15.05.1967

WELTANSCHAUUNG / MAOISTEN

Schreidet zur Tat

Werner Heuzeroth, 48, Gastwirt fm "Haus Freundschaft" zu Niederscheld unweit Siegen, ist allzeit bereit, "für die Gedanken des Vorsitzenden Mao Tse-tung ins Gefängnis zu gehen". Ihn schreckt "nicht einmal der Tod, woll?"

Der Dorf-Kneipier zählt zu der kleinen Schar von Deutschen, die auf den grollen Chinesen schwören. Seit Mao "Mode geworden" ist ("Süddeutsche Zeitung"), gibt es in der Bundesrepublik diverse Pekingnesen-Grüppchen, so

> eine "Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands" (MLPD), die ausdrücklich die "Führerrolle der KP Chinas" anerkennt und seit März 1965 im roten Untergrund arbeitet;

> eine "Freie Sozialistische Partei" (FSP), die einen "streng chinesischen Kurs" steuern und bei den Bundestagswahlen 1969 "die DFU einholen" will;

> Provo- und Studenten-Sprengsel, die im Geiste Maos ein bißchen Bürgerschreck praktizieren -- etwa die "Horror-Kommune" ("Lebensgemeinschaft junger Maoisten"), die das Pudding-Attentat auf Humphrey plante (SPIEGEL 16/1967).

"Lassen Sie bitte Ihre Hose "runter", lautet das Ersuchen, das Ost-Berliner Grenzpolizisten in der Mao-Ära gelegentlich an West-Berliner Studenten richten. Denn zwischen Haut und Hose versuchen manche China-Jünger Mao-Schriften und -Plaketten -- laut SED "Rattengift" aus der Ost-Berliner China-Botschaft -- in den Westen zu schmuggeln.

Dabei ist das Gift im Westen rezeptfrei. Die "Worte des Vorsitzenden Mao", 2,70 Mark, gedruckt in der Volksrepublik China, stehen in München-Schwabing auf den Bestseller-Listen der Buchhandlungen. Überdies sind Maos "Worte" in der Fischer Bücherei, Band 857, zu haben.

Um Deutschlands verstreute Maoisten zu formieren, beschlossen erst vor kurzem der frühere Klempner Heuzeroth und ein Frankfurter Freund, der arbeitslose DDR-Flüchtling Günther Ackermann, 28, die "Freie Sozialistische Partei" zu installieren. Mitte März versandte Ackermann 350 hektographierte Einladungen zu einem FSP-Gründungsparteitag an Ostermarschierer, Friedensfreunde und Mitglieder der illegalen KPD.

Angesichts der weltweiten "Kriese" des Kommunismus rief der sprachlich retardierte frühere Vopo-Wachtmeister aus Erfurt die linken Adressaten zu internationaler "Solitarität" mit den Rotchinesen auf und forderte: "Schreidet zur Tat." Dann bastelte der Mao-Mann vom Main, stolzer Besitzer einer bei vielen Demonstrationen geschwenkten Vietcong-Flagge, ein zwei Quadratmeter großes schockrotes Transparent: "Völker der ganzen Welt, vereinigt euch, schlagt die US-Aggressoren und alle ihre Kettenhunde."

Am 22. April gegen 10.30 Uhr hängte Ackermann, ein Mao-Abzeichen im Knopfloch seiner braunen Freizeitjacke, das Tuch mit der parteichinesischen Parole in den für 108 Mark gemieteten Saal des Frankfurter (städtischen) Bürgergemeinschaftshauses "Käthe Kollwitz" und wartete auf das von ihm prophezeite Eintreffen der "500 bis 1000" Gründungsmitglieder.

Doch nur knapp siebzig Genossen kamen. Und schlimmer: Die meisten waren "moskautreue Ulbricht- und Reimann-Leute" (Heuzeroth), die eigens anrückten, um die Gründung zu verhindern.

Kaum hatte Ackermann, Vorsitzender des FSP-Gründungskomitees, in seinem Einleitungsreferat die "verbürgerlichten" Führer der SED, KPD und DFU des "Revisionismus" geziehen, standen finster blickende Moskautreue auf und warfen ihm vor, was auch schon der in der DDR stationierte "Freiheitssender 904" und das illegale KP-Organ "Freies Volk" verbreitet hatten: Ackermann sei Verfassungsschutz-Agent und von Bonn beauftragt, "mit Pseudo-Ideen des Pekinger Kurses" Deutschlands Ultra-Linke zu spalten.

Die prosowjetischen Kommunisten riefen pfui" wählten die -- in ihrer Hilflosigkeit handgreiflich werdenden -- prochinesischen Präsidiumsmitglieder ab und beschlossen: "Die FSP wird nicht gegründet." Statt dessen sei für die Wiederzulassung der KPD zu kämpfen. Darauf verließen die Kreml-Kommunisten den Saal, auf den Lippen das sozialistische Kampflied: "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit".

Zurück blieben, verblüfft, zwanzig Mao-Fans, die ihre Kasse vermißten. Heuzeroth In der Zigarrenkiste waren über 30 Mark." Dann gründeten sie -- dem Mehrheitsbeschluß zum Trotz -- die FSP. In das Zentralkomitee wählten sie außer Ackermann ("Erster Sekretär") auch einen Frankfurter Wulle-Wulle-Provo, der das ganze als Happening ansah und bald wieder austrat.

Wenig später wurde die Verwirrung perfekt: Zwei Dutzend Moskau-Männer überrannten lärmend den Saalschutz und erklärten, die Peking-Partei sei gar nicht gegründet worden. Ackermann schlich sich aus dem Saal. Die "Frankfurter Allgemeine" meldete: "Parteigründung gescheitert".

Initiator Heuzeroth ist anderer Meinung: "Natürlich ist die FSP gegründet worden." Zuversichtlich sagt der Gastwirt, der ein Parteiblatt "Die Wahrheit" vorbereitet und Verbindungen zu Pekingnesen in Belgien, Österreich und der Schweiz angeknüpft hat: "Viele, die mit uns sympathisieren, wollen sich vorerst zurückhalten. Namhafte Persönlichkeiten stehen Gewehr bei Fuß."

"Offen bekriegt" (Heuzeroth) werden die Freisozialisten hingegen von der ebenfalls pekingtreuen, illegalen "Marxistisch-Leninistischen Partei", einer "Gruppe von Mitbürgern, die offensichtlich heftig darunter leiden, daß hierzulande zuwenig für die Bildung getan wird" ("Frankfurter Rundschau").

Die MLPD versendet vor allem im Ruhrgebiet anonym prochinesische Broschüren mit Tarn-Titeln ("Diätvorschriften für Leberkranke"), ein "Zentralorgan" mit dem Titel "Sozialistisches Deutschland" und ein Teenagerblatt "Kämpfer der roten Jugend", in denen sie sich als "Rote Garde Deutschlands" vorstellt.

Peking scheint freilich die deutschen Rotgardisten für Papiertiger zu halten. Heuzeroth: "Einer von uns war in der chinesischen Botschaft in Bern. Aber die wollten nichts mit uns zu tun haben."


DER SPIEGEL 21/1967
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