Hesse: "Wir brauchen endlich etwas Leben im Regierungsviertel.
Gar zu gern gingen die Bauherren auf Hesses Wunsch ein, die abendliche Öde im verlassenen Büroviertel zwischen Bonn und Godesberg durch Unterhaltungsbetrieb und viel Leuchtreklamen zu befeuern. Bauherr Bauschke: "Es wird funkeln und blinken."
Prominentester Augenzeuge des nächtlichen Blinkfeuers wird der deutsche Bundeskanzler sein. Zwar liegt sein Arbeitszimmer an der vom Bonn-Center abgewandten Seite des Palais Schaumburg. Doch nach Feierabend, wenn er sich in den Bungalow zurückziehen will, bleibt der Regierungschef künftig den Blicken seines Volkes nicht mehr verborgen: Vom Tanzcafé im obersten Stockwerk des projektierten Hochhauses droht Einsicht in den Schaumburg-Park.
Am Freitag letzter Woche ahnte Park-Liebhaber Kiesinger noch nichts vom neuen Weltstadt-Visavis.
CDU-Fraktionschef Rainer Barzel hingegen, passionierter Eisläufer auf den Sommerbahnen von Köln und Garmisch, wagte noch gar nicht zu glauben, daß der Anlauf zum Eislauf so angenehm kurz werden könnte: "Ob das auch wirklich alles so hinkommt mit der Eisbahn?"

DER SPIEGEL 30/1967
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BUNDESHAUPTSTADT:
Funkeln und blinken

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