19.09.1966

GEMINI 11Außer Atem

Es schien die Erfüllung eines uralten Menschheitstraums. Aller irdischen Schwere entrückt, so hatten die Propheten des Raketenzeitalters verkündet, würden die Raumfahrer durchs All schweben, leicht und mühelos wie die im Wind taumelnde Flaumfeder eines Vogels. Der britische Zukunfts-Schriftsteller und Physiker Arthur C. Clarke erhoffte sich vom Zustand der Schwerelosigkeit gar einen Vorstoß in "bisher ungeahnte Bereiche der Erotik".
Letzte Woche wurde den US-Raumfahrtplanern zur Gewißheit, daß der Spaziergang im All, wenn er nur mit geringfügigen Aufgaben und Handgriffen verbunden ist, irdischer Schwerstarbeit gleichkommt.
Bis auf 162 (normal: 70) kletterte der Puls von Gemini-11-Kopilot Richard Gordon, als er in 300 Kilometer Flughöhe mit der schwerelos sich ringelnden Nabelschnur kämpfte und der Schweiß ihm über das rechte Auge rann - ohne daß er hätte hinlangen und ihn wegwischen können. Gordon über Sprechfunk zum Raumschiff-Kommandanten Charles ("Pete") Conrad: "Das Atmen fällt mir schwer." Auch: "Müde bin ich, Pete." Und: "Ich kann nicht mehr."
Wenig mehr als ein Drittel der für das Außenbordmanöver vorgesehenen Zeit brachte Gordon freischwebend im All zu. Ganz ähnliche Hemmnisse - rasche Erschöpfung und Beschlagen des Helmfensters infolge heftiger Transpiration - hatten schon im Juni dieses Jahres den Gemini-9-Astronauten Eugene Cernan zum vorzeitigen Abbruch seines Raum-Ausflugs gezwungen.
Cernans wie Gordons Mißgeschick zwangen die US-Raumfahrtplaner zu der Einsicht: Der für die Gemini-Astronauten entworfene Raumanzug ist für Arbeiten außerhalb des Raumschiffs nur bedingt tauglich.
Gleichwohl, keiner der Verantwortlichen im Raumfahrtzentrum Houston, Texas, mag der Herstellerfirma für die Gemini-Schutzanzüge, der David B. Clark Company in Worcester (US-Staat Massachusetts), einen Vorwurf daraus machen. Der 25 Pfund schwere Gemini-Anzug (Stückpreis: 68 000 Mark) entspricht genau den Spezifikationen, die von der US-Raumfahrtbehörde Nasa angegeben worden waren.
Schlimmstenfalls, so hatten die Raumfahrtmediziner angenommen, würde die körperliche Belastung eines Weltraum -Mechanikers der Anstrengung bei einem harten irdischen Tennismatch vergleichbar sein. Dementsprechend wurde das Klimasystem des Gemini-Raumanzugs so ausgelegt, daß es innerhalb einer Stunde rund 350 Kilokalorien von der erzeugten Körperwärme und knapp einen halben Liter Schweiß abführen kann.
Alle Gemini-Raumanzüge wurden von den Astronauten in den Test-Kammern des Raumfahrtzentrums Houston auf ihre All-Tauglichkeit überprüft - in Vakuum, Weltraumkälte und gleißendem Kunstsonnen-Licht. Nur eine der Raumfahrt-Eigentümlichkeiten ließ sich auf Erden nicht perfekt nachahmen: die Schwerelosigkeit. Allenfalls für 20 Sekunden konnte dieser Zustand im Flugzeug - in einer dem freien Fall ähnlichen Sturzkurve - simuliert werden. Das führte zu den Fehlkalkulationen der Raumanzug-Designer.
So berichtete Gemini-9-Astronaut Cernan nach seiner Landung, seine Arbeit im Weltraum sei in Wahrheit etwa fünfmal so anstrengend gewesen, wie nach dem Raumfahrt-Training in irdischen Testkammern zu erwarten war.
Etwa die Hälfte seiner Zeit und Mühe habe er allein darauf verwenden müssen, seinen schwerelosen Körper in der gewünschten Lage zu halten. Sich mit der Versorgungsleine wieder an das Raumschiff heranzuziehen, sei gleichfalls "mordsmäßig anstrengend". Mühsam, Hand über Hand, mußte Cernan zur Kapsel hanteln; jedes stärkere Ziehen, so sein Bericht, "bringt einen überallhin, nur nicht da, wo man hin will", Cernan wie Gordon kamen denn auch ob solch unverhoffter Strapazen derart ins Schwitzen, daß die Klimaregelung ihrer Raumanzüge damit überfordert wurde. Die Nasa-Planer zogen die Konsequenz: Schon seit einigen Monaten forcieren sie die Entwicklung eines neuen Typs von Raumanzug, in dem Amerikas Astronauten dereinst die Mondkrater durchwandern und Raumstationen montieren sollen.
Anders als die hautengen, aus 23 Baumwoll- und Kunststoffschichten zusammengefügten Gemini-Anzüge, soll die künftige Raumkleidung eher mittelalterlichen Ritterrüstungen gleichen. Die "harten" Raumanzüge (Entwicklungsnamen: "Litton RX-4" und "Ames AX") sind vorwiegend aus Glasfaser und Aluminium gefertigt und haben - an Ellenbogen, Knie-, Schulter-, Hand-, Hüft- und Fußgelenken - so leichtgängige Scharniere, daß die Bewegungen in der Montur dem Raumritter kaum Anstrengung abfordern werden.
Ein System von Kühlwasserschläuchen in der baumwollenen Unterwäsche wird zusammen mit einer verbesserten Sauerstoffzirkulation schätzungsweise 500 Kilokalorien Körperwärme je Stunde abführen können - anderthalbmal soviel wie bei den Gemini-Anzügen.
Schon für die ersten bemannten Raumflüge der Apollo-Serie, geplant für Ende November dieses Jahres, sollen Vorläufer der neuen Raumfahrtmode einsatzbereit sein. Beim letzten vorgesehenen Gemini-Start. Anfang November allerdings wird Astronaut Edwin E. Aldrin sich noch in den schweißtreibenden Raum-Overall herkömmlicher Bauart zwängen müssen.
Einziger Trost für Aldrin: Die Flugleitung in Houston will, wie am Freitag letzter Woche bekanntwurde, sein Außenbord-Programm kürzen und ihm so die Raum-Sauna ersparen.
Neuer Raumanzug
In Ritterrüstungen zum Mond?

DER SPIEGEL 39/1966
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