26.09.1966

ZEITGESCHICHTE / SPEER

Fühlende Brust

(siehe Titelbild)

Adolf Hitler hielt seinen Chef-Architekten und Rüstungs-Manager Albert Speer für "das größte Genie aller Zeiten". Als 1945 für die Nazis das Ende aller Zeiten nahte, wollte das Genie seinen Bewunderer vergasen.

Mitte Februar plante der Rüstungschef des Dritten Reiches, durch die Frischluftanlage Giftgas in den Führerbunker zu leiten, um Hitler und dessen engste Mitarbeiter zu töten.

Vor dem Internationalen Militärtribunal zu Nürnberg gab der Angeklagte Speer die Sensation ein Jahr später zu Protokoll (siehe Kasten Seite 58). Es war am 159. Verhandlungstag. Entsetzt lehnte Ex-Reichsmarschall Hermann Göring sich zu den Mitangeklagten Heß und Dönitz zurück: "Wir hätten ihm nie vertrauen sollen."

Und in der Zelle: "Dieser verdammte Trottel Speer ... Zu denken, daß ein Deutscher so niederträchtig werden kann, um sein lausiges Leben zu verlängern - um es offen zu sagen -, etwas länger vorne zu pissen und hinten zu scheißen! Herrgott, Donnerwetter!"

Diesem Mann, der des Führers liebster Minister war und der sich, ohne je dem Widerstand anzugehören, zum mächtigsten Gegner Hitlers wandelte, öffnet sich Ende dieser Woche das blaßblaue Stahltor des alliierten Militärgefängnisses in Berlin-Spandau. Mit Ablauf des 30. September 1966 hat Albert Speer, heute 61, die 20jährige Freiheitsstrafe, die ihm das Nürnberger Tribunal auferlegte, auf den Tag genau verbüßt.

Seine Rückkehr in die Gesellschaft verleiht dem vielbeschworenen Prozeß der Vergangenheitsbewältigung, an dem sich die Deutschen seit Kriegsende mühevoll und doch ohne Aussicht auf moralische Frontbegradigung versuchen, einen Schimmer von Ironie. Denn Speer gehört zu den wenigen Deutschen, die ihre Vergangenheit zu bewältigen suchten, als diese noch Gegenwart war.

Er brach mit Hitler, ehe das Dritte Reich zerbrochen war - ein Beispiel von Charakter, wie es in der willensschwachen, botmäßigen Umgebung des Führers einmalig war. Speer verehrte Hitler: "Wenn Hitler Freunde gehabt hätte, dann wäre ich einer seiner engen Freunde gewesen." Und doch wollte er ihn töten, als er dessen Absicht erkannte, Deutschland zu vernichten.

Speer war seit 1931 mit von der NS -Partie, und doch blieb er nach Herkunft, Intelligenz und Bildung eine Ausnahmeerscheinung in der Führungsspitze des Dritten Reiches - als sei er nur "versehentlich unter all diese machiavellistischen oder beutehungrigen Kleinbürger geraten", wie Joachim C. Fest in seiner präzisen Studie "Das Gesicht des Dritten Reiches" schrieb.

Speer vollbrachte ein für die Alliierten damals unvorstellbares deutsches Rüstungswunder und glaubte selber, daß ohne seine Arbeit "der Krieg vielleicht 1942/43 verloren" gewesen wäre. Aber als der Waffenschmied sah, daß alles nichts mehr nützen würde, rechnete er Hitler in kühlen Memoranden den Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft vor.

Speer half wie kaum ein anderer mit, die mörderische Kriegsmaschine in Gang zu halten. Und doch lehnte er sich unter Lebensgefahr mit List wie mit offener Bravour gegen das Hitler-Konzept "Verbrannte Erde" auf: Er rettete die deutsche Industrie vor dem selbstzerstörerischen Zugriff Hitlers und trug auf diese Weise sogar zum Wirtschaftswunder Ludwig Erhards bei.

"Es sollte nicht vergessen werden", schrieb unlängst der amerikanische Jurist Henry T. King, US-Ankläger im Nürnberger Prozeß gegen Feldmarschall Erhard Milch, "daß die deutsche und die westeuropäische Industrie in gewisser Beziehung einem der Hauptangeklagten des Nürnberger Prozesses viel zu danken haben."

Von den Massakern in Auschwitz will er nichts gewußt haben. Aber in Nürnberg bekannte er, "daß es für ganz entscheidende Dinge eine Gesamtverantwortung" der Führenden gebe; und diese Verantwortung nahm er auf sich. Er berief sich nicht auf Führerbefehle.

Spätestens in Nürnberg mußte er sich völlig darüber klargeworden sein, was sein Leben bestimmt hatte: die Verhaltensweise des unpolitischen Technokraten und Künstlers, der niemanden terrorisiert, aber seine brillanten Gaben in den Dienst des Terrors stellt - als quasi wertfreie Dienstleistung.

Der britische Historiker H. R. Trevor -Roper nannte denn auch Albert Speer den "wahren Verbrecher Nazi-Deutschlands": "Er vertrat, stärker als irgendein anderer, jene verhängnisvolle Philosophie, die Deutschland verheert und die Welt beinahe in den Untergang getrieben hat."

Trevor-Roper fällte dieses Urteil keineswegs ohne Respekt vor der Charakterfestigkeit und persönlichen Integrität des NS-Rüstungsministers - wie die Mitwelt es sich überhaupt nie versagte, Speer Kränze zu flechten. So nannte Hitlers Panzer-General Heinz Guderian ihn "eine fühlende Brust unter den Larven der letzten Jahre des Dritten Reiches". Finanzminister Lutz Schwerin von Krosigk fand: "Er besaß ... den seltenen Mut, den Bismarck Zivilcourage getauft hatte."

Seine Auflehnung gegen Hitler in der Schlußphase des Krieges würdigte der Nürnberger US-Hauptankläger Robert H. Jackson. Für Begnadigung des Verurteilten plädierten: der verstorbene Bundestagspräsident Ehlers wie der SPD-Chef Willy Brandt, die Familie des Häftlings wie das Deutsche Rote Kreuz, Pastor Martin Niemöller wie der jüdische Journalist und KZ-Waise Willi Frischauer.

