15.08.1966

BERLINER MASCHINENBAUBund gegen Böses

"Auf der Spucke der westdeutschen Sonntagsredner", so sprach Dr. Juergen Krackow, Vorstandssprecher der jahrelang von Verlusten geplagten Berliner Maschinenbau-AG, vormals L. Schwartzkopff, "können wir nicht Kahn fahren." Jetzt hat Bonn für Krackows Unternehmen und sechs weitere Westberliner Maschinenbau-Firmen eine breitere Fahlrinne gegraben.
Am letzten Dienstag um elf Uhr vormittag schwenkte Bundesschatzminister Werner Dollinger im Berliner Hotel Kempinski einen Vertrag über die Fusion der sieben Unternehmen.
Eine neu gegründete Gesellschaft, die Deutsche Industrieanlagen GmbH, vereinigt die Firmen. Dabei geben die meisten der alten Inhaber ihr Eigentum auf und lassen sich auszahlen. Teilnehmer an der Fusion sind die
- Borsig AG (bundeseigen),
- Berliner Maschinenbau-AG, vormals
L. Schwartzkopff,
- Alkett Maschinenbau GmbH,
- Ludw. Loewe & Co. AG,
- Typograph GmbH,
- Hartung-Jachmann GmbH,
- Fritz Werner Verwaltungs-GmbH
(bundeseigen).
Bei zusammen 80 Millionen Mark Kapital und 12 600 Beschäftigten erreicht das Septett 400 Millionen Mark Umsatz und wird damit zum siebtgrößten Unternehmen der Branche (das größte: Klöckner-Humboldt-Deutz in Köln mit 1,6 Milliarden Mark). Die traditionsreichen Firmennamen bleiben als Marken erhalten.
Jede für sich waren die Berliner Maschinenbau-Firmen der internationalen Konkurrenz nicht mehr gewachsen. Seit 1960 verbuchte Alkett einen Verlust von 1,9 Millionen Mark, Borsig von 4,2 Millionen Mark und Schwartzkopff von 4,7 Millionen Mark. Nur die Firma Werner erzielte Gewinne von 10,5 Millionen Mark. Dollinger: "Sie verließen sich darauf, niemand werde es zulassen, daß ihnen etwas Böses passiere."
Bisher hatten Bundeskonzerne die Verluste ihrer Frontstadt-Töchter stets übernommen; aber Bonns Schatzminister war nicht länger bereit, Berlins Maschinenbau zu alimentieren. Er drängte auf Konzentration.
Die neu gegründete Deutsche Industrieanlagen GmbH beschaffte sich den Preis, mit dem sie die ausscheidenden privaten Eigentümer abfindet, aus dem Sondervermögen des Europäischen Wiederaufnahme-Programms ERP (Marshall-Plan). Der Bund wird mit 90 Prozent des Konzernkapitals Hauptaktionär, den Rest wird die Bank Berliner Handels-Gesellschaft halten.
Für das Gemeinschaftswerk fand Bonns Schatzminister einen Manager, der schon einmal ein angeschlagenes Unternehmen saniert und seither Gewinne erzielt hat: den Chef der Fritz Werner-Gruppe, Dr. jur. Rudolf Meyer, 54.
Meyer, der sein Haar wie Napoleon Bonaparte frisiert, ist Bauernsohn aus dem Westfälischen. Der Jurist brachte das Familienunternehmen Werner, das 1953 in Schwierigkeiten geriet und vom Bund übernommen wurde, auf mehr als 100 Millionen Mark Umsatz.
Die Aufgabe, aus sieben fast durchweg angeschlagenen Unternehmen einen gewinnträchtigen Konzern zu machen, hält der neue Chef für "Knochenarbeit". Ohne radikale Mittel wie zeitweiliger Abbau der Belegschaften und Rückgang des Umsatzes sei sie nicht zu bewältigen. Meyers Konzept: "Wir werden uns auf Werkzeugmaschinen, Großapparate und Industrieanlagen konzentrieren."
Dollinger hat schon den nächsten Schritt erwogen: "Wir werden den Konzern privatisieren und die Aktien möglichst breit streuen."
Berliner Konzern-Manager Meyer
Kündigungen angekündigt

DER SPIEGEL 34/1966
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