24.10.1966

HS 30 - ODER WIE MAN EINEN STAAT RUINIERT

Staaten und ihre Systeme zersetzen sich manchmal in Zeitlupe. Man kann den Zerfall des allgemeinen Willens und der besonderen Führungsautorität beobachten, kann die Stationen des Niedergangs registrieren. Doch wird es gar nicht so oft vorkommen, daß die Wurzel eines Absterbens schon in den ersten Anfängen nachweisbar ist, wie im Fall und im Aufstieg der Bundesrepublik.
Kein demokratisches Staatswesen ist derzeit vorstellbar, das zwischen Staat und Partei keine Grenze anerkennen will; keines, das die Korruption nicht nur als unvermeidlich in Kauf nimmt, sondern aktiv deckt; keines, das aus ihr zu profitieren sucht. Keine Armee ist vorstellbar, die nicht den Todeskeim in sich trüge, wenn ihre Schöpfer die Korruption nicht nur nicht bekämpfen, sondern ihr Vorschub leisten.
Am Anfang der Bundeswehr steht solch ein Akt staatlicher, vom Staat gedeckter, vom Staat vertuschter, vom Staat sanktionierter - nun ja, wie nenn' ich's? Sagen wir Unregelmäßigkeit.
Am 8. Oktober 1958, 10.30 Uhr, zwei Stunden vor dem Eintreffen des britischen Premierministers Macmillan in Bonn, erschien der frühere Reichsminister Gottfried Treviranus, vom 30. März 1930 bis zum 1. Juni 1932 Minister unter dem Reichskanzler Heinrich Brüning, im Büro des damaligen Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß und übergab ihm eine Liste, auf der etwa zehn Personen aufgeführt waren**. Treviranus erinnert sich nur an einen Namen, der auf der Liste ganz oben stand, nämlich an den des ersten Staatssekretärs unter Konrad Adenauer, Dr. Otto Lenz. Ihn kannte er noch aus seinen Weimarer Zeiten. Lenz war damals, in jungen Jahren schon, persönlicher Referent des Staatssekretärs im Preußischen Justizministerium, Heinrich Hölscher.
Die Liste war Treviranus in der Schweiz von kompetenter britischer Seite übergeben worden, in der Absicht, die Staatsführung der Bundesrepublik vor gewissen Machenschaften des Konzerns Hispano-Suiza zu warnen, mit dem am 6. Februar 1957 das bis dahin umfänglichste Rüstungsgeschäft der Bundeswehr abgeschlossen worden war.
Hinter jedem Namen stand der Geldbetrag, den der Betreffende "aus unerfülltem Vertrag" von. Hispano Suiza bekommen haben sollte, bei Otto Lenz rund drei Millionen Mark, enthalten in einer unterm Strich zusammengezählten Summe von 18,2 Millionen Mark. Des Namens Otto Lenz und der beiden Summen erinnert sich Treviranus zweifelsfrei.
Treviranus warnte den deutschen Verteidigungsminister vor der Firma "British Manufacturing and Research Company, kurz British MARC, einer Tochtergesellschaft des Rüstungskonzerns Hispano-Suiza. Diese British MARC sollte laut Vertrag vom 6. Februar 1957 zum Gesamtpreis von rund 570 Millionen Mark zunächst 2822 von insgesamt 4472 in Auftrag gegebenen Schützenpanzerwagen bauen (tatsächlich baute sie nicht einen, sondern gab den Auftrag ohne Wissen und Zustimmung Bonns an die britische Omnibus-Firma Leyland weiter). Der bis dahin größte und wichtigste Auftrag der Bundeswehr wurde noch skandalöser abgewickelt als wenig später das noch voluminösere Starfighter-Programm. Das Geschäft hatte schon Fibag-Format, obwohl Strauß zur Zeit der Anbahnung noch gar nicht Minister und mithin nicht verantwortlich war.
Strauß dankte, von Jungminister zu Altminister, dem Gottfried Treviranus für den Hinweis. Den Kanzler wolle er unterrichten, für den Fall, daß Macmillan auf den Schützenpanzer-Auftrag zu sprechen kommen sollte.
