17.07.1967

„WAS IST DENN PASSIERT, UM HIMMELS WILLEN“

Es gibt für ihn keinen Heimweg in das, was wir die Freiheit nennen. Er wird im Zuchthaus verwahrt werden oder in der Anstalt, bis er stirbt. Vor der Anstalt fürchtet er sich noch nicht so sehr, auf die hofft er, aber was ist das für eine Hoffnung. Er ist am Ende, mit 26 Jahren, Sieben Tote trennen ihn unwiderruflich von uns, vielleicht sind es nur fünf oder drei, er quält sich noch mit der Zahl, aber was ist das für ein "nur". Fort mit ihm also. Fort mit ihm?
Dem Beginn der Schwurgerichtsverhandlung in Nürnberg geht ein Wirbelsturm im Sitzungssaal voraus. Photographen und Kameramänner schlagen über dem Angeklagten zusammen. Er schreckt zurück, Handschellen fesseln, ihn, er dreht ab in der Enge der Bank, Fragen preschen ihm ins Ohr, der Reflex läßt den seit zwei Jahren Ausgefragten antworten, ein Mikrophon sticht auf ihn zu. Der "Killer", so ist Klaus G. in einem Vorbericht genannt worden von einer humanen Feder, die an jedem Wochenende "Von Mensch zu Mensch" tätig wird, "stellt sich bereitwillig den Fragen", morgen wird man es lesen.
In einer explosionsartig ins Greifbare ausgestülpten inneren Landschaft also hat der Landgerichtsdirektor Karl Kristl, 57, den Vorsitz zu führen. "Herr G., ich sehe, Sie sind in der Anstaltskleidung erschienen Der Angeklagte hat darauf bestanden, Herr Kristl akzeptiert. "Sie können sich unaufgefordert jederzeit hinsetzen." Der Angeklagte trägt eine Sonnenbrille, will er sie aufbehalten? "Zum größten Teil schon", Herr Kristl nickt.
Während es sich zwischen dem Vorsitzenden und der Öffentlichkeit aufs Zerreißen hin zu spannen beginnt, öffnet es sich zwischen Herrn Kristl und Klaus G. Schon an diesem Vormittag, nach anderthalb Stunden, es murrt einmal wieder im Saal, reicht ein ruhiges "Lassens sich nicht irritieren, Herr G." dazu, daß der Faden nicht wieder reißt." Habens die Pistole vorgehalten?" will Herr Kristl später an diesem Vormittag wissen. "Ja freilich", sagt Klaus G., "sonst wär"s ja gar nicht gegangen." Murmeln, welche Frechheit. Doch dies ist etwas anderes: Klaus G. will antworten. Er ist in ein Gespräch mit dem Vorsitzenden eingetreten, er selbst sucht jetzt herauszufinden, wie es war.
April 1960: eine Hausfrau ·in Nürnberg öffnet die Tür, blickt in eine Pistole: "Geld her oder das Leben." Die Frau fährt zurück, ein Untermieter und seine Braut kommen hinzu: Schüsse, die beiden werden tödlich getroffen. Der Täter entkommt. Die Tat ist nicht angeklagt in Nürnberg, Klaus G. war damals 19 Jahre alt, ging noch zur Schule.
30. November 1962: Überfall auf eine Sparkasse in Neuhaus an der Pegnitz. Ein kriegsbeschädigter Lagerhausbote kommt herein, er hört schlecht, greift zur Brille, der Verbrecher mißdeutet das, schießt, trifft tödlich. 29. März 1963: In Nürnberg werden der Waffenhändler Helmut Hannwacker und seine Mutter im Hinterraum ihres Ladens erschossen aufgefunden. 1. Juni 1965: Im Kaufhaus Brenninkmeyer in Nürnberg wird Klaus G. ertappt, als er eine Handtasche zu stehlen versucht. Er flieht, schießt, trifft den Hausmeister tödlich, verletzt zwei Männer schwer, wird überwältigt. Der "Mittagsmörder" ist gefaßt, der Mann, der immer mittags kam, wenn die Glocken läuteten.
