29.08.1966

LANGEGenosse Genießer

Lebensmüde steckt der DDR-Großbauer Marski den Kopf in die Schlinge und fährt auf in den Schnürboden. Bald darauf schwebt er verwandelt herab: Er verschenkt sein Hab und Rittergut und geht vergnügt zur LPG.
"Marski", eine Komödie des DDR entlaufenen Dramatikers Hartmut Lange, 29, hatte am vorletzten Wochenende in Frankfurt Uraufführung. Das Stück vom süßeren Leben im Kollektiv traf die "FAZ" als "Unverfrorenheit", und Kritiker Joachim Kaiser ("Süddeutsche Zeitung") stieß auf "Ratlosigkeit in den Pausengesprächen".
Denn das Stück, noch in der DDR verfaßt, hält Eigentum für eine "böse Krankheit", läßt Ziegen reden ("Vorwärts! Bietet dem Feind die Stirn") und propagiert die LPG: "Dann geht's euch gut, ich bürge dafür."
Lange, neben Peter Hacks das auffallendste Jungtalent der Brecht-Schule, bot Frankfurt ein marxistisches Lehrstück über die ökonomische Bedingtheit des Menschen und ein Probestück literarischer Eleganz.
Das Lange-Stück (drei Stunden) spielt zur Zeit des Bauernlegens. Großbauer Marski, ein sinnenlustiger. Koloß aus Gargantuas Stamm, genießt Arbeit. Freß-Orgien und Freundschaft. Er genießt sie auf kapitalistischer und damit
- so Marx und Lange - schwankender
Basis.
Denn der Ausbeuter ist abhängig von den Ausgebeuteten: Marski schmeckt der Braten nur mit Freunden, und seine Freunde sind Kleinbauern, die nur aus Not für ihn arbeiten und gezwungen mit ihm essen.
Als die Morgenröte der LPG aufgeht, sinkt deshalb des Ausbeuters Stern: Die Mit-Esser ziehn zum Kollektiv, und mit den Genossen verliert Marski Appetit und Arbeitskraft. Der Hof verfällt, die hungernden Ziegen werden bockig, der Herr ohne Knechte greift zum Galgenstrick.
In Frankfurt lag Marski-Darsteller Hans Dieter Zeidler zuerst hemdlos im Bett und wölbte einen Kugelbauch. Dann ging er im schrägen Schritt der schweren Helden durch eine Inszenierung (Joachim Fontheim), die Todessehnen förderte. Sie war grob und fehlerhaft.
Ländliches Wesen hatte der Spandauer Metzgerssohn Hartmut Lange in Polen erforscht, als sein Vater 1940 zum Siedeln gen Osten zog. Nach dem Krieg brachte es Lange zum Unterprimaner, dann förderte er Braunkohle in Laubusch bei Senftenberg.
1957 ging er zur Ost-Berliner Filmhochschule, wo er über Shakespeare -Interpretationen zu Marx und den roten Renegaten (Kautsky, Bucharin) kam. 1960 wurde er wegen Renitenz entlassen.
Die Zeit mit Marx und Kohle hatte Folgen: Lange schrieb die "Senftenberger Erzählungen", ein Schauspiel über eine enteignete und verwahrloste Kohlengrube, die der Staat vom alten Besitzer aufbauen läßt. Lange schickte das Stück an Wolfgang Langhoff, damals Intendant des (Ost-Berliner) Deutschen Theaters.
Langhoff holte sich den Debütanten als Dramaturgen ins Haus, und Hacks, damals Langhoffs Chefdramaturg, erblickte einen "dürren Menschen mit abstehenden Ohren", von dem eines Tages zu erwarten war, daß er "die Mähne schüttelt und brüllt".
Der Tag kam, als Lange seinen "Marski" präsentierte. Hacks feierte das Stück in einem langen Essay als Exempel sozialistischer Klassik, denn Lange ließ - ironisch und virtuos - die Bauern in Goethe-Versen. Hölderlin-Hymnik und nach Art der Shakespeare-Helden reden.