Der Engländer Alan S. Milward, der als erster eine umfassende Studie über "Die deutsche Kriegswirtschaft 1939 bis 1945" verfaßte, kam zu dem Schluß: "Er war ein sehr fähiger, intelligenter und tapferer Mann." Der frühere Chef historiker der US-Militärregierung in Deutschland, Donald Robinson, zählte Speer zu den

100 bedeutendsten Menschen" seiner Zeit, der "die Reste der deutschen Wirtschaft für den Wiederaufbau im Frieden" gerettet habe: "Darauf darf er in seiner Zelle stolz sein."

Genau 7305 Tage blieb Albert Speer in der Zelle mit Stolz und Erinnerungen allein. Wenn seine Frau Margarethe, 61, die heute in Heidelberg lebt, alle halbe Jahre in Spandau zu Besuch vorgelassen wurde, durfte er über seine Vergangenheit nicht sprechen. Wenn er jede Woche einen Brief mit den maximal erlaubten 1300 Wörtern abfaßte, durfte er darüber nicht schreiben.

In diesen Briefen, mit dem Stempel "Allied Prison Official Spandau" versehen, pflegte er jedem seiner Familienangehörigen - Speer und Ehefrau Margarethe haben sechs Kinder - einen Abschnitt zu widmen: über zwei linierte, doppelseitig beschriebene DIN-A4-Blätter sinnvoll so verteilt, daß jeder Abschnitt für separate Lektüre abgetrennt werden kann; er blieb auch im Gefängnis Organisator.

Unter dem Datum des 17. Oktober 1965 etwa (siehe nebenstehende Faksimile-Abbildung) befaßte er sich mit der Griechenland-Reise seiner Frau, die gemeinsame Erinnerungen wachrief ("Vielleicht spielt bei dem großen Eindruck auch eine Rolle, daß man durch ödes Land fahren muß und dadurch die vollkommenen Formen des Tempels noch gehoben werden"). Er beschäftigte sich mit der neuen Wohnung seines Sohnes Albert ("Vielleicht findet sich darin eine Ecke, wo man zeltmäßig ein Bett aufschlagen kann, wenn wir Dich mal besuchen"). Oder er erbat sich vom Sohn Fritz Schallplatten mit Werken klassischer und moderner Komponisten ("Ich bin gespannt auf die moderne Platte, so langsam muß ich mich doch darauf vorbereiten, so was im Konzert anhören zu können").

In der Zelle las er Mörike, Kleist und Shakespeare; im Gefängnisgarten pflanzte er Gladiolen und Kräuter. Um sein Gedächtnis zu trainieren, paukte er französische Vokabeln. Um sich physisch fit zu halten, nutzte er konsequent die Möglichkeit, im Gefängnishof spazierenzugehen. Dabei zählte er die Schritte und war nach eigener Rechnung, hätte er geradezu laufen können, schon vor Jahren "in Teheran".

In den ersten Jahren zeichnete der aus US-Beständen eingekleidete Häftling Entwurfsskizzen für Häuser und Städte, aber dann, als er die Beziehungslosigkeit seines Tuns spürte, gab er es wieder auf. Doch ließ er sich Sammelbände in- und ausländischer Architekturzeitschriften kommen. Er durfte vier deutsche Zeitungen lesen - aus jeder ehemaligen Besatzungszone eine: "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Welt", "Der Kurier", "Berliner Zeitung". Über sich selber konnte er darin nichts lesen: Alle Passagen, die ihn betrafen, waren auf Anordnung der alliierten Bewacher herausgeschnitten.

Seine Mitgefangenen, den schwermütigen Heß und den fast blinden von Schirach, sah er täglich im Gefängnisgarten. Mit Schirach duzt er sich seit dem Nürnberger Prozeß, aber heute verbindet ihn nichts mehr mit ihm. Er möchte nach seiner Entlassung nicht einmal mit ihm im selben Flugzeug nach Westdeutschland fliegen.

Für 14 Tage gedenkt sich Speer nach seiner Entlassung an einen Ort zurückzuziehen, den seine Familie geheimhält. Niederlassen will er sich dann im Haus seines Vaters zu Heidelberg, wo im jüngsten Telephonbuch bereits verzeichnet ist: "Albert Speer, Architekt, Schloß Wolfsbrunnen-Weg 50: 26895."

So mündet Speers Karriere im Alter wieder dahin, wo sie begann: am Architekten-Reißbrett, dem traditionellen Handwerkszeug seiner Vor- und Nachfahren. Sein Großvater lernte beim preußischen Baumeister Karl Friedrich Schinkel; sein Vater arbeitete als Architekt in Mannheim und Heidelberg; sein ältester Sohn Albert, 32, gewann bereits Anerkennung als Städteplaner ("Mein Vater hat mir schon gesagt, daß er mir nach der Entlassung nicht dreinreden will"); in der vorigen Woche erhielt Speer junior, der als selbständiger Architekt in Frankfurt arbeitet, den mit 20 000 Mark dotierten Preis der "Deutschen Bauausstellung 1966".

Speer senior, der zunächst Mathematik und Physik studieren wollte, wandte sich nach eigener Darstellung "mehr aus Tradition als aus Neigung" der Architektur zu. An der Technischen Hochschule Berlin legte der gebürtige Mannheimer 1927, mit 22 Jahren, sein Diplom-Ingenieur-Examen ab. Fünf Jahre lang arbeitete er dann als Assistent an der TH. In dieser Zeit warben ihn Studenten seines Seminars für den NSKK, 1931 trat er auch der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 474 481).

Die Fachwelt wurde zum erstenmal auf ihn aufmerksam, als er 1929 in Heidelberg (Hausackerweg 21) ein Dreifamilienhaus in neuartiger Bauweise - Fachwerk mit Heraklithplatten - errichtete. Drei Jahre später führte er die ersten beiden Aufträge der NSDAP aus; er richtete in der Berliner Beymestraße eine Gau-Bezirksstelle ein und baute ein Gebäude in der Voßstraße zum Haus des Berliner Partei-Gaues um - Beginn einer Tätigkeit, die ihn zum Verwirklicher der von Hitler inspirierten Baukunst "überschnappender Monumentalität (Fest) werden ließ.

