05.09.1966

ÖSTERREICH / KAISERSCHATZRosa Tropfen

Am Morgen des 1. November 1918, wenige Tage vor dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen k.u.k. Monarchie, ließ sich Karl I., letzter Kaiser von Österreich und König von Ungarn, die Personalakte des Wiener Polizeichefs, Hofrat Schober, geben.
Der Monarch studierte das Papier und erregte sich: "Wie? Schober ist immer noch Hofrat und bloß Leiter der Wiener Polizei? Mit sofortiger Wirksamkeit ist er zum Polizeipräsidenten zu machen. Außerdem verleihe ich ihm das Großkreuz des Franz-Joseph-Ordens."
Bereits am Abend desselben verregneten Allerheiligentages dankte der Geehrte seinem Souverän: Ungehindert von Schobers Polizei durften der k.u.k. Oberstkämmerer Graf Berchtold und ein paar Kaisertreue die Schatzkammer der Wiener Hofburg betreten und in allerhöchstem Auftrag wertvolle Kronjuwelen aus den Schau-Vitrinen VII und XIII in riesigen Koffern abtransportieren. Ihre wichtigste Beute:
- die diamantene Krone der Kaiserin
Elisabeth im Wert von drei Millionen Kronen - heute etwa 16 Millionen Mark - und
- die österreichische Kaiserkrone, der imperiale Kopfschmuck Kaiser Rudolfs II. aus dem Jahre 1602.
Was danach mit dem geraubten Geschmeide geschah, beschäftigt österreichische Historiker - Monarchisten wie Republikaner - seit nunmehr fast 50 Jahren. Die einen wähnten die Juwelen irgendwo in Afrika, die anderen wohlverschlossen in den Banktresoren der exilierten Habsburger.
Tatsächlich jedoch, so enthüllen die in dieser Woche erscheinenden Memoiren des Schweizer Juweliers Alphonse de Sondheimer, wurde der Millionenschmuck zersägt, zerschlagen, zerbrochen und verkauft*.
Drei Tage nach dem Raub in der Hofburg, so berichtet Sondheimer, wurden die Juwelen mit der Bahn in ein Schweizer Kloster geschafft. Und da Karl, der seinem Schmuck am 24. März 1919 folgte, nicht Gold, sondern Geld brauchte, um wenigstens in Ungarn die Wiedereinführung der Monarchie vorbereiten zu können, verbündete sich sein geschäftstüchtiger Sekretär Bruno Steiner de Valmot mit einem Händler in Kronjuwelen - Alphonse Sondheimer.
Der Schweizer war Experte im diskreten Versilbern entthronter Juwelen. Durch seine Hände gingen - so behauptet er in seinen Memoiren - die Pretiosen derer von Sachsen-Altenburg, die portugiesischen Kronjuwelen der Maria Pia, das Gold des Hauses Sachsen; zu seiner Klientel gehörten Kaiser Wilhelm II., Erzherzog Friedrich und zahlreiche Großfürsten.
Sondheimer war bereit, das "angebotene Objekt" für "15 bis 18 Millionen Schweizer Franken" zu kaufen. Doch Sekretär Steiner bot die Schmuckstücke nur einzeln an. Wichtigste Auflage: Um den erlauchten Auftraggeber nicht zu decouvrieren, sollten alle Schmuckstücke in Sondheimers Büro ausgebrochen ("demontiert"), die Etuis wie auch die "Fassungen ohne Steine" zurückgereicht werden.
Als erstes demontierte Sondheimer zwei Goldarmbänder von je fünf Zentimeter Breite mit Smaragden von "schauriger Qualität", für die der Juwelier 35 000 Franken zahlte. Dann folgten andere Stücke.
Smaragde wurden zersägt, Colliers und Diademe zerbrochen, Brillanten mit einem Stichel aus den Fassungen gelöst, der berühmte "Florentiner" - der lange als viertgrößter Edelstein der Welt galt - von der Spitze einer Agraffe gelöst und zerteilt.
Sondheimers herbste Enttäuschung: Die berühmten "Rosa Tropfen", Brillanten aus dem Besitz der Kaiserin Maria Theresia, entpuppten sich im Benzinbad als "zwei vollständig mißfarbene Brillanten von sehr geringem Wert", während sich-das farblose Benzin intensiv rosa färbte.
Auf 78 eng beschriebenen Folio-Seiten, die auf Umwegen erst jetzt an den Zsolnay-Verlag gelangten, schildert Sondheimer (der Ende der fünfziger Jahre in den USA starb) die Zerstörung der Kronjuwelen und seine Transaktionen für den Ex-Kaiser. Der - anonyme - Herausgeber der Sondheimer-Erinnerungen kommt zu dem Schluß: Der Verkauf der Kronjuwelen war "eines der schlechtesten Geschäfte der Welt überhaupt".
Denn: Trotz des Juwelen-Erlöses gelang es Karl nicht, die Ungarn wieder zur Monarchie zu bekehren. Zwar reiste er zweimal zum Putschversuch nach Ungarn - zuerst mit einem gefälschten spanischen Paß im Zug bis Wien und dann mit dem Taxi über die Grenze; das andere Mal mit Gattin Zita in einem Junkers-Sportflugzeug, das der Exil-Monarch einem Amerikaner abgekauft hatte -, aber vergebens: Karl wurde verbannt; er starb 1922 in Madeira.
Noch 1921 hatte "Kaiser Karl, der mir stets wohlgesinnt war" (Sondheimer), den Juwelier in den Adelsstand erhoben.
Der Schweizer glaubte zu wissen, wofür: Von den Schätzen aus Vitrine VII und XIII blieben nur zwei Pretiosen erhalten: die Krone der Elisabeth, von der sich die verarmte Kaiserfamilie nicht trennen mochte, und die österreichische Kaiserkrone. Diese Krone, so brüstet sich Sondheimer, habe er gerettet. Sondheimer laut Sondheimer zu Karls Unterhändlern, die das historische Stück ursprünglich auch demontieren lassen wollten: "Eine Kaiserkrone ist nun mal eine Kaiserkrone!"
Die monarchische Kopfbedeckung kehrte zurück nach Wien. Zusammen mit der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ruht sie heute wieder in der Schatzkammer der Hofburg - "ob aber noch mit den Diamanten des eigentlichen Kronreifs", sc argwöhnt der anonyme Herausgeber der Sondheimer-Memoiren, "oder, derselben bereits beraubt, mit Imitationen aus Amethyst oder Bergal, könnten nur noch ... Fachleute feststellen".
* Alphonse de Sondheimer: "Vitrine XIII - Geschichte und Schicksal der österreichischen Kronjuwelen". Paul Zsolnay Verlag. Wien/ Hamburg; 212 Seiten; 16,80 Mark.
Gerettete österreichische Kaiserkrone
Der gestürzte Monarch ...
Kaiser Karl I.
... wollte mit entführten Juwelen ...
Verschwundene "Florentiner"-Agraffe
... den Thron zurückerobern

