06.03.1967

FILM / NEU IN DEUTSCHLAND Gemetzel bei Etzel

Die Nibelungen, 2. Teil -- "Kriemhilds Rache" (Deutschland). Durch abendrote Pußta-Panoramen traben bunte Burgunder gen Osten in den klirrenden Krummsäbel-Tod: Regisseur Harald Reinl ("Winnetou") hat auch aus dem Schluß seines zweigeteilten Nibelungen-Streifens kein weihewaberndes Heldenspiel gemacht, er hat wieder ein simples leichenreiches Spektakel inszeniert.

Der Breitwandfilm, in dem das NPD-Organ "Deutsche Nachrichten" alle "Wesensmerkmale germanischer Lebensform" vermißte, geht mit der bald 800 Jahre alten gereimten Vorlage freizügig um. Er stattete den weichen Wormser König Gunther beim Gemetzel an Etzels Hunnen-Hof mit Schuldkomplexen aus, weil der Fürst -- im ersten Teil -- den Mord an Siegfried nicht verhindert hat. Und Kriemhild, im Lied von Hildebrand enthauptet, muß sich traditionswidrig selbst erdolchen.

Statt "Nibelungen"-Treue hat Reinl Zeitanklänge erstrebt: Urbösewicht Hagen trägt, mit Bart und Stirnsträhne versehen, ein Hitler-Image. Doch auch die politische Anspielung entspricht der Geisteshaltung jener Altersklasse, die den Film nicht sehen darf: Erst Kinder ab zwölf Jahren sollen "Kriemhilds Rache" ausgesetzt werden.


DER SPIEGEL 11/1967
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