12.09.1966

KRIEGSGERICHTE

Menschlich bedrückend

ZWEITER WELTKRIEG

Auf dem Schießstand von Schellingwoude bei Amsterdam luden am 13. Mai 1945, fünf Tage nach der Kapitulation, deutsche Marine-Soldaten die Gewehre durch. Um 17.40 Uhr gab ein deutscher Offizier den Befehl zur Erschießung des Funk-Gefreiten Bruno Dorfer, 20. Fünf Minuten später feuerte das Kommando zum zweitenmal, und der Maschinenmaat Rainer Beck, 28, brach tot zusammen. Die beiden Leichen wurden verscharrt.

Über 21 Jahre später versucht jetzt die Staatsanwaltschaft Köln zu klären, ob die Hinrichtung der beiden Marine -Soldaten Rechtens oder Mord war.

Am 5. September 1944 hatte der Maat Beck die Hafenschutzgruppe von Ijmuiden unweit von Amsterdam, zu der er gehörte, verlassen und war zu seiner Schwester Fredegund geflüchtet, die in Amsterdams Achillesstraat illegal lebte.

Die Geschwister gehörten zu einer Familie, der die Ausrottung drohte. Vater Max Emil Beck, einst SPD-Polizeipräsident von Gleiwitz, hatte 1933 Rechte und Bezüge verloren. Erst als der hochdekorierte Frontoffizier des Ersten Weltkrieges dem preußischen Innenminister Hermann Göring brieflich androhte, er werde sich in Uniform und kaiserlichem Ordensschmuck mit einer Geige das tägliche Brot erfiedeln, gewährte Göring eine monatliche Rente von knapp 300 Reichsmark.

Als Beck 1938 starb, erhielt seine Witwe Elsa keinen Pfennig mehr: Sie war jüdischer Herkunft. Der Sohn Rainer wurde als Sechzehnjähriger von der Oberschule, Tochter Fredegund von der Universität verwiesen; der Tochter Berthilde wurde verboten, in ihrem Beruf als Hebamme zu arbeiten. Öffentlich wurde die Familie als "Jüdisch marxistische Pestbeule" beschimpft.

Rainer Beck rettete sich auf die hohe See. Er fuhr als Harpunier auf einem Walfänger und verlobte sich in Kanada, kehrte aber 1938 nach Deutschland zurück, um für den Unterhalt seiner Mutter zu sorgen. Er heuerte auf einem deutschen Fischdampfer an und wurde samt Boot und Mannschaft im Herbst 1940 zur Marine eingezogen.

Während Halbjude Beck für Führer und Reich kämpfte, jagte der NSDAP Blockwart in Gleiwitz "die Jüdin Beck" bei Fliegeralarm aus dem Keller. Bei seinem Heimaturlaub trat Rainer Beck deshalb demonstrativ in Marine-Uniform auf. Der Maat damals zu seinen Schwestern: "Ich trage die Uniform der Leute, die uns vernichten wollen."

Im September 1944, als die Verbindung zur Mutter in Gleiwitz abgerissen war, entschloß sich Beck in Holland zur Desertion. Schwester Fredegund in Amsterdam versteckte ihn einige Tage, dann brachten ihn holländische Widerstandskämpfer in ein Haus der Botticellistraat, in dem bereits ein deutscher Jude namens Hans Marcus untergetaucht lebte. Zusammen mit Marcus überdauerte Beck in einem Dachkammer-Verschlag die Zeit bis zum Einmarsch der Alliierten.

Am Tag der Kapitulation hielt es Beck nicht mehr in seinem Versteck. Gegen den Rat seiner Freunde meldete er sich bei einer kanadischen Dienststelle. Die Sieger-Soldaten schickten ihn in ein provisorisches Lager, in dem auch SS- und SD-Angehörige hinter Stacheldraht verwahrt wurden.

Beck fühlte sich am falschen Ort und kehrte zu seiner Schwester zurück. Ihn begleitete nun der Gefreite Dorfer, den er an der Sammelstelle getroffen hatte. Dorfer, Sohn eines steiermärkischen Dachdeckermeisters, hatte sich 1943 freiwillig zur Marine gemeldet, sich aber in den letzten Kriegstagen von seiner Einheit - der 9. Räumbootsflottille - abgesetzt. Seine Tante Johanna Timmermanns in Amsterdam nahm ihn auf und steckte ihn in Zivil. Nach der. Kapitulation meldete er sich sogleich bei den alliierten Truppen, die ihn - wie Beck - zur Sammelstelle weiterschickten.

Beck packte bei seiner Schwester ein Paar Socken ein, gab ihr seine Armbanduhr und verließ sie noch am selben Tage zusammen mit Dorfer, um aus unbekanntem Motiv wieder zu seiner Einheit zurückzukehren. Schwester Fredegund heute: "Gott weiß, warum." Die Verwandten der beiden Marinesoldaten erfuhren noch, daß Beck und Dorfer in ein Lager eingewiesen wurden, dann verlor sich ihre Spur.

Erst mehr als zwei Jahrzehnte später grub die "Zentralnachweisstelle" in Kornellmünster bei Aachen, die im Auftrage des Bundesarchivs alte Wehrmachtsakten aufarbeitet, die "Strafverfahrensliste des Gerichts Admiral in den Niederlanden, Zweigstelle Amsterdam" aus. Unter den 908 Todesurteilen aus der Zeit vom 1. Juli 1944 bis zum 14. Mai 1945 waren die beiden gegen Beck und Dorfer.