1940 kam Klaus G. als Sohn eines Berufsoffiziers zur Welt, sein Vater fiel 1945. Es ist aus Klaus G.s Kindheit nichts zu berichten, nichts. Er ist unauffällig, ein wenig scheu, doch viele sind das. In der Schule später dominiert er körperlich in seinen Klassen, er ist der, der alle verprügeln kann. Und er tut das auch, wenn er zu sehr gehänselt wird.
Das Kind, der Junge Klaus G., gerät früh schon an die Fremdheit unter den Menschen, und er überwächst diese unheimliche Entdeckung nicht wie andere. Körperlich ist er robust, kann er sich behaupten und mehr. Doch spürt er etwas, wogegen physische Kraft nicht hilft. Eine Drohung, gegen die es stärkere Waffen braucht. Er gerät buchstäblich an Waffen. Er legt sich eine Sammlung an. stiehlt aus Schaufenstern, tauscht.
"Können Sie uns sagen, warum Sie so erpicht waren auf Waffen?" Er kann es nicht, spricht von "besonderer Vorliebe". Aber er ist gern allein gewandert Und wollte dabei Waffen zu seiner Sicherheit mit sich führen. Waffen, an denen ihn fasziniert, daß sie dem Menschen über seinen Radius hinaus Wirksamkeit verschaffen.
In Nürnberg spricht er von Machiavelli und Nietzsche, es klingt, als habe er sich eine Philosophie vom Übermenschen zurechtgemacht. Das täuscht. Die Verhandlung führt ihn durch ein Mordhaus, das er selbst errichtet hat. Man fragt ihn, warum hier ein Zimmer ist und wohin es dort entlang geht. Er hat sich nicht als Übermensch empfunden, es war eher ein Rumpelstilzchengefühl in ihm. Der erste Überfall, und am nächsten Tag ein Bild in der Zeitung, auf dem ein Suchhund antritt -- in die falsche Richtung. Er gerät ans Lachen, noch heute. Und einmal spricht er auch von einem anderen Gefühl, das er gehabt hat: "Ich habe eben gedacht, solange ich nicht erwischt werde, brauche ich mich nicht als Täter zu fühlen."
Fünf Jahre lang ist er raubend und mordend unterwegs. Fünf Jahre lang bleibt er unentdeckt. Ist er so unauffällig, daß jeder, der ihn kennt, dem man sagte, Klaus G. ist der "Mittagsmörder", sich ausschütten würde über den Scherz. Fünf Jahre. von der Schulbank über die Universität bis zur Bundeswehr bleibt er unerkannt. bis er als Deserteur den Handtaschendiebstahl versucht, der ihm mißlingt.
Er lebt fünf Jahre lang wie unter einem Zaubermantel, freilich dem eines bösen Zauberers. Der Mantel verbirgt ihn auch sich selbst. Wo der Mantel nicht deckt, da hat er sich ein körperliches Symptom geschaffen. Er hat Halsschmerzen, von denen spricht er beschwörend, klagend, wie andere von ihrem Gewissen sprechen könnten: "Was ich an Halsschmerzen erlebt habe, das hat mir das Leben wirklich vergällt."
Wozu brauchte er Geld? Er brauchte Geld für Waffen. Und er brauchte Motorräder, Autos, brauchte Fahrzeuge, mit denen Distanz überwunden werden kann.
"Da bin ich auf meine Mitmenschen schlecht zu sprechen gewesen ...": weil er sitzenblieb, weil er das Abitur erst im zweiten Anlauf schaffte -- das ist dünn, er weiß es vorerst nicht besser. In Wahrheit: weil er die Menschen fürchtete, weil er sich nicht unter sie fand -- und ihnen das vorwarf. Ein Erklärungsversuch nähert sich der Angst, die zu früh über ihn gekommen ist. Einer hat den Hauptgewinn im Lotto. Und auf dem Weg zur Kasse -- wird er überfahren. Klaus G. meint mit diesem Bild nicht Gott. Er meint den Menschen, der den Gewinner überfährt.
