12.09.1966

INSTRUMENTEZeitalter der Flöte

In der Sage lockte der Rattenfänger von
Hameln mit seiner Zauberflöte die Mäuse aus der Stadt. Doch in Wirklichkeit vermögen Flötentöne noch viel mehr: Der sanfte Wohllaut des Instruments versetzt Löwen in Panik und schlägt Bisame in die Flucht. Wenn die Flöte c-Moll-Intervalle intoniert, jaulen Hunde vor Seligkeit, schwärmen Moskitos zusammen und krabbeln Krabben aus ihren Löchern.
Auch die Menschheit ist neuerdings wieder einmal vom Flötenklang ergriffen. Nach der virtuosen Trompetenmusik der letzten Jahre bevorzugen Schallplatten- und Konzerthörer nun auffällig das weiche Flötenspiel. Ob barocke Sonaten, klassische Solokonzerte, ob romantisch, modern oder verjazzt - Schallplatten mit Flötenmusik rotieren in Massen. Um den erhöhten Bedarf decken zu können, mußten Musikwissenschaftler in Archiven bislang nicht publizierte Flötennoten zu Tage fördern. In den vergangenen fünf Jahren, so schätzen Experten, wurden mindestens 5000 Flötenwerke ausgegraben und unter Plattentiteln wie "Flöten in Sanssouci" oder "Kammermusik am Berliner Hof" herausgegeben. "Die Welt", so registrierte jüngst "Time", "ist in das goldene Zeitalter der Flöte eingetreten."
Aus gutem Grund: denn zu keiner Zeit ist das Instrument von so vielen bedeutenden Virtuosen gehandhabt worden wie in diesem Jahrzehnt. In Europa und Übersee blasen derzeit zumeist auf goldenen Flöten (Preis: 10 000 Mark) mindestens 50 international renommierte Musiker. Darunter Spitzenkönner wie:
- der Franzose Jean-Pierre Rampal, 44, der vor allem alte Musik bringt;
- der Italiener Severino Gazzeloni, 48, der vorwiegend atonale Musik spielt;
- der Amerikaner Julius Baker, 53,
bester Techniker des Instruments;
- der Schweizer Aurèle Nicolet, 40,
als Poet der Flöte gerühmt;
- die Deutschen Gustav Scheck, 64, Karl Bobzien, 52, und Karlheinz Zöller, 38.
Die neue Neigung gilt dem ältesten Melodie-Instrument der Musikgeschichte: Steinzeitmenschen konzertierten auf perforierten Rentierknochen, und ein chinesischer Gelehrter ahmte drei Jahrtausende vor Christus auf einer Bambusflöte die melodiösen Klagelaute des Wundervogels Hung nach.
Im klassischen Altertum bliesen vor allem Dirnen und Hirten: Die Lämmer wurden mit einer Panflöte geweidet, die Freier mit sogenannten Phrygischen Flöten becirct.
Ob Steinzeitmensch oder Gelehrter, ob Prostituierte oder Schäfer - sie spielten alle auf Langflöten, deren Nachfahren die Blockflöten sind. Die Querpfeife, der heutigen Piccoloflöte vergleichbar, wurde erst im zwölften Jahrhundert von Kreuzrittern aus Kleinasien nach Europa gebracht, wo sie alsbald Landsknechte zur Hand nahmen.
Als dann Englands Heinrich VIII., Besitzer von 148 Flöten, das - technisch schon wesentlich kompliziertere - Instrument zum Mund führte, erregte sein königliches Spiel ein wahres Flötenfieber, wie zwei Jahrhunderte später auch das von Friedrich dem Großen. Der von Menzel gemalte populäre Dilettant musizierte jedoch nicht ungestört: Vor seinem flötenhassenden Vater mußte der junge Alte Fritz mehrfach seinen Lehrer, den berühmten Flötisten Johann Joachim Quantz, in einem Schrank verstecken.
Vom Barock an gewann die Flöte als Soloinstrument ständig an Bedeutung
- Bach schrieb eine spezielle Literatur für das Instrument -, und sie wurde vor allem technisch verbessert. Doch die heute gebräuchliche Flöte mit ihrem komplizierten Klappen- und Hebelsystem erfand um 1837 der Münchner Juwelier und Ingenieur Theobald Böhm.
Flötenbauer Böhm, selbst ein geschätzter Solist, verfeinerte das Instrument in Klangfarbe und Ausdrucksmöglichkeit so sehr, daß die raffinierten Romantiker Strauss und Mahler und die Impressionisten Debussy und Ravel in ihre Klangräusche zuvor nicht gehörten Flötenklang einkomponieren konnten.
Doch vollen Einsatz, so scheint es, verschafften der Flöte erst die modernen Komponisten. Martin und Milhaud, Honegger und Hindemith, Francaix und Fortner verfaßten so viele Flötenpartituren, daß sie "ein Flötist heute gar nicht alle spielen kann" (Bobzien). Um die atonalen Flöten-Stücke der allermodernsten Neutöner werkgerecht interpretieren zu können - Boulez und Nono schreiben gern für das Instrument -, müssen sich die Flötisten, so meint der Italiener Gazzeloni, einer neuen Griff- und Blastechnik bedienen.
Gazzeloni hat sie - nach mehrjährigem Experimentieren - schon erfunden. Amerikanische Kritiker hörten ihn jüngst Töne blasen, "die einer elektronischen Menagerie" glichen. Und damit beim Spiel ja kein Ton durch Umblättern verlorengeht, verteilt Gazzeloni gelegentlich seine Noten auf mehrere Notenständer - an manchen Abenden konzertiert er an sieben Pulten.
Flötist Gazzeloni
Krabben krabbeln
Flötist Rampal
Mücken schwärmen
Flötist Baker
Hunde jaulen
Flötist Nicolet
Löwen flüchten

DER SPIEGEL 38/1966
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