Als ihm 1933 die künstlerisch-technische Ausgestaltung der NS-Maifeier auf dem Tempelhofer Feld übertragen wurde, prägte er zudem auf Anhieb den Stil der NS-Massenfeiern: "Fahnen, Masten, Lichter, Tribünen, Menschen waren ... die äußerst ursprünglichen Mittel, mit denen der Architekt" - wie Speer-Biograph Dr. Rudolf Wolters 1943 wohlmeinend schrieb - "Wirkungen erzielt, die vielleicht gerade wegen ihrer Primitivität so stark und groß sind."

Auf der Zeppelinwiese des Nürnberger Reichsparteitaggeländes fügte er - ebenfalls 1933 - braun und schwarz Uniformierte zu monumentalen Menschen-Quadern zusammen und gruppierte sie in strenger Symmetrie um den Mittelpunkt: um die Rednertribüne des Führers. Er ersann den legendären Lichtdom aus Hunderten von Scheinwerfern, die sechzehn Kilometer hoch senkrecht in den Himmel strahlten.

Die aufdringliche Symbiose von Architektur und Propaganda, die zu verwirklichen Speer als eine "begeisternde Tätigkeit" empfand, bescherte dem jungen Mann steile Karriere, Ämterfülle und die Zuneigung des Führers. 1934 wurde er Chefarchitekt des Dritten Reiches, 1937 "Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt" und damit verantwortlich für den geplanten Ausbau Berlins zu einem braunen Babylon.

Der verhinderte Baumeister Hitler ("Wenn nicht der Krieg gekommen wäre, wäre ich sicher Architekt geworden, vielleicht - ja, wahrscheinlich sogar - einer der ersten Architekten Deutschlands") ließ Speer die Visionen planen und bauen, die er selber nicht verwirklichen konnte.

Wie beim Ausbau des Reichsparteitaggeländes in Nürnberg lautete der Führer-Auftrag dazu so oder so ähnlich: "Es muß hier im gewaltigsten Ausmaß ein Dokument stilbildender Art geschaffen werden." Das paßte Speer zwar nicht immer, wie er einmal in einem Gespräch mit dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler zu erkennen gab, der ihm bedeutet hatte, es müsse doch "herrlich sein, so im großen Stil nach eigenen Ideen bauen zu können". Speer ironisch: "Stellen Sie sich vor, jemand würde zu Ihnen sagen: 'Es ist mein unerschütterlicher Wille, daß die Neunte von nun an nur auf der Mundharmonika aufgeführt werden darf.'"

Aber dann entwarf er die gewünschten Superlative eben doch. Der 1,86 Meter große Architekt baute von Mal zu Mal höher, breiter, kolossaler. Für das Reichsparteitaggelände in Nürnberg plante er einen Reichsadler mit einer Flügelspanne von über 80 Metern; eine 60 Meter hohe Kongreßhalle; 24 steinerne Fahnentürme aus ockerfarbenem Travertin von 38 Meter Höhe; eine 100 Meter breite Paradestraße aus Granit; ein 90 Meter hohes zwingburgähnliches Stadion, das 500 000 Menschen fassen sollte.

Dieses megalomanische Monster von Nürnberg blieb allerdings ein Torso - ebenso wie das gigantische Berlin, das Hitler bauen lassen wollte ("Was ist London, was ist Paris dagegen?"). Schon der Bahnhof sollte nach Hitlers Vorstellungen so geraten, daß "selbst der Wiener überwältigt ist von dem Gefühl: das ist unsere Hauptstadt".

Speer orientierte sich an der Vision, daß Berlin mit zehn Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste und weiträumigste Metropole Europas sein würde. Als Wahrzeichen entwarf er eine 350 Meter hohe Volkshalle mit 100 000 Sitzplätzen und der "gewaltigsten Backsteinkuppel der Welt". Albert Speer junior heute dazu: "Da war es mit dem vernünftigen Bauen aus."

Den Königsplatz wollte Speer senior mit einem überdimensionalen Siegestor schmücken, dessen Säulen jeweils auf Fundamentplatten von 90 mal 170 Meter hätten stehen müssen. Der Architekt erprobte die Tragfähigkeit des märkischen Sandes in Berlin-Tempelhof mit Hilfe eines 12 000 Tonnen schweren Betonklotzes. Dabei blieb es.

Vollendet hingegen wurde die Neue Reichskanzlei, die Speer aus Muschelkalk und Marmor, mit kannelierten Säulen und vergoldeten Bronzekapitellen in der Voßstraße baute. Das Innere des neuen Führer-Tempels, den er zunächst teilweise in naturgetreuen Modellen aus Pappe und Holz erstellen ließ, um die Wirkung zu erproben, bot eine "sorgsam erwogene Eindrucksstufung", wie es Hildegard Brenner, kritische Interpretin der NS-Kunst, nannte.

Diese Eindrucksstufung schleuste den Besucher durch ein schmales, hohes Portal 250 Meter weit durch Vorhalle, Mosaiksaal, Kuppelraum, Marmorgallerie zum Empfangssaal des Führers. Die Wirkung war genau berechnet. "Ehe die Diplomaten kommen, um mir ihre Aufmerksamkeit zu bezeigen", spottete Hitler, "sollen sie auf ihre Knie sinken."

Später, während der Untersuchungshaft in Nürnberg, fragte Speer seinen Verteidiger Dr. Hans Flächsner einmal nach dessen Eindruck von der Reichskanzlei. Flächsner: "Sehen Sie, das ist mir aufgefallen: Durch eine Tür in der Reichskanzlei kam ein Mann, der war noch kleiner als ein Viertel dieser Tür. Wie vereinbart sich das mit unserer Auffassung, daß der Mensch das Maß aller Dinge sei?" Flächsner rekapituliert Speers Reaktion so: "Da hat er mich groß angesehen und gesagt, heute würde er nicht noch mal so bauen."

Bis Kriegsanfang aber baute er so. Und noch bis 1942, nachdem die Wehrmacht sich vor Moskau festgerannt hatte, entwarf er Prachtbauten für die Zukunft. Das geschah nicht ohne Engagement für den Nationalsozialismus, aber auch nicht mit Fanatismus.

Er war Fachmann und indifferent gegenüber den NS-Exzessen.

