17.07.1967

INDUSTRIE / NSUNervös geworden

Die NSU Motorenwerke AG Neckarsulm übergaben einem New Yorker Detektivbüro ihr einziges Beweisstück: einen Brief mit dem schwachen Gummistempel-Aufdruck "EC-Conslt.".
Die Spürnasen sollten herausfinden, wer hinter dem jüngsten Börsenmanöver steckte, mit dem der Kurs der NSU-Aktie innerhalb kurzer Zeit von 363 auf 412 Punkte hochgetrieben worden war.
Der Brief aus USA war Ende März bei dem Stuttgarter Facharzt und Vorsitzenden der Schutzgemeinschaft der NSU-Aktionäre, Dr. Dietrich Albers, 58, eingegangen und enthielt das Angebot, Aktien der Neckarsulmer Firma günstig "gegen eine nicht genannte amerikanische Aktie" umzutauschen. Die NSU-Aktie sollte dabei "mit zirka 500 Mark bewertet" werden.
Albers teilte seinen 500 Mitgliedern in einem Rundschreiben mit, er halte die Offerte für "akzeptabel". Er bat seine Schützlinge, die rund zwölf Prozent des NSU-Kapitals von 65 Millionen Mark besitzen, ihm bald ihre Papiere für den Umtausch zu überlassen.
Obwohl Dr. Albers strikte Vertraulichkeit forderte, erfuhren die Börsenmakler sehr schnell von dem Inhalt des Briefes. Ergebnis: Der NSU-Kurs schoß auf 412 Punkte hoch. Innerhalb einer Woche war der Spuk jedoch verflogen; der Kurs fiel auf 350.
Gerüchte über eine bevorstehende Übernahme des sechstgrößten Automobilunternehmens der Bundesrepublik durch einen großen Konzern laufen schon seit Jahren an den Börsen um.
Aber jedesmal, nachdem sich mit einer Gipfelfahrt der NSU-Aktie ein neuer Herr in Neckarsulm angekündigt hatte, sackte der Kurs wieder ab. Resigniert mußte Generaldirektor Gerd Stieler von Heydekampf dann gestehen: "Wir wissen auch nicht, was los ist."
In diesem Jahr freilich schien der große Unbekannte tatsächlich entschlossen zu sein, NSU einzufangen. Die Londoner "Times" glaubte ihn sogar zu kennen: Amerikas drittgrößten Autoproduzenten Chrysler.
Wie die Börsianer vermuteten auch NSU-Chef Stieler von Heydekampf und sein Vorstand hinter den Gerüchten einen wahren Kern. Chrysler konnte zwar kein Interesse am NSU-Typenprogramm haben, wohl aber an den modernen Werksanlagen und den 10 000 Beschäftigten. Der Boß bangte deshalb um seine Pläne.
Stieler von Heydekampf steuert seine Autofabrik bereits auf das "Jahr 2000" zu. Der Wankel-Kreiskolbenmotor, der NSU die Zukunft vergolden soll, wird
von Herbst 1967 an in die neue NSU-Touren-Limousine "Ro 80" (115 PS, Höchstgeschwindigkeit 200 Stundenkilometer, Preis etwa 14 000 Mark, Monatsproduktion 1000 Stück) eingebaut werden;
> von 1969 an in Ko-Produktion mit der französischen Firma Citroën in einen Europa-Volkswagen (55 PS, Tagesproduktion bis 100 Stück) eingebaut werden.
Durch die Produktionstypen "Sportprinz", "Prinz 4", "NSU 1000", "NSU TT", "NSU 110" und "Wankel-Spider" sind die Neckarsulmer gegenwärtig "bis an die Halskrause ausgelastet" (Heydekampf). Sie bauen in Überstunden und Sonntagsschichten täglich 576 Wagen und wollen in diesem Jahr mehr als 100 000 Autos herstellen. Allein nach Italien sollen 25 000 Fahrzeuge geliefert werden. Heydekampf: "Was für Volkswagen Amerika, ist für NSU Italien."
Die sommerliche Verkaufskampagne wurde jedoch gestört, als einige NSU-Händler plötzlich desertierten. Die Autoverkäufer behaupteten wieder einmal, in Neckarsulm bereite sich ein Besitzwechsel vor, und sie wollten der damit verbundenen Unsicherheit vorbeugen.
Nun wurde Generaldirektor Stieler von Heydekampf nervös. In aller Eile richtete er eine dringende Anfrage an Chrysler. Die Antwort aus Detroit besagte jedoch, daß die Amerikaner als NSU-Käufer nicht in Frage kämen.
Daraufhin beschaffte sich Heydekampf von Dr. Albers den Brief mit der Umtausch-Offerte aus New York und ließ zwischen Hudson und East River Detektive ausschwärmen.
Die Spur führte zu einem kleinen Börsen-Jobber, der sofort ein Geständnis ablegte. Er versicherte jedoch, er habe keinen Auftraggeber.
Um künftig vor ähnlichen Manövern sicher zu sein, verlangte der NSU-Boß von dem Schutzgemeinschafts-Vorstand Albers eine öffentliche Erklärung über sein Zusammenspiel mit den Amerikanern. Der börsenkundige Arzt teilte seinen Aktionärsschützlingen aber lediglich mit, die US-Angelegenheit sei "überholt".
Der NSU-Hauptversammlung am 27. Juli in Neckarsulm will er sich nicht stellen. Albers: "Ich fahre nach Spanien in die Ferien."

DER SPIEGEL 30/1967
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