Was tut ein deutscher Minister und Oberbefehlshaber, der von seriöser Seite und nicht durch Mittelsmänner einen Hinweis erhält, sein wichtigster Rüstungsauftrag sei durch Bestechung zustande gekommen, wenn Namen und Summen aufgeführt sind?
Wenn er nicht sofort die Staatsanwaltschaft einschalten will, läßt er sich die einschlägigen Herren seines Hauses - unter den Verträgen stehen die Namen des damaligen Staatssekretärs Rust, des damaligen Haushaltsreferenten Hopf und des damaligen Ministerialdirektors Holtz - mit allen Akten kommen. Wäre Strauß so verfahren, dann hätte er festgestellt:
- Der Schweizer Verhandlungspartner Conrado José Kraémer, damals Finanzberater, seit 1957 Generalbevollmächtigter der in Genf residierenden Firma Hispano-Suiza, war durch den Bonner Rechtsanwalt Dr. Otto Lenz, bis zum Herbst 1956 Mitglied des Bundestagsausschusses für Verteidigung, im Ministerium und bei den Abgeordneten eingeführt worden, unter anderem durch einen Empfang im "Königshof" und einen Herrenabend bei Lenz zu Hause.
- Don Conrado, wie er sich gerne nennen ließ, lebte von 1914 bis 1945 unter dem Namen Kurt Kraemer in Böhmen. Mit der deutschen Wehrmacht arbeitete der Sohn einer Sudetendeutschen und eines Paß-Spaniers aus Böhmen ohne Anstände zusammen. 1948 zog er aus Prag in die Schweiz um, mit einem spanischen Paß, den er 1956 gegen einen österreichischen vertauschte; gewissen einschlägigen Stellen der Schweiz war er wegen seiner östlichen Beziehungen verdächtig.
- Hispano-Suiza hatte noch nie einen Schützenpanzerwagen gebaut.
- Im November 1955 hatte Hispano -Suiza Beamte und Offiziere des Ministers Blank nach Paris geladen, ihnen- dort aber keinen brauchbaren Schützenpanzerwagen, sondern einen französischen Flakpanzer vorgeführt.
- Am 28. Mai 1956 war den Mitgliedern des Verteidigungsausschusses - wichtigstes Mitglied Otto Lenz - das Modell des "Hispano-Suiza-Schützenpanzerwagens HS 30" vorgeführt worden. Der Bonner Schreinermeister Jakob Kaaf hatte es für die deutsche Hispano-Suiza-Niederlassung aus Holz und Pappe gefertigt.
- Eingewiesen von Ministerialdirektor Wolfgang Holtz aus dem Bundesverteidigungsministerium (Holtz: "Die Ausreifung ist hinreichend geprüft"), hatten der Verteidigungsausschuß und der Haushaltsausschuß am 5. Juli 1956 1,2 Milliarden Mark für einen Schützenpanzerwagen bewilligt, von dem es keinen Prototyp und auch noch keine konstruktionsfertigen Pläne gab.
- Hispano-Suiza hatte bei Vertragsabschluß im Februar 1957 keinen Prototyp und auch noch keine baufähige Konstruktionszeichnung vorgewiesen, sondern lediglich Rohskizzen.
- Unmittelbar nach Abschluß des großen Geschäfts, noch im Jahre 1957, hatte sich der deutsche Leiter der eigens in Bonn gegründeten Hispano -Suiza-Niederlassung, Baron Jesco von Puttkamer (nicht identisch mit dem Chefredakteur des "Vorwärts"), nach Kanada abgesetzt. Wie Onkel Aloys in der Schweiz, litt auch Puttkamer in Kanada an "Herzschwäche".
- Der erste Prototyp des projektierten Schützenpanzerwagens wurde am 14. Juni 1958 übernommen. Er steckte so voller Mängel, daß an den baldigen Serienbau nicht zu denken war.
- Die Konstruktionspläne, für die Bonn Hispano-Suiza 11,7 Millionen Mark bezahlt hatte, reichten weder den Firmen Henschel/Kassel und Hanomag/Hannover noch der ohne Wissen des Bonner Auftraggebers untergeschalteten Omnibus-Firma Leyland aus, ein truppenverwendungsfähiges Fahrzeug zu bauen.
