Als das seltene Blatt gezeigt wurde, leuchteten die Scheinwerfer auf: Ein "Wüstling" legte einer willigen Frau Hand an den Busen. Im Londoner Auktionshaus Sotheby zogen die Preise an.
Mit dem "Wüstling" wurden - am letzten, Donnerstag - noch etwa 200 weitere Lithographien (außerdem 30 meist unbedeutende Handzeichnungen) von Henri de Toulouse-Lautrec (1864 bis 1901) versteigert. Die Blätter stammen aus dein Nachlaß des Deutsch-Amerikaners Ludwig Charell, des letzten Privatsammlers, der fast die gesamte Druckgraphik von Toulouse-Lautrec besaß.
Der Zulauf zum Schlußverkauf - rund 400 Händler und private Liebhaber bestätigte die immer noch steigende Popularität eines Künstlers, der zu Lebzeiten nur von seinen Modellen und Künstlerkollegen anerkannt war - nicht aber von der feinen Gesellschaft.
Denn der Grafensohn Henri-Marie -Raymond de Toulouse-Lautrec-Montfa, dessen Ahnherr 1099 als Kreuzfahrer Jerusalem erstürmt hatte, lebte und malte nicht standesgemäß: Er hielt wenig von den guten Sitten und nichts vom Kunstgeschmack seiner Mitwelt.
Schon als Kind schockierte er die Gouvernante: Er ließ sich nicht hindern, in der Kathedrale seiner Vaterstadt Albi seine Notdurft zu verrichten.
Erwachsen, verkleidete sich Toulouse -Lautree (der oft kurz als "Lautreo" signierte) zu Kostümbällen als Ministrant; er wohnte wochenlang in Freudenhäusern ("Wo sonst versteht man sich noch aufs Schuheputzen?") und empfing dort sogar Besuch; Haus-Besitzerin und Personal führte er ungeniert am Gala-Abend in die Opernloge.
Zum Außenseiter war der Aristokrat durch die Natur bestimmt. Das wahrscheinlich erbkranke Kind - die Eltern waren Vetter und Base - brach sich beide Oberschenkel und wuchs seitdem nicht mehr. Lautrec maß 1,52 Meter.
Den zwerghaften Wuchs kompensierte Lautrec ("Hätte ich längere Beine gehabt, so hätte ich nie gemalt") durch die Kunst: Als er einsah, daß er für ein Grafenleben nicht geeignet sei, entschied er sich fürs Malen. Er studierte in Paris bei dem taubstummen Pferdeschilderer René Princeteau, dem Porträtisten Léon Bonnat, dem Prähistorienmaler Fernand Cormon und parodierte das Riesenbild "Heiliger Hain, den Musen und Künsten geweiht" des berühmten Symbolisten Puvis de Chavannes.
Statt heiliger Haine malte Lautrec dann lieber die Lokale am Montmartre; seine bevorzugten Modelle, für die er auch virtuose Plakate entwarf, wurden Tänzerinnen und Sängerinnen: "La Goulue" (bürgerlich: Luise Weber), Jane
Avril, Yvette Guilbert, Marcelle Lender. Der Lender wegen besuchte der Künstler zwanzigmal die Merowinger -Operette "Chilpéric". Lautrec: "Ich komme nur, um ihren Rücken zu sehen."
Den Rücken Marcelle Lenders führte Lautrec in Öl und Lithographen-Kreide aus - der Technik der Lithographie (Steindruck), gab er gleichen Rang wie der Malerei. Höhepunkt seiner Druckgraphik: der Dirnen-Zyklus "Elles".
Der Grafensproß porträtierte seine vertrauten Freundinnen ("Sonntags würfeln sie um mich") scharf, aber ohne satirische Verzerrung. Lautrec-Zeitgenosse Frantz Jourdain: "Er deformiert die Natur nicht, sondern wartet, daß sie sich von selbst als grotesk erweist."
In seiner Malweise blieb Lautrec dem Farbenzauber der Impressionisten ebenso fern wie dem vorexpressionistischen Pathos seines Zeit- und Zechgenossen Vincent van Gogh. Näher stand er - mit flächigen Farben und bewegten Silhouetten - dem internationalen Jugendstil.
Stil wie Sujet seiner Bilder befremdeten die Familie. Mutter Toulouse -Lautrec auf die Frage nach ihrem Lieblings-Maler: "Nicht mein Sohn."
Dennoch holte die Gräfin den Sohn heim aufs Gironde-Schloß Malromé, als er tödlich erkrankte. Lautrec, ein Pionier des Cocktailmixens, siechte durch Alkoholmißbrauch und Syphilis dahin - er- starb mit 36.
Schon wenige Jahre nach dem Tode wurde Toulouse-Lautrec nun auch allgemein anerkannt - durch Gedächtnisausstellungen gewürdigt und in den Louvre aufgenommen. Die Händler erhöhten die Preise: Plakate und Lithographien wurden fünfmal so teuer. Heute werden selten Lautrec-Lithographien so hoch bezahlt wie Gemälde. 1959, bei einer Auktion in Paris, brachten Spitzenblätter bis zu 40 000 Mark.
Sothebys Bieter trieben letzte Woche die Preise noch höher. Sie zahlten Rekordsummen für die "Elles"-Mappe (88 000 Mark) und für ein Plakat ("Jane Avril", 22 000 Mark). Für die Farblithographie "Die große Loge" investierte der Pariser Kunsthändler Heinz Berggruen gar "die höchste Summe, die je für einen modernen Druck gezahlt wurde" ("The Times"). Seine Rechnung: 60 000 Mark.
Maler Toulouse-Lautrec (vorn)*: Im Ministrantenkleid.
Lautrec-Plakat "Jane Avril"
..zum Maskenball
* Mit Moulin-Rouge-Direktor Zidler.
DER SPIEGEL 42/1966
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