Die in Klagenfurt lebende Witwe Dorfer erfuhr erst durch den SPIEGEL, daß ihr Sohn Bruno noch fünf Tage nach der Kapitulation hingerichtet worden war. Die Angehörigen Rainer Becks wurden von der "Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht" in Berlin verständigt. Schwester Berthilde erstattete Anzeige wegen Mordes.

Aus Zeugenaussagen und Dokumenten läßt sich inzwischen der Hergang ziemlich genau rekonstruieren:

Beck und Dorfer wurden am 12. Mai 1945 von den Kanadiern zu einer Ford -Autofabrik gebracht, die den Besatzern als Marine-Sammellager diente. Der deutsche Lagerkommandant, Fregattenkapitän Alexander Stein - heute 75jähriger Pensionär in Bremen -, forderte die Kanadier auf, die beiden Deserteure wieder aus dem Lager zu entfernen: Die Marine wolle nichts mit ihnen zu tun haben. Die Kanadier weigerten sich jedoch, und ein kanadischer General forderte - so Stein heute - die Deutschen auf, die unerwünschten Lagerinsassen vor ein Kriegsgericht zu stellen.

Am nächsten Tag trat das Gericht unter dem Vorsitz des Marineoberstabsrichters der Reserve Wilhelm Köhn - heute 57 Jahre alt und Oberlandesgerichtsrat in Köln - zusammen.

Das Gericht tagte in einer großen Fabrikhalle. Zuschauer waren 3800 Mann die gesamte Lagermannschaft.

Auf die Frage des SPIEGEL, ob Beck während der Verhandlung seine Vergangenheit und seine Flucht-Motive geschildert habe, antwortete der ehemalige Marinerichter: "Nach meiner Erinnerung hat er kein einziges Wort gesagt." Eine Urteilsaufschiebung, eine Umwandlung der Strafe oder ein Gnadengesuch zog Köhn 1945 gar nicht in Betracht, denn - so Köhn 1966 - "an eine Vollstreckung haben wir im Traum nicht gedacht".

Köhn verteidigt heute sein Urteil damit, daß es aus disziplinarischen Gründen unbedingt notwendig gewesen sei, die beiden Deserteure aus der Marine-Gemeinschaft anzuschließen.

Ordnungsgemäß hätten die beiden Todesurteile vom deutschen Gerichtsherr, dem Admiral in den Niederlanden, Vizeadmiral Rudolf Stange, bestätigt werden müssen, der aber zu dieser Zeit in England war. Lediglich der Lagerkommandant Stein unterschrieb die Bestätigung. Stein glaubte damals und glaubt noch heute, daß er dazu gemäß Kriegsstrafverfahrens-Ordnung berechtigt war. Der damalige Admiral Stange hingegen hält das für ausgeschlossen: "Bestimmt hatte er keine Befugnisse, Todesurteile zu bestätigen."

Kurze Zeit nach der Verurteilung Becks und Dorfers fuhren kanadische Lastwagen vor, die Gewehre für das Erschießungskommando brachten und die beiden Verurteilten zum Schießstand von Schellingwoude transportierten.

Auf Anfrage des SPIEGEL bestätigte das kanadische Verteidigungsministerium, daß am 13. Mai 1945 tatsächlich "einige deutsche Marine-Deserteure" vor ein deutsches Kriegsgericht gestellt und zum Tode durch Erschießen verurteilt wurden. Nach Unterlagen des Ministeriums war den in Westholland internierten deutschen Truppen die Disziplinargewalt "einschließlich der Hinrichtung von Deserteuren" belassen worden.

Köhn aber behauptet, "daß die ganze Geschichte von dem kanadischen Befehlshaber veranlaßt worden ist. Die Kanadier haben alles organisiert und auch die Hinrichtungsstätte bestimmt". Er erinnert sich sogar, daß bei der Hinrichtung ein kanadischer Offizier anwesend gewesen sei, der dem befehlshabenden deutschen Kollegen nach der Exekution "seine Hochachtung bezeugte".

Der einstige Marineoberstabsrichter ist davon überzeugt, daß die von dem Kriegsgericht unter seinem Vorsitz gefällten Todesurteile Rechtens waren: "Desertion ist nach dem Kriege genauso zu verurteilen wie vorher." Und: "Wir waren zu diesem Zeitpunkt keine Kriegsgefangenen, sondern Internierte. Nach den geltenden Bestimmungen konnte ich gar nicht anders urteilen." Die deutsche Kriegsgerichtsbarkeit sei erst durch das Kontrollrats-Gesetz Nr. 34 vom 20. August 1946 aufgehoben worden.

Schon am 4. Mai 1945 wurden durch das alliierte Militärgesetz Nr. 153 "alle deutschen Kriegsgerichte" grundsätzlich "abgeschafft". Von diesem Gesetz hat Köhn, wie er heute versichert, erst nach den Exekutionen erfahren.

Juristische Vorwürfe macht sich Köhn nicht. Aber menschlich, so sagt er, "bedrücken mich diese Dinge seit vielen vielen Jahren".

Deutsche Kriegsgefangene 1945*: Exekution hinter Stacheldraht

Hingerichteter Gefreiter Dorfer

Mit kanadischen Gewehren ... Hingerichteter Maat Beck

... von Deutschen erschossen

* In der holländischen Stadt Velp.


DER SPIEGEL 38/1966
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