Er hatte Massenkundgebungen inszeniert, aber er blieb ein Einzelgänger. Er war von Hitler emporgehoben worden, aber zur Clique gehörte er nicht. Er trug lieber Einreiher als Uniform. Der Architekt brauner Symbolik weigerte sich, einen SS-Ehrenrang anzunehmen.

Er hatte nichts gemein mit jenem Typ des NS-Funktionärs, "der mit breitem Nacken und Gesäß fest im stämmigen trainierten Speck stand und laut, humorlos und gewalttätig zusammen mit der 'Nationalen Revolution' die Sache des eigenen Vorteils betrieb" (Fest). Speer sprach leise und scheute zurück vor öffentlichen Reden. Er sammelte romantische Landschaftsgemälde und liebte die 4. Symphonie von Bruckner. Seine pompösen Einfälle skizzierte er im karg möblierten Büro in Berlin-Westend.

Seine künstliche, künstlerische Idylle währte bis zum 8. Februar 1942. An diesem Tag, um neun Uhr, wurde gemeldet, daß der Reichsminister für Munition und Bewaffnung, Dr. Fritz Todt, bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückte. Zwei Stunden später rief Hitler Albert Speer zu sich und trug ihm die verwaisten Ämter an.

Speer gab seine "ideale Welt", seine "eigentliche Berufung" auf: Er wurde Rüstungsminister, Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, Generalinspektor für Wasser und Energie, Generalbevollmächtigter für die Bauwirtschaft, Generalbevollmächtigter für Rüstungsaufgaben im Vierjahresplan, Leiter der Organisation Todt.

Speer, nunmehr 36, trat ein in die Welt der Macht. Er avancierte, nach Hitler und Göring, zur "Nummer drei in der staatlichen Hierarchie" (Milward) und steuerte die deutsche Wirtschaft voll auf Kriegskurs. Denn bis dahin war das in aller Welt gefürchtete deutsche Rüstungsungeheuer ein großer Bluff gewesen.

Eine gewaltige Kriegsmaschinerie, die auf einen Knopfdruck hin Europa zu überrollen drohte; ein total auf Kriegsproduktion umgekrempelter Industriestaat; ein bis zum letzten für Kriegszwecke mobilisiertes Volk - das war der Eindruck, den die Welt am 1. September 1939 von Deutschland hatte.

Aber wenngleich Deutschland besser für den Krieg gerüstet war als seine Gegner - auf einen langen Krieg war es wirtschaftlich in keiner Weise vorbereitet. Und auf einen Weltkrieg schon gar nicht (SPIEGEL 17/1966).

In den ersten Kriegsjahren hatte der Deutsche noch jeden Sonntag seinen Braten im Topf. "Es gab keine weitreichenden Umstellungen in der Wirtschaft", resümierte Forscher Milward, "lediglich Schwerpunktverschiebungen von einem Sektor der Rüstungsproduktion zum anderen, um den Besonderheiten jedes einzelnen Feldzuges Rechnung zu tragen." Hitler ging von der Blitzkriegkonzeption aus, und die Wirtschaft war dem angepaßt.

Die Rüstung wurde nach vermeintlichem Augenblicksbedarf angekurbelt oder gedrosselt, und der jeweilige Bedarf errechnete sich allein aus Hitlers optimistischen Kalkulationen über Dauer und strategische Bedingungen des Feldzuges. Aber schon beim Polen -Feldzug war der Material-Verschleiß bedeutend größer, als Hitler taxiert hatte. Im Frankreich-Feldzug trat, wie später General Mueller -Hillebrand berichtete, das Feldheer "praktisch ohne Nachschubvorrat an Panzerkampfwagen an".

Gleichwohl bewährte sich das Blitzkriegkonzept fürs erste, und Hitler rechnete nun auch mit einer schnellen Zerschlagung Rußlands - in drei Monaten. So drosselte er bereits von März 1941 an, drei Monate vor

dem Überfall auf die Sowjet-Union, die Rüstungsmaschine: Im Januar 1941 wurden rund 100 Millionen Schuß Infanterie-Patronen produziert; auf dem Höhepunkt des Winterdesästers vor Moskau waren es nur noch 50 Millionen. Insgesamt ging die Waffenproduktion um ein Drittel zurück.

Zu dieser Zeit wähnte das britische Ministerium für Wirtschaftliche Kriegführung noch: "Wie eine Armee im späten Stadium einer Schlacht, so sind Deutschlands wirtschaftliche Reserven voll mobilisiert und eingesetzt. Sie können nicht viel weiter entwickelt oder anderweitig eingesetzt werden, bis ihre Anspannung durch einen Sieg erleichtert oder durch eine Niederlage beendet wird."

So irrten beide Gegner - die Briten, indem sie annahmen, die Kraft des Feindes sei erschöpft; die Deutschen, weil sie glaubten, mit halber Kraft siegen zu können. In dieser Phase mußte Hitler, der sich lange Zeit gegen die Einführung der Lebensmittelkarten gesträubt hatte, notgedrungen von Blitz - auf Dauerkrieg umschalten: Die Engländer gaben nicht auf; die größte Industrienation der Welt, Amerika, war nun Kriegsgegner geworden; in Rußland stockte der Vormarsch.

Auf Druck des Speer-Vorgängers und Berufsingenieurs Dr. Fritz Todt (NSDAP-Mitglied seit 1922) ließ Hitler von 1942 an höheren Rüstungsausstoß anvisieren; die Rüstungsproduktion wurde mählich zentralisiert; ein System von Kontroll- und Planungsausschüssen sollte der durch Kompetenzwirrwarr gehemmten deutschen Rüstung stärkere Effektivität verleihen.

Speer handhabte dieses System virtuos. Schon fünf Monate nach seiner Berufung stieg der Waffenausstoß um 55 Prozent. Er rüstete zugleich mit Improvisation und Perfektion. Es gelang ihm, "den ganzen Papierkrieg ... hinwegzufegen" (Milward) und die schwerfällig arbeitende Ministerialbürokratie auszuschalten. Er holte sich, wie er später in Nürnberg zu Protokoll gab, "die besten Fachleute, die ich in Deutschland finden konnte". Es war ihm gleichgültig, ob sie Parteimitglieder waren oder nicht. Speer zu Mitarbeitern: "Es genügt, wenn ich in der Partei bin."

