19.09.1966

WANNSEE-KONFERENZHacke empfohlen

Der Herr über Leben und Tod der
Juden fuhr im Mercedes vor. Er durchschritt die Eichenpforte der Villa Am Großen Wannsee 56/58 und begab sich in die Bibliothek, wo ihn vierzehn erhobene rechte Arme grüßten. Er dankte stumm und stramm. Die Konferenz war eröffnet.
SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich stellte sich am 20. Januar 1942 als der vom Reichsmarschall bestallte Beauftragte für die "Endlösung" der Judenfrage vor.
Nach dem Urteil des Engländers Gerald Reitlinger ("Die Endlösung") sollte die Wannsee-Besprechung "nicht mehr (sein) als ein kameradschaftliches Mittagessen, das man für zwölf Uhr angesetzt hatte und das am Nachmittag des gleichen Tages zu Ende ging." Doch die Tischrunde der fünfzehn ging in die Geschichte ein als die Konferenz des Todes für sechs Millionen Juden.
Die Konferenz sollte - so Heydrich laut Protokoll - "Klarheit in grundsätzlichen Fragen" der Endlösung bringen und die reibungslose Zusammenarbeit aller Instanzen sichern. Deshalb waren neben SS-Offizieren auch Zivilisten aus Reichsministerien geladen*.
Es herrschte - so Adolf Eichmann 20 Jahre später vor dem Jerusalemer Tribunal - "eine freudige Zustimmung allseits". Gut präpariert war vor allem das Auswärtige Amt: Sein Unterstaatssekretär Martin Luther hatte ein Memorandum "Wünsche und Ideen des Auswärtigen Amtes zur vorgeschlagenen Gesamtlösung der Judenfrage in Europa" mitgebracht.
Heydrich gab die Stichworte: An die Stelle der Auswanderung der Juden trete ihre Evakuierung nach Osten: "Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten durchgekämmt." Angestrebt werde die "natürliche Verminderung" der Juden beim Straßenbau im Osten und entsprechende Behandlung des widerstandsfähigen "Restbestandes". Und es wurden auch alle "Sonderfälle" besprochen: So sollten jüdische Rüstungsarbeiter "von den Maßnahmen" ausgenommen bleiben, Halbjuden sterilisiert und nicht deportiert werden und Mischlinge zweiten Grades ungeschoren bleiben, sofern sie nicht "durch ein rassisch besonders ungünstiges Erscheinungsbild schon rein äußerlich zu den Juden zu rechnen" seien.
Nach der Sitzung am Wannsee, die höchstens eineinhalb Stunden dauerte, wurden Getränke serviert. Zum erstenmal sah Eichmann seinen auffällig gut gelaunten Chef Heydrich rauchen und Kognak trinken.
Das Wannsee-Haus möchte der Publizist Josef Wulf ("Das Dritte Reich und seine Diener") zum Dokumentationszentrum jüdischen Leids machen. Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier hingegen schlägt eine Endlösung vor: Die steinerne Erinnerung an Deutschlands dunkelste Geschichte soll der Spitzhacke zum Opfer fallen.
Das pompöse 30-Zimmer-Landhaus, von 1914 bis 1916 erbaut, dient heute dem West-Berliner Stadtbezirk Neukölln als Schullandheim. Über seine Urgeschichte ist wenig bekannt: Ein einziges verbliebenes Papier - das Grundbuch - bezeichnet als ersten Eigentümer den Kommerzienrat Ernst Marlier.
1922 wechselte die 29 731 Quadratmeter große Park-Parzelle erstmals den Besitzer: Die "Norddeutsche Grundstücks-AG" des Kaufmanns Friedrich Minoux übernahm die Villa. Nach Zeugen-Erinnerungen war das Grundstück ein Geschenk des Großindustriellen Hugo Stinnes an seinen Berliner Generalbevollmächtigten Minoux.
In den Akten der Berliner Baupolizei aus den zwanziger Jahren ist verewigt, daß zeitweilig die Zapfstelle in der-Waschküche nicht gegen das Rückfließen des Schmutzwassers geschützt war und daß sich ein Umbau des Gärtnerhauses verzögerte, weil ein Testat des Schornsteinfegermeisters fehlte.