DER SPIEGEL 37/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 37/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ÖSTERREICH / KAISERSCHATZ:
Rosa Tropfen

Video 03:29

Steigende Mieten "Wir haben richtig Muffensausen"

  • Video "Hohe Sicherheitskosten: Teurer Putin-Walzer mit der österreichischen Außenministerin" Video 01:09
    Hohe Sicherheitskosten: Teurer Putin-Walzer mit der österreichischen Außenministerin
  • Video "Waldbrände in Kanada: Riesige Rauchschwaden verdunkeln Himmel" Video 00:50
    Waldbrände in Kanada: Riesige Rauchschwaden verdunkeln Himmel
  • Video "Ein Jahr nach Flucht und Vertreibung: Ich würde gerne zur Schule gehen" Video 02:53
    Ein Jahr nach Flucht und Vertreibung: "Ich würde gerne zur Schule gehen"
  • Video "Gerade noch mal gut gegangen: Autos passieren Brücke bei reißendem Hochwasser" Video 00:54
    Gerade noch mal gut gegangen: Autos passieren Brücke bei reißendem Hochwasser
  • Video "Monsunkatastrophe in Indien: Tausende Menschen harren auf Dächern aus" Video 01:30
    Monsunkatastrophe in Indien: Tausende Menschen harren auf Dächern aus
  • Video "Webvideos der Woche: Bitte nicht nachmachen!" Video 02:52
    Webvideos der Woche: Bitte nicht nachmachen!
  • Video "Trauerfeier in Genua: Die Stimmung ist gespalten" Video 02:18
    Trauerfeier in Genua: "Die Stimmung ist gespalten"
  • Video "Südafrika: Überraschungsgäste am Pool" Video 00:26
    Südafrika: Überraschungsgäste am Pool
  • Video "Unkluge Aktion: Tourist provoziert Strauß" Video 00:39
    Unkluge Aktion: Tourist provoziert Strauß
  • Video "Auszug aus Telefonmitschnitt: Omarosas Schweigegeld-Vorwurf gegen Trump" Video 01:30
    Auszug aus Telefonmitschnitt: Omarosas Schweigegeld-Vorwurf gegen Trump
  • Video "Monsunkatastrophe in Indien: Premier Modi besucht Krisengebiet" Video 01:08
    Monsunkatastrophe in Indien: Premier Modi besucht Krisengebiet
  • Video "Marcelos Tricktreffer: Hinterm Tor, Innenpfosten und rein" Video 00:29
    Marcelos Tricktreffer: Hinterm Tor, Innenpfosten und rein
  • Video "Lkw-Fahrer überlebt Katastrophe von Genua: Ich war unter der Brücke." Video 01:14
    Lkw-Fahrer überlebt Katastrophe von Genua: "Ich war unter der Brücke."
  • Video "Nach Katastrophe in Genua: Ortstermin an der Rader Hochbrücke" Video 02:31
    Nach Katastrophe in Genua: Ortstermin an der Rader Hochbrücke
  • Video "Steigende Mieten: Wir haben richtig Muffensausen" Video 03:29
    Steigende Mieten: "Wir haben richtig Muffensausen"