19.09.1966

GAMMLERSchalom aleichem (siehe Titelblld*)

Dreck allein ist kein Straftatbestand.
Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber.
Georg Stein, 22, gelernter Tankwart aus Gaus Kassel, kauert auf der Hamburger Reeperbahn und kreidet Heiligenbilder auf das Trottoir. In einer Pappschachtel sammelt er Groschen der Passanten. Wenn er fünf Mark zusammen hat, packt er seine Buntstifte ein und tut nichts mehr.
Zwanzig Schritte entfernt, hat sich Giselher Sievers, 19, gelernter Bootsbauer aus Hamburg, gegen eine Hauswand gelehnt, zupft an seiner Balalaika und singt ein israelisches Lied: "Schalom aleichem" - Friede sei mit euch. Auf seine olivgrüne Kutte hat er mit Tintenkuli die Erkenntnis gemalt: "Jedem das Seine."
Nachts um eins stolpert Helga Reiners, 20, gelernte technische Zeichnerin aus Travemünde, in blauen Jeans und selbstgestricktem Pullover die Treppe zum Münchner "Perkeo"-Keller hinunter, bittet: "Groschen, ein Schluck Bier, ein Zug von der Zigarette" und tut darüber hinaus nichts.
Ernst August Meves, 25, gelernter Bergknappe aus Lüneburg, dreht sich in der Berliner "Dicken Wirtin" gelangweilt um und erbricht zwei Flaschen Helles über die Stuhllehne. Mit einem 40-Pfennig-Kamm, den er am Nachmittag bei Woolworth mitgehen ließ, fährt er schweigend durch seinen Bart. Das ist seine Arbeit.
Petra Seipel, 17, Tochter eines Berliner Straßenfegers, Absolventin der 10. Klasse einer Oberschule, besitzt seit drei Monaten keine Schuhe mehr. Sie nährt sich von Stullen und Äpfeln, die ihr ein Obsthändler regelmäßig zusteckt, luchst den Typen in der "Wirtin" ein paar Sechser und Groschen ab und will nächsten Monat etwas tun: mit ein paar Schwestern nach Schweden gammeln.
Karin Moll, 22, aus Lörrach, will ihr dabei helfen. Sie rechnet für die Reise mit einem Scheck von ihrem Vater, der Fabrikant in Hamburg ist. Karin, die auch sonst nichts tut: "Jedesmal schreibt er 'nen Brief dazu, daß es nun aber das letzte Mal ist, ich soll endlich arbeiten." Dann grinst sie in die Runde: "Arbeiten? Seh'n wir so aus?"
So sehen sie aus - Deutschlands Gammler. Langhaarig, trinkfest, schmuddelig, gleichgültig, lungern sie an den Ecken der Nation: am Ohr oder um den Hals blechernes Geschmeide, um die Hüften zerfranste Jeans, an jedem Fuß eine andersfarbige Socke, eher aber noch ohne Strümpfe und Schuhe.
Ihre Gewänder beschriften sie mit Protest-Gestammel oder Nonsens-Floskeln: "Beethoven for ever", "Die Mauer muß weg", "Gammler vermehrt euch". Sie waschen sich, wenn überhaupt, unterm Springbrunnen oder auf Warenhaus-Toiletten. Sie nähren sich von milden Gaben trockenen Brotes oder Schulstullen, die ihnen - so in Frankfurt - von Obersekundanerinnen aus der Straßenbahn gereicht werden.
Sie nächtigen in Parks, Streusandkisten, Autowracks und halbfertigen Neubauten. Sie sorgen nicht um ihr Leben und erstreben keinen persönlichen Besitz (ein nacktfüßiger Berliner Gammler mit Bart und Abitur: "Ich halte es wie Kalle Marx, der hielt auch nichts von dieser Eigentumsscheiße"). Und sie kennen auch ein Vorbild: "Jesus war der erste Gammler."
Sie verstehen es, auf jede Weise nichts zu tun. Gammler Freddy in Frankfurt: "Mein Vorbild? Das ist der Typ in der Tonne (Diogenes)." Das ist es, was ihre unappetitliche Welt zwischen Straßenrand und Kellernische zusammenhält: der Müßiggang.
