15.08.1966

VIETNAM / KRIEGSAUSWEITUNGLebende Brücken

Vor zwei Jahren, am 5. August 1964, verdüsterten die Explosionswolken amerikanischer Bomben zum erstenmal den Himmel über Nordvietnam. Vor anderthalb Jahren, am 7. Februar 1965, wurde der Bombenkrieg zum bitteren Alltag für die 18 Millionen Untertanen des roten Führers Ho Tschi-minh.
Auf propellergetriebenen "Skyraiders", doppelschallschnellen "Phantom" -Jets und strategischen Bombern vom Typ B-52 flogen amerikanische Piloten seither 35 000 Angriffe auf das Land, das kleiner ist als die Bundesrepublik.
Es gibt in Nordvietnam kaum eine Brücke, die nicht oftmals zerstört, keine Straße und keine Eisenbahnlinie, die nicht mehrmals in der Woche unterbrochen wurde, keine Kaserne und kein Öllager, das von Bomben verschont blieb; die Jabos jagen jeden Lkw und jeden Soldaten, den sie sehen.
Binnen Jahresfrist, so schätzte das US-Oberkommando in Saigon Anfang 1965, werde der Bombenkrieg Nordvietnam in die Knie oder an den Verhandlungstisch zwingen. Zumindest werde der Strom roter Truppen und Waffen nach Südvietnam unterbunden werden.
Doch inzwischen wankt der Glaube an die Wirksamkeit der Bomben. Der Militärexperte der Londoner "Times" stellte letzte Woche fest: "Amerikas Luftkrieg in Vietnam kann sich als ein politischer und militärischer Fehlschlag erweisen."
Die USA haben zwar, wie Präsident Johnson sagte, für Ho "den Preis der Aggression hinaufgeschraubt", aber sie haben auch selbst schon einen hohen Preis bezahlt: 330 ihrer Maschinen (Durchschnittswert je Flugzeug: vier Millionen Mark) gingen im Feuer von moderner russischer Radar-Flak, von Raketen und "Mig"-Jägern zu Boden.
Und keines der Luftkriegs-Ziele wurde bisher erreicht: Eine Viertelmillion Kulis, Männer wie Mädchen, reparieren, unterstützt von 40 000 Chinesen, Brücken, Fähren und Schienen oft schneller, als die Bomber sie wieder zerstören können. Und Ho mobilisiert sein Volk für den totalen Krieg.
"Wir können weiterkämpfen, Jahr um Jahr, Generationen lang", verkündete der nordvietnamesische Generalstabschef Van Tien Dung kürzlich. Der einzige westliche Korrespondent in Hanoi, Jean Raffaelli von de Gaulles "Agence France-Presse", bestätigte nach seiner Ablösung: "Hanoi wird nicht kapitulieren. Die Nordvietnamesen sind bereit, sich bei weiterer Verschärfung des Luftkriegs in den Busch zurückzuziehen und ihre Städte aufzugeben."
Die Bombenteppiche konnten nicht einmal den roten Nachschub für die Vietcong-Guerillas eindämmen. Ende 1965 hatte der US-Geheimdienst die Zahl der kommunistischen Kämpfer in Südvietnam auf 230 000 beziffert. Laut offizieller Liste sind seit Jahresbeginn 32 000 Guerillas gefallen. Anfang August aber schätzte der Geheimdienst die Gesamtstärke des Feindes auf 282 000 Mann.
Die Roten sind damit fast ebenso stark wie die Amerikaner (derzeit 287 000 Soldaten). Bei den US-Truppen aber sind 40 Prozent Troß, bei den Kommunisten trägt nahezu jeder ein Gewehr.
Etwa ein Drittel der roten Bataillone sind modern ausgerüstete reguläre Truppen aus Nordvietnam; allein 1966 wurden bisher nach vorsichtigen Schätzungen der Amerikaner 35 000 Soldaten nach dem Süden geschleust.
