12.09.1966

BONN / HASSELGlanz ohne Gloria

Als Kanzler Adenauer vor vier Jahren einen neuen Verteidigungsminister suchte, wollte er diesmal sichergehen: "Weil der Herr Strauß wegen der SPIEGEL-Sache sowieso wegmuß, möchte ich jetzt einen ruhigen, guterzogenen, feinen Mann auf diesem Posten haben."
An die Stelle des hemdsärmligen Bayern Franz-Josef Strauß setzte Adenauer den norddeutschen Kleinadligen Kai-Uwe von Hassel.
Die Generals-Krise der Bundeswehr in diesem Sommer bewies: Der alte Kanzler hatte sich geirrt. Der Edelmann aus dem Norden benahm sich weder guterzogen noch fein, als den Streitkräften der Bundesrepublik ihre bisher schwerste Prüfung auferlegt wurde. Statt die Ihm gegebene Verantwortung voll zu übernehmen, schob der Kriegsherr alle Schuld auf seine Untergebenen. Statt selbst seinen Rücktritt anzubieten oder auch nur in Erwägung zu ziehen, erteilte er zwei der höchsten deutschen Soldaten, dem General -Inspekteur Trettner und dem Luftwaffenchef Panitzki, einen schmählichen Abschied.
Der so erschlichene politische Sieg ist in Wahrheit eine moralische Niederlage, der scheinbare Sieger ist der Geschlagene. Minister von Hassel ist nur noch ein Minister auf Zeit. Er hat das Vertrauen von Soldaten und Öffentlichkeit verloren und wird allein von einem Parallelogramm der Schwäche gehalten: Wenn Hassel stürzt, ist Erhard in Gefahr.
Faktisch ist damit Deutschlands dritter Nachkriegswehrminister bereits wie seine beiden Vorgänger gestrandet:
- Theo Blank (Verteidigungsminister von 1955 bis 1956) mußte gehen, weil er nervlich den Bürden des Amtes nicht mehr gewachsen war.
- Franz-Josef Strauß (Verteidigungsminister von 1956 bis 1962) mußte seinen Platz räumen, weil er, in eine Vielzahl von Affären verstrickt, zum reinen Selbstverteidigungsminister wurde.
- Kai-Uwe von Hassel (Verteidigungsminister seit 1963) durchlebt einen Sturz auf Raten, weil seine Fähigkeiten für das anspruchsvolle Bonner Ministeramt nicht ausreichen. Der SPIEGEL berichtete im Mai dieses Jahres, daß der US-Verteidigungsminister McNamara über seinen Amtsbruder von Hassel so geurteilt habe: "Ein Mann mit mittlerer Intelligenz und begrenzter Auffassungsgabe**."
In Bonns Superministerium auf der Hardthöhe (1851 Zivilisten und 1279 Soldaten in 2250 Büros) sprachen Beamte und Offiziere bald geringschätzig über ihren dritten Chef: "Unser Notabiturient."
Dieser Mann gebietet als Oberbefehlshaber über 400 000 Soldaten, 1000 Flugzeuge, 2000 Panzer und 200 Schiffe - die zahlenmäßig stärkste Militärmacht Kontinentaleuropas. Er verfügt jährlich über 17,5 Milliarden Mark - ein Viertel des Bonner Staatshaushaltes.
Wie bei seinen Vorgängern Blank und Strauß war auch die Berufung Hassels zum Verteidigungsminister Produkt der taktisch bedingten Personalpolitik Konrad Adenauers.
Adenauer hatte Blank mit dem Aufbau der Bundeswehr beauftragt, weil er in der Ohne-mich-Zeit einen unverdächtigen Gewerkschaftler als Militärchef brauchte.
Strauß avancierte zum Wehrminister, weil er Blanks Verteidigungspolitik lautstark kritisierte und Adenauer den ungebärdigen Bayern am besten durch Beförderung beschwichtigen konnte.
Hassel verdankt seine Ernennung dem Wunsch Adenauers, nach sechs Jahren Strauß einen weniger strapaziösen Mann an die Spitze der Bundeswehr zu stellen.
Der alte Kanzler kannte Kai-Uwe von Hassel, damals Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, aus langer gemeinsamer Parteiarbeit. Seit 1956 gehörte er zu Adenauers Stellvertretern in der CDU-Spitze, 1961 organisierte er den letzten Bundestagswahlkampf des CDU Patriarchen und führte ihn ganz nach Adenauers Geschmack: mit dem antisozialistischen Holzhammer.
Als Adenauer vor der Presse in Bonn am Vorabend der Wahl Im September 1961 auf die Frage, ob Bonn weiterhin auf Mitbesitz an atomaren Sprengköpfen verzichte, eine sensationelle Enthüllung unterlief, paukte Hassel ihn aus der Patsche. Adenauer damals zu Journalisten: "Was nützen mir die Träger, wenn ich die Köpfe nicht habe."
Hassel, der neben dem Kanzler saß, sprang auf und griff nach dem Mikrophon: "Der Herr Bundeskanzler meinte, daß der Standpunkt der Bundesregierung unverändert ist. Sie erstrebt keinen nationalen Besitz von Atomwaffen."
Ansonsten empfahl sich der Schleswig-Holsteiner dem Zivilisten Adenauer als Reserveleutnant des Zweiten Weltkrieges, aus dem er mit dem Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse zurückkehrte, und als wehrbegeisterter Politiker.
Während seiner 429 Kieler Wochen liebte er es, mit Feldstecher, Pudelmütze und Ölzeug auf Wasserfahrzeugen der Bundesmarine zu gastieren.
Politisch kam in der endenden Ära Adenauer zupaß, daß sich nach zwei Katholiken an der Spitze der Bundeswehr ein Protestant anbot, nach einem Bayern ein Norddeutscher, nach einem Handwerkersohn ein Adelssproß, nach dem weißblauen Strauß der schwarzweißrote von Hassel.
Bei Amtsantritt war der neue Mann Im Verteidigungsressort 49 Jahre alt. Daß ihr neuer Oberbefehlshaber dem Auslandsdeutschtum entstammte, konnten Deutschlands Bundeswehrsoldaten alsbald in einer von Hassel autorisierten Broschüre für 2,20 Mark nachlesen***. Sie trägt den Stempel nationalen Kitsches, wie früher die Lesebuchgeschichten über Hohenzollernprinzen und wie er heute bei der Traditionspflege in der Bundeswehr wieder üblich geworden ist:
"Der Hauptmann der Reserve Theodor von Hassel nahm das Fernglas von den Augen. Nachdenklich strich er sich den martialischen Schnurrbart. Denn was er erblickte, befremdete ihn.
"Los, schneller", rief er den schwarzen Boys zu, die mit dem kostbaren Elfenbein eines großen Elefanten beladen, die Anhöhe der Usambara-Berge hinaufkeuchten. Theodor von Hassel war einer der berühmtesten Elefantenjäger seiner Zeit - und er kehrte von erfolgreicher Jagd zurück.
"Nichts hatte er erblickt, um genau zu sein. Keine Bewegung. Das grasgedeckte Pflanzerhaus, aus Lehm gebaut und mit Kalk sorgfältig geweißt, lag seltsam verlassen. Nur eine dünne Rauchfahne stieg aus dem Kamin.
"'Keine Menschenseele', brummte er in seinen Schnauzbart. 'Na, so was.'
"Doch seine verfinsterten Züge hellten sich auf, als sein Jägerohr bald darauf ein feines, krächzendes Geräusch vernahm, ein ungewohntes, doch seltsam vertrautes.
"Man schrieb den 21. April 1913. Frau Emma hatte soeben ihr drittes Kind geboren. Erschöpft, doch glücklich lächelnd, lag sie in den Kissen. 'Ein Junge', sagte sie. 'Er wird gewiß ein großer Jäger werden.'