Es sind in Deutschland nur 800 oder tausend an der Zahl; 5000 etwa in Europa. Und doch macht die Gesellschaft um sie ein Aufhebens, als wären es Millionen - oder Millionäre.
"Solange ich regiere, werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören"; also sprach Ludwig Erhard, Kanzler eines Staatswesens, in dem nur jeder zweite Bürger sich die Zähne putzt. Und die "Süddeutsche Zeitung" spottete: "Ihm nach, wer kein Schmutzfink ist!"
Springer-Kolumnist William S. Schlamm erkannte in den Gammlern das "häßlichste 20. Jahrhundert". Der Münchner Lokalfeuilletonist Sigi Sommer ("Blasius der Spaziergänger") identifizierte sie als "ausgewachsene Saubären" und "schlummernden Müll".
Die CSU-Fraktion im Münchner Rathaus beantragte, das "Gammlertum ... auf das diesem zukommende Maß zu reduzieren". Die NPD forderte in ihrem Parteiblatt "endlich Maßnahmen ... um das ganze Problem ... radikal und im Sinne des gesunden Volksempfindens zu lösen".
Jenseits der Mauer nahm das gesunde Volksempfinden schon handgreifliche Formen an. Das SED-Blatt "Neues Deutschland" verlangte, den DDR -Gammlern "einen sauberen Messerformschnitt" zu verpassen. Die "Junge Welt" der DDR-Jugend meldete Vollzug: Dem Lehrling Detlev aus dem VEB Omnibus- und Lastkraftwagen-Reparaturwerk erteilten Kollegen "eine Lektion". Sie kappten dem "Leitgammler von Weißensee" die Mähne mit Gewalt.
Mit Erhard, Schlamm und Kommunisten fühlt die Mehrheit der deutschen Nyltest-Republikaner. Der Anblick bleicher Nichtstuer und struppiger Mähnen weckt im ordentlichen deutschen Menschen Sehnsüchte nach "Arbeitsdienst" (so ein Frankfurter Passant zu Gammlern an der Hauptwache) oder, hilfsweise, nach der "Bundeswehr" (so ein Münchner zu Gammlern am Schwabinger Wedekindbrunnen).
"Unter Hitler", sprach ein Berliner angesichts des lungernden Jungvolks an der Gedächtniskirche, "hätte es so etwas nicht gegeben."
Recht hat er. Aber der Ekel ist wechselseitig. Wer Gammler nach dem tieferen Sinn ihres Müßiggangs befragt, dem antworten sie mitunter wie ein Münchner Exemplar, das sich "deutscher Dieter" nennt: "Lassen Sie mich bitte in Ruhe, Sie kotzen mich an."
Diesen Heranwachsenden ist weder an Publikum noch an Publizität gelegen. Sie finden, es sei ein "harter Job, nichts zu tun". Wenn sie eine Flasche Rotwein und eine Zigarette kreisen lassen, versichern sie mürrisch: "Daß wir leben, feiern wir." Und wenn sie aufgefordert werden zu verschwinden: "Na dann gehen wir, ganz einfach."
Sie gehen, ganz einfach, durch die Alte und mitunter auch durch die Neue Welt. Unter dem Arm den Schlafsack, ein paar Pfennig im Beutel, treiben sie als Anhalter im Strom der Urlauber -Kolonnen und lassen sich absetzen, wo immer gerade die Sonne scheint oder sie Kumpane finden, die sich gleichfalls stolz "Wir Typen" nennen. Wie Zugvögel streben sie im Herbst nach Süden oder werden am Herd bei Muttern heimisch, wenn der Winter naht. Mitunter sitzt auch einer.
Manche gammeln schon drei Jahre oder länger - wie "Mick", 23, aus Frankfurt, der durch fast alle Länder Europas getrampt ist. Andere treiben es nur einen Sommer lang - wie der Madonnen-Kreider Georg Stein auf der Reeperbahn: Er will noch genau bis zum 1. Januar gammeln, sich dann ein Zimmer nehmen und "wieder normal arbeiten".
