19.09.1966

GESCHLECHTSUMWANDLUNGSchöner Frühling

Sein halbes Reich versprach Roms Kaiser Heliogabal dem, der ihn in eine Frau verwandeln könne.
Heliogabal (Herrschaftszeit: 218 bis 222) war offiziell mit einem männlichen Sklaven verheiratet und zeigte sich erfreut, wenn Untertanen ihn als Kaiserin ansprachen. Doch das Verlangen des feminin empfindenden Jünglings, auch die körperlichen Attribute der Weiblichkeit zu besitzen, blieb unbefriedigt: Niemand vermochte damals den ausgesetzten Preis zu erringen.
Heute könnten die Mediziner den Wunsch des Römerkaisers wohlfeil erfüllen. Gegen ein Honorar, das zwischen 8000 und 16 000 Mark liegt, verwandeln Chirurgen, unterstützt von Hormon-Spezialisten, nach Wunsch Männer in Frauen und - seltener - Frauen in Männer.
Daß solche Geschlechtsumwandlungen längst keine Einzelfälle oder gar medizinische Kuriositäten mehr sind, zeigt eine Untersuchung des amerikanischen Sexualforschers Harry Benjamin, die jetzt in New York erschien**.
Mehrere Hundert Patienten, so enthüllt Sexologe Benjamin in seiner Studie, haben sich während der letzten Jahre - vor allem in europäischen und marokkanischen Kliniken - dieser Behandlung unterzogen. Und der Forscher weist nach, daß derlei Eingriffe nicht etwa als Auswüchse sexueller Abirrung zu gelten haben. Vielmehr waren die meisten der Operationen vom medizinischen Standpunkt aus geboten, um jahrelangem psychischem Leiden abzuhelfen.
Von vielen Völkern und aus vielen Jahrhunderten sind Berichte über körperlich normale Männer und Frauen überliefert, die Gefallen daran fanden, nach den Gewohnheiten des anderen Geschlechts zu leben und vor allem dessen Kleidung anzulegen.
So erschien einst Frankreichs König Heinrich III. (Regierungszeit: 1574 bis 1589) mit langer Perlenkette und dekolletiertem Frauengewand zur Audienz. Und 150 Jahre später erregte ein Edelmann am Hof Ludwigs XV. Aufsehen. Der Höfling, Chevalier d'Eon de Beaumont, wurde in Frauenkleidung als angebliche Rivalin der Madame de Pompadour eingeführt und erledigte fortan diplomatische Missionen teils in männlicher, teils in weiblicher Rolle.
Mittlerweile fanden die männlichen Frauenkleider-Fans, 1925 von dem Berliner Sexualforscher Magnus Hirschfeld erstmals als "Transvestiten" klassifiziert***, in eigenen Treffpunkt-Lokalen Auslauf - im "Blackjack" in New York ebenso wie in dem Berliner Nachtlokal "Chez Nous" oder dem Hamburger Pendant "Bar-Celona". Allerdings: Nur den wenigsten von ihnen können die Mediziner, wie Forscher Benjamin ausführt, eine Sex-ändernde Operation anraten.
Die meisten Transvestiten, so schränkt der Wissenschaftler ein, empfinden zwar, wenn sie Männer sind, einen unwiderstehlichen Drang, sich gelegentlich wie eine Frau zu kleiden und zurechtzumachen oder wenigstens weibliche Unterwäsche zu tragen. Doch fühlen sie sich im Berufs- wie im Familienleben stets als Männer und sind, sofern sie ihrer Neigung nachgehen können, mit ihrem Los zufrieden.
Anders bei jener Gruppe von Transvestiten, die Benjamin als Anwärter für eine Geschlechtsumwandlung einstuft und die er als "Transsexuelle" bezeichnet. Transsexuellen Männern genügt es nicht, sich nur als Frauen zu verkleiden. Vielmehr haben sie von frühester Kindheit an den unbezähmbaren Wunsch, dem weiblichen Geschlecht anzugehören.
Die körperlichen Merkmale, die sie von Geburt eindeutig als männlich ausweisen, sind ihnen verhaßt; nicht selten versuchen sie sich ihrer durch selbstverstümmelnde Eingriffe zu entledigen. Dementsprechend wird von Patientinnen berichtet, die schon als Mädchen ihre Brüste zu amputieren suchten.
Der Drang, das Leben des anderen Geschlechts zu führen, stürzt die Transsexuellen nahezu unausweichlich in demütigende Situationen und Konflikte mit Gesetz und Umwelt - von Zweifeln über die richtige WC-Tür bis zu Verhaftungen wegen Homosexualität "Kaum sonst", notiert Sexologe Benjamin, "sind Menschen so unausgesetzt unglücklich und in Bedrängnis."
Vergebens versuchten Psychiater das Seelenleben der "geschlechtsgespaltenen Persönlichkeiten" (Benjamin) entsprechend ihrer körperlichen Beschaffenheit auszurichten. "Psychotherapie", stellt Benjamin fest, sei in solchen Fällen "ein nutzloses Unternehmen".
Hormonforschung und moderne chirurgische Technik indes vermöge Transsexuellen zur Harmonie zwischen seelischem und körperlichem Zustand zu verhelfen. Einer der ersten transsexuellen Patienten, der die Umwandlung zur Frau erlebte, war ein amerikanischer Photograph namens George Jorgensen.