Er hat immer viel geträumt. Er sagt, daß er Traum und Wirklichkeit nicht trennen konnte. Was andere im Traum tun, tat er in Wirklichkeit. Was anderen in der Wirklichkeit zu gelingen scheint, und ihnen, soweit es doch nicht gelungen ist, im Traum kommt, mißlang ihm in der Realität. Andere finden einen Menschen, einen Partner -und träumen mitunter von dem Graben, der da doch ist und bleiben wird. Er kommt nur einmal in die Nähe eines Mädchens, aber er kann es nicht fassen, geschweige denn halten.
Das Gespräch zwischen dem Angeklagten und seinem Richter wurde in Nürnberg von Tag zu Tag belastbarer. Als G. einmal lümmelig sitzen bleibt beim Antworten, korrigiert Herr Kristl: "Für diese kurzen Antworten können Sie ruhig aufstehen." Klaus G. wird rot.
Am Donnerstag vergangener Woche, nachmittags, ist es lähmend heiß, die Vorhänge sind gegen die pralle Sonne geschlossen, es wird bei Licht verhandelt. Zeugen sind gehört worden, Klassenkameraden, ehemalige Lehrer, Bekannte und Freunde der Familie. Nichts, sagen sie, hat ahnen lassen. was wuchs in dem Kind, in dem Jungen Klaus. Da kommt es nun zu einem Augenblick der Wahrheit.
Klaus G. ist ein "bei vielen wohlgelittener Mensch" gewesen, faßt Herr Kristl zusammen. "Wie erklären Sie sich, um Himmels willen, einen solchen Bruch? Was ist denn passiert, um Himmels willen, Mensch -." Dieses "Mensch" ist unvergeßlich. Und Klaus G. erhebt sich, stellt sich. Er sei ein sehr empfindsamer Mensch gewesen. Gekränkt und verletzt hätten ihn die Menschen. Er ist in eine Gegnerschaft zu allen Menschen geraten. Wie ein Hund sei er gewesen, der alle Fremden beißt.
Herr Kristl nimmt das als Versuch Klaus G.s zu sprechen, fragt leise noch einmal: "Sie sind ja nun sehr, sehr weit gegangen." Weit gehen, in diesem Ton -- das bedeutet: Sie haben uns verlassen, sie sind von uns fortgegangen.
Es packt den Angeklagten, den verlorenen 26jährigen: "Ich habe fremde Menschen gar nicht als Menschen aufgefaßt ... Obwohl das komisch klingt, fremde Menschen waren für mich wie Sachen ... Es war vielleicht irgendwie schlecht, daß ich Menschen mit Schüssen getötet habe ... Wenn ich gemerkt hätte, dem passiert was. Wenn ich gewürgt hätte ... Mit Schießen, das geht zu schnell. Im nächsten Moment, da geht der Schuß los. Das war nicht mehr rückgängig zu machen."
Stellt er sich jetzt zu allen Taten, zu sieben Toten? Noch einmal zieht er sich zurück. Er meint nur den Hausverwalter, den Waffenhändler und seine Mutter, den Mann, der sein Komplice gewesen und zwei von den Morden begangen, der ihn erpreßt haben soll. Herr Kristl und Klaus G. wissen, daß sie im Gespräch sind; in einem Gespräch, dessen Ende noch nicht erreicht ist: "Wegen der anderen beiden Fälle, das überlegen wir uns noch mal, Herr G." Der nickt.
Es wird so kommen, daß dieses Gespräch auch nach dem. Urteil für Klaus G. nicht vorüber ist. Er hat seinen Richter gefunden. Mit ihm wird er sich später auseinandersetzen, im Zuchthaus oder in der Anstalt. Er ist am Ende, und es ist ein Ende ohne Ende. Herr Kristl führt den Angeklagten durch das Fegefeuer. Er führt ihn dorthin, wo Klaus G., nachreifend, einmal erkennen wird, daß die drohende Fremde zwischen den Menschen, vor der er mordend floh, zuerst in ihm selbst war.
Einmal wird er dem ausgeliefert sein. Er wird des Erbarmens, der Fürbitte bedürfen. Herr Kristl führt den Vorsitz wie einer, der das weiß.
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 30/1967
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