In jeder Metropole kennen sie einen Ausspann, wo sich ihre Wege kreuzen: bei "Marianne" in der Münchner Occamstraße, im Café Popoff in der Pariser Rue de la Huchette, im Londoner "Duke of York" oder bei "Stanscheck" am Savigny -Platz in West-Berlin, das die Gammler nach der Inhaberin "Dicke Wirtin" nennen. Mitten in der Kneipe haben sie der jüngst Verstorbenen ein Denkmal aus Gips gesetzt.
Mal überfluten sie in Rudeln zu hundert einen bis dahin stillen Badeort in Dänemark - so in dieser Saison Lökken in Jütland. Mal wählen sie als Sammelpunkt die Normaluhr auf der Timmendorfer Strandpromenade. Zwei Sommer lang belagerten sie die Berliner Gedächtniskirche.
Letzten Monat aalten sich Gammler auf der Friedrichstraße in Westerland und in einer dunklen Ecke des Georgsplatzes im hannoverschen Bankviertel. Sie hockten auf der Spanischen Treppe in Rom und standen wie ihr Urvater Nante an Straßenecken im Ost-Berliner Lichtenberg. Sie zogen südwärts in die Sonne von Torremolinos und erschlossen sich auf Kreta die Bucht von Matala, wo nach der Legende einst Zeus als Stier Europa ans Land getragen hat.
Was sie aus den Elternhäusern treibt, ist der Protest gegen alles, was bürgerliche Wohlanständigkeit ihnen ansinnt. Die Jungen wollen nicht verstehen, daß, was einer vorstellt, mehr gelten soll als das, was einer vor sich selber ist.
Der Psychologie-Professor Tobias Brocher fand: "Alle Versprechungen ... haben sich für diese Jugendlichen als unwahr erwiesen: Es ist kein Friede, und der Wohlstand neigt sich dem Ende zu. Die Antwort der Gammler ist ein Signal für ein Versäumnis. Diese Antwort lautet: Wir wollen ganz bestimmt anders sein, als ihr zu uns gewesen seid."
Diese Jugendlichen, die sich nur beim Vornamen kennen, "weil das andere
doch nicht interessiert", stören nicht die Ordnung. Die Ordnung stört sie:
- Boris, 25, aus Berlin: "Alles ist lahm
und klein geworden. Ich mache das, wozu ich Lust habe: saufen, pennen, lieben. Arbeit schändet."
- Eduard, 22, in Düsseldorf: "Mir hängt
dieses ganze normale Getue zum Hals heraus."
- Hans-Dieter, 17, Malerlehrling in
Spandau: "Wir wollen das machen, was wir richtig finden. Ich habe lange Haare, diese Kutte und so. Fast alle Erwachsenen sind gegen diesen Aufzug. Ich laufe deshalb gerade so 'rum."
- "Mevi", 25, vom Berliner Savigny -Platz: "Meine Eltern waren mir zu spießig. Mein Vater Maurer, meine Mutter Hausfrau, als ob das 'n Job ist. Ich wollte so nicht werden."
- Erika, 20, aus Lübeck: "Zu Hause
schrie mich meine Mutter an, und im Büro mein Chef. Bei den Typen hier ist alles anders, die verstehen einen. Alles, was wir haben, gehört jedem ein bißchen."
- Werner, 19, in München: "Die Generation vor uns versteht nicht, was wir wollen. Die sagen bloß, die Ordnung, die wir haben, muß auch eure Ordnung werden."
- Karin, Ex-Gammlerin aus München:
"Das Abenteuer, an der Straße zu stehen, barfuß und schmutzig, Lieder singen, Freiheit und 'ich bin ich' sein
- das war eine schöne Zeit."
Es war immer so. Bei ihren Ausbruchsversuchen aus der "Welt in Watte" (Soziologe Professor Helmut Schelsky) ging es jungen Leuten seit je darum, etwas Besonderes zu tun und radikal auch extravagante Möglichkeiten des Lebens zu probieren.