Militärs ersetzte er durch Manager der freien Wirtschaft. So machte er Willy Schlieker von den Vereinigten Stahlwerken (der nach dem Kriege einen Werftkonzern aufbaute und in Konkurs ging) in seinem Ministerium zum Abteilungsleiter für die Verteilung der Stahl- und Eisenproduktion, den Hanomag-Direktor Dr. Arthur Tix (heute pensionierter Hüttendirektor in Bochum) zum Vorsitzenden des Hauptausschusses Waffen.

Er wollte junge Leute um sich sehen. War ein Vorsitzender einer der Rüstungsausschüsse älter als 55 Jahre, wurde ihm ein Stellvertreter attachiert, der die 40 nicht überschritten haben durfte. Im Rüstungsministerium galt die Minister-Devise: "Keiner sollte älter sein als ich." Schlieker war damals 28 Jahre alt.

6000 ehrenamtliche Mitarbeiter überwachten fortan in 21 "Hauptausschüssen" und "Ringen" die Rüstungsendfertigung vom Panzerbau bis zur Patronen-Produktion und die Zuliefer-Industrie. Speer richtete eine zentrale Rohstoffverteilung ein; drohte "Bummelanten" an, sie in "KZ-Betriebe" zu stecken ("Das braucht nur ein paarmal zu passieren, das spricht sich herum"); suchte die Arbeitslust in den Rüstungswerken durch Freßpakete und Prämien (auch für KZ-Häftlinge) anzustacheln und fachsimpelte am Tisch des Führers über die "Bewegung der Kartoffeln durch die Eisenbahn".

Der Führer monierte, "daß die Kartoffeln in steigendem Maße genauso unproduktiv durch Deutschland hin und her geschickt Werden wie noch vor kurzem das Bier", und sein Minister projektierte neue Eisenbahnlinien nach Moskau, die eine Spurbreite von - vier

Metern haben und in "Berlin - mit Abzweigungen nach München und dem Ruhrgebiet - zusammenlaufen" sollten.

Trotz solcher Phantasmagorien, trotz Kompetenz-Streitigkeiten mit Göring, Himmler und dem Gauleiter Sauckel (die allesamt Einzelteile der Rüstung oder den Arbeitseinsatz kontrollierten), trotz zunehmender Bombardements der Alliierten bewirkte er, daß die Kriegsproduktion von Monat zu Monat stieg.

Er spürte jedem Produktionspotential nach und hielt den NS-Gauleitern vor, daß beispielsweise 1943 noch 150 000 Heizkissen und 300 000 Stromzähler hergestellt worden seien; daß zu wenige weibliche Arbeitskräfte zur Verfügung stünden*. Bald redete er nur noch von "Produktionsziffern, Stückzahlen, Endfertigungen, Kapazitäten, wie im Rausch vor diesen trügerischen Erfolgsbilanzen" (Fest). Goebbels: "Der macht uns mit seinen Zahlen noch ganz besoffen."

Schließlich befehligte er 14 Millionen in- und ausländische Arbeitskräfte, produzierte Waffen und Gerät im Wert von monatlich rund vier Milliarden Reichsmark. Insgesamt erhöhte sich die Herstellung von Waffen, Munition und Flugzeugen seit Speers Ernennung im Februar 1942 bis zum Juli 1944 um mehr als das Dreifache, die Panzer-Produktion um fast das Sechsfache:

- 1944 wurden 2,586 Millionen Karabiner und 31 000 Granatwerfer gebaut - 1 216 000 beziehungsweise 21 000 mehr als 1942.

- 1944 lieferte die Industrie 27 300

Panzer - 18 000 mehr als 1942.

- 1944 bauten die Flugzeugwerke

37 950 Flugzeuge - 23 250 mehr als 1942.

Im August wurden die meisten Kampfwagenkanonen, im September wurde die meiste Munition hergestellt. Und im Oktober erreichte der Ausstoß an Nebelwerfern absoluten Höchststand, im November der an Artilleriegeschützen und im Dezember der an Gewehren, Panzerjägern und Sturmgeschützen.

Nun war die deutsche Rüstung kein Bluff mehr - aber sie war sinnlos. Die anderen rüsteten noch stärker. Allein 1944 produzierten die Amerikaner genauso viele Flugzeuge wie Deutschland während des gesamten Krieges. Und die immer neuen US-Bomber äscherten eine Fabrik nach der anderen ein; zu spät ging die deutsche Rüstungsproduktion unter die Erde.

Vor allem aber: Den Deutschen ging der Sprit aus. Bei einem Bedarf von monatlich etwa 165 000 Tonnen allein an Flugbenzin wurden im September 1944 nur noch 9400 Tonnen produziert. Statt der erforderlichen 22 000 Kohlenwaggons aus dem Ruhrgebiet rollten täglich nur noch 5000 für den Sieg.

Gleichwohl war bis 1944 das "Rennen zwischen Zerstörung und Wiederherstellung" für Albert Speer offenbar ein Faszinosum. Er setzte einen Jägerstab ein, um die Produktion von Jagdflugzeugen drastisch zu erhöhen, und einen Ruhrstab, um das zerbombte Transportnetz im Revier zu reparieren. Und er redete noch immer von "Mobilisierung der Leistungsreserven" oder "Überwindung von Engpässen" - laut Autor Joachim C. Fest "Chiffren sämtlich, die losgelöst waren von der politischen

Wirklichkeit und einer nachdenklichen Wendung keinen Raum ließen".

Erst eine doppelseitige Rippenfellentzündung, an der er im Frühjahr 1944 mehrere Monate lang laborierte, gab ihm offenbär die Besinnung, sich aus seinen technokratischen Kategorien zu befreien. "Jetzt begann er", so Fest, "zu entdecken, daß die ökonomisch-technische Verfügungsmacht, über die er gebot, politische Verantwortlichkeit nach sich zog." Kaum zurückgekehrt von einem Genesungsurlaub in Meran, platzte im Führerhauptquartier Stauffenbergs Bombe. Die Gestapo entdeckte Speers Namen auf der Kabinettsliste der Widerständler (Goerdeler: "Rüstungsministerium: Es soll versucht werden, Speer zu gewinnen"), aber Speer hatte zu keiner Zeit mit der Anti-Hitler -Verschwörung konspiriert.

