19.09.1966

BRASILIEN / VW-TOCHTERErfolg mit Fusca

Seine Eigenschaften rühmen alle, aber seinen korrekten Namen kennen die wenigsten. Professor Porsches Käfer-VW ist für Brasiliens Zunge allenfalls ein "Volks" (sprich: Wolcks). Die meisten seiner Bewunderer jedoch nennen ihn zärtlich "Fusca".
Der mit "Hundchen" zu übersetzende Kosename steht für Brasiliens populärstes Industrieprodukt. 23,5 Kilometer vor der Fünf-Millionen-Stadt Sao Paulo, in dem von idyllischen Hügeln umgebenen Sao Bernardo do Campo, pressen, hämmern und schrauben derzeit 13 000 Brasilianer und zwölf Deutsche täglich 410 Autos der Typen VW 1200, Karmann Ghia und VW-Transporter zusammen.
Sie sind Arbeitnehmer des größten brasilianischen Industrieunternehmens. Die 80prozentige Tochter des Wolfsburger Stammwerks
- produzierte im vergangenen Jahr 75 031 Autos - mehr als jede andere der übrigen zehn Automobilfabriken des Landes*,
- erzielte einen Umsatz in Höhe von 714 Millionen Mark - mehr als ein Prozent des brasilianischen Bruttosozialprodukts,
- zahlte 145 Millionen Mark Steuern an die brasilianische Staatskasse - mehr als jeder andere Steuerzahler des Landes.
In den ersten acht Monaten dieses Jahres hat Nordhoffs fleißige Tochter die Produktion noch einmal um den Rekordsatz von 33,1 Prozent gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres erhöht. Bis Weihnachten wollen die Männer in Sao Bernardo erstmals die Jahresquote von 100 000 Autos erreichen.
Chef-Bernardiner ist Dr. h. c. Friedrich Wilhelm ("Bobby") Schultz-Wenk, 52, ein gebürtiger Hamburger, der vor dem Krieg an der Altonaer Kunstakademie Innenarchitektur studierte und auch heute noch die gesamte Inneneinrichtung seines Mammut-Werkes selbst bestimmt.
Trotz seiner grauen Haare und einer Magenoperation noch immer jugendlich wirkend, ist Schultz-Wenk in Brasilien eine legendäre Figur geworden. Die uniformierte Werkskapelle hat ihm einen "Schultz-Wenk-Marsch" komponiert. In jedem Jahr fliegt er ein halbes Dutzend Mal über den Atlantik zu seinem Freund Nordhoff. Im Landesinnern besitzt er eine Hazienda von etwa 3000 Morgen Größe. Und noch immer fährt er das gleiche Auto - einen VW.
Schultz-Wenk kam 1950 nach Brasilien, um den einstigen KdF-Wagen in ganz Südamerika zu verkaufen.
Die Südamerikaner jedoch, an den Besitz prestige-bringender US-Straßenkreuzer mit über hundert Pferdestärken gewöhnt, wollten "den komischen Käfer" (Schultz-Wenks Werbechef Joäo Z. Corduan) zunächst nicht haben. Erst langsam, als sich herumsprach, daß die Wolfsburger Wagen auf den Rüttelstraßen des Kontinents weit länger intakt blieben als die massigen Amerikaner, begann das Ansehen der deutschen Importe zu steigen.
Im März 1953 mietete Schultz-Wenk, der seine Vertretertätigkeit inzwischen auf Brasilien beschränkt hatte, in Sao Paulo in der Rua Manifesto einen Holzschuppen und montierte hier aus importierten Teilen VW-Limousinen und Transporter. Binnen zwei Jahren gelang es ihm, in der Bastelbude 2268 Personenwagen und 552 Transporter zusammenzuschrauben.
Währenddessen bemühte sich der Zugereiste aus Hamburg, die brasilianische Regierung davon zu überzeugen, daß es dem Land besser bekäme, wenn es eine eigene Auto-Industrie aufbaue, statt den knappen Devisen-Haushalt mit dem Import fertiger Fahrzeugteile zu belasten. Schultz-Wenk hatte Erfolg. 1956 erlaubte die Regierung, Lastkraftwagen im Lande zu bauen.
Nordhoffs Sendbote kaufte ein Stück Urwald und importierte deutschen Werkmannsgeist. An Brasiliens Prunk -Autobahn zwischen Sao Paulo und der Hafenstadt Santos entstand mit Hilfe Wolfsburger Ingenieure und Meister das Werk der "Volkswagen do Brasil S. A." - mit einem Wert von 240 Millionen Mark die größte Niederlassung eines deutschen Industriewerks im Ausland. Schon im September 1957 konnte Schultz-Wenk mit seinen Leuten anstoßen: Der erste VW-Transporter lief vom brasilianischen Band.
Als im darauffolgenden Jahr die Regierung auch den Bau von Personenwagen erlaubte, konnte der Hamburger wenige Monate später - im Januar 1959 - mit dem ersten in Sao Bernardo hergestellten Käfer aufwarten. Einziger Schönheitsfehler: 60 Prozent der Teile kamen noch aus Deutschland.
Heute ist Schultz-Wenk stolz darauf, daß 99,93 Prozent seines Käfers rein brasilianisch sind. Wolfsburg liefert pro VW lediglich Fertigteile im Wert von einem Dollar:
- zwei Schaltgabeln,
- ein gepanzertes Auslaßventil,
- einen zwischen Kurbelwelle und Ölwanne zu montierenden Dichtungsring.
