03.10.1966

DDR-ANERKENNUNGPannen nach Plan

Die Sportler der Bundesrepublik sehen keine Lücke mehr zwischen Ehrgeiz und Bonner Politik. Kämpfen sie um Internationale Meistertitel, müssen sie die DDR-Fahne grüßen. Erweisen sie dem Emblem des Ulbricht -Staates ihre Reverenz, zeiht sie die eigene Regierung der nationalen Würdelosigkeit.
Noch bevor der Kanzler nach Amerika aufbrach, bestellte er die Spitzen des deutschen Sports zum Rapport nach Bonn. Am Dienstag dieser Woche sollen der Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), Willi Daume, und seine Funktionärs-Equipe vom Kabinett auf ihre staatsbürgerlichen Pflichten festgelegt werden: Wo die Hammer-und -Zirkel-Fahne flattert oder die Becher -Hymne tönt, ziemt bundesdeutschen Sport-Stars nach Bonner Meinung der Verzicht.
Der Verzicht auf Medaillen und der Boykott der Becher -Hymne sollen verwischen, was die ostdeutschen Politruks in 15 Jahren im internationalen Sport nahezu vollständig durchgesetzt haben: die Anerkennung der DDR.
Der erste Zonen-Vorstoß auf sportdiplomatischem Parkett endete 1952 mit einem Eigentor. Das ostdeutsche Olympische Komitee hatte eine eigene Olympia-Mannschaft verlangt. Doch die vor das Internationale Olympia-Komitee (IOC) in Kopenhagen bestellten DDR-Funktionäre ließen den Termin verstreichen und erklärten auf Rückfragen, sie müßten sich "erst mal frischmachen". Drei Stunden warteten die Alten
Herren des IOC vergebens. Dann schlossen sie Ulbrichts Sportler von den Olympischen Spielen aus.
Drei Jahre später, 1955, wurde das Zonen-NOK provisorisch anerkannt - unter der Bedingung, mit Westdeutschland eine gemeinsame Olympia-Mannschaft zu bilden.
Aber während Ulbrichts Unterhändler zur olympischen Gemeinsamkeit genötigt wurden, führten sie zugleich einen zähen Partisanenkrieg um Anerkennung durch die sinternationalen Fachverbände. Zuerst durften ihre Könige und Bauern auf die internationalen Schachbretter (1950). Teilweise halfen gutwillig sogar die Westdeutschen. So überließ der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) der Schwester-Organisation In der DDR freiwillig zwei von sieben Stimmen im Internationalen Verband.
Bis 1956 wurden DDR-Sportler in 26 Welt-Verbänden aufgenommen. Nur bei Tischtennis, Rudern, Handball und in der Leichtathletik erlangten die Ostdeutschen ihre Anerkennung, indem sie sich zunächst an gesamtdeutschen Mannschaften beteiligten.
Im August 1961 unterbrach Ulbrichts Mauerbau den DDR-Vormarsch. Schon drei Tage später kündigte der westdeutsche Sportbund die sportlichen Beziehungen.
Westdeutsche Sportler, darunter die Schwimmer, denen dadurch mehrere Europa-Titel entgingen, boykottierten internationale Meisterschaften im Ulbricht-Staat.
Das Auswärtige Amt erklärte vor der Eishockey-Weltmeisterschaft 1961 In Genf, es könne "die Teilnahme der deutschen Mannschaft nicht billigen". Die Bundesdeutschen traten dennoch an, überließen jedoch der DDR kampflos das Eis, um nicht Ihr Emblem grüßen zu müssen. "Eine skandalöse Unsportlichkeit", tönte die Schweizer Zeitung "Blick". 1963 kämpfte die westdeutsche Eishockey-Mannschaft in Stockholm auch gegen das Zonen-Kollektiv. Sie gewann. Die DDR-Spieler drehten der Bundesflagge während der Siegerehrung den Rücken zu.
Im Westen wurde der "Deutsche Turn- und Sportbund" (DTSB) der Zone zur verfassungsfeindlichen Organisation. Die Konferenz der Länder-Innenminister verbot generell, in der Bundesrepublik Hammer und Zirkel zu tragen.