"Eltern ahnen selten richtig, was aus ihren Kindern wird. Frau Emma jedenfalls irrte sich gewaltig.
"Was da, im entlegensten Afrika, gerade in seine ersten Windeln gepackt wurde, war ein künftiger Staatsmann, ein Minister, ein Regierungschef. Nur die kräftige Stimme des jungen Herrn hätte vielleicht auf solche Entwicklung schließen lassen. Aber auch dies ist leider kein verläßliches Merkmal. "Sie nannten das Kind Kai-Uwe."
49 Jahre später frotzelte Hassels CSU: Parteifreund Franz Xaver Unertl im Bonner Bundeshaus: "Kai-Uwe, das ist doch kein Vorname, das ist Kisuaheli."
Nach dem Ersten Weltkrieg - Hassel senior kämpfte in der Schutztruppe unter Lettow-Vorbeck - wurde der deutsche Pflanzersohn mit seinen Eltern vom englischen Feind aus der kolonialen Heimat vertrieben.
Vater Theodor sammelte die Familie im schleswigschen Glücksburg. Sie bezog ein Haus im neufriesischen Stil, das aussieht wie ein stillgelegter Kleinbahnhof.
Obertertianer Kai-Uwe wollte Gartenarchitekt werden. Drei Jahre später, auf Unterprima, blieb er Ostern sitzen. Hassel, sonst nicht gerade humorvoll: "Es war das schönste Schuljahr, nicht nur wegen der roten Mütze. Ich habe es mit Vergnügen zweimal gemacht."
Mit der Kolonialjugend erwanderte sich der nationalgesinnte Jungmann sein Vaterland, erstieg den Brocken und durchstreifte das Weserbergland. Mit schwarzweißrotem Wimpel am Fahrrad strampelte er von der Maas bis an die Memel.
Der schmalbrüstige Abiturient kam in die Landwirtschaftslehre und übte Furchen ziehen, Kühe melken, Mist fahren und Säcke tragen. Anfangs konnte er kaum einen 60-Pfund-Sack heben. Sechs Monate später astete er mühelos Zwei-Zentner-Säcke drei Treppen hoch.
Noch vor seiner Soldatenzeit im Krieg und seiner Oberbefehlshaberzeit im Frieden kam er erstmals mit Pulver und Dampf in nähere Berührung, als er das Sprengmeisterexamen machte.
Bald danach rief ihn die Wildnis wieder. Am gleichen Tage, als Adolf Hitler in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht einführte, verließ der 21jährige Europa. Im alten Deutsch-Ost, durch den Versailler Vertrag unter englische Mandatsherrschaft geraten, pflanzte der deutsche Kolonialsiedler als Farmverwalter Sisal, Kaffee und Kokos.
Auf der Plantage Kikongo schlichtete Bwana von Hassel Negerstreitigkeiten mit der landesüblichen Tracht Prügel.
Ein britischer Soldat riß Hassel vier Jahre später aus deutschen Pflanzerträumen: "Sie sind interniert." Es war am 3. September 1939, um 13.50 Uhr (Daressalam-Zeit), 50 Minuten nach Ausbruch des neuen Krieges zwischen England und Deutschland.
Heim ins Reich geschafft - dank eines deutsch-britischen Austausch-Transportes -, eilte er zu Weib und Waffen. Kai-Uwe (Uke) heiratete Elfriede (Elfi) Frölich, Kameradin aus der Kolonialjugend, Tochter des einstigen Hafenkapitäns von Deutsch-Samoa und jahrelang als achtjährige Kinderschönheit auf Nivea-Werbephotos.
In die Flitterwochen platzte der Gestellungsbefehl. Funker von Hassel avancierte in zwei Jahren bei der Nachrichtentruppe des Heeres vom gemeinen Mann am Klappenschrank zum Leutnant der Reserve. Solide Englisch -Kenntnisse befähigten ihn zum Auswerter aufgefangener Feind-Funksprüche. Nebenbei unterrichtete er künftige Afrika-Eroberer in Kisuaheli.
In Logistik war er weniger gut. Nach den Kapitulationsverhandlungen der Wehrmacht in Italien 1945 bereitete sich Hassel, inzwischen bei einem Divisionsstab, auf amerikanische Kriegsgefangenschaft vor und schickte vorsorglich die zufällig geretteten 4000 Flaschen Kognak aus den Marketender -Beständen seiner Division ins nächste US-Camp voraus. Die Amis nahmen Hassels Flaschen, nicht aber die Soldaten - die Division wurde in ein britisches Lager abgeschoben.
Auf dem Heimtransport in Richtung Norden stoppte US-Militärpolizei in Ulm den Zug, weil Belgien Bergarbeiter brauchte. Hassel hatte Glück: Die Landser fuhren in die Grube, Kai-Uwe von Hassel - als Offizier - heim nach Glücksburg. Hassel zu dem amerikanischen Entlassungsoffizier: "Ich spreche Englisch - draußen kann ich meine Zeit vernünftiger anwenden."
Fürs erste freilich handelte er eher unvernünftig. Bei seinem Eintritt in Staatsdienste (als Verbindungsmann des Landkreises Flensburg zu den britischen Besatzern und als Wohnungskommissar im überfüllten Flüchtlingsland) kämpfte er ahnungslos um niedrigeres Gehalt. Die ihm angebotene Angestellten-Tarifklasse VI b schlug er aus und bestand auf TOA VII. Er wußte nicht daß die Angestelltenbezahlung im öffentlichen Dienst mit sinkender Tarifklassenzahl steigt.
Später war Hassel erfolgreicher. Binnen neun Jahren kletterten seine Monatsbezüge von 267 Mark auf 4900 DM, das Gehalt eines Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein.
Der deutschnationale Afrika-Pflanzer hatte gleich nach dem Kriege seine politische Heimat in Konrad Adenauers christlicher Volksgemeinschafts-Partei gefunden. Heinrich Lübkes großer Bruder Friedrich Wilhelm - erst Landrat in Flensburg, dann Landesvater in Kiel - nahm sich des jungen Parteieleven an. Als Lübke 1954, krebskrank, starb, rückte sein Jünger nach.
Pflichteifrig machte Hassel sich zu schaffen. Landauf, landab sprach er zu Schleswig-Holsteins bodenverbundenen Bauern und zog gegen alles Undeutsche zu Felde.
- Gegen Emigrantentum: "Ich kann
diese Schicksalsgemeinschaft nicht verlassen, wenn es mir persönlich gefährlich erscheint, und ihr wieder beitreten, wenn das Risiko vorüber ist."
- Gegen Sozialisten: "Solange noch alle anti-soldatischen Affekte in mannigfaltiger Form kultiviert werden, glaube ich den Sozialdemokraten nicht, daß es ihnen ernst ist, mit der Notwendigkeit einer wirksamen Landesverteidigung."
- Gegen Gottlosigkeit: "Man propagiert ein positives Verhältnis zur Kirche aber man subventioniert den Freidenkerbund. Man animiert die Eltern zur Jugendweihe; aber man scheut sich nicht, kirchliche Institutionen verächtlich zu machen und mit allen Mitteln den Religionsunterricht zu erschweren."
Schon damals entwickelte Hassel ein besonderes Baukastensystem zur Montage seiner Ansprachen, mit denen er noch heute als Verteidigungsminister die Zuhörer zu, fesseln versteht: In einem Zettelkasten sind die schwarzweißroten Spruchweisheiten auf gelben Karteikarten - nebst Regiesymbolen für Betonung und Gestik - archiviert.
Je nach Anlaß werden die Spruchkarten in wechselnder Folge in einen Ringhefter geklemmt, und so kommt jedesmal eine Kieler Melange zum Vorschein; die Hassel mit tönendem Pathos Karte für Karte abliest.