Mit wehendem Mähnenhaar und einem bis zum Nabel offenen Hemd zog schon 1775 der Stürmer und Dränger Christoph Kaufmann durch die deutschen Lande und brüskierte als Apostel der Parole "Zurück zur Natur" die gezierten Rokoko-Bürger.
Aus grauer Städte Mauern, in denen sie die verlogene Moral der Väter und Mütter zurückließen, brachen die Wandervögel vor 1914 zum einfachen Leben im Wald und auf der Heide auf.
Ob Rokoko, Jahrhundertwende oder Gegenwart - immer wurde die Jugend der Welt zum Rätsel, "wenn sie aus den gültigen Ordnungen herausfiel" (so der Pädagoge Hans Heinrich Muchow). In ihrem Zeitalter der Empfindsamkeit kostete die Rokoko-Jugend "des Weinens süße Freuden". Jugendbewegt trugen die Wandervögel am güldenen Band die Klampfe.
Sturm, Drang und süße Tränen haben die Welt nicht zu ändern vermocht. Heute, im Zeitalter des Apparats und der Apparate, hat sich die Jugend mit Skepsis statt Rührseligkeit und mit Mißtrauen statt Gläubigkeit gewappnet: Gammler weinen nicht. Sie lächeln nicht einmal. Sie haben abgeschaltet.
Ihren Protest gegen die Wiederherstellung der Welt und der Werte von gestern manifestierte die Nachkriegs -Jugend auf unterschiedliche Weise. Bärtige Burschen schwärmten aus dem New Yorker Vorort Greenwich Village als "Beatniks" in alle Welt - Angehörige der literarisch engagierten Gruppe der "Hipsters" und "Beatsters", die in neuer Lyrik von neuem Leben kündeten, ihren Weltschmerz durch synthetischen Wahnsinn dämpften und im LSD-Rausch nicht mehr wußten, ob "Beat" geschlagen oder glückselig bedeutet.
In Amsterdam proklamierten die "Provos" politischen Anarchismus, in deutschen Städten zogen Halbstarke zur Straßenschlacht gegen die Polizei. In Paris übten sich die "Blousons noirs", die Schwarzhemden, in öffentlicher Zärtlichkeit und Raubüberfall.
In den Strandbädern Südenglands schlugen sich "Mods" und "Rockers" die Schädel blutig. In Rom ergriffen Touristen vor den "Zazzeroni" die Flucht. In Schweden setzte man sich gegen die kriminellen "Raggare" zur Wehr. Und sogar in Moskau ließen Komsomolzen wie westliche Tarzane die Haare wachsen; dekadent redeten die "Stiljagas" ihre Mädchen mit "Jenny" an.
Dann kamen die Gammler. Sie probten keinen Aufstand, sie erhoben sich nicht. Sie legten sich nieder. Sie dachten nicht nach und schlugen nicht zu. Die jungen Helden waren müde. Sie kreierten die langsamste Jugendbewegung aller Zeiten: den Müßiggang.
In Küppers "Wörterbuch der deutschen Umgangssprache" ist denn auch verzeichnet, daß "gammeln" seit 1955 in der Bedeutung von "langsam tätig sein" in Gebrauch ist. In jenem Jahr wurde in Deutschland der erste Gammler gesichtet. Er nannte sich Friedhelm, war damals 21 und ließ sich drei Sommermonate auf dem Berliner Pflaster die Haare wachsen.
Die Geistes- und Körperhaltung, die Friedhelm und seine Jünger vorlebten, war und blieb harmlos. Der bescheidene Wille, frei und unabhängig zu sein, entsprang häufig nur der Unfähigkeit, mit den Anforderungen des modernen Lebens fertig zu werden, und enthielt zunächst nur halbgewollt den Protest gegen die Erfolgsrezepte der Wohl- und Anstandsgesellschaft.
Und manche Gammler leiden an defektem Elternhaus. So war unter einer Gruppe von zwölf Gammlern, die der SPIEGEL in Frankfurt interviewte, nicht ein einziger, der noch Vater und Mutter hatte. Gruppenjüngster Helmut Schöne, 16, konnte lediglich mitteilen, seine Eltern seien "irgendwann gestorben" - genauer wußte er es nicht.
