19.09.1966

DAS WAHRE UNGEMACH IST MADE IN GERMANY

Die Szenerie wenigstens hatte die angestrebte Symbolkraft: Ein weißes Schiff, schlank und schön, glitt durch die Reihen der rostigen alten Seelenverkäufer wie ein weißer Riese durch allen Schmutz dieser Welt - ein Stuyvesant-Bild. Germaniens maritimer Friedensengel trug einen Hauch von Unschuld und Luxus in den Kriegshafen von Saigon. Bonns humanitäres Engagement in Vietnam ging vor Anker.
"Das 'Helgoland' ist gekommen", freute sich am Freitag eine deutsche Schlagzeile im "Vietnam Guardian", der einzigen von den drei englischsprachigen Zeitungen Saigons, die an diesem Tag erscheinen durfte. Das deutsche Beispiel - hier war es: Ein Beispiel dafür, was alles passieren kann, wenn die Politiker sich auf dem Umweg über die Bürokratie der Mediziner und der Idealisten bedienen, um in einem Krieg, mit dem sie nichts zu tun haben wollen, wenigstens in Erscheinung zu treten, weil der amerikanische Bundesgenosse sie dort vermißt.
Was passiert ist, ehe das umgebaute Bäderschiff unter der Flagge des Deutschen Roten Kreuzes Hamburg schließlich verlassen konnte (SPIEGEL 4, 8, 15/ 1966), ist das Werk der Politiker und der Bürokraten, die auf derlei komplizierte Unternehmungen wohl immer nur mit Gutachten, Delegationen, Kompetenzkonflikten und Verzögerungen reagieren können. Was passiert ist, seit die "Helgoland" Hamburg verlassen hat, ist die Folge davon und ist das Los der Mediziner und der Idealisten, sofern sie solche geblieben sind.
Und passiert ist allerlei. Nicht das freilich, was man befürchtet hatte. Ein anonymer Anruf bei der Heimatreederei Hadag, das Schiff werde zwischen Port Said und Aden durch zwei Bomben in die Luft gejagt werden, erwies sich als Bluff: Die "Helgoland" war in Port Said später als geplant abgefahren und hätte längst explodiert sein müssen, als die Warnung sie erreichte.
Und auch die Vietcong legten sich im Saigon-Fluß nicht quer. Sie schossen nur ein bißchen nach den begleitenden Hubschraubern. Die "Helgoland" nahm sowenig Schaden wie das vietnamesische Minensuchboot, das hinter ihr herfuhr.
Das wahre Ungemach des deutschen Dampfers war Made in Germany. Es befiel zunächst die im heimatlichen Klima kaum strapazierte Klimaanlage, die sich der Dauerbelastung und den tropischen Temperaturen von Luft und Wasser entgegen den Hoffnungen der Werft nicht gewachsen zeigte.
Erst fiel ein Kompressor aus, dann rissen Leitungen ab. Im Mittelmeer und im Roten Meer konnte man das noch mit Bordmitteln beheben, zwischen Colombo und Singapur nicht mehr, die Temperatur in den Kabinen stieg zum Teil auf 38 Grad und mehr. Besatzung und Mediziner schliefen an Deck, und manche fragten sich, ob die Herstellerfirmen der mitgeführten Medikamente wohl an solche Temperaturen gedacht hatten, als sie (auf entsprechende Anfragen) die Haltbarkeit ihrer Produkte garantierten.
Erschwerend kam hinzu, daß die "Helgoland" auf dem Weg nach Singapur nur mit verringerter Maschinenkraft lief, um nicht mitten im explosiven Klima der vietnamesischen Wahlen Saigon zu erreichen. Zwar war die Meinung, daß es ratsam sei, erst nach den Wahlen anzukommen, schon seit Wochen von Diplomaten und Journalisten vorgebracht worden. Aber erst ein dringliches Telegramm des von Colombo nach Saigon vorausgeflogenen Chefarztes ans DRK nach Bonn löste schließlich - nachdem das Schiff Colombo bereits verlassen hatte - eine telegraphische Order an den Kapitän aus, auf der Fahrt nach Singapur Zeit zu gewinnen. Denn Hafengebühren sind teuer.
Also entschloß sich die Schiffsführung
- unterstützt durch die Ärzte -, nach
Hamburg zu telegraphieren, daß die "Helgoland" als Hospitalschiff ohne Klimaanlage nicht funktionsfähig sei, weshalb dringend Abhilfe geschaffen werden müsse. Die Antwort war der ehemalige Chefingenieur des Schwesterschiffes "Wappen von Hamburg". Er kam per Lufthansa nach Singapur, ließ Ersatzteile nachkommen und behob den Schaden.
Die erhitzten Gemüter der Ärzte aber vermochte er nicht zu kühlen. Sie waren noch damit beschäftigt, mit Hilfe von lokalen Siemens-Vertretern ein Spezial -Röntgengerät reparieren zu lassen, das bei dem Versuch, den in Aden gebrochenen Arm eines Matrosen einzurichten, nicht funktioniert hatte und auch durch einen aufmunternden Tritt nicht geheilt worden war, als bei der Verwaltung des Schiffes ein seltsames Schreiben des Innenministeriums ankam. Darin wurde mitgeteilt, daß die Auslandszulage, die dem medizinischen Personal in seinen Dienstverträgen mit dem DRK bereits ab Hamburg zugesichert worden war, leider erst ab Saigon gewährt werden könne. Die bereits angewiesenen Beträge würden mit dem Oktobergehalt verrechnet.