Mit solchem rednerischen Kunstgewerbe trat der in Verwaltungspraxis erfahrene schleswig-holsteinische Landesvater im Januar 1963 bei Konrad Adenauer seinen Dienst für die Bundeswehr an. Wie bisher die meerumschlungene Wahlheimat, so wollte er fortan die größte Streitmacht Westeuropas verwalten und mit patriotischen Reden führen.
Der adelige Herr mit dem schwarzen Ulster, dem makellosen Homburg und dem stets blütenweißen Cachenez wurde von Offizieren und Truppe mit hohen Erwartungen empfangen.
Dem ausgeschiedenen Minister Franz -Josef Strauß mit seinen folkloristigchen Umgangsformen hatten die Militärs in seiner unruhigen Schlußphase mit Kasinoschnoddrigkeit eine Juxform seiner amtlichen Titelabkürzung angehängt: BMVtdg - nicht Bundesminister der Verteidigung, sondern "Bayrischer Metzgerssohn verärgert tapfere deutsche Generale."
Hingegen lautete das erste Urteil der Generale über Strauß-Nachfolger Hassel: "Der Mann ist nett, rührend, reizend."
Hassel komplettierte seinen Zettelkasten alsbald mit Sprüchen, die deutsche Offiziersherzen höher schlagen ließen: "Die Besten sollen Soldat werden. Es soll wieder eine Ehre sein, gedient zu haben."
Zur Besserstellung der neudeutschen Armee leistete Hassel nach Kräften Beiträge. Er
- pflegte die Tradition mit Fahnen, Litzen und Lametta, mit Gesellschaftsanzug fürs Offizierskorps und Generalsnamen für Kasernen;
- förderte den Bau von Offizierskasinos und Unteroffizierskantinen;
- richtete den Unteroffizieren Fortbildungsschulen ein;
- erfocht seinen Soldaten beim Finanzminister die geliebte alte deutsche Militärfahrkarte.
Die Grundprobleme der im Goldgräbertempo aus dem Boden gestampften Armee blieben dem neuen Minister jedoch unzulänglich.
Beherrscht waren die Schwierigkeiten der Bundeswehr von Anfang an durch eine Kalamität, die in der hektischen Aufbauphase unter Blank und Strauß überspielt worden war. Mit Hassels Amtsantritt ("Jetzt muß eine Phase der Konsolidierung kommen") kam sie erst richtig zutage: das durch Hitlers Krieg und alliierte Re-education gestörte Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft und Armee.
Die im Kriege geschlagenen und nach ihrer Kapitulation geschmähten Berufssoldaten vermochten sich unter den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen im geteilten Deutschland nur schwer zurechtzufinden.
In einer Zeit, da die Deutschen bis zum letzten Bleisoldaten und Kanonenofen abgerüstet waren, blieb das Ob, Wozu und Wie einer neuen Landesverteidigung unbewältigt.
Fünf Jahre alliierter Schulungsarbeit hatten sogar nationale deutsche Politiker zu Pazifisten gemacht.
Der spätere Wiederbewaffnungskanzler Adenauer noch 1949: -"Ich bin prinzipiell gegen eine Wiederbewaffnung der Bundesrepublik." Sein späterer Verteidigungsminister Strauß 1950: "Wir haben keine Lust, mit unserem Blut die Grenze zu verteidigen, die die Dummheit der anderen geschaffen hat."
Die Nation war erschlagen, das Land geteilt. Nicht ethische Begriffe, wie die Offiziere, sie nach preußischer Tradition gelernt hatten - Vaterland, Pflichterfüllung und Ehre -, regierten die neue Gesellschaft, sondern materielles Denken, wie Ludwig Erhard es seinem Konsumvolk predigte - Geld, Gut und Wohlleben.
Waren schon diese Fragen nicht gültig beantwortet, so mochten sich die einst auf Angriffskrieg gelernten Wehrmachts-Offiziere, die ihre letzten Kampferlebnisse mitten in Deutschland mit ergrauten Volkssturmmännern geteilt hatten, kein Bild von einem künftigen Abwehrkrieg auf deutschem Heimatboden unter atomaren Bedingungen machen. Und bis heute ist umstritten, wie das schmale Handtuch Bundesrepublik verteidigt werden soll: mit dem MG 42 oder mit Nuklearraketen.
Unberührt von den Gewissensqualen seiner künftigen Schwarzrotgold-Armisten begann im Sommer 1950 just der Urzivilist Adenauer Deutschlands neues Spiel mit Wehr üud Waffen. Um die neugegründete Bundesrepublik fest und stark ins westliche Bündnis mit Amerik einbauen zu können, brauchte er eine militärische Mitgift.
Gleichwohl bewahrte sich Adenauer Mißtrauen gegen alles Militärische. Wie der ganze Bonner Staatsapparat, so wurde auch die nachgeborene Bundeswehr - unter dem Trauma konzipiert: Was in der Weimarer Republik geschah, darf nicht wieder passieren.
Die Zauberformel für die Domestizierung der Kriegsschüler des kaisertreuen Republikgenerals Seeckt lautete: Primat der Politik.
In deutscher Perfektion wurde aus diesem legitimen demokratischen Anspruch die Vorherrschaft ziviler Administration in Bonns Militärbereich.
Dazu der verabschiedete Generalinspekteur Trettner: "Am Anfang stand eine große Unehrlichkeit. Das Ministerium ist im Geiste der Bevormundung der Militärs organisiert."
Zur Kontrolle der neuangeworbenen Soldaten erfanden die Bonner Aufrüster ein Sortiment von Patent-Fesseln:
- unter dem politisch verantwortlichen Minister und über dem ranghöchsten General rangiert ein ziviler Staatssekretär als Spitzen-Wehrbeamter;
- ein ziviler Wehrbeauftragter des
Parlaments überwacht das Verhalten der Vorgesetzten in der Bundeswehr gegenüber ihren Untergebenen;
- ein Generalstab nach preußischem Muster wurde nicht wieder eingeführt, die Bundeswehr als einzige Nato-Armee ohne nationales Eigenkommando dem Bündnis unterstellt;
- den Inspekteuren der Teilstreitkräfte und dem Generalinspekteur der Bundeswehr steht im Gegensatz zu früheren Wehrmachtsbefehlshabern keine Disziplinar- und Kommandogewalt zu;
- die gesonderte Militärgerichtsbarkeit fiel weg, die Soldaten unterstehen zivilen Gerichten;
- die militärischen Führer verloren
das Kommando über die Truppenverwaltung, die zivilen Intendanten übertragen wurde.
Dieses System doppelgleisiger Truppenführung unterstand vom ersten Tage an einem Manne, der seiner Herkunft nach allergisch auf militärisches Hackenschlagen reagiert: Ministerialdirektor Ernst Wirmer, 56, Bruder des zivilen Widerstandskämpfers Dr. Joseph Wirmer, der nach dem 20. Juli 1944 gehenkt wurde. Als Leiter der Hauptabteilung für Administrative Angelegenheiten ist Wirmer dem Generalinspekteur gleichgestellt.
Von Konrad Adenauer, dessen erster persönlicher Referent er war, ein Jahr im Kanzleramt geschult, übernahm Ernst Wirmer schon unter Theo Blank den Neuaufbau der Wehrverwaltung. Die bei Offizieren wie Landsern als "Kasemattenbären" gleich unbeliebten Zahlmeister kamen - nun in Zivil - bei Wirmer unter.
Wirmer 1951: "Es geht nicht, daß die Offiziere die feinen Pinkel sind und wir nur die Verwaltungsbullen."
Seither haben die Kommandeure keinen direkten Einfluß mehr auf Verpflegung, Bekleidung und Unterkunft ihrer Soldaten. Frisch in Amt und Würden, überzogen die zivilen Zahlmeister die junge Truppe mit unermeßlichem Papierkrieg.