Die 17 Jahre alte Petra Kellner jedoch, die vor zwei Jahren aus der Hamburger "Palette" auf mehrere Wochen spurlos verschwand, ist die Tochter eines Dozenten. Ihre Kumpanin Silke, die wie sie nach Paris gammelte, entstammt einer Akademikerfamilie.
Die Mehrheit der jungen Leute, die sich schon morgens "Guten Abend" grüßen, hat einen ordentlichen Beruf gelernt - Automechaniker, Junggehilfe bei der Bundesbahn, Former, Maler, Kaufmann. Andere sind Studenten.
Für die meisten von ihnen ist die Gammelei, was früheren Generationen die Lehr- und Wanderjahre waren. Nicht wenige gammeln nur übers Wochenende, so der 17jährige Autoschlosser Thomas: "Freitag abend werde ich ein anderer Mensch. Ich treffe mich mit den Typen hier. Wir feiern Feste, wie wir sie wollen. Wir spielen mal ein bißchen verrückt."
Mal ein bißchen verrückt tun - das ist es. Bald konnte man nicht mehr auseinanderhalten, wer tatsächlich Gammler war oder wer nur so tat. Die Gammler selber unterscheiden zwischen "Profis" (jahrelang), "Halbgammlern" (saisonweise) und "Edelgammlern" (mal hin und wieder). Der Berliner Altgammler Boris, 25, über den Gammler -Nachwuchs: "Sind alles Kackvögel, die jungen Spinner - kein Mark, kein Inhalt."
Welches Mark in einem echten Gammler stecken muß, weiß freilich auch er nicht zu sagen. So müssen die Gammler in Kauf nehmen, daß sie mit anderen Langmähnigen über einen Kamm geschoren werden - mit Pennern und Wermutbrüdern, Stadtstreichern, Asozialen.
Die einen von den anderen zu unterscheiden, hängt von der Definition des Gammelns ab. Das niedersächsische Innenministerium beispielsweise geht von Merkmalen aus, die einen Gammler von einem Landstreicher wie folgt abheben:
Gammler: zumeist unter 25, Jungen wie Mädchen, vielfach geistig aufgeschlossen, oft gutsituierte Eltern, gruppenweise auftretend, teils politisch engagiert, gesellschaftliche Wiedereingliederung nach Reifeprozeß wahrscheinlich.
Landstreicher: vorwiegend über 25, fast ausschließlich männlich, geistig abgestumpft, armseliges Elternhaus, Einzelgängei, gesellschaftlich desinteressiert, kaum Resozialisierungschancen.
Das heißt unter anderem, daß die meisten "Gammelbienen" zum Troß der reinen Gammler gehören. So weiß Hauptkommissarin Rose Donner, Chef der weiblichen Kriminalpolizei in Frankfurt, von zahlreichen minderjährigen Mädchen aus sonst geordneten Verhältnissen, die sich aus purer Neugier und "weil es ganz schön ist, mal so zu faulenzen", zu den Gammlern hingezogen fühlen (siehe Auszug Seite 78).
Für jugendliche Streunerinnen interessieren sich die Gammler nur, sofern für sie eine Stulle oder - wenn es sein muß - ein gemeinsames Nachtquartier abfällt. Meist aber kommen die armen Gammler zu spät und sehen gelangweilt zu, wie honorige Bürger für die Nacht "eine Penne abschleppen". Gammler Karl-Heinz Mebus in Frankfurt: "Sind die nun besser als wir?"
Auch andernorts ist sich die Polizei darüber klargeworden, daß Gammeln für Jugendliche nicht gefährlicher als das sogenannte bürgerliche Leben ist. Nur vereinzelt ist bei Gammlern Rauschgift gefunden worden: Für solchen Stoff fehlt ihnen das Geld.
Gammler veranstalten auch keine Sex-Orgien: Dazu mangelt es ihnen an Boudoirs. Außer mal einem Mundraub oder einem groben Unfug unterlaufen ihnen selten strafbare Delikte. Profi -Gauner wollen von Gammlern nichts wissen, denen etwa ein Einbruch viel zu anstrengend ist und die zu undiszipliniert sind, um auch nur einen Schmierensteher abzugeben.