Die Kommunisten änderten - von den Amerikanern wochenlang unbemerkt - ihre traditionellen Infiltrations-Routen. US-Bomber, amerikanische Spezial-Einheiten und vietnamesische Freiwillige hatten seit Jahresbeginn den Krieg insgeheim nach Laos getragen. Sie versuchten, den legendären Ho-Tschi-minh-Pfad zu sperren, jene hundertfache Dschungelroute durch das Nachbarland, auf dem seit Jahren der Nachschub nach Südvietnam rollte.
Unterdessen aber sickerte die bisher größte geschlossene Einheit der nordvietnamesischen Volksarmee auf direktem Weg über die Grenze nach Südvietnam ein.
Die Grenze verläuft seit der Teilung Vietnams im Genfer Indochina-Abkommen von 1954 entlang dem Ben-Hai-Fluß knapp südlich des 17. Breitengrads. Ein zehn Kilometer breiter Streifen an der Grenze wurde damals zur entmilitarisierten Zone erklärt.
Zwölf Jahre lang waren die Ufer des Ben Hai die ruhigste und ungefährlichste Gegend in ganz Vietnam. Im Frühjahr 1966 wurde es an der Grenze plötzlich lebendig. Während die südvietnamesischen Truppen in diesem Gebiet im Gefolge der Buddhisten-Unruhen gegen die Regierung in Saigon meuterten, bewegte sich Hos 324. Division sorgfältig getarnt südwärts.
Den Ben-Hai-Fluß überquerte sie mit Hilfe einer Taktik, die sich schon im ersten Indochinakrieg gegen die Franzosen bewährt hatte - mit sogenannten Lebenden Brücken. Je 20 Mann, die ein Bambusgestell tragen, bilden dabei einen Brückenpfeiler. Die einzelnen Pfeiler werden mit Leitern und Stangen verbunden. Über diese lebende Notbrücke kann auch schweres Kriegsmaterial transportiert werden; im Falle eines Alarms verschwindet die Konstruktion blitzschnell unter Wasser.
Als die Amerikaner die 324. Division entdeckten, saßen die Kommunisten bereits in Ausgangsstellungen für Angriffe auf die alte Kaiserstadt Hué und den Stützpunkt Da Nang. Das US-Oberkommando mußte die bisher größte Angriffsoperation des Krieges befehlen, um die Roten zu vertreiben: die für beide Seiten verlustreiche "Operation Hastings", an der 8000 Marine-Infanteristen und 3000 Südvietnamesen teilnahmen.
Anfang August entschlossen sich die USA zu einer neuen Eskalation. B-52 -Bomber begannen mit Flächen-Bombardements der entmilitarisierten Zone. Außenminister Dean Rusk warnte, wenn nötig, würden auch US-Bodentruppen an den Ben Hai vorstoßen, selbst der 17. Breitengrad wäre dann "nicht mehr sakrosankt".
Eine eingehende Studie des Pentagon ergab, daß der Krieg beim gegenwärtigen Einsatz von Flugzeugen und US -Truppen noch viele Jahre anhalten könnte. Unverzüglich wurde ein dritter Flugzeugträger in den Tonkin-Golf beordert und der Luftkrieg gegen Nordvietnam auf etwa 150 Einsätze pro Tag verstärkt.
Die Pentagon-Studie sagt aber auch daß für einen Sieg in Vietnam mindestens 750 000 amerikanische Soldaten notwendig wären, also fast dreimal so viele wie derzeit - und selbst damit könne der Krieg noch fünf Jahre dauern.
Von Nordvietnamesen getroffener US-Hubschrauber bei der "Operation Hastings": Nach zwei Jahren Bombenkrieg ...
... wankt der Glaube an die Bomben: Vor dem explodierenden Hubschrauber flüchtende US-Marine-Infanteristen

DER SPIEGEL 34/1966
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