So trägt Marski einen Heringsschwanz auf die Bühne und skandiert: "Von Gott verlassen und von allen Freunden, /entbiete ich euch diesen sauren Gruß." Und die Insassen des sozialistischen Lagers mahnen chorisch: "Sei doch nicht blöd und gib den Appetit / den Kühen, werd nicht Sklave deiner Sau."
"Marski" sollte unter Langhoff auf die Bühne. Aber 1963 wurde der Intendant gestürzt - er hatte das Hacks -Stück "Die Sorgen und die Macht" produziert, in dem die Genossin Emma Holdefleiß den Kommunismus definiert als "das Gegenteil von dem, was jetzt ist" Langhoff ging in ein Sanatorium. Hacks und Lange wurden entlassen, und "Marski" blieb auf dem Papier.
Im Sommer 1965 begann dann das Potsdamer Hans-Otto-Theater das Stück zu probieren, aber Marskis Wandel zum Marxisten kam nicht ans Rampenlicht: Ulbrichts Funktionäre verargten, daß die LPG "zu mickrig" und der Großbauer "zu sympathisch" sei, die "sozialistische Wirklichkeit" nicht genügend und die Partei überhaupt nicht erscheine.
Der Dramatiker - "Es ist das erste Mal, daß eine herrschende Klasse von Kunst nichts versteht" - zog die Konsequenzen: Im August letzten Jahres ging er mit Frau Wiebke und Sohn Robert, 3, über Jugoslawien westwärts.
"Die DDR", sagt Lange, "hat Treibhausbedingungen, um Talente zu entwickeln. Aber die Ergebnisse werden dann verboten." Er sei "unter den Fittichen der Inquisition" aufgewachsen und wolle nun keine "eingemauerte Nachtigall" sein.
In West-Berlin fand der "Emigrant" (Lange) bei Piscator Platz. Er kooperiert jetzt mit Berlins Schaubühne am Halleschen Ufer und dramatisiert die Kleist-Novelle "Die Marquise von O ..." aus der Italienerin wird eine preußische Gräfin, die ein Franzose aus Napoleons Garde schwängert. Lange will so die "Befruchtung des preußischen Geistes durch Frankreich" zeigen.
Der quicke Dialektiker sieht dramatisierbare Stoffmassen aber vor allem in der Geschichte der KPdSU. Sie ist so Lange - "archaisch" und damit "kunstfähig". Erstes Exempel: die Komödie "Marski"
Beim Studium der sowjetischen KP -Vergangenheit war Lange auf eine Kontroverse zwischen Stalin und dem Partei-Ideologen und "Prawda"-Chefredakteur Bucharin gestoßen - über die "Liquidierung der Kulaken als Klasse".
Bucharin wollte die Kulaken (Großbauern) unblutig für den Kommunismus gewinnen, um ihre Spezialkenntnisse für die Wirtschaft zu erhalten. Aber Stalin beschloß (1927) die Liquidierung, und 1938 wurde auch Bucharin nach einem Schauprozeß erschossen.
Im "Marski" ist - so Lange - die Kulakenfrage nun auf Bucharinsche Art gelöst. Denn der dicke Marski wird nicht zum mageren Kollektivisten ummontiert, sondern geht als "totalitärer Mensch" in ein kommunistisches Schlaraffenland ein. "Weil der Sozialismus fest sitzt", deutet Hacks, "können Marskis bürgerliche Tugenden (Genußfähigkeit, Spezialistentum) sozialistische Tugenden werden."
Lange, ein spärlicher Esser, konnte in der DDR ein Vorbild für den Genossen Genießer nicht finden. "Marski", sagt er, "ist ein Denkmodell."
Langes "Marski" in Frankfurt*: Mit Marx und sprechenden Ziegen.
Dramatiker Lange
... ins süße Leben der LPG
* Werner Eichhorn, Hans Dieter Zeidler.

DER SPIEGEL 36/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LANGE:
Genosse Genießer

  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen