26.09.1966

ROUSSEAUBeständiges Gekläffe

Für die Musik muß ich sicherlich geboren sein ... Ich liebte sie leidenschaftlich, ich machte aus ihr meine Lieblingsbeschäftigung, und mit solchem Erfolge, daß ich-dabei auf Entdeckungen kam, Fehler fand, Verbesserungen anzeigte."
So bekannte Jean-Jacques Rousseau (1712 bis 1778), Philosoph, Pädagoge, Gesellschaftskritiker, Romancier, Komödienschreiber, Botaniker und Notenkopist. Und der naturschwärmerische Wegbereiter der Französischen Revolution, der "zurück zur Natur" drängte, schätzte sich sogar als einen Musiker ein, der "stets ein größeres Wissen zeigte als die meisten meiner Zeitgenossen".
Der Komponist Rousseau, seit mehr als einem Jahrhundert vergessen, wird gegenwärtig von der französischen Schallplatten-Industrie neu entdeckt.
Die Firma "Discophiles Francais" läßt bereits Rousseaus Erfolgs-Oper "Le Devin du Village" ("Der Dorfwahrsager") rotieren, die unlängst auch in der Mailänder Scala wiederaufgeführt worden ist. "Pathé Marconi" bietet eine Ton-Anthologie aus Rousseaus musikalischem Gesamtwerk mit pastoralen Rokoko -Liedchen und Motetten, einer "Weise für die marschierende Truppe", einer lyrischen "Romanze des Saul" sowie Auszügen aus dem "Dorfwahrsager", dem "heroischen" Ballett "Les Muses Galantes", dem Monodrama "Pygmalion" und der unvollendeten Schäfer-Oper "Daphnis und Chloe".
"Wer in irgendeinem Fache der erste ist, der ist sicher, immer gesucht zu werden. Darum will ich ein Erster sein, gleichgültig, worin das ist", hatte sich Rousseau, Sohn eines Genfer Uhrmachers und Lehrling eines Kupferstechers, einst vorgenommen. Und das musikalische Fach schien ihm für seine hohe Ambition besonders geeignet.
Jedenfalls versuchte sich der jugendliche Autodidakt - erst mit 17 lernte er ein Instrument, die Schnabelflöte, spielen - in den Jahren nach seiner Flucht aus Genf sogleich als Musik -Champion, allerdings mit nur mäßigem Erfolg. Mit Madame de Warens, seiner "Maman", die ihn zum Katholizismus bekehrt hatte, übte er in Chambéry "reizende Duette"; er dirigierte Mamas Hauskonzerte und diente zugleich den höheren Müttern und Töchtern der Stadt als anfangs verwöhnter, später verhöhnter Gesanglehrer.
In Lausanne, wo er sich "Monsieur Vaussore de Villeneuve, Musiklehrer und Komponist aus Paris" nannte, gab er mit 20 ein erstes Rousseau-Konzert zum besten und wurde ausgelacht. Er trat in Besancon als Konzertsänger auf und komponierte zwei Opern, "Iphis" und "Die Entdeckung der Neuen Welt".
1742 schließlich - der schwärmerische Phantast Rousseau, empfindsam und schwerfällig, ruhmsüchtig und schüchtern, war mittlerweile 30 Jahre alt geworden - rüstete er sich zu einer musikalischen Großtat: Er übersiedelte nach Paris und legte der Akademie der Wissenschaften eine neue Tonschrift vor, die Noten durch Ziffern ersetzte.
Rousseau: "Konzentriert auf mein System, versteifte ich mich darauf, eine Revolution in der Musik zu bewirken und dadurch zu einer Berühmtheit zu gelangen, die auf dem Gebiete der schönen Künste in Paris jederzeit auch mit dem Reichtum sich vereint."
Aber die Revolution fand nicht statt, der Reichtum blieb aus. Die Akademiker verfaßten ein nichtssagendes Gutachten, der große Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764), bedeutendster französischer Komponist seiner Zeit, verwarf das Rousseau-System als unbrauchbar. Später wurde es für den Volksschulunterricht und den volkstümlichen Kirchengesang dennoch verwendet.
Rameau, ein langer, magerer alter Mann, hart und roh (so Rousseau -Freund Diderot), voller Geiz und Habsucht (so Rousseau-Freund Baron Grimm), verwarf bald noch mehr. 1745 wurde in Paris Rousseaus heroisches Ballett "Les Muses Galantes" uraufgeführt. Es war, nach Meinung Rameaus, das Werk eines Plagiators und Stümpers, der von Musik keine Ahnung hatte - die lebenslängliche Feindschaft zwischen den Komponisten hatte begonnen.
In seinen musiktheoretischen Artikeln, die er für Diderots 28bändige "Enzyklopädie" verfaßte, polemisierte Rousseau, "le citoyen" (der Bürger) genannt, dann mit dem "Feuer des Hasses" gegen Rameau und dessen Harmonielehre. Rameau rächte sich in seiner Schrift "Irrtümer über die Musik in der Enzyklopädie": "Rousseau hat kein Gehör und keine Kenntnisse; er ist unempfänglich für die Musik."
Rousseau und Rameau blieben nicht allein in ihrer Fehde. Während des sogenannten Buffonistenkriegs avancierten sie zu den Anführern zweier feindlicher Kulturkampf-Gruppen. Streitobjekt war die italienische Opera buffa, etwa Giovanni Battista Pergolesis, die 1752 durch eine Theatertruppe nach Paris importiert wurde und dem hehren französischen Musikdrama à la Rameau Konkurrenz machte.
Während die Anhänger Rameaus gegen die "hergelaufenen Zigeuner" und ihre plebejischen Werke polemisierten, verhöhnte die pro-italienische Rousseau-Clique die Tonkunst ihrer französischen Meister.
In seinem "Brief über die französische Musik" dozierte schließlich Rousseau den nationalbewußten Galliern, die italienische Sprache sei "geschmeidiger, wohllautender, harmonischer und akzentuierter als jede andere", der französische Gesang hingegen "nur ein beständiges Gekläffe und unerträglich für jedes nicht voreingenommene Ohr"; er erklärte, "daß die Franzosen keine Musik haben und keine haben können".
Der Buffonistenstreit - den Christoph Martin Wieland später in seiner "Geschichte der Abderiten" parodierte - endete mit einem Sieg der Rameau -Partei. Die italienische Operntruppe verließ Paris, "die schändlichen Dünste welche die Luft verpesteten", waren vertrieben.
Der Buffo-Anhänger Rousseau blieb jedoch weiterhin in der Gunst des Pariser Publikums. 1752 war sein von Pergolesi inspiriertes Singspiel "Le Deyin du Village" in Fontainebleau vor Ludwig XV. aufgeführt worden. Das idyllisch-pastorale Werk hatte kurz darauf in der Pariser Oper Premiere und brachte dem Literaten endlich auch den ersehnten Komponisten-Ruhm. Rousseau: "Der Erfolg ist wunderbar und setzt mich in Erstaunen."
Tatsächlich wurde "Der Dorfwahrsager", ein Vorläufer des romantischen Musiktheaters, die bei weitem erfolgreichste Oper der Rousseau-Zeit; sie hielt sich über 70 Jahre lang auf französischen Bühnen.
Der Musik blieb Rousseau auch in den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten der Einsamkeit, der Exile und des Verfolgungswahns treu.
Bis ins Alter arbeitete der Autor der "Nouvelle Héloise", des "Contrat social", des "Emile" und der "Bekenntnisse" als Notenkopist, um für sich und sein Arbeitermädchen Therese Levasseur - dessen fünf Kinder er bei Nacht und Nebel ins Findelhaus trug - den Lebensunterhalt zu sichern. Dafür lehnte er eine königliche Rente ab. Den Haushofmeister Ludwigs XV. informierte er: "Ich bin frei; ich pfeife heute auf euch Hofleute; alle Könige der Erde könnten mich nicht dazu bringen, nur ein Bein aufzuheben."
1767 veröffentlichte der wahngeplagte Enthusiast sein polemisches und bedeutsames "Wörterbuch der Musik", an dem er 16 Jahre lang geschrieben hatte. Und wenig später wartete Rousseau, inzwischen fast mit aller Welt zerstritten, noch einmal mit einem musikgeschichtlichen Novum auf - dem Monodrama "Pygmalion", laut Goethe "einer wunderlichen Produktion", einem "kleinen, aber merkwürdig epochemachenden Werk". Die neue Kunstform bot Deklamation und Instrumentalmusik - beides allerdings säuberlich getrennt.
Rousseau: "Überzeugt, daß die französische Sprache, da sie aller Akzente bar ist, sich durchaus nicht für die Musik und vornehmlich nicht für das Rezitativ eignet, ersann ich eine Gattung von Drama, in dem der Text und die Musik, anstatt zusammenzugehen, sich nacheinander vernehmen lassen." Die Gattung von Drama überzeugte; sie wird noch heute, nicht zuletzt in den Pariser Music-Halls, dargeboten.
Gegen Ende seines Lebens traf Rousseau mit dem deutschen Ritter Christoph Willibald Gluck zusammen, der in seinen Opern Rousseausche Musiktheorien verwirklichte. Rousseau kopierte Glucksche Noten, zerstritt sich schließlich aber auch mit Gluck, wie er sich einst mit Diderot und den Enzyklopädisten, mit Voltaire, der Madame d'Epinay und dem englischen Philosophen David Hume zerstritten hatte.
1778 folgte Rousseau der Einladung des Marquis Girardin und zog auf dessen Besitz von Ermenonville. Er starb an einem Schlaganfall und wurde im Park tot aufgefunden. Seine letzte Beschäftigung glich jener, mit der er ehedem seine freie Existenz zu begründen versucht hatte: Rousseau erteilte bis zuletzt der Tochter seines Gönners Gesangsunterricht.
Musiker Rousseau
Noten durch Ziffern ersetzt

DER SPIEGEL 40/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ROUSSEAU:
Beständiges Gekläffe

Video 04:27

Deutsche Muslime nach Christchurch Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?

  • Video "US-Demokrat zum Mueller-Report: Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit" Video 01:25
    US-Demokrat zum Mueller-Report: "Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit"
  • Video "Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: Verräter müssen geköpft werden" Video 02:52
    Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: "Verräter müssen geköpft werden"
  • Video "Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: In der Hölle gibt es viel Platz" Video 01:22
    Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"
  • Video "Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: Mit viel Mut dagegen vorgehen" Video 01:00
    Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Video "Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord" Video 02:13
    Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Video "Mays Auftritt beim EU-Gipfel: Es kam zu tragikomischen Szenen" Video 02:41
    Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Video "Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont" Video 00:34
    Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um" Video 01:01
    Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um
  • Video "Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks" Video 04:52
    Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks
  • Video "Aufregung im Netz: Mysteriöser Lichtstreifen über Los Angeles" Video 00:51
    Aufregung im Netz: "Mysteriöser Lichtstreifen" über Los Angeles
  • Video "Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto" Video 00:59
    Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf
  • Video "Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad" Video 01:30
    Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad
  • Video "Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan" Video 01:20
    Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?