Es geht dabei immerhin um runde 40 Prozent der gesamten Bezüge, die ohnehin nicht hoch sind. Ein Arzt auf der "Helgoland" verdient um 2500 Mark, die er obendrein, entgegen anderslautenden Versicherungen, nicht in Dollars, sondern in der inflationsgeschwächten Landeswährung ausgezahlt bekommt.
Und begehrt war der zunächst auf ein halbes Jahr terminierte Saigon-Job sowieso nicht: Chefarzt Dr. Helmfried Christoph Nonnemann, ein ernsthafter, introvertierter Äskulap-Jünger des Jahrgangs 1933, der Joyce und Tucholsky liest und viele Tonbänder mit Kammerjazz besitzt, hat bei der Rekrutierung seiner siebenköpfigen Ärzte-Crew nur acht Bewerbungen vorgefunden - allesamt von jungen Ärzten oder Assistenten, denen der deutsche Krankenhaus-Betrieb zu hierarchisch war.
Er selbst ist Chirurg, sein Stellvertreter Dr. Karl-Hermann Weiß, Jahrgang 1928, ist ein Internist, der aber chirurgisch arbeiten will. Als Anästhesist arbeitet ein junger Assistent der Inneren Medizin, bis ein Fachmann gefunden ist. Ein Tropenfacharzt war überhaupt nicht zu finden, ein Zahnarzt auch nicht.
Die komplett ausgestattete Zahnstation der "Helgoland" - Produkt eines der vielen Bonner Ministerialgutachten
- dient jetzt als Büro.
Der Zorn der angeheuerten Doktoren jedenfalls war beträchtlich - um so mehr als ihre komplizierten Verträge mit dem DRK einerseits und der Hadag andererseits ohnedies einen nicht klar genug definierten Abzug für Kost und Logis vorsehen. Zu alledem drängte sich der Verdacht auf, daß die Streichung der Auslandszulage für die vierwöchige Reisezeit auf eine Intervention des seemännischen Personals zurückgehe, das während des Vietnam-Einsatzes doppelte Heuer bezieht - aber eben erst ab Saigon. (Dann freilich verdienen die Seeleute in der Regel sowieso mehr als etwa die medizinisch-technischen Assistenten, die Pfleger oder die Krankenschwestern.)
In der ersten Aufwallung dachten einige Ärzte ans Abspringen, andere an Klage, Gemeinsam entwarfen sie einen Hilferuf an den Präsidenten der Ärztekammer. Nonnemann seinerseits fragte brieflich beim DRK an, woran man denn nun sei. Er tat es mit der Fassung eines Mannes, der weiß, daß seine wahren Probleme erst noch kommen.
Es sind nicht die Probleme, welche die Bürokratie ihm hinterlassen hat, nicht die Probleme der "vorläufigen Dienstordnung", die - obwohl Bestandteil der Verträge - erst vorgelegt wurde, nachdem die Verträge schon unterschrieben waren. Es ist nicht die Frage, "welche Stadtteile und Lokale in der Hafenstadt für die deutsche Besatzung verboten" werden sollen. Es ist auch nicht die Frage der allein dem Chefarzt zustehenden "Verlautbarungen an die Presse usw." (obwohl das zum Problem werden könnte, denn der erste Funkoffizier hat vor der Abreise einen Vertrag mit der Illustrierten "Quick" gemacht).
Es ist vielmehr die Frage, wie und wo die "Helgoland" denen, für die sie unter dem Gesetz der vierten Genfer Konvention angetreten ist, nämlich den zivilen Opfern beider kriegführenden Parteien, am besten helfen kann.
Niemand hier glaubt, daß Saigon dafür auf die Dauer der richtige Platz ist, auch Nonnemann nicht. Denn hier gibt es die meisten Krankenhausbetten und die meisten Ärzte in ganz Südvietnam, aber nicht die meisten zivilen Kriegsopfer. Weiter im Norden des Landes ist es umgekehrt. Und da man nun einmal ein Schiff ausgerüstet hat und elf Millionen im Jahr dafür aufwendet - ein stationäres Hospital wäre für die Hälfte zu haben gewesen -, kann man es ja auch bewegen.
Mag sein, daß dieser Gedanke Politiker und Bürokraten in neue Kompetenzkonflikte stürzen und zu neuen Gutachten provozieren würde. Die Mediziner und die Idealisten, falls sie solche geblieben sind, hätten jedenfalls nichts dagegen, in einiger Zeit weiter nach Norden zu fahren.
Von der Amerikanischen Botschaft in Saigon bekam der SPIEGEL am Wochenende die Auskunft, daß sie gleichfalls nichts dagegen hätte. Falls die "Helgoland" wirklich weiter gen Norden fahren wolle, dann werde man alles tun, um ihr - wie in Saigon - in einem der Kriegshäfen entlang der vietnamesischen Küste einen Liegeplatz frei zu machen.
So wird Bonns humanitäres Engagement in Vietnam wohl erst dann richtig wirksam werden, wenn das schlanke schöne Schiff inmitten der rostiget Seelenverkäufer am Pier von Saigon die Anker wieder lichtet.
Deutsches Hospitalschiff "Helgoland" in Saigon: Zwischen Seelenverkäufern ein Stuyvesant-Bild
"Helgoland"-Chefarzt Nonnemann, Schwestern: Die Zahnstation blieb unbemannt
Von Hermann Schreiber

DER SPIEGEL 39/1966
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