Wenn Soldaten beispielsweise über schlechtes Essen klagen, kann sich der Kompaniechef nicht wie früher den Küchenfeldwebel kommen lassen und ihn zur Rede stellen. Er muß sich auf umständlichem Wege an den Verwaltungsführer wenden, der sich den Vorwürfen meist hinter einem Berg von Vorschriften entzieht.
Trettner: "Die Abtrennung der Verwaltung vom Kommandostrang wurde angeblich zur Erleichterung, in Wirklichkeit aber zur Kontrolle der Soldaten vorgenommen."
Anfangs hatten die Offiziere so lästige Zivilistenkontrolle willig erduldet, als es für sie darum ging, nach den bitteren Arbeitsjahren in Handel und Gewerbe wieder den bunten Rock anzuziehen.
Ein Personalgutachter-Ausschuß unter dem Vorsitz des Staatssekretärs außer Diensten Rombach durchleuchtete das militärische und zivile Vorleben jedes einzelnen höheren Offiziersbewerbers für die neue Armee. Rombachs Inquisitoren selektierten hinter verschlossenen Türen, ohne den Betroffenen Beweismittel, Zeugen und Urteilsgründe zu offenbaren. Die Akten gingen in den Wolf.
Trotz solcher ziviler Sonderbehandlung strömten Deutschlands Generale vom Memoiren-Schreibtisch (Adolf Heusinger), aus Sowjetgefangenschaft (Friedrich Foertsch), aus dem Wein- und Hemdenhandel (Heinz Trettner), aus dem Musikalienladen (Ulrich de Maizière) zurück zur Fahne.
Mit demokratischer Nachhilfe des neuen Staates war der vom Grafen Baudissin erfundene "Bürger in Uniform" zur Truppe eingerückt und übte sich wieder im Waffenhandwerk.
Der liberale Bundespräsident Theodor Heuss, zum Manöver an den Rhein eingeladen, wo die neuen Soldaten mit amerikanischem Gerät Flußübergang übten, gab der Bundeswehr die legere Devise: "Nun siegt mal schön."
Wie es zu bewerkstelligen sei, verriet er nicht.
Gerade zu dieser Startminute der Bundeswehr, um die Mitte der fünfziger Jahre, vollzog sich im strategischen Denken Amerikas der Übergang von konventioneller Kriegsplanung alten Stils zum atomaren Krieg.
Ursprünglich sollten zwölf deutsche Divisionen das Kernstück einer gewaltigen konventionellen Nato-Streitmacht werden, die im Ernstfall die Rote Armee in offener Feldschlacht besiegen sollte. Nun aber, mit dem Anwachsen des atomaren Potentials auf amerikanischer Seite, galten die Nato-Divisionen nur noch als "Schild". Das "Schwert" des Westens sollten die Atom- und Wasserstoffbomben sein.
Schon wenige Jahre später änderte sich das Bild erneut. Auch die Sowjets vermehrten ihr Arsenal an Atom- und Wasserstoffbomben - das Gleichgewicht des Schreckens stellte sich ein. Die Kriegsdenker im Westen kamen zu dem Schluß, daß ein russischer Angriff wegen der gegenseitigen Abschreckung nicht mit Bomben und Raketen und wegen der zahlenmäßigen Überlegenheit der Roten Armee auch nicht allein mit konventioneller Rüstung zu stoppen sei. Für eine wirksame Verteidigung seien auch taktische Atomwaffen Und nukleare Gefechtsfeldwaffen erforderlich. Konrad Adenauer damals: "Dat is doch 'ne Weiterentwicklung der Artillerie ...").
Bonn griff nach dem Atomschwert. Die Bundeswehr wurde mit Atomwaffenträgern wie Honest John, Sergeant, Nike-Hercules und Pershing ausgerüstet, wobei die Gefechtsköpfe jedoch unter amerikanischem Verschluß blieben.
Bald wollten die Deutschen auch am strategischen Atompotential Amerikas partizipieren. Strauß bot der Nato eine moderne deutsche Luftwaffe mit atomarer Kapazität an. Die Allianz akzeptierte gern und setzte nach Bonner Vorschlag zwölf deutsche Starfighter-Geschwader in ihr Verteidigungskonzept ein, acht davon für den atomaren Gegenschlag.
Strauß kaufte bei den Amerikanern 700 Maschinen der eigens für Bonn hochgezüchteten und in jeder Hinsicht anspruchsvollen, F-104 G zum Stückpreis von über sechs Millionen Mark. Es war das teuerste Waffensystem, das je in eine deutsche Armee eingeführt wurde.
Als Hassel Anfang 1963 ins Chefzimmer des Verteidigungsministeriums einzog, lief die Starfighter -Anschaffung bereits auf vollen Touren, obwohl zu dieser Zeit das strategische Konzept der Amerikaner unter dem Einfluß des entspannungswilligen US-Präsidenten Kennedy sich gewandelt hatte und schon wieder konventionelle Kriegsvorstellungen mit einbezog.
Den Amerikanern war klargeworden, daß die totale atomare Abschreckung (Strauß: "Das Echo auf den ersten Gewehrschuß ist eine nukleare Explosion") nicht mehr glaubwürdig sei, weil die Vereinigten Staaten wegen eines begrenzten Zwischenfalls in Europa nicht die Existenz ihrer Millionenstädte aufs Spiel setzen könnten.
Dennoch klammerte sich der neue Verteidigungsminister von Hassel an das alte Konzept seines Vorgängers Strauß. Auch in seiner Gedankenwelt beruht die Bonner Weltgeltung auf der atomaren Teilhaberschaft.
Die deutschen Starfighter-Piloten übten weiter A-Bomben-Schulterwürfe; die Heeresdivisionen simulierten bei ihren Manövern weiter taktische A Schläge gegen rote Panzeransammlungen; die Führung ging weiter davon aus, daß unter gewissen Umständen schon bei einem Angriff von mehr als einem Bataillon aus dem Osten die Amerikaner den deutschen Bundesgenossen die Atomsprengsätze freigäben.
Schlimmer noch: Bonn fiel auf einen Kennedy-Trick herein. Der Präsident wollte das Drängen der Deutschen zum Atom abfangen, indem er sie für teures Geld gemeinsam mit anderen Nato-Partnern an die große Bombe fassen, sie aber nicht am Drücker fingern lassen wollte.
Soviel Nato-Partner wie möglich sollten eine Multilaterale Atomstreitmacht (MLF) begründen, der Amerika einen Bruchteil seines Atompotentials zu gemeinsamem Besitz übergeben wollte. Zweck: die 700 sowjetischen Mittelstrecken-Raketen in Westrußland, die auf Westeuropa gerichtet sind, durch eine Flotte von Atom-U-Booten mit Polaris-Raketen zu konterkarieren.
Just zu dieser Zeit debütierte von Hassel als neuer deutscher Verteidigungsminister bei seinem amerikanischen Kollegen McNamara in Washington. Der Amerikaner wollte dem Deutschen demonstrieren, daß die Europäer sich auf Amerikas Atomstärke verlassen könnten. Er gab ihm ein Permit zur Besichtigung des strategischen US Atombefehlszentrums in Omaha.
Sichtlich beeindruckt kam Hassel von dort zurück. Er glaubte, als erster kontinentaleuropäischer Verteidigungsminister dort eingelassen worden zu sein: "Das sollte sich Herr de Gaulle mal ansehen, da würde er auf seine Force de frappe verzichten."
Als Mitarbeiter den Minister darauf hinwiesen, daß auch sein Vorgänger Strauß schon in Omaha zu Gast gewesen sei, beharrte Hassel: "Die Amerikaner haben mir bestätigt: Ich war der erste."
