03.10.1966

FÄULNIS UND VERFALL

Die Reihe deutscher Dichter-Reden und -Schriften zur Politik - von Hochhuths "Klassenkampf"-Polemik zu den SPD-Wahlreden von Groß, den marxistischen Manifesten von Weiss und Enzensbergers Deutschland-"Katechismus" - wurde vorletzte und letzte Woche mit Ansprachen der Schriftsteller Heinrich Böll ("Ende einer Dienstfahrt"), 48, und Martin Walser ("Das Einhorn"), 39, fortgesetzt. Böll sprach zur Eröffnung des neuen Schauspielhauses in Wuppertal über Kunst, Freiheit, Gesellschaft und die fortschreitende "Deformierung des Staates" von Bonn. Walser redete zur Eröffnung einer "Vietnam"-Protestausstellung deutscher Künstler in München über den "Verfall der USA" und die deutsche "Verfallenheit" an die amerikanische Vietnam-Politik. Gleichzeitig rief er zur Unterschriftensammlung für eine Petition an den Bundestag auf, der sich mit Vietnam befassen solle.
HEINRICH BÖLL:
Ich erblicke den Staat im Augenblick nicht; als einer, der mit ihr (der Kunst) zu tun hat, also einen gewissen Sinn für Material und Ordnung beziehungsweise für Unordnung hat, beobachte ich dieses Nichtvorhandensein des Staats mit einer aufgeregten Neugierde; dieser Vorgang der vollkommenen, bis ins letzte Detail sich erstreckenden Deformierung des Staates - das ist natürlich ein aufregender Vorgang; einer, der mit ihr (der Kunst) zu tun hat, braucht keinen Staat, er weiß aber, daß fast alle anderen ihn brauchen, und so erfüllt ihn dieses Immer-Nichtiger-, Immer -Formloser-Werden mit Entsetzen, weil er fürchten muß, daß da einer kommen wird, kommen soll, erwartet wird, der Ordnung schafft: ein politischer Messias der klug genug sein wird, ihr (der Kunst) alle Freiheiten zu lassen ...
Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt. Schweigen wir also vom Staat, bis er sich wieder blicken läßt. In diesem Augenblick von ihm zu sprechen, wäre Leichenfledderei oder Nekrophilie - zu beidem bin ich nicht veranlagt ...
MARTIN WALSER:
Dieser Krieg (in Vietnam) hat bei uns eine freundliche Presse ... Die Tagesschau und hundert hilfswillige Zeitungen singen das Lied vom grausamen Krieg, den die USA widerwillig, aber sachlich tapfer führen, eine von Computern befohlene und gedeckte Menschenjagd ...
Wenn wir schon nichts vermögen gegen den Verfall der USA und gegen unsere eigene Verfallenheit an dieses seit zehn Jahren rasant dekadierende System, dann kann es nicht sinnlos sein, diesen Verfall und unsere Verfallenheit wenigstens festzustellen. Ganz unerträglich ist nämlich das Schweigen, wenn man Zeuge wird, wie dieser elende Verlauf rundum von unfreiwilligen oder freiwilligen Folgsamen zu einem Ereignis höheren Rechts stilisiert wird. Ein Verbrechen ein Verbrechen zu nennen, kann nicht sinnlos sein. Wenn nämlich diesem Krieg der nächste und der übernächste folgen werden, dann ist es wichtig, was Zeugen festgestellt haben. Dann wird ein Gesellschaftssystem, das zu seiner Erhaltung ohne solche Kriege nicht auszukommen glaubt, einer zunehmenden Diskriminierung verfallen ...
In der Bevölkerung, sagen die Meinungsforscher, wächst allmählich die Ablehnung, aber diese Ablehnung findet nicht den geringsten politischen Ausdruck, weder im Parlament noch in der Regierung. Ist der immer härter werdende Krieg unseres engsten politischen Freundes und unsere Stellung dazu, ist das keine Parlamentsstunde wert? Frankreich hat sich ausgedrückt, England auch. Die Bundesrepublik hat in Washington bis jetzt nur verschämt zugestimmt. Hinter der hohlen Hand. Regierung und Opposition so einträchtig wie immer bei Schicksalsfragen ...
Wir stimmen also zu, versichern Treue, versprechen, möglichst unauffällig, Unterstützung, Klinomobil, Lazarettschiff, Entwicklungshilfe. Und keine Nachricht vom Kriegsschauplatz irritiert unsere Repräsentanten. Das ist mehr als ein Problem der Außenpolitik. Es charakterisiert uns doch wohl als Gesellschaft, wen wir unterstützen und wen wir bekämpfen. Offenbar sind wir schon ein Stern in der amerikanischen Flagge ...
Böll
Walser

DER SPIEGEL 41/1966
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