Unter den geschickten Händen eines Ärzteteams in Kopenhagen wurde George Ende 1952 zur Christine. Kurz darauf wurde die blonde, langbeinige Christine Jorgensen als "Manhattans Glamour-Girl Nr. 1" ("Time") umworben.
Der aufsehenerregende Fall Jorgensen ermutigte zahlreiche Leidensgenossen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Benjamin berichtet in seinem Buch aus eigener Praxis von 51 ehemaligen Männern zwischen 20 und 58 Jahren sowie neun ehemaligen Frauen, die durch Hormone und Operationen erreichten, was sie ersehnt hatten. Der Weg dahin ist freilich meist langwierig, strapaziös und teuer.
Die Patienten, die sich zur Frau umwandeln lassen wollen, werden zunächst von Psychiatern beobachtet. Nur wenn die Diagnose eindeutig auf Transsexualismus lautet, wird die Behandlung eingeleitet.
Sie beginnt mit regelmäßigen Gaben weiblicher Geschlechtshormone (Östrogene). Alsbald beginnen Brüste hervorzutreten, die Hüften runden sich, und Körperhaare verschwinden von Stellen, die bei Frauen nicht behaart sind. Barthaare freilich widerstehen den Östrogenen.
Die eigentliche Operation allerdings empfiehlt Benjamin erst nach monate - oder jahrelanger Hormonbehandlung - deren Folgen noch rückgängig zu machen wären - und erst, wenn der Patient sich in der ihm neu erschlossenen Welt der Frau auch sozial etabliert hat.
In den Vereinigten Staaten scheuten sich die Ärzte bislang, die ungewöhnliche Operation vorzunehmen. Benjamins Patienten reisten nach Mexiko und Europa, nach Japan und Marokko. Die meisten gelangten in einer Frauenklinik am Stadtrand von Casablanca ans Ziel ihrer Wünsche.
Dort entwickelte ein französischer Chirurg, Dr. Georges Burou, ein Operationsverfahren, das nach Ansicht Benjamins die bisher besten Resultate ergibt. Nach Kastration und Amputation bildet Burou, indem er die Hautteile der amputierten Organe chirurgisch verwertet, die äußeren weiblichen Geschlechtsteile so kunstvoll nach, daß in einem Fall sogar ein Gynäkologe davon getäuscht wurde.
Nach dieser entscheidenden Operation ließen sich viele der Patienten durch weitere kosmetische Kunstgriffe noch weiblicher gestalten: Brüste wurden durch Kunststoff-Füllungen auf Jayne -Mansfield-Format vergrößert, Nasen verkleinert, Adamsapfel abgetragen und Barthaare elektrisch ausgebrannt.
Von den 51 umgewandelten Männern, die Sexologe Benjamin seit Jahren beobachtet, sind mittlerweile zwölf als Frauen glücklich verheiratet, einige von ihnen haben Kinder adoptiert. "Den Johnny, den ich kannte, mit der Joanna von heute zu vergleichen", so schreibt Benjamin über einen Patienten, der sich operieren ließ und vor sieben Jahren einen Geschäftsmann heiratete, "das ist, als vergleiche man einen regnerischen und nebligen Tag mit einem schönen Frühlingsmorgen oder einen Trauermarsch mit einer Siegesfanfare."
Auch die anderen ehemals männlichen Patienten fühlten sich - mit Ausnahme eines über 50jährigen, dem Benjamin von der Umwandlung abgeraten hatte - nach der Operation weit zufriedener als vorher.
Ähnlich günstig beurteilt Benjamin die Ergebnisse, die männliche Hormone und Umwandlungsoperationen bei transsexuellen Frauen bewirkten. Vier der neun früheren Frauen haben inzwischen als Männer geheiratet.
Um die Merkmale und Funktionen ihres ursprünglichen Geschlechts zu tilgen, ließen sich die Frauen die Brüste amputieren sowie Gebärmutter und Eierstöcke entfernen. Alle Versuche der Chirurgen indes, die neu erstandenen Männer auch mit einem männlichen Geschlechtsorgan zu versehen, blieben bisher Stückwerk. In einem Falle vermochten selbst 33 Operationen das Problem, wie Benjamin schreibt, "nicht zufriedenstellend zu lösen".
Die Qualität der von Chirurgenhand geschaffenen weiblichen Organe hingegen scheint außer Zweifel. Einer der Um-Operierten - Künstlername: Coccinelle - trat hernach als Schönheitstänzerin im Pariser "Maxim's" auf. Und neun der in Frauen verwandelten Männer, so weiß Benjamin zu berichten, wurden Prostituierte.
** Harry Benjamin: "The Transsexual Phenomenon". Julian Press Inc., New York, 286 Seiten; 8,50 Dollar.
*** Transvestit: Kunstwort, gebildet aus
lateinisch trans = hinüber und vestis = Kleidung.
Transvestit de Beaumont (r.)*: "Kaum sonst sind Menschen ...
Transvestiten-Show in Hamburg
... so unglücklich und in Bedrängnis"
Transsexueller Coccinelle, vorher
Unbezähmbare Wünsche ...
... durch Operation erfüllt: Transsexueller Coccinelle, nachher (r.)*
* Beim Duell gegen den Chevalier de St. Georges im Londoner Carlton-Haus am 9. April 1787.
* Mit Ehemann Mario Heyms bei der Trauungszeremonie im März dieses Jahres.

DER SPIEGEL 39/1966
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