Am 1. Juni 1938 registrierte der Grundbuchrichter des Amtsgerichts Lichterfelde den Übergang des Anwesens von der "Norddeutschen Grundstücks-AG" auf ihren Allein-Aktionär Minoux "im Wege der Gesamtrechtsnachfolge". Nur zwei Jahre später war eine neue Eintragung fällig: Für 1,95 Millionen Reichsmark erwarb eine Stiftung "Nordhav" Ende November 1940 das Wannsee-Domizil. Die Stiftungs-Adresse - Prinz-Albrecht-Straße 8 - verriet die neuen Eigentümer: Es war der Amtssitz des Sicherheitsdienstes (SD). Verwalter wurde ein Oberregierungsrat Dr. Bergmann, Leiter der Abteilung II C 3 (Unterkunft und Gefangenenwesen).
Witwe Lilly Minoux, heute 89, ist davon überzeugt, daß ihr Mann unter Zwang verkaufte: Friedrich Minoux habe zu Beginn des Krieges seinem Gast Hermann Göring die Bitte um eine größere Geldspende abgeschlagen. Daraufhin sei er "in einen Meineids -Prozeß verwickelt" und bis 1945 eingesperrt worden.
Jahrelang war die Wannsee-Villa Erholungsheim für verdiente SS-Offiziere
- offenbar bis zum 4. Februar 1943.
Denn an diesem Tage schloß der Reichsführer SS (einschließlich SD) und Chef der Deutschen Polizei mit sich selbst einen Handel: Die SD-eigene Stiftung Nordhav verkaufte das Objekt für 1,95 Millionen Reichsmark an die Polizeiverwaltung des Deutschen Reiches.
Offiziell wurde das Haus nun als deutsche Interpol-Dienststelle verwendet. Doch SS-Offiziere gingen dort weiter ein und aus. Im April 1945 vollbrachten sie ihren letzten Dienst. Sie verbrannten in der Waschküche die Akten.
Rasch wechselten nun die Mieter. Dem Schwarzen Korps folgte die Rote Armee (eine Marine-Einheit), die wiederum von US-Infanteristen abgelöst wurde.
1947 überließ die Besatzungsmacht die ramponierte Raststätte der SPD für das Bildungswerk "August-Bebel-Stiftung". Prominenteste Wannsee-Gäste der Nachkriegszeit: Kurt Schumacher, Carlo Schmid und Willy Brandt. Zwei Jahre nach der Währungsreform schloß das sozialdemokratische Polt-Heim mangels finanzieller Masse, und der Verwaltungsbezirk Neukölln entdeckte es als Wunderland für Schulkinder.
Als Eigentümerin des Grundstücks ist seit 1952 die Bundesrepublik Deutschland - die Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches - eingetragen. Der Bund überantwortete das Grundstück 1962 durch Verwaltungsvereinbarung dem Senat von Berlin zur Nutzung. Haushaltswert: 1 112 500 Mark, das 520fache des Einheitswertes von 1914.
Auf die Anregung des Bundestagspräsidenten, das Haus der Endlösungs -Konferenz aus politischen Gründen zu demontieren, hat der nutznießende Senat bislang mit Humor reagiert: Wenn das die Maxime ist, müßten wir halb Berlin abreißen."
* Von den 15 Teilnehmern wurde einer (Heydrich) bei einem Attentat getötet, einer endete durch Selbstmord, drei wurden nach 1945 hingerichtet, sechs sind gestorben, einer (SS-Sturmbannführer Dr. Fritz Lange, Chef des SD in Lettland) ist verschollen, drei leben in der Bundesrepublik: der damalige SS -Gruppenführer Otto Hoffmann vom Rasse - und Siedlungshauptamt der SS, heute kaufmännischer Angestellter im württembergischen Künzelsau; der damalige SS-Oberführer Dr. Gerhard Klopfer von der Partei-Kanzlei Martin Bormanns, heute Rechtsanwalt in Ulm; der damalige Reichsamtsleiter Dr. Georg Leibbrandt vom Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, heute Leiter des Bonner Büros der bundeseigenen Salzgitter AG.
Kinderheim am Wannsee (1966): "Freudige Zustimmung allseits"

DER SPIEGEL 39/1966
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