Gleichwohl war er den Chef-Nazis nicht mehr geheuer. Sein früher inniges Verhältnis zu Hitler kühlte sich ab - nicht nur weil der Führer durch die Nachricht von der vermeintlichen Konspiration seines "fähigsten Ministers" mit den 20.-Juli-Widerständlern geschockt war, sondern auch, weil Speer in diesen Monaten nüchtern auf die katastrophale Lage hinwies. Kernsätze aus Speer-Denkschriften:

- 30. Juni 1944: "Zwangsläufig (wird)

im September ... der Anschluß an die zur Abdeckung des dringendsten Bedarfs der Wehrmacht notwendigen Mengen nicht mehr gewährleistet sein."

- 28. Juli 1944: "Wenn ... es dem Gegner gelingt, die Flugtreibstoffversorgung wie bisher zu drosseln, dann ist im September oder Oktober ein planmäßiger Einsatz der Luftwaffe völlig unmöglich."

- 30. August 1944: "(Es) fehlen auf wichtigen Gebieten diejenigen Stoffe, die zur Weiterführung eines modernen Krieges notwendig sind."

- 11. November 1944: "Es ist ... selbstverständlich, daß ein Ausfall des rheinisch-westfälischen Industriegebiets für die ... Kriegführung auf die Dauer untragbar ist."

- 30. Januar 1945: "Das materielle Übergewicht des Gegners ist ... auch nicht mehr durch die Tapferkeit unserer Soldaten auszugleichen."

Das war präzise das, was Hitler nicht hören wollte. Der Führer lehnte es nun ab, Speer noch unter vier Augen zu empfangen: "Wer mich unter vier Augen sprechen will, der hat immer die Absicht, mir etwas Unangenehmes zu sagen. Das kann ich nicht ertragen." Propagandachef Goebbels und Reichsleiter Bormann traten, wie Speer später sagte, zu "offenem Kampf gegen mich" an. Die meisten Gauleiter stellten sich gegen ihn.

Speer im September 1944: "So stehe ich nun vor der Tatsache, daß ... die von mir aufgebaute Selbstverantwortung der Industrie und mein Ministerium als 'parteifremd', als 'Sammelbecken der reaktionären Wirtschaftsführer' oder gar als 'parteifeindlich' bezeichnet wird."

In dieser Isolierung sah er die Wirklichkeit immer schärfer. Gegenüber Vertrauten machte er aus seiner Meinung keinen Hehl. Dem Flieger-Obersten und Träger des Eichenlaubs mit Schwertern Werner Baumbach eröffnete er, der Krieg sei verloren. Seinem Verbindungsmann zum Generalstab des Heeres, Oberstleutnant von Poser, vertraute er an, weiteres Blutvergießen sei sinnlos. Seinem Mitarbeiter Dietrich Stahl sagte er, der Krieg müsse schleunigst beendet werden.

Stahl nach dem Kriege: "Ich fand zu meiner Überraschung zum ersten Mal einen führenden und verantwortlichen Mann, der die wirkliche Lage nüchtern und klar sah und den Mut aufbrachte, nicht nur solche mit Todesgefahr verbundenen Gespräche zu führen, sondern der auch entschlossen zu handeln gewillt war."

Das war Speer in der Tat. Während Hitler-Generale mit nicht mehrvorhandenen Divisionen operierten und im Führerbunker Apathie einkehrte, besann sich Speer auf die Treue, "die jeder unbedingt zu halten hat, und das ist die dem eigenen Volk gegenüber".

Da Hitler in seinen Augen diese Treue nicht mehr hielt, sondern das Volk dem Untergang weihen wollte, machte Speer Widerstand auf eigene Faust - effektvoller als andere. In der zweiten Hälfte des Jahres 1944 - der genaue Zeitpunkt ist nicht rekonstruierbar - ging Speer dazu über, sinnlose Hitler-Weisungen zu mißachten.

Und dann begannen "Hitler und sein einziger persönlicher Freund dieses schweigende, aber erbitterte Ringen um die Leiche Deutschlands" (Trevor -Roper). Im Februar 1945 räumte der Rüstungschef per Allein-Entscheid der Ernährungsindustrie erste Priorität ein. Statt Kanonen ließ er Butter produzieren. Speer beauftragte seine Mitarbeiter, Notprogramme für den Bau von Landwirtschaftsgeräten und für die eisenverarbeitende Industrie aufzustellen.

Die Reste des Transportwesens überstellte er ebenfalls zivilen Diensten. Ernährungsfracht rangierte fortan vor Rüstungsfracht. Speer kommandierte 800 000 Rüstungsarbeiter zum Wiederaufbau zerbombter Verschiebebahnhöfe und Gleisanlagen ab und betrieb Reparaturen an Düngemittel herstellenden Stickstoffwerken mit größerer Dringlichkeit als die Wiederherstellung von Benzin produzierenden Hydrierwerken.

Historiker Trevor-Roper: "Zu jedem Befehl zu industriellem Selbstmord, der aus dem Führerhauptquartier, dem Parteiamt oder vom Berliner Rundfunk kam, gab Speer auf seinem eigenen Dienstweg Gegenbefehle." Und nun sann er zum erstenmal auch auf radikale Abhilfe.

In einem 90-Minuten-Gespräch in seiner Luftschutzkabine vertraute er "innerlich sichtlich erregt" seinem Mitarbeiter Dietrich Stahl an: "Ich habe mich jetzt durchgerungen, diesem Treiben notfalls mit Gewalt ein Ende zu machen." Stahl sollte Giftgas besorgen, das Speer durch die Ansaugöffnung der Frischluftanlage in der Reichskanzlei in den Führerbunker einströmen lassen wollte.

Der Plan scheiterte. Als Speer mit dem Obermonteur der Reichskanzlei, Hänschel, den Tatort besichtigte, stellte er fest, daß Hitler die Ansaugöffnung der Frischluftanlage der Reichskanzlei mit einem vier Meter hohen Kamin hatte ummauern lassen.

Am 19. März 1945 machte Hitler seine schon seit Monaten bekundeten Zerstörungspläne zum Dekret: "Alle militärischen Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebiets, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören." Zu Vollstreckern der Selbstzerstörung bestellte Hitler die Gauleiter, Speers Opponenten.