Zum Zeitpunkt des Treviranus-Besuchs im Oktober 1958 gehörte jedenfalls ein enormer Optimismus dazu, dem Bundestag, wie Strauß am 3. November
tat, zu versichern: "Es ist beabsichtigt, 50 Schützenpanzerwagen - Auslieferung im Dezember 1958 beginnend - bei der Truppe zu erproben." Beabsichtigt mag das gewesen sein, aber aus den Absichten wurde nichts.
Strauß sprach damals sogar gegenüber Schweizer Besuchern von der "Schweizer Schwindel-Firma" und von "den Lumpen der Hispano-Suiza". Strauß wußte also, daß die Bundesrepublik betrogen worden war.
Da brachte ihm Treviranus eine Liste, die Namen enthielt. Was hätte nähergelegen, als die Bonner Staatsanwaltschaft einzuschalten? Er tat aber nichts dergleichen. Die Liste ist bis heute nicht bei der Bonner Staatsanwaltschaft eingetroffen.
Gab er sie an seinen eigenen Korruptionsreferenten weiter, den tüchtigen und ihm sehr ergebenen Herrn Schnell, der seit 1957 mit dem Schmetterlingsnetz auf Haifischjagd geht? Das scheint absolut nicht so. Denn nach dem Abgang von Strauß telephonierte Schnell mit Treviranus in Ronco und kündigte ihm seinen Besuch an. Treviranus sagte, er müsse demnächst ohnehin nach Bonn, und besuchte Schnell. Der fragte ihn, was er von der Hispano-Suiza-Liste wisse und ob darauf Namen von Offizieren oder Beamten des Verteidigungsministeriums gestanden hätten. Treviranus antwortete: "Fragen Sie doch Ihren früheren Chef."
Der Staatsanwaltschaft verschwieg Schnell die beiden Besuche des früheren Reichsministers und die Existenz der Liste - und das, obwohl das Schützenpanzergeschäft sich in den Jahren 1958, 1959 und 1960 zu einem ausgereiften, riesigen Skandal entfaltete. Und das, obwohl Hinweise, nach denen die CDU Millionen-Beträge kassiert habe, in der "Frankfurter Rundschau" gedruckt wurden".
Lenz selbst, soviel stand fest, hätte der Bonner Staatsanwaltschaft nicht mehr zur Verfügung stehen können. Der Staatssekretär a. D., Gründer der deutschen Geheimdienste, eigentlicher Wahlkampfleiter der CDU, war am 2. Mai 1957 in Neapel gestorben. Sogar der alte Adenauer überwand seine Abneigung gegen Begräbnisse und rief dem Toten ein ehrendes Wort in die Grube ("Denn er war ein Kämpfer"). Aber die anderen acht oder zehn auf der Liste lebten ja noch und waren vielleicht weiter im Dienst der Bundesrepublik tätig?
Außerdem hätte Strauß den Bruch mit Hispano-Suiza, einen Schadensersatz-Prozeß und den Hinauswurf aller in die Affäre verwickelten Beamten und Militärs ins Auge fassen müssen. Nichts davon tat er. Mit Hispano-Suiza und British MARC einigte er sich folgendermaßen: Die ohne Genehmigung zwischengeschaltete Firma Leyland sollte nur noch Schützenpanzerwagen zum Gegenwert der Vorauszahlung in Höhe von 193 Millionen Mark bauen. Für den entgangenen Gewinn würde Hispano -Suiza abgefunden.
Don Conrado José Kraémer, der Generalbevollmächtigte des Konzerns, bekam sinnigerweise (wie später Onkel Aloys und andere Rüstungsgrößen) "Hausverbot". Aber noch im Jahre 1965 zahlte der Bund Hispano-Suiza etliche Millionen, diesmal war die Schweizer Firma von dem CDU-Bundestagsabgeordneten Wilhelmi, dem Bundesschatzminister bis 1961, vertreten.
Was die politische Integrität des Generalbevollmächtigten Conrado José Kraémer angeht, so kamen unüberhörbare Hinweise aus der Schweiz. Anläßlich einer Übergabe von deutschen Regimentsfahnen eröffnete der damalige Schweizer Oberstleutnant und Abwehrmann Paul Schaufelberger dem Minister Strauß im Jahre 1960, die schweizerische Industrie sei sauber und habe "mit der Affäre HS 30 nichts zu schaffen", so wörtlich bestätigte es Schaufelberger vorige Woche der Zeitschrift "Deutsches Panorama".