So aufgemuntert, gab McNamaras neuer Kamerad danach bei MLF-Konferenzen seinen strategischen Einstand. Wenn Atom-U-Boote den anderen Verbündeten zu teuer seien, dozierte der Kolonial-Kieler, dann solle man doch Überwasserschiffe mit Polaris-Raketen bestücken, so wie es Planer im US Außenministerium ursprünglich vorgeschlagen hatten.
Getarnt als Handelsschiffe - wie weiland Graf Luckners "Seeadler" zur Zeit der Britenblockade von 1914/18 - sollten die Raketen-Pötte unerkannt auf dem Atlantik kreuzen und die Sowjetunion atomar in Schach halten.
Pflanzungskaufmann Hassel hatte sich auch Kostenersparnis ausgerechnet: Die Überwasserflotte würde bei 25 Schiffen jährlich 4,1 Milliarden Mark kosten, die U-Boot-Lösung käme dagegen dreimai so teuer.
Nach dieser militärischen Vorleistung Im Ausland zahlte Hassel daheim auch seinen politischen Einstand: im Bonner AA an der Koblenzer Straße. Er beendete einen staatsschädigenden Zwist, der zwischen Außenminister Schröder und Verteidigungsminister Strauß - den Chefs der zwei mächtigsten Ressorts - geherrscht hatte.
Den Bonn-Neuling von Hassel und den alteingesessenen Bonn-Routinier Schröder einte das gleiche evangelische Gesangbuch und die gleiche Treue zu Amerika. Nach Konrad Adenauers Abgang schossen sich die beiden auf den gemeinsamen Feind de Gaulle ein.
Die militärpolitischen Außengeschäfte betrieben die beiden Protestanten fortan arbeitsteilig. Hassel überließ Schröder die politische Führung, und dieser stützte Hassel in Kabinett und Fraktion. Bonns Nato-Planung wurde nun nicht mehr wie zu Straußens Zeiten allein vom "Pentabonn" auf der Hardthöhe aus gesteuert, sondern auch von Schröders Nato-Referenten Scheske.
Hassel zum SPIEGEL: "Als ich mein Amt hier übernahm, habe ich dafür gesorgt, daß zwischen Auswärtigem Amt und Verteidigungsministerium wieder ein vernünftiges Verhältnis hergestellt wurde."
Das Verhältnis zwischen Schröder und Hassel wurde zuweilen in der Eifel gepflegt. In verschwiegenen Gebirgsorten treffen sich mehrmals im Jahr Minister, Staatssekretäre und zuständige Referenten von AA und Verteidigungsministerium zu ganztägigem strategischem Geplauder. Abends trinken die beiden schönen Männer des Bundeskabinetts ein gemeinsames Bier, das Hassel mit einem Bommerlunder komplettiert.
So präpariert, zogen Schröder und Hassel in den letzten drei Jahren Arm in Arm von Nato-Konferenz zu Nato -Konferenz, vertrauten ihrer Eifelplanung und merkten nicht, wie das kalte atomare Licht für Bonn verlosch.
Kein MLF-Schiff kam.
Als Schröder und Hassel zusammen mit Kanzler Erhard Ende 1964 (Erhard in Berlin: "Notfalls machen wir die MLF mit den Amerikanern bilateral") noch immer an baldigen Abschluß des MLF-Vertrages glaubten, hatte US Präsident Johnson das geisterhafte Flotten-Projekt längst versenkt, um mit den Sowjets zu einem Abrüstungsabkommen zu gelangen. Zweites Opfer des neuen US-Kurses: die deutschen Starfighter-Geschwader.
Die Bonner hatten jahrelang an den amerikanischen Rockefeller-Mythos geglaubt, daß, wer Petroleumlampen verkaufe, auch das Öl dazu liefern werde.
Sie kauften Starfighter in dem Glauben, dann würden sie schließlich auch in den Besitz atomarer Bomben kommen.
Die Bonner irrten sich. Amerika übergab den Deutschen nicht nur keine Atombomben, sondern zeigte auf den jüngsten Nato-Konferenzen sogar die Absicht, im Ernstfall weniger deutsche Starfighter-Geschwader als ursprünglich vorgesehen mit amerikanischen Atombomben zu beladen.
Da das für viereinhalb Milliarden Mark angeschaffte Waffensystem Starfighter für die Bundeswehr allein im atomaren Einsatz sinnvoll wäre, droht es zur größten Fehlinvestition der deutschen Militärgeschichte zu werden.
Auch von seinen anderen Verbündeten kann Bonn keine Hilfe in seinem atomaren Drang erwarten. General de Gaulle baut seine eigene Force de frappe; England möchte deutsche Finger überhaupt soweit wie möglich von jedem Atom-Abzug entfernt halten.
Die Engländer legten Hassel das Ergebnis eines Planspieles vor, bei dem sie den Abschuß taktischer Atomwaffen am Eisernen Vorhang durchexerziert hatten. Ergebnis: Bevor noch der große Atomkrieg begonnen hat, ist ganz Mitteleuropa eine atomare Wüste.
Englands Labour-Wehrminister Healey
- politisch ohnehin auf Disengagement -Kurs - zog daraus den Schluß, der Einsatz taktischer A-Waffen "on friendly territory", wie Healey in einem Brief an Hassel darlegte, sei militärisch nutzlos, weil dabei die Substanz des eigenen Landes vernichtet werde.
Obendrein führe atomarer Kleinkrieg automatisch zur Eskalation ins große Atom-Inferno. Deshalb sei es das Vernünftigste, eine atomwaffenfreie Isolierschicht quer durch Europa zu legen und auf die strategischen A-Waffen der Amerikaner zu vertrauen.
Hassel lehnte in seiner Antwort an Healey diesen Gedankengang nicht rundweg ab. Seine Verwirklichung setze voraus, daß die gemeinsame Nato-Strategie wieder zu dem Prinzip der totalen Abschreckung und Vergeltung zurückkehre. Solange aber die Amerikaner dazu nicht bereit seien, könne die Bundeswehr nicht auf taktische Atomwaffen verzichten.
Hassel hat dabei nicht bedacht, daß Washington weder bereit ist, wieder auf eine Strategie des großen Atomkrieges zurückzugreifen, noch gesonnen, den Deutschen eine Verfügungs-Gewalt über die kleineren Atomwaffen ungemindert zu belassen. Damit ist die seit Konrad Adenauers Wiederbewaffnungs-Offerte von 1950 betriebene Bonner Verteidigungspolitik der atomaren Stärke an ihrem Ende angelangt.
Der Vorsitzende des Bundestags-Verteidigungsausschusses, CSU-Zimmermann: "Wenn die Amerikaner die Deutschen von allen Atomschlag-Aufgaben ausschließen wollen, dann ist das der Zusammenbruch unserer bisherigen Verteidigungspolitik."
Trotzdem betrieb Hassel Mitte der sechziger Jahre das Rüstungsgeschäft der Bundeswehr so weiter, wie es zehn Jahre zuvor Strauß in enger Anlehnung an Amerika angekurbelt hatte.
Der Oberverteidiger von Bonn starrt weiter auf das Atom. Hinweise erfahrener Weltkrieg-II-Soldaten, für die Sicherheit der Bundesrepublik sei es nützlicher, mit herkömmlichen Waffen Sperr-Riegel gegen rote Panzermassen aufzubauen, schlug Hassel in den Wind
- nicht anders als seine Vorgänger, die
in den fünfziger Jahren den Plan des Obersten Bonin als Unfug abtaten, nach dem Vorbild des Rußlandfeldzuges eine tiefgestaffelte Panzerabwehrlinie an der Zonengrenze zu bilden.