Speer erfuhr von dem Zerstörungsbefehl, als er im Ruhrgebiet mit Militärs, Industriellen und Gauleitern Überlebens-Maßnahmen beriet. Speer: "Ich hatte mich mit Absicht so offen seinen Befehlen widersetzt ... Ich wollte ihn nicht hinter seinem Rücken betrügen." Am 28. März traf Speer in der Reichshauptstadt ein. Hitler zitierte ihn sofort in den Führerbunker.

"Wenn der Krieg verloren ist", so hatte Hitler den Minister bereits belehrt, "wird auch - das Volk verloren sein ... Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, es ist besser ... uns selbst zu zerstören." Hitler forderte Speer auf, Dauerurlaub zu nehmen, und gab ihm 24 Stunden Bedenkzeit. Speer lehnte ab.

Statt zum Rapport zu erscheinen, schickte Speer am nächsten Tag eine neue Denkschrift in den Führerbunker: Ich kann nicht mehr an den Erfolg unserer guten Sache glauben, wenn wir ... gleichzeitig und planmäßig die Grundlagen unseres Volkslebens zerstören."

In brütender Untergangsstimmung vernahm Hitler noch einmal die Stimme des einstigen Favoriten. Anstelle der Gauleiter machte er Speer nun zum Manager des totalen Untergangs - den Mann, von dem er wußte, daß er den Zerstörungsbefehl nicht ausführen würde.

Speer beorderte seine wichtigsten Mitarbeiter nach Berlin und verbot ihnen, das Hitler-Konzept von der "Verbrannten Erde" zu verwirklichen. "Ich werde jeden von Ihnen bestrafen, der diesen Befehl ausführt", drohte der Minister, wie Speer-Mitarbeiter Dr. Mauterer dem SPIEGEL erklärte, "und ich werde mich vor jeden stellen, der sich weigert, diesen Befehl der 'Verbrannten Erde' durchzuführen."

Am 30. März erließ Speer Durchführungsbestimmungen, die den Führerbefehl praktisch außer Kraft setzten. Speer: "Totale Zerstörungen wichtigster Betriebe ... erfolgen auf Führerbefehl, der von mir herbeigeführt wird." Er führte nicht herbei.

Speer ließ den im Ruhrgebiet noch vorhandenen Sprengstoff in den Kohlenschächten versenken, den Sprengkommandos sperrte er den Bezug von Minen. Sprengladungen für die Hamburger Docks wurden auf seine Veranlassung entfernt.

In den wichtigsten Betrieben ließ er Selbstschutzgarden aufstellen. Speer später in Nürnberg: "Das klingt alles etwas übertrieben, aber es war damals die Situation so, daß, wenn ein Gauleiter gewagt hätte, im Ruhrgebiet an die Kohlenbergwerke zu gehen, und dort nur eine Maschinenpistole zur Verfügung stand, dann wäre geschossen worden."

Ende März weihte Speer Mitarbeiter Stahl in einen neuen Plan ein: Diesmal galt das Komplott Bormanns Goebbels und Himmler. Speer wollte die NS -Spitzenfunktionäre mit einigen "beherzten und waffenkundigen Männern" überfallen, wenn sie, wie üblich, die Reichskanzlei bei Fliegeralarm verließen, um in Berlins Vororten in Deckung zu gehen. Speer zu Stahl: "Einen der drei Wagen übernehme ich selbst."

Stahl lieferte zwölf Maschinenpistolen, Pistolen, Munition und Leuchtpatronen. "Es war eine aufgeregte und turbulente Zeit", rekapitulierte er. Das Vorhaben wurde nicht ausgeführt. Speer trug von da an ständig eine geladene Pistole bei sich.

Anfang April traf Speer Vorbereitungen, Himmler, Goebbels, Ribbentrop, Ley, Keitel und Bormann nach England zu entführen. Er weihte den Flieger -General Galland und den Flieger-Obristern Baumbach sowie einige weitere Generale und Offiziere ein. Galland sagte wegen einer Knieverletzung ab. "Einer der Generale machte vor der Ausführung des Plans schlapp", berichtete Baumbach, "und bewegte die anderen, nicht weiter mitzumachen."

Dann zog es den Minister wieder zu seinem Führer. "Der Notwehrgedanke, der ihn an ein Attentat denken ließ", schrieb Schwerin von Krosigk später, "hob seine Dankbarkeit nicht auf: Verstand und Gemüt gingen in der Stimmungsseele des leicht erreg- und wandelbaren Menschen getrennte Wege." Und Speer bestätigte später: "Ich hatte noch keine ... klare Basis in meinem Verhältnis zu ihm."

Von Hamburg aus, wo er Mitte April sein Quartier aufgeschlagen hatte, fuhr Speer am 23. April mit seinem schwarzen BMW in Richtung Berlin. Er kam bis Rechlin. Da die Reichshauptstadt schon von den Rotarmisten eingeschlossen war, flog Speer mit einer Schulmaschine bis Gatow im Westen Berlins und von dort mit einem Fieseler Storch zum Brandenburger Tor.

Speer war der letzte Besucher in Hitlers unterirdischem Verlies. Er fand seinen Führer, wie Historiker Trevor-Roper nach verschiedenen Gesprächen mit Speer schrieb, "in einem Zustand unnatürlicher Ruhe: der Ruhe nach dem Sturm. Alle, die ihn an jenem Tag sahen, haben die Entspannung, diesen inneren Frieden, der den stürmischen Szenen des vorangegangenen Tages gefolgt war, bezeugt". Und Speer fand, seit langem habe er Hitler nicht "so gefaßt, so menschlich" gesehen.

Der Minister legte ein volles Geständnis ab. Ausführlich schilderte er, wie er im "Konflikt zwischen persönlicher Treue und staatsbürgerlicher Pflicht" das Überleben der geschlagenen Deutschen vor die Hingabe an den Führer gestellt habe.

Hitler hörte zu und war, wie Speer berichtete, "tief gerührt". Der Abtrünnige wurde nicht erschossen, nicht verdammt wie Göring oder Himmler, die sich abgesetzt hatten. Hitler strich ihn lediglich von der Ministerliste, die nach seinem Tode in Kraft treten sollte. Hitler-Arzt Dr. von Hasselbach: "Hitler (konnte) ... erbittert hassen, während er denen, die er liebte, fast alles vergab."