Der inzwischen naturalisierte Hamburger Innenarchitekt, der noch vor seiner Auswanderung eine Deutsche heiratete und heute Vater von drei Kindern (Peter, 16, Axel, 14, Karin, 8) ist, stützt sich auf eine Arbeiterschaft, die es an Gründlichkeit und Fleiß mit der Belegschaft in Wolfsburg durchaus aufnehmen kann. Hinter den eleganten Gelbklinkerfassaden in Sao Bernardo zu arbeiten, ist für sie das Große Los: Auf zehn ausgeschriebene Arbeitsplätze melden sich hundert und mehr Bewerber.
In Verhandlungen mit der Regierung hat der Hinweis auf die Bedeutung des VW-Werkes für die brasilianische Volkswirtschaft mehr als einmal Wunder gewirkt. Als zum Beispiel 1965 die Regierung begann, die Inflation (Preissteigerungen 1964: 87 Prozent) rigoros zu bekämpfen, wurde in Brasilien das Geld so knapp, daß Schultz-Wenk auf seinen Wagen sitzen zu bleiben drohte. VW intervenierte, und Wirtschaftsminister Roberto Campos gewährte den Käufern neuer Wagen einen Konsumsteuer-Rabatt. Binnen Wochen waren die vollen Werkshöfe in Sao Bernardo wieder leer.
Einen ähnlichen Erfolg konnte Schultz-Wenk mit seinem Einbruch in den Taxen-Markt des Landes verbuchen. Statistiker hatten herausgefunden, daß ein brasilianischer Taxi-Chauffeur pro Fahrt nur 1,8 Passagiere befördert. Gleichwohl bestimmte die Taxi-Ordnung, daß ein Mietgefährt über mindestens vier Gastsitze und vier Türen verfügen mußte. Dem Manager des kompakten "Fusca" erschien das als ein weit getriebener Luxus für das unterentwickelte Land.
Seinem Sparsamkeitsappell konnte sich das Justizministerium nicht verschließen, zumal Schultz-Wenk zu beweisen vermochte, daß ein VW-Taxi mit zwei Sitzen und zwei Türen 20 Prozent billiger fahren konnte als die herkömmlichen Komfort-Mietkutschen. Heute rollen Tausende der gelben Mini-Taxis durch Brasiliens Städte, in Sao Paulo allein 2000, in Rio 1500, in Porto Alegre 1400.
Ungewöhnlich wie die spartanischen Taxis waren für das Land zunächst auch die Verkaufsmethoden der VW-Tochter. Getreu der Wolfsburger Devise, keinen Wagen auf Kredit zu verkaufen, hat Nordhoffs Statthalter bis heute noch jedes Fahrzeug gegen bar losschlagen können.
Als 1953 der damalige Kriegsminister General Ciro do Espirito Santo Cardo bei Schultz-Wenk 30 Transporter bestellte, verlangte der Deutsche sofortige Barzahlung. Der Kriegsminister, an lange Kreditfristen gewöhnt, sah darin einen Mangel an Vertrauen in seine Amtsführung. Wütend ließ er den Fremden kommen.
Schultz-Wenk schob seine einheimischen Arbeitnehmer vor und erklärte: "Wenn Sie nicht zahlen, kann ich am Freitag meine Leute nicht bezahlen." Der Minister zahlte. Schultz-Wenk heute: "Der Minister ist schon lange nicht mehr im Amt - ich bin's."
Um auch die Märkte des Binnenlandes bearbeiten zu können; läßt Schultz -Wenk seine Vertreter und Kundendienst-Berater vom Auto auf Flugzeuge umsteigen. In zunächst vier werkseigenen Beechcraft-Maschinen überspringen sie mühelos die weiten Strecken des Landes, das mit 8,5 Millionen Quadratkilometern selbst die Fläche Australiens übertrifft. Sie erreichen damit Städte, die sie auf Straßen nie ansteuern könnten.
Von den 500 000 Kilometern brasilianischer Straßen, die in der Statistik erfaßt sind, entsprechen nur etwa 10 000 Kilometer dem europäischen Standard. Der Rest sind einfache Rollbahnen und Urwald-Trassen, auf denen nur geländegängige Fahrzeuge zu verwenden sind.
Die Qualitätskontrollen, die Schultz -Wenk eingerichtet hat, übertreffen deshalb noch die strengen in Wolfsburg gültigen Vorschriften, und die VW-Meister in Sao Bernardo lassen ohne Widerrede Teile neu anfertigen, die im vollbeschäftigten Westdeutschland abgenommen würden. So kommt es, daß der Volkswagen "made in Brazil" unter Kennern als noch unverwüstlicher gilt als das im Stammwerk gefertigte Fahrzeug.
Unter den wenigen verbliebenen Deutschen von Sao Bernardo heißt es scherzhaft, der Boß habe ein Abkommen mit der brasilianischen Regierung geschlossen, die Straßen nicht zu verbessern, um den Absatz zu sichern.
Brasiliens VW-Manager gibt sich diplomatischer. Schultz-Wenk zum SPIEGEL: "Die Verkaufschancen des Volkswagens sind hier für die Zukunft praktisch unbegrenzt."
* Willys Overland do Brasil S. A.: 54 133, Vemag S. A.: 15 260, Ford Motor do Brasil, 11 754, General Motors do Brasil S. A.: 10 981, Simca do Brasil: 7275, Mercedes Benz do Brasil: 6858, Fábrica Nacional de Motores S. A.: 1990, Toyota do Brasil S. A.: 961, Scania Vabis do Brasil S. A.: 800, International Harvester Máquinas S. A.: 617.
Brasiliens VW-Chef Schultz-Wenk (r.), Nordhoff: Der Kriegsminister mußte zahlen
Endmontage-Halle der "VW da Brasil S. A.":
Aus dem Urwald der beste Käfer?

DER SPIEGEL 39/1966
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