Vorschläge von Rüstungsfachleuten, das konventionelle Arsenal mit deutschen Neuentwicklungen anzureichern, blieben liegen. Die schon bei Ende des Weltkrieges II hocheffiziente panzerbrechende Hohlladungsmunition wurde zwar auf vielfach erhöhte Brisanz gebracht, aber nicht zureichend produziert.
Hassels Cheftechniker, Ministerialdirektor Fischer, quittierte verärgert den Dienst und zog sich auf die ererbte Torfstecherei ins Emsland zurück.
Das von Fischers Abteilung "T" entwickelte einzige deutsche Waffensystemn der Nachkriegszeit, der nach den Erfahrungen der Tiger-Panther-Serien als bester Panzer der Welt gerühmte "Leopard", sollte gerade in bundesdeutschen Rüstungsfabriken in Serie gehen, als Hassel sich gegenüber seinem Freund McNamara darauf einließ, gemeinsam mit den Amerikanern den US-Zukunftspanzer M 70 zu entwickeln. Dazu reisten deutsche Technikerteams mit den Blaupausen eigener Weiterentwicklung in die USA.
Ebenso ließ sich Hassel auf den Kauf amerikanischer Marine-Konfektionsware ein: Für 200 Millionen Mark das Stück bestellte er drei Raketen-Zerstörer, die zwar für US-Zwecke in Atlantik und Pazifik geeignet, für operative Aufgaben im Ostsee-Binnenmeer aber alles andere als ideal sind.
Bonn ließ sich immer weiter auf großzügige Zusagen für den Kauf amerikanischen Kriegsmaterials festnageln. Die Vorteile dieser Rüstungsgeschäfte liegen vor allem in Washington. Sie führten dazu, daß
- die amerikanische Rüstungsindustrie mit ihren Gewinnen Neuentwicklungen finanzieren kann;
- die durch Vietnam-Krieg und Unterhaltung amerikanischer Truppen in Deutschland strapazierte US-Devisenbilanz entlastet wird;
- die Bundesrepublik rüstungspolitisch vom Werben de Gaulles abgeschirmt und US-abhängig bleibt.
Mit noch nicht realisierten Kaufzusagen für 2,4 Milliarden Mark im Rückstand, sieht sich Bonn nach dreieinhalb Jahren Hasselscher Rüstungspolitik gezwungen, Mengen von Hubschraubern zu bestellen, 200 Stück zu insgesamt zwei Milliarden Mark.
Dabei ist zweifelhaft, ob solche Mengen von Hubschraubern in einem europäischen Krieg - ohne sichere Luftüberlegenheit - überhaupt sinnvoll eingesetzt werden könnten.
Kanzler Adenauer hatte zu seiner Zeit die Bonner Zusage für Rüstungs-Käufe in Amerika ausdrücklich unter die Auflage gesetzt:. "Wenn es die Haushaltslage der Bundesrepublik gestattet."
Adenauer-Nachfolger Erhard war weniger pingelig: Er gab Präsidentenfreund Johnson ein bedingungsloses Pauschalversprechen.
Sein Minister von Hassel suchte zwar die kostspieligsten Folgen solcher Vertrauensseligkeit abzumildern: "Unter Strauß war der Verteidigungshaushalt außer Rand und Band geraten, da mußte ich erst mal Ordnung schaffen." Aber schnell erlag er der gleichen Vorstellung wie der Neukanzler, politische Interessen könnten durch persönliche Freundschaft - in seinem Falle zum Pentagon-Chef McNamara - gewahrt werden.
Indes, die Freundschaftsgefühle zwischen den beiden Wehrministern sind eher einseitig. McNamara jedenfalls schmeichelte dem Deutschen oft mit Salutschüssen und Ehrenkompanie am Eingang zum Pentagon, blieb aber bei seinen Forderungen in Sachen Rüstungskäufe hart bis zur Brutalität.
Als Hassel McNamaras altes Vorurteil, die Bundeswehr sei nur bedingt abwehrbereit, durch Vorführung einer Panzerbrigade in Munsterlager ausräumen wollte (der damalige Heeres-Inspekteur de Maizière: "Die Bundeswehr braucht den Vergleich mit der 7. Armee nicht zu scheuen"), nahm McNamara eine leichte Fußverletzung zum Vorwand, um sich solcher Belehrung zu entziehen.
Schon einen Tag später war der Amerikaner trotz Gipsfuß in Paris, vier Wochen später kletterte er auf den Viertausender Mount Rainier im US-Bundesstaat Washington.
Doch weder kleine noch große Pannen fochten Hassel an. Seit seiner Amtsübernahme Anfang 1963 hat er das Metier selbstgenügsam betrieben. Mit Vorgänger Strauß tauschte er in der ganzen Zeit nur zweimal Erfahrungen aus. Den Verteidigungsausschuß-Vorsitzenden Zimmermann lud er erst nach Ausbruch der Generalskrise zu einem Gespräch unter vier Augen.
Zu den führenden Militärs seines Hauses fand Hassel keinen Konnex. Sie halten zwar regelmäßig dienstlichen Vortrag, doch kommt es kaum zu Diskussionen mit dem Minister, die in Sachfragen eindringen. Auch die rüstungstechnischen Experten des Ministers fanden keinen Zugang zu ihm.
Die Militärs auf der Hardthöhe bekamen nach seinem ersten Amtsjahr ernste Zweifel, ob er ihre Erwartungen erfüllen würde. Hassel saß wie hinter einer Glaswand.
So viel Kasernengelände er anderswo bereiste, so wenig war er im Bereich der grauen Betonneubauten auf der Bonner Hardthöhe zu sehen, in denen seit 1964 das Bundesverteidigungsministerium domiziliert. Dort zeigt sich Hassel meist nur, wenn zum Empfang von Auslandsbesuchern das Siegburger Wachbataillon aufmarschiert, dessen Fahnenträger bei Einsätzen auf dem "Pentabonn"-Hügel wegen des ständig blasenden Eifelwindes von Hintermann und beiden Nebenmännern festgehalten werden muß, damit das knatternde Tuch ihn nicht umreißt.
Ansonsten hält Hassel, von einer Sonderwache mit Gittertor eingeschlossen, seinen Befehlsstand im schmucklosen Ministerbau besetzt - durch abhörsichere Sonderleitungen mit Kanzleramt und Nato-Zentralen verbunden, von seinem militärischen Adjutanten, der durch ein Extratürchen als einziger direkt zu ihm kann, ständig mit Lagemeldungen versorgt.
Untergebene behandelt Hassel mit kühler Distanz. Wohl tut er ihnen keinen Arg an, doch setzt er sich auch für niemand ein, wenn ein Befehlshaber sich nach Preußen-Regel vor seine Männer zu stellen pflegt.
Mit der Autorität des bestallten Vorgesetzten fragt er: "Sie sind doch wohl auch meiner Meinung?" Und kaum einer wagt zu widersprechen.
Eine von Hassels ersten Amtshandlungen im Verteidigungsministerium war es, die tägliche Pressemappe im Umfang drastisch zu reduzieren. Zu Straußens Zeiten war sie gewöhnlich acht Zentimeter dick, Hassel begnügte sich mit einem Viertel davon.
Bei Strauß lagen zuoberst Auszüge zu Strategie und Verteidigungspolitik, dann folgten allgemeine Politik, Stimmen zur eigenen Person, Artikel der Auslandspresse (die englischen im Original) sowie ausführliche Exzerpte aus Büchern und Fachliteratur.
Hassel entschied: "Dazu habe ich keine Zeit."
Er wollte zuvörderst alles über sich selbst lesen, dann erst Berichterstattung über die Bundeswehr (vor allem über Traditionspflege), schließlich Wehr- und Parteipolitik.