So schwankte Albert Speer bis zum Ende zwischen Führer-Loyalität und Tyrannenmord. Als der US-Psychologe Gilbert ihn später in Nürnberg fragte: "Wie konnten Sie so lange mit einem Ungeheuer wie Hitler gemeinsame Sache machen?", antwortete er: "Ich muß zugeben, das war Schwäche meinerseits ... Ich hätte es früher erkennen müssen und habe es auch wirklich erkannt. Ich habe aber weiter in diesem frevelhaften Spiel mitgemacht, bis es zu spät war ... Ja, weil es einfacher war."

Aber auch als Speer nicht mehr gemeinsame Sache mit seinem Führer machte, bestimmten den Hitler-Gegner offenbar apolitische Motive. Er wollte Brücken und Fabriken erhalten, Butter produzieren und Verkehrswege reparieren. Letzten Endes gehörte auch er zu denen, die sich von den NS-Erfolgen emportragen ließen und erst dann opponierten, nachdem sich das Kriegsglück gewendet hatte.

Noch in Nürnberg referierte er über einen Besuch im Konzentrationslager Mauthausen wie über die Inspektion einer Fabrikhalle: "Das Lager (machte) einen vorbildlich sauberen Eindruck." Was er verdrängt hatte, fügte er in einen Nebensatz: "Die ganze Besichtigung dauerte etwa drei viertel Stunden, da ich außerordentlich wenig Zeit für eine derartige Sache zur Verfügung hatte und es mir innerlich widerstand, in ein derartiges Lager ... überhaupt hereinzugehen."

Erst als ihm im Gerichtssaal Filme aus Konzentrationslagern vorgeführt wurden, sah er, wie US-Psychologe Gilbert beobachtete, "tieftraurig aus" und "schluckte mühsam". In Augenblicken wie diesem muß ihm gedämmert haben, daß Konzentrationslager und Aggressionen ebenso existentiell zum NS-Regime gehörten, wie Baupomp und Rekordrüstung. Speer damals: "Soll das ganze verdammte Nazi-System und alle, die daran teilhatten, mit Schmach und Schande, die sie verdienen, zugrunde gehen. Mich eingeschlossen."

Mit dem Dritten Reich war auch die Pracht der gigantischen Speer-Bauten dahin. Russische Granaten hatten die Reichskanzlei zerfetzt, geschlagene Berliner trugen die Reste ab. US-Pioniere sprengten die steinernen Superlative zu Nürnberg in die Luft, und amerikanische Bulldozer planierten das Reichsparteitaggelände.

Das Nürnberger Militärtribunal verurteilte Speer wegen Beteiligung am Raub öffentlichen und privaten Eigentums ("Kriegsverbrechen") und am Zwangsarbeiterprogramm ("Verbrechen gegen die Menschlichkeit") zu zwanzig Jahren Gefängnis. Speer hatte zu Prozeßbeginn mit der Todesstrafe gerechnet; er akzeptierte den Spruch: "Es wäre lächerlich, wenn ich mich über die Strafe beschweren würde."

* Am 31. Juli 1939 waren 2,62 Millionen Frauen in deutschen Industrie-Betrieben beschäftigt; am 31. Juli 1944 waren es 2,678 Millionen - 58 000 mehr.

Hitler-Architekt Speer, Bauherr, auf dem Nürnberger Reichsparteitaggelände (1937): Zwischen Führer-Verehrung und Tyrannenmord

Häftling Speer (r.), Begleiter im Spandauer Gefängnishof. Schritte gezählt

Speer-Brief an die Familie (17. Oktober 1965): Tempel bewundert

Speer-Ehefrau Margarethe, Speer-Sohn Albert: Gnade erbeten

Speers Lichtdom in Nürnberg

"Aus Fahnen, Menschen und Steinen ...

... überschnappende Monumentalität": Speers Zeppelinwiese in Nürnberg

Speers Neue Reichskanzlei

"Ehe die Diplomaten kommen ...

Speers Modell der Neuen Reichskanzlei

... sollen sie auf ihre Knie sinken"

Hitler (l.), Speer (r.), Siegestor-Modell: "Was ist Paris dagegen?"

Front-Besucher Speer*: "Nummer drei in der staatlichen Hierarchie"

Werk-Besucher Speer, KZ-Häftlinge*: "Das Lager machte einen sauberen Eindruck"

Speer-Mitarbeiter Schlieker (r.)*

Macht mit 28

Rüstungsminister Speer (1943): "Ohne meine Arbeit ...

... wäre der Krieg vielleicht 1942/43 verloren gewesen": Luftschutzhelfer Speer (1943)*

Speer-Zeichnung für Baumbach (1946)*

"Spielerei mit einer Götterburg"

Trümmerfrauen vor Speers Reichskanzlei

Der Manager des Untergangs ...

Speer-Bau in Heidelberg*

Nach zwanzig Jahren Haft ...

Sprengung von Speers Nürnberg-Bau

... vereitelte die Verwüstung

Speer-Domizil in Heidelberg*

... Heimkehr ins Vaterhaus

* Oben: Bei der Besichtigung eines erbeuteten Briten-Panzers in Dieppe. Unten: Mit Speer-Stellvertreter Saur im unterirdischen V2-Werk Kyffhäuser (Thüringen).

* 1943 mit Speer (l.) und Großadmiral Dönitz in Gotenhafen.

* Bei Aufräumungsarbeiten nach einem Luftangriff.

* Die Widmung lautet: "Meinem lieben Baumbach. Zur Erinnerung an gemeinsames Wandern. Spielerei mit einer Götterburg. Von Ihrem Albert Speer; den 25. 7. 1946." Der Luftwaffen-Oberst Werner Baumbach, gegen Ende des Krieges Befehlshaber der Kampfflieger, war nach dem Kriege militärwissenschaftlicher Berater der argentinischen Luftwaffe; 1954 verunglückte er tödlich.

* Links: 1929 von Speer erbautes Haus, Hausckerweg 21. Rechts: 1910 von Speer-Vater erbautes Haus, Schloß Wolfsbrunnen-Weg 50.


DER SPIEGEL 40/1966
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Fühlende Brust