Fest steht auch, daß die weitaus meisten Deutschen noch nie einen Gammler gesehen haben Auf dem flachen Land kennt man sie nur aus Illustrierten, in den Provinzhauptstädten treten sie allenfalls stückweise auf: Der Leiter des hannoverschen Jugendamtes, Oberrat Gieseler, mußte letzten Monat gestehen, daß er "erst vor vierzehn Tagen zum erstenmal einen ausgesprochenen Gammler gesehen" habe.
Haufenweise und auf Dauer treten Gammler nur in Weltstädten mit Herz in Erscheinung. So residiert die deutsche Schlafsack-Bewegung in München, wo Ende Juli die Gammler auf dem Nikolaiplatz im strömenden Regen sogar eine Hochzeit feierten, und vor allem in Berlin, wo es weder Polizeistunde noch Wehrpflicht gibt.
West-Berlin hat sein Gammel-Problem seit Sommer vergangenen Jahres, als völlig unbürgerliche Erscheinungen, die von weitem aussahen, wie sie von nahem rochen, die Stufen der Kaiser -Wilhelm-Gedächtniskirche zur Bühne ihres provozierenden Gehabes erkoren, öffentlich Rotwein und Schnaps durch die Bärte gossen und "Wir wollen gammeln" auf das Pflaster pinselten.
Mehr noch: Eine Importe aus Persien, 15, entblößte vor dem Gotteshaus ihren Oberkörper. Ein Italiener namens Raffaele Migliacco, 18, deklamierte volltrunken aus der Bibel.
Bald sammelten sich täglich am Nachmittag bis zu tausend Schaulustige, die sich gern einmal empören wollten. Die Polizei mußte drei Einsatzkommandos aufbieten, um den Verkehr in Fluß zu halten.
Ende Oktober 1965 war Gammler -Dämmerung am Kurfürstendamm. Der Regen kam, danach der Winter, und erst die März-Sonne brachte die schon vertrauten Gestalten wieder an den Tag - untätig wie gewohnt. Doch als zwei von ihnen endlich etwas taten - sie verrichteten ihre Notdurft im Foyer der Kirche -, hängte der Kirchengemeinderat Verbotsschilder auf: "Zum Betreten des Podestes sind nur die Besucher der Kirche ... berechtigt." Schon im Sommer 1965 hatte Pfarrer Günter Pohl von der Gedächtniskirche die Gammler zum Kaffee und zu einem Gespräch ins Foyer seines Heiligtums eingeladen. Er offerierte ihnen ein eigenes Haus: "Dort könnt ihr euren Stil leben, eure Musik machen, eure Freiheiten haben." Darauf die Gammler: "Aber doch nicht im Sommer. Darüber können wir mal im Winter reden."
Pohl bot den Versammelten auch an, ihr Fernweh zu stillen: im Rahmen der "Aktion Sühnezeichen". Doch mußte er schließlich gestehen: "Es ist zu keiner Durchführung gekommen."
Immerhin erhielt der Pfarrer einen anonymen Brief, in dem er lesen konnte: "Lieber Pfarrer Pohl, da du so nett zu uns Gammlern bist, ernennen wir dich zum König der Juden."
Nett zu den Gammlern war auch Bürgermeister-Sohn Lars Brandt, 15, der im März einen Tumult verursachte, als er vor der Gedächtniskirche ein Gammel -Plädoyer hielt und für Toleranz und Versammlungsfreiheit eintrat. Ihm wurde "Rotzjunge" zugerufen, und Prügel wurden ihm angeboten. Brandt junior mußte den Schutz der Polizei in Anspruch nehmen.
Auch die "Bild-Zeitung" tat nett und verschaffte dem West-Berliner Gammler Josef Seiler, 21, dessen wilde Erscheinung an der Gedächtniskirche einen Volksauflauf verursacht hatte, einen Arbeitsplatz bei einer Autoverwertung (130 Mark Wochenlohn). "Bild" jubelte: "Hurra, das bürgerliche Leben hat ihn wieder."