Die Zeitschrift fragte: "Und haben Sie Herrn Strauß daraufhin ausführlich unterrichtet?"
Schaufelberger: "Nein, natürlich nicht. Das hätte ja als Nachrichtendienst zugunsten einer fremden Macht oder als Interessenschädigung gewertet werden können. Ich sagte vielmehr Herrn Strauß, wenn er gestatte, würde ich den zuständigen Schweizer Behörden von seinem Wunsch nach genaueren Informationen Mitteilung machen. Damit war Herr Strauß einverstanden.
"Ich bin daraufhin in die Schweiz zurückgefahren und habe mit einem schweizerischen Beamten, der in Bern einen sehr wichtigen Posten bekleidete, die Sache besprochen. Der hat mir geraten, den Herrn Minister Strauß wissen zu lassen, daß er jederzeit schweizerische Rechtshilfe erlangen könnte, wenn er gegen die Beteiligten am HS-30 -Geschäft eine Betrugsklage erhebe, und eine solche Klage würde er empfehlen."
Die Zeitschrift zog den Schluß: "Das war ja eigentlich ein sehr deutliches Angebot, aber ist denn jemals davon Gebrauch gemacht worden?"
Schaufelberger: "Nein. Die Sache ist eingeschlafen. Wir haben nichts mehr davon gehört."
"Deutsches Panorama": "Würde denn auf schweizerischer Seite Ihrer Meinung, nach auch heute noch die Bereitschaft bestehen, in dieser Angelegenheit der Bonner Bundesregierung Rechtshilfe zu gewähren?"
Schaufelberger: "Sicherlich, ohne weiteres. Unsere Behörden sind sehr darauf bedacht, daß der gute Ruf unseres Landes nicht geschädigt wird."
"Deutsches Panorama": "Um es noch einmal etwas exakter zu fragen: Glauben Sie, daß Herr Strauß wirklich Erfolg gehabt hätte, wenn er auf das Anerbieten eingegangen wäre, und daß er dann wichtige Hintergründe der HS-30-Affäre hätte aufklären können?"
Schaufelberger: "Ich bin sicher, Herr Strauß hätte in Bern jede Hilfe erhalten und offene Türen gefunden. Und es war ja gerade mein Bestreben, das zu ermöglichen. Wir wollten ihm ja helfen, und wir wollten vor allen Dingen vermeiden, daß man nachher sagen könnte: Warum haben Sie den Mund nicht aufgemacht? Es war ein freundschaftliches Hilfsangebot."
Als Schaufelberger bei Strauß war, hatte dieser, ebenfalls aus der Schweiz, schon die Treviranus-Liste im Besitz. Der Gestank der Korruption konnte nicht länger ungerochen bleiben. Folgte der Minister endlich seinem Amtseid, der ihn hieß, Schaden vom deutschen Volk zu wenden und Gerechtigkeit gegen jedermann zu üben? Mitnichten, er hätte kein christlicher Minister, kein Minister der christlichen Regierung Konrad Adenauers sein müssen. Strauß wandte sich nicht an den Bonner Oberstaatsanwalt, und er legte auch keinen Wert auf die Hinweise, die ihm von den Schweizer Stellen angeboten wurden.
Warum wohl nicht? Oberstleutnant Schaufelberger wurde gefragt: "Wurde zwischen Ihnen und Herrn Strauß auch die Frage angeschnitten, ob möglicherweise der CDU aus dem HS-30-Geschäft große Beträge zugeflossen seien?"
Schaufelberger: "Ja, aber dazu möchte ich mich nicht äußern."
Noch einsilbiger äußerte sich der frühere deutsche Botschafter in der Schweiz, Dr. Friedrich Holzapfel. Ihn fragte "Deutsches Panorama": "Sie hatten von Anfang an von diesen, von uns angeprangerten Vorgängen Kenntnis?"
Holzapfel sagte nur: "Ja." Er fügte hinzu, auch in diesem speziellen Fall der Affäre Hispano-Suiza habe er die Bundesregierung über alle wichtigen Vorgänge unterrichtet. Mehr zu sagen, verbiete ihm die Schweigepflicht.
