06.03.1967

ZITAT

Kolumnistin Ursula von Kardorff in der Münchner "Abendzeitung":
Leserbriefe sind oft Spiegelbild einer ganzen Zunft. Besonders Im SPIEGEL. Wer in der neuesten Nummer dieses Magazins den Entrüstungssturm im Wasserglas verfolgt, in dem die einstigen Kameraden gegen Generalstabs-Oberst a. D. Carl-Gideon von Claer als "Nestbeschmutzer" zu Felde ziehen, muß leise lächeln. Lächeln nur als Frau natürlich und als Unbefugte. Aber die Kanonenrohre, die da auf einen Spatzen (oder Spaßvogel) zielen und schwere Kaliber verpuffen, sind doch übertrieben.
Claer hatte unter dem Titel "Monokel der Armee" eine glänzende Glosse (fast) ohne Bosheit über Sitten und Gebräuche im Panzeraufklärungs-Lehrbataillon 11 verfaßt. Seine Schilderung, wie die Mannen vom "gelben Kreise", einem Verein abgesessener Kavalleristen und aufgesessener Panzeraufklärer, die Tradition der Brandenburgischen und später Schwedter Dragoner auch heute noch weiterführen, liest sich (ohne Argwohn) köstlich. Ein Hauch von Snobismus und Schmunzeln.
Claer zufolge tragen die Ex-Schwedter gern das "Abzeichen kavelleristischer Eitelkeit", den Adler, auch heute noch, den einst ihre Vorfahren 1813 napoleonischen "Jägern von der Mütze rissen, und sie tragen manchmal unter dem allzu grauen Rock die, gelbe (nicht die weiße) Weste. Denn gelb ist die Farbe der Kavallerie; Na und?
Allerhand Waffenhochmut ist auch im Spiel (das Kind in Manne). Indessen, Soldaten, mit denen man allenfalls natoistisch verkehren könne, zitiert Claer, seien höchstens im amerikanischen Armoured Cavàlry Regiment 11 und im französischen Panzeraufklärungsbataillon 1 zu finden. Und allerlei Adel gäbe es auch wieder, dem blauen Blute sei die gelbe Farbe-zugeordnet. Na und? Ist das beleidigend? Schafft es Ressentiments?
Adel verpflichtet, aber doch nicht zu Humorlosigkeit. Die Reaktion der alten Kameraden war vorwiegend verschnupft. Claer wurde zum Dämmerschoppen beim ehemaligen Vorgesetzten wieder ausgeladen, einige Gäste hatten bei seinem Erscheinen mit Absage gedroht. Sie fühlten sich in ihrer ganz speziellen deutschen Sonderanfertigung der Ehre, der Soldatenehre, auf den Schlips des (leider nicht) Bürgers in Uniform getreten. Doch gehört zu Adel nicht auch Distanz, Selbstironie, Lässigkeit? Oder ist das nur ein Zeichen des Gentleman englischer Prägung und in gelben Kreisen offenbar unerwünscht? Denn "Welt"-Mitarbeiter Walter Görlitz, Mitglied des Arbeitsausschusses des gelben Kreises, entrüstete sich noch heftiger und schlug Claer vor, er möge doch das ihm offenbar unangenehme "von" vor seinem Namen streichen, denn sein adeliger Name verbürge noch nicht den Edelmann plus guten Offizier.
Frage: Hat der indignierte Görlitz auch Adeligen, die sieh einst zu SS-Führungsstellen und Goebbels-Adjutanturen drängten oder die als Leiter von Einsatzkommandos in Polen ausrotteten, hat er auch ihnen empfohlen, das "von", den Grafen oder Prinzen zu streichen? Zum Beispiel dem Rassenfanatiker und Judenhasser Johannes von Leers in Kairo, als der noch lebte?

DER SPIEGEL 11/1967
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DER SPIEGEL 11/1967
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