Das war Anfang Oktober vorigen Jahres. Anfang April dieses Jahres hatte das bürgerliche Leben ihn wieder verloren: Josef gammelte neuerlich am Kurfürstendamm.
So etwas kann Altfranke Ludwig Erhard nicht fassen. Ihm ist unbegreiflich, daß seine formierte Gesellschaft jemandem nicht behagt. Außerstande, offenkundige Probleme zu lösen, aber allzeit bereit, Probleme dort zu sehen, wo keine sind, beschloß er - nach seiner Attacke auf Pinscher und Uhus -, nun auch den Lümmeln von Gammlern den Kampf anzusagen.
Auf Kanzler-Befehl wurden die Innenministerien der Bundesländer ersucht, schleunigst mitzuteilen,
- in welchem Umfang die Gammler die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährden,
- ob die Gammler identisch mit Landstreichern seien,
- ob Gammler schon randaliert und
demoliert hätten und
- ob unter den Gammlern auch Ausländer festgestellt worden seien.
Die erste Antwort erhielt der weiche Riese Erhard, der - so die "Süddeutsche Zeitung" - "diese grauen Stellen aus unserem weißen Volkskörper hinauszwingen" will, von Studenten.
Eine Erhard-Wahlrede auf dem Bonner Münsterplatz störte die akademische Jugend durch monotone "Gammler" -Chöre. Der Volkskanzler: "Wenn ich und die CDU nicht gewesen wären, wäret ihr in den Windeln verkommen."
Doch durch die Gammler-Reports der Bundesländer mußte sich Erhard eines Besseren belehren lassen: Ihnen mußte er entnehmen, daß es weder einen Anlaß, geschweige denn eine Handhabe gibt, das Gammlerwesen zu "zerstören".
Die kürzeste Auskunft erteilte das rheinland-pfälzische Innenministerium auf die vier Bonner Fragen: "In unserem Lande ist es bisher noch nicht zu Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung durch sogenannte Gammler gekommen. In Anbetracht dieser Tatsache erstatten wir zu 2), 3) und 4) Fehlanzeige."
Aus dem niedersächsischen Innenministerium war zu hören, die "Sache" sei "lächerlich hochgespielt" worden. Der Hamburger Innensenator Ruhnau befand, es bedeute "eine grobe und unzulässige Vereinfachung, in, jedem, der lange Haare ... trägt, nun gleich einen Kriminellen zu sehen". Der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber konstantierte kurz: "Die Polizei ist kein Erziehungsinstitut."
Die ständige Konferenz der Länderinnenminister strich das Gammler -Thema, das Ende August auf einer Tagung in Hannover behandelt werden sollte, von der Tagesordnung.
Bundespressechef von Hase nahm den Fall "etwas humoristisch". Auf die Frage, wie sich der Kanzler die Verwirklichung seines Feldzuges gegen die Gammler denn nur konkret vorstelle, antwortete Hase: "Ich würde sagen, er wird zunächst mal einige Unterstützung anwerben. Vielleicht findet er dafür Freiwillige."
Die Gammler blieben derweil ungerührt. Auch nach des Kanzlers Kampfansage taten sie, was ihnen allein erstrebenswert erscheint - gar nichts.
* Gammler am Ernst-Reuter-Platz in West -Berlin.
Deutsche Gammler: "Arbeiten? Seh'n wir so aus?"
Gammler-Vorbild Diogenes
"Alles, was wir haben ...
Gammler-Vorbild Marx
... gehört jedem ein bißchen"
Gammler-Gegner Erhard
"Ich werde alles tun ...
Gammler-Gegner Schlamm
... dieses Unwesen zu zerstören"
Wandervögel 1915: Aus grauer Städte Mauern ...
Gammlerin 1966 (bei der Morgenwäsche)*
... zurück zur Natur
Gammler in Hamburg (Reeperbahn)
"Es ist ein harter Job ...
Gammler in Berlin (Gedächtniskirche)
... nichts zu tun"
Gammler in Frankfurt (Hauptwache), München (Englischer Garten): "Daß wir leben, feiern wir"
Christ und Welt
* In München an der Isar.

DER SPIEGEL 39/1966
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