Die Lektüre internationaler militärpolitischer Literatur pflegt Hassel wenig. Professor Karl Kurth, jahrelang Auslandsauswerter im Ministerium, wollte
mangels sinnvoller Beschäftigung und weil der Minister angeordnet hatte, daß Veröffentlichungen mit Anti-MLF-Tendenz ihm nicht mehr vorgelegt werden dürften, eigentlich das Ministerium verlassen. Jetzt versieht er anderen Dienst.
Hassel meint, wichtige Entwicklungen auf militärischem Gebiet brauche er nicht aus Zeitungen und Büchern zu erfahren, das werde schon in seinen Akten auftauchen.
In der Tat: Aktenlesen ist seine Haupt- und Lieblingsbeschäftigung bei Tag und Nacht. Bis zu 16 Stunden täglich büffelt er alles durch, was ihm vorgelegt wird. Er liest viel und schnell, Wesentliches ebenso wie weniger Wichtiges. Noch spät abends, auch am Sonntag, sitzt er in seinem umzäunten und von Hundestreifen bewachten Dienstbungalow im Militärgetto auf der Hardthöhe und wendet Blatt für Blatt. Zur Nachtzeit hält er sich dabei mit lautstark abgespielten Brahms-Symphonien munter
- zum Kummer von Frau Elfi.
Höchstens zweimal im Monat nimmt Hassel sich die Zeit, zu einem freien Weekend nach Glücksburg zu fliegen und sich dort seinem Hobby, der Blumenphotographie, zu widmen. Zuweilen kommen dann auch die beiden Kinder hin: Marineflieger-Leutnant Joachim, 25 (in Pilotenausbildung auf der T 38), und Krankengymnastikerin Barbara, 23. Noch auf dem Fluge von Bonn in die Freizeit arbeitet Hassel Unterschriften-Mappen auf; der Bordfunker hält den Löscher parat, während der Minister selbst Ernennungsurkunden auf Druckfehler absucht. Er unterschreibt nichts, was er nicht durchgelesen hat.
Am wohlsten fühlt sich Hassel, wenn er mutterseelenallein in seinem schlauchartigen, ungemütlichen Arbeitszimmer im Ministerium am Schreibtisch sitzt - hinter sich die silbergerahmten und handsignierten Photoporträts von Kennedy, Adenauer und Lübke, vor sich eine physikalische Erdkarte mit Meeresbodenrelief in Winkelscher Projektion und die Statue eines afrikanischen Massai-Kriegers mit Schild und Speer.
Hassel zum SPIEGEL: "Sie glauben
nicht, was ich mir an diesem Schreibtisch beispielsweise zum Thema Unteroffiziersmangel alles ausgedacht habe."
Zweimal vom Minister beauftragt, eine Detailaufstellung solcher Hassel -Einfälle für den SPIEGEL anzufertigen, vermochte das Presse- und Informationszentrum des Ministeriums die Liste nicht zu produzieren.
Nach vier Hassel-Jahren fehlen der Bundeswehr noch immer 37 000 Unteroffiziere.
Am selben Schreibtisch fand der Verteidigungsminister in seinen Amtsjahren auch Muße, seine vaterländischen Auftritte draußen im Lande zu memorieren. Bei einem gemeinsamen Paradeakt deutscher, kanadischer und französischer Einheiten im pfälzischen Zweibrücken glänzte der sprachkundige Kolonialkaufmann mit einer Ansprache in drei Fassungen: erst deutsch, dann englisch und schließlich französisch.
Immer schon ein fleißiger Parteiarbeiter, hält Hassel seinen Einsatz für die CDU seit Ernennung zum Verteidigungsminister für staatspolitisch besonders wertvoll. Er ist immer bereit, mit Bundeswehrmaschinen entlegenste Dörfer anzufliegen, um auf Parteiversammlungen zu sprechen.
Hassel: "Auch das flachste Land hat ein Anrecht darauf, die entscheidenden Leute zu sehen." Und dank solcher Einsatzbereitschaft vermochte sich der Minister eine stabile Position in der CDU aufzubauen.
Auf dem flachen Lande wie auch in Fernseh-Interviews gelingt es Hassel durchaus, als entscheidender Mann zu erscheinen. Im Gespräch wirkt er offen und sympathisch. Wendigere Zuhörer sind allerdings nicht so leicht von ihm beeindruckt. Strauß-Intimus Zimmermann: "Wenn Hassel im Verteidigungsausschuß vorträgt, dann klingt das wie ein Schulungsaufsatz aus dem Nato-Handbuch."
Nach Meinung Zimmermanns, der seit vorigem Herbst dem Verteidigungsausschuß vorsitzt, fehlt dem Minister zweierlei:
- ausreichender, politisch-historischer Fundus, um ein modernes Weltbild zu begründen;
- ausreichendes Einfühlungsvermögen
ins technische Management und Phantasie für die Probleme des 21. Jahrhunderts, die schon heute anvisiert werden müssen.
Während in Amerika die komplizierten technisch-soziologisch-strategischen Probleme der modernen Kriegsmaschinerie von einem brillanten, industriegeschulten Manager wie dem einstigen Ford-Chef Robert S. McNamara bewältigt werden, steht an der Spitze des größten Militärapparates in West-Europa ein - Mann ganz anderer Herkunft und Arbeitsweise. Nicht wie Mc -Namara mit neuartigen Mitteln vorausschauender Betriebsführung arbeitet Hassel, sondern nach der Do-it-your self-Methode des Kolonialpioniers.
Gerät Hassel in Schwierigkeiten, dann sucht er nicht analytische Lage-Beratung und durchgreifenden Entschluß, sondern flüchtet im Eigenstudium ins Detail. So beschäftigte er sich - während der Absturzserie - wochenlang mit Einzelheiten des Starfighter-Schleudersitzes, als wäre dort ein Ansatzpunkt für einen Minister, die Katastrophenserie zu beenden.
Hassel hat weder einen militärischen Brain-Trust um sich versammelt, noch den schon zu Straußens Zeiten überfälligen technisch-wissenschaftlichen Beirat berufen, der die kostspieligen Milliarden-Ausgaben für die Rüstung fachmännisch überwacht hätte.
In anderen westlichen Ländern sind solche Beratergremien eine Selbstverständlichkeit. Frankreichs de Gaulle hat dafür ein eigenes Ministerium geschaffen.
Im Bonner Deutschland dagegen ist die Kooperation zwischen Militär und Rüstungstechnik so mangelhaft wie nie. Nicht nur Hitlers Rüstungsminister Speer hatte im Weltkrieg II ein weit höheres Maß an Rüstungseffizienz erreicht, die militärischen Erfordernissen angepaßt war.
Sogar Flotten-Altvater Tirpitz hatte schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten bei Beginn des technischen Militärzeitalters erkannt, wonach Westdeutschlands Generale sechzig Jahre später noch immer vergeblich rufen.
Tirpitz damals über beispielhaftes Management großer technischer Waffensysteme: "Die Engländer wählen sich einen Chefingenieur mit ziemlich souveränen Befugnissen und drücken ihm ein Jahresgehalt von 100 000 Mark In die Hand."
CSU-Zimmermann heute: "Ich glaube nicht, daß ein solches Mammutministerium heutzutage noch nach den klassischen Begriffen der Reichshaushaltsordnung geführt werden kann."
Hassels Wehrverwaltungs-Chef Wirmer beharrt darauf, daß selbst über teuerste Rüstungsprojekte von Verwaltungsjuristen entschieden wird. Diese aber sind nicht einmal als Wirtschaftsjuristen ausgebildet.
Die kleingehaltene Abteilung Technik im Verteidigungsministerium ließ Wirmer barsch abblitzen: "Was wollt ihr Techniker eigentlich? Wir kaufen doch sowieso alles im Ausland. Dazu brauchen wir höchstens ein paar Oberinspektoren."