Ein Mann in der Position des neuernannten Verteidigungsministers Strauß, ein Mann mit solchen Einstands-Erfahrungen - wie konnte ihm später noch die Fibag-Affäre passieren, wie der Fall Onkel Aloys (der ja nun freilich, wenn man dem Oberlandesgericht München glauben will, seiner Frau Marianne passiert ist)?
Wie konnte er Kapfinger und Schloß zu Diensten sein, wie den Ex-Captain Hauser, den Spezi aus Schongauer Tagen, an die Starfighter-Firma Lockheed vermitteln, damit der in Deutschland Geschäfte mache? Es gibt mehrere Erklärungen. Die für Strauß mildeste und gleichzeitig die vernichtendste für den Staat Bundesrepublik: Strauß lernte, daß einem wichtigen Mann der CDU/CSU nichts passieren kann. Nie würde Adenauer es sich erlauben können, ihn fallenzulassen.
Freilich, eine Armee, die so gegründet wird, deren Flugzeuge fallen vom Himmel, deren Panzerketten klirren auseinander, deren U-Boote bestehen aus untauglichem Material, deren Minister stellen sich nicht vor ihre Untergebenen, deren Generale maulen und mosern, deren Disziplinargerichte werden vom Minister mißachtet, deren Oberbefehlshaber läßt Bürger verhaften, belügt den Bundestag und betrinkt sich in jener einzigen Nacht, in der es wirklich Krieg geben kann: Eine solche Armee formiert sich, mit den Worten eines ihrer Generale - es war beim letzten großen Zapfenstreich für einen hochmögenden Versager -, zu einer "Marzipan-Armee", deren, Gott soll schützen, Bewährungsprobe ähnlich ausgehen könnte wie die der ägyptischen Armee im Feldzug gegen Israel.
Daß es nicht an Strauß, sondern am christlichen System der CDU/CSU liegt, erhellt aus einem Kuriosum, das als solches gar nicht bemerkt worden ist: Ernsthaft konnte in der "FAZ" diskutiert werden, ob nicht Strauß, nach den Bayernwahlen versteht sich, als Nachfolger seines Nachfolgers von Hassel am Platze sei. Dies war auch 14 Tage lang des CDU-Vorsitzenden Ludwig Erhard Patentrezept, eine weitergehende Umbildung seines Regierungshaufens zu vermeiden.
Wir fragen:
- Stimmt es, daß die CDU aus dem Geschäft mit den Schützenpanzerwagen im Jahre 1957 Geld bekommen hat?
- Stimmt es, daß sie 50 Millionen Mark bekommen hat, wie der Fabrikant Plappert, Mitbegründer der CDU in Württemberg, in einem Brief vom 13. Juli 1965 gegenüber Kanzler Ludwig Erhard schriftlich behauptet hat (der ihm unter dem 22. Juli 1965 vom Kanzlerbüro quittiert wurde)?
- Stimmt es, daß Otto Lenz rund drei Millionen Mark bekommen hat, "aus unerfülltem Vertrag", obwohl doch seine vertraglichen Provisionen im Februar 1957 gerade erst anliefen, aus Verträgen, die gerade erst abgeschlossen waren, mithin aus zu erfüllenden Verträgen? Wenn ja, hat er das Geld für sich behalten, oder hat er es ganz oder hat er es teilweise der CDU gegeben? Wie hoch waren seine ordnungsgemäßen Honorare?
- Stimmt es, daß die Bonner Staatsanwaltschaft von Strauß und seinem
Korruptionsbekämpfer Schnell nicht unterrichtet, daß sie von Schnell an der Nase herumgeführt worden ist? Wo hat Strauß die Liste?
- Stimmt es, daß Strauß in den Jahren 1959 und 1960 von dem Schweizer Oberstleutnant Schaufelberger anläßlich der Rückgabe von deutschen Regimentsfahnen vertraulich mitgeteilt worden ist, der Bundesanwalt der Schweiz und der Chef der Eidgenössischen Polizeiverwaltung würden bei einem Ersuchen seitens der Bundesregierung Rechtshilfe ("Amtshilfe") gegen den Generalbevollmächtigten Kraémer leisten?
