05.09.1966

IRRTUMLicht und Stimmen

Der Bundeswehrgefreite Karl Schmidt*, 24, handelte sich für ein schwaches Stündchen acht Monate Gefängnis ohne Bewährung ein. Dazu wurde er - rechtskräftig - verurteilt, weil die Minnegefährtin der Justiz plausibel machte, sie habe den unkeuschen Karl für ihren pflichtbewußten Gatten gehalten.
Es war geschehen in der stockkatholischen (acht Prozent Protestanten) Bischofsstadt Trier, wo Soldat Schmidt freie Wochenenden mit einer Freundin, Fräulein Müller, verbrachte. Durch sie lernte er die Eheleute Pätschke kennen, doch nicht ungeteilt schätzen. Er mutmaßte, Ehemann und Rentner Pätschke stelle dem Fräulein Müller nach. Es kam zu Streit und Trennung.
In der Silvesternacht kurierte der Soldat Schmidt seinen Liebeskummer einsam in einem Lokal der Trierer Altstadt mit zahlreichen Schoppen. Gegen vier Uhr früh machten ihn zwei Promille Blutalkoholgehalt geneigt, der vermeintlich Treulosen zu verzeihen. Er wankte zur Wohnung der Eheleute Pätschke. Aus einem Erdgeschoß -Fenster drangen Licht und Stimmen. Rentner Pätschke plauderte mit einer Frau, die Lauscher Schmidt fälschlich für Fräulein Müller hielt.
Traurig trollte er sich ums Haus. An der Rückfront brannte im ersten Stock ebenfalls noch Licht. An einer Laube kraxelte der Gefreite hoch und blickte in das Pätschke-Schlafzimmer, wo Frau Hilde, 34, bereits schlief. Sie hatte sich kurz vor vier Uhr, vom Alkohol ermüdet, zur Ruhe gelegt und die Nachttischlampe ihres Mannes brennen lassen, da sie annahm, er würde sein Lager auch bald aufsuchen.
Schmidt drückte das angelehnte Fenster auf, stieg ein, knipste das Licht aus, schloß die Tür ab und tastete sich zum Bett der Schläferin hin, Frau Hilde erwachte, sah "die Umrisse eines Mannes", schlug die Bettdecke zurück und kommandierte: "Komm!"
Wortlos gehorchte der Soldat. Doch als er der ersten Umarmung sogleich, eine zweite folgen lassen wollte, wurde Frau Hilde "stutzig". Erst jetzt, so sagte sie später aus, habe sie den Irrtum bemerkt.
Dennoch schlug sie keineswegs Alarm, sondern "beschwor" den Besucher lediglich, durchs Fenster zu retirieren. Wieder gehorchte der Soldat.
Die Justiz hielt in drei Instanzen (Schöffengericht und Landgericht in Trier, Oberlandesgericht in Koblenz) die Aussage von Frau Hilde für glaubwürdig, sie habe sich nur infolge eines Irrtums dem Gefreiten hingegeben. Daher sahen die Gerichte den Angeklagten eines Verbrechens für überführt an: Erschleichung des außerehelichen Beischlafs.
Die Tatsache, daß der junge Angeklagte 1,80 Meter groß und schlank war, der 40jährige Ehemann hingegen rundlich, nur 1,65 Meter groß und obendrein noch oberschenkelamputiert (rechtes Bein), berücksichtigten die Richter nicht.
Der Einwand des Angeklagten, es widerspreche "den Erfahrungen des täglichen Lebens", daß ein Ehemann gestiefelt und in voller Bekleidung zu seiner Frau ins Bett schlüpfe, verfing ebensowenig wie Schmidts Versicherung, er habe Frau Hilde ja keineswegs "verleitet", wie es der Paragraph 179* des Strafgesetzbuches verlange.
Das Oberlandesgericht Koblenz dekretierte, aus den Entscheidungen der Vorinstanzen seien keine "Verstöße gegen die Denkgesetze oder die Grundsätze der allgemeinen Lebenserfahrung ... ersichtlich". Und konkreter: "In diesem Falle besteht das 'Verleiten' zur Gestattung des Beischlafs in der Ausnützung des vom Täter erkannten Irrtums" - und Frau Hilde habe sich zweifellos in einem Irrtum befunden.
Justizkollegen aus Koblenz, bei denen Schmidts Anwalt nachforschte, wie es zu "dieser bedenklichen Entscheidung" kommen konnte, kommentierten knapp: "Typisch Trier, Herr Kollege."
* Die Namen aller Beteiligten sind von der Redaktion geändert worden.
* Paragraph 179 StGB: Wer eine Frau zur Gestattung des Beischlafs dadurch verleitet, daß er eine Trauung vorspiegelt oder einen anderen Irrtum in ihr erregt oder benutzt, in welchem sie den Beischlaf für einen ehelichen hielt, wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft.
Trier in der Silvesternacht: "Umrisse eines Mannes"

DER SPIEGEL 37/1966
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