Auch seine Verbündeten drängte Bonn In eine sport-diplomatische Einheitsfront. Alle Nato-Länder riegelten ihre Stadien und Rennbahnen gegen DDR-Mannschaften ab und verboten ebenfalls Ulbrichts symbolisches Werkzeug. Eine Zeitlang schienen die DDRStars seit 1962 isoliert zu sein. Schützen und Skiläufer, Radfahrer und Rollsportler, Fechter und Fußballspieler durften zu Welt- und Europameisterschaften nicht einreisen.
Einige internationale Verbände schützten Ulbrichts Sportpolitiker jedoch vor dem Einfluß des politischen Westwindes. Sie verlegten beispielsweise die Weltmeisterschaften der Gewichtheber aus Amerika nach Budapest, die Tischtennis -Europameisterschaften von London nach Malmö und das Medaillen-Turnier der europäischen Amateurboxer von Paris nach Ost-Berlin.
Da die Verbände in den Nato-Ländern weiterhin Welt- und Europameisterschaften organisieren wollten, durchbrachen sie den offiziellen Boykott immer häufiger. Niemals setzte sich eine einheitliche Regelung überall durch. So wurden an DDR-Sportlern alle protokollarischen Möglichkeiten des offiziellen Zeremoniells durchexerziert. In Oberstdorf wurde für den Thüringer Skiflieger Helmut Recknagel das Deutschlandlied gespielt. DDR-Kanu-Europameister, die mit der gesamtdeutschen Beethoven-Hymne geehrt worden waren, durften nach ihrem Protest in Duisburg nachträglich dem Becher-Klang lauschen.
Bei der Biathlon-Weltmeisterschaft 1963 in Seefeld protestierte die Deutsche Botschaft in Österreich gegen das DDRTuch. Darauf wurden alle Fahnen eingezogen.
Die westdeutschen Sportler fanden immer weniger Verständnis für ihren Widerstand gegen Zonen-Zirkel und Becher-Boykott. Bis zum Juni 1966 war die DDR bei allen 48 internationalen Fachverbänden akkreditiert. Die ausländischen Sportfunktionäre - des innerdeutschen Haders müde - haben ihr zuletzt auch im Rudern und in der Leichtathletik eigene Mannschaften zugebilligt. Beim nächsten Olympia 1968 in Grenoble und Mexico City wird es erstmals keine gesamtdeutsche Equipe geben, sondern Mannschaften für Ost- und Westdeutschland.
Bei 61 internationalen Wettkämpfen, zu denen zwei deutsche Mannschaften antraten, wurde unbeanstandet die DDR -Fahne gehißt oder die Becher-Hymne intoniert, dreimal seit 1956 sogar In der Bundesrepublik. Zu den Schwimm-Europameisterschaften Im August In Utrecht erschienen die Zonen-Schwimmer vereinbarungswidrig mit druckknopf-befestigten Emblemen, um bei Einspruch ihre Hammer-und-Zirkel-Wappen notfalls entfernen zu können. Niemand protestierte.
Erst als die DDR-Hymne- bei den Budapester Europameisterschaften der Leichtathleten im September achtmal zu Siegerehrungen ertönte, merkte die Bonner Bundesregierung auf. Unter Vizekanzler Mende beschloß das Kabinett einstimmig, der bundesdeutschen Mannschaft die Abreise nahezulegen. Kanzler Erhard wurde während eines Banketts in Oslo fernmündlich Informiert. Die Bundesdeutschen blieben. Aber Bonn telegraphierte nicht wie üblich den Siegern.
Am vorletzten Mittwoch hatte die CDU/CSU-Fraktion den widerspenstigen Sport-Präsidenten Daume ins Bundeshaus bestellt. Er warnte: Jeder Zwischenfall gefährde die Olympischen Spiele in München. Ein konsequenter Boykott-der DDR-Insignien würde den westdeutschen Sport isolieren und Ulbrichts Stars die Alleinvertretung Deutschlands überlassen. Ein CDU-Abgeordneter: "Darüber hat uns die Regierung nicht informiert."
Ostdeutsche, Westdeutsche in Stockholm*: Rücken zur Flagge
* Mannschaften der DDR (vom) Bundesrepublik bei der Eishockey-Weltmeisterschaft 1963.

DER SPIEGEL 41/1966
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