Daß der agrargeschulte Plantageaufseher von Hassel für technisches Management kaum Sinn entwickeln würde, überraschte niemand. Daß der schwarzweißrote Uniformfreund von Hassel sich am Ende von den Ziviladministratoren Gumbel und Wirmer gegen die Soldaten einmauern lassen würde, überraschte alle und schockierte die Generale.
Den Generalen genügte nicht, daß er glitzernde Äußerlichkeiten, Truppenfahnen, einen General als Personalchef* konzedierte und ihnen den von Strauß geplanten "Volksoffizier" mit Temporary Rank (ein an die Funktion
- zum Beispiel als Starfighter-Pilot -
gebundener zeitweiliger Offiziersrang, wie ihn die Amerikaner kennen) ersparte. Sie wollten echte Positionsverbesserungen - nicht nur Glanz, auch Gloria.
Doch vor den Erfolg der Generale hatten die Bonner den Gumbel gesetzt.
Das Soldatengesetz von 1956 schrieb dem Verteidigungsministerium als einzigem Bundesressort vor, dem Bundestag ein Gesetz über die Spitzenorganisation vorzulegen. Zehn Jahre lang konnte man sich darüber nicht einigen.
Von allen Seiten gedrängt packte Hassel das Problem im letzten Sommer an. Kurz vor der Sommerpause des Parlaments trug der Minister Parteifreunden seine Ideen vor. Kernpunkt: Auch künftig solle nicht der Generalinspekteur, sondern der zivile Staatssekretär das alleinige Vertretungsrecht für den Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Bundeswehr behalten.
Kompromißlösungen, wie Generalinspekteur Trettner sie forderte, lehnte Hassel ab. Der General hatte seine ursprüngliche Vorstellung, selber als militärischer Staatssekretär gleichrangig neben dem zivilen Gumbel (siehe Seite 39) zu fungieren, bald aufgegeben. Er verzichtete darauf wegen des Widerstandes der Politiker, die es unmöglich fanden, daß ein General in Uniform auf der Rednertribüne des Bundestages Volksvertretern Rede und Antwort stehen könnte.
Er verlangte eine Ersatzlösung: Entweder sollte ein Staatsminister neu in die Spitze des Amtes geholt oder nach angelsächsischem Vorbild ein parlamentarischer Staatssekretär als Ministergehilfe berufen werden.
Trettner: "Einem Politiker werde ich mich immer unterstellen, aber nicht
einem zivilen Beamten. Denn es geht nicht nur um die Vertretung eines Ressortministers, sondern um die Befehls- und Kommandogewalt der Bundeswehr."
Wegen Hassels überraschendem Widerstand gegen jegliche Aufwertung der Generale hatte Trettner im vergangenen Jahr schon mehrmals seinen Rücktritt angedroht. Er sah seine Stunde aber erst gekommen, nachdem Flieger-Kamerad Panitzki wegen der Starfighter-Malaise Mitte August seinen Abschied erbat.
Die Generals-Krise war da. Der Minister blieb. Vergeblich kolportierten letzte Woche in Bonn Witzbolde in Generalsuniform den Vergleich zwischen Bikini -Badeanzug und Minister von Hassel: "Jeder staunt, daß er hält, jeder wünscht, daß er fällt."
FDP-Chef und Ritterkreuzträger Erich Mende zürnte ebenso ergebnislos im Kabinett, nachdem Bonns evangelisches Führungstriumvirat Erhard-Schröder -Hassel mehr Geld für des Wehrministers angeschlagene Verteidigungspolitik gefordert hatte: "Hören Sie auf, das Wort Vorwärtsverteidigung kann ich sowieso schon nicht mehr hören. Das ist doch eine reine Fiktion."
Als der FDP-Fraktionsvorsitzende von Kühlmann-Stumm am letzten Montag im Palais Schaumburg noch einmal einen Vorstoß unternahm, nach den Generalen nun auch den Minister und den Staatssekretär im Verteidigungsministerium auszuwechseln, wurde er von Erhard barsch beschieden: "Nein, das bleibt völlig außer Betracht."
Denn Erhard will nicht nur den Eindruck vermeiden, als könnten deutsche Generale schon wieder einen Minister stürzen, sondern er fürchtet auch für die eigene Position: Fällt Hassel, ist ein Kabinetts-Revirement unvermeidlich, und damit stellt sich zwangsläufig die Kanzler-Frage.
Diese Politik der Stärke aus Schwäche ist allerdings nicht lange durchzuhalten. Dem in diesem Sommer bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen böse zugerichteten Wahlverlierer Erhard stehen neue Landtagswahlen bevor: in Hessen und Bayern in diesem Jahr, in Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Niedersachsen 1967.
Zwar ist für Erhard weder in Bayern noch in Hessen oder Schleswig-Holstein ein Glorienschein zu gewinnen oder zu verlieren, in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen aber drohen ihm Niederlagen wie in Nordrhein-Westfalen. Dann wäre vielleicht das Schicksal Erhards als Kanzler, bestimmt aber das Hassels als Sündenbock besiegelt.
Altkanzler Konrad Adenauer, Förderer Hassels in der SPIEGEL-Krise 1962/63, ist fest überzeugt, daß der Ärger im Verteidigungsministerium den von ihm nur wider Willen hingenommenen Nachfolger Ludwig Erhard endlich doch wieder entthronen wird.
Adenauer Mitte letzter Woche zu Vertrauten: "Ich halte mich zurück, denn ich möchte dem Herrn Erhard nicht noch mal Oberwasser geben. Aber ich bin sicher, über den Herrn von Hassel wird er stürzen."
** McNamara dementierte diese Äußerung, nachdem der SPIEGEL sie in Nr. 22/1966 veröffentlicht hatte. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", der die Quelle des SPIEGEL bekannt war, schrieb drei Wochen nach dem Dementi, daß McNamara abschätzige Äußerungen über den Verteidigungsminister eines verbündeten Landes, hier: der Bundesrepublik", getan habe.
*** Wolf J. Bell: "Kennen Sie eigentlich den? - Kai-Uwe von Hassel". Berto-Verlag, Bonn.
* Im vergangenen Jahr übernahm mit General Haag erstmals ein Militär die Personalabteilung des Bundesverteidigungsministeriums; er folgte dem zum Staatssekretär avancierten Gumbel, der aber faktisch alle personellen Entscheidungen in der Hand behielt.
OB von Hassel im Kanzleramt*: Rettung auf Zeit
Tanganjika-Deutscher von Hassel (1928)
Neger geprügelt
Verteidigungsminister von Hassel, Tanganjika-Soldaten (1964): Kisuaheli gelehrt
Hassel-Förderer Friedrich Lübke (1953)
Feldzug gegen Undeutsches ...
... mit Sprüchen aus dem Zettelkasten: Ministerpräsident von Hassel (1954)*
Sonntagsblatt
"Warum geht das denn nicht weiter?"
Starfighter
Leih-Zerstörer
Pershing-Rakete
Amerikanische Bundeswehr-Waffen
Das kalte Licht verlosch
Stern
"Diese zusätzlichen Waffenkäufe in Amerika hängen mir allmählich zum Hals hinaus!"
Alliierte McNamara, Hassel
Die Geisterflotte kam nicht
Eheleute von Hassel, Tochter
Reklame für Nivea
Hassel-Sohn Joachim (r.)*: Schulung für den Düsenflug
Protestanten-Triumvirat Erhard, von Hassel, Schröder: "Jeder staunt, daß es hält"
* Nach dem Antrittsbesuch des neuen Generalinspekteurs de Maizière (M.) beim Bundeskanzler mit Erhard-Berater Hohmann (r.).
* Mit Bundespräsident Heuss bei der Trauerfeier für den verstorbenen Bundestagspräsidenten Ehlers in Kiel.
* Bei der Pilotenausbildung in Williams Air Base, Arizona.

DER SPIEGEL 38/1966
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