- Stimmt es, daß gegen den Generalbevollmächtigten Kraémer von kompetenter Schweizer Seite Sicherheitsbedenken vorgetragen worden sind, die sich auf gewisse Ostkontakte Kraémers gründeten, und wenn ja, warum ist an den Generalbevollmächtigten der Hispano-Suiza ein anderer Maßstab angelegt worden als an die sonstigen Geschäftspartner der Bundeswehr?
- Stimmt es, daß der ehemalige deutsche Botschafter in der Schweiz, der
Mitbegründer der CDU Dr. Friedrich Holzapfel, anläßlich seines Ausscheidens aus dem diplomatischen Dienst im Jahre 1958 ausdrücklich verpflichtet worden ist, und wenn ja von wem, seine Schweigepflicht besonders im Falle der Vorgänge um Hispano-Suiza zu beachten?
- Und stimmt es letztlich, daß der Staat eine Parteipfründe ist, aus der Parteibuch-Christen nehmen können, was ihnen gut tut?
Als Otto Lenz in einem schäbigen Vorstadt-Krankenhaus Neapels starb, hinterließ er eine Lebensgefährtin. Anders als im Fall Onkel Aloys, wo die Freundin tot ist und der Förderer lebt, starb hier der Förderer, und die Freundin lebt. Sie hat keine Ahnung von politischen Vorgängen, um so interessanter ist ihre aus Tagebüchern abgestützte Bekundung:
Ich, Frau Maria Clerc, geboren am 14. Juli 1917 in Bonn, erkläre hiermit an Eides Statt:
Ich erinnere mich genau, daß der verstorbene Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Dr. Otto Lenz, mir Anfang März 1955 während eines gemeinsamen Skiurlaubs in Kitzbühel folgendes erzählt hat:
Dr. Lenz erlitt am 5. März in Kitzbühel einen schweren Ski-Unfall. Er verstauchte sich die Bandscheibe und mußte anschließend fast sieben Wochen im Krankenhaus liegen.
Dieser schmerzhafte Unfall war für ihn ein schwerer Schock, unter dessen Eindruck er dem Sinne nach mir sagte: So schnell kann man aus dem Leben herausgerissen werden. Wenn ich jetzt die Möglichkeit habe, eine große Summe für mich abzuzweigen, dann werde ich das bestimmt tun. Diese Gelegenheit wird sich im Zusammenhang mit der Wiederbewaffnung ergeben können, denn dabei wird es sich um große Beträge handeln. Sie wird Milliarden kosten.
In den folgenden Monaten habe ich Herrn Dr. Otto Lenz häufiger auf Reisen noch Paris und Genf begleitet. Dort traf Herr Dr. Lenz u. a. in Genf Herrn Kraémer von der Hispano -Suiza und Herrn Guisan, den Sohn des Generals Guisan; in Paris Herrn Robinson, einen Bankier aus Tanger und Vermögensverwalter der Lady Mosley geborene Guiness, sowie Herrn Marc Bloch, der mir als Waffenhändler bekannt ist. Was besprochen wurde, weiß ich nicht. Ich weiß jedoch, daß Herr Robinson 1956 eine größere Geldsumme für den Wahlkampffonds der CDU gestiftet hat, und zwar in Form eines Schecks, den er Herrn Lenz übergeben hat.
Auch während dieser Zeit hat sich Dr. Lenz mehrfach in dem oben erwähnten Sinn geäußert.
1955 und 1956 war Herr Dr. Lenz auch mindestens dreimal in Spanien. Einmal war ich mit dabei. Dort fuhren wir nach Santander auf ein Schloß, das einem spanischen Bankier gehörte. Bei dieser Zusammenkunft war auch ein spanischer Erzbischof anwesend Nachdem Dr. Lenz seine Gespräche mit diesen Herren geführt hatte, sagte er in etwa zu mir: Jetzt klappt es. Jetzt habe ich das richtige große Geschäft an der Hand. Bei dieser Gelegenheit deutete er mir gegenüber zum erstenmal an, worum es sich handelte, nämlich um Panzer, auf die die neue deutsche Armee in erster Linie angewiesen sei.
Einige Zeit später, in Deutschland, fragte ich Dr. Lenz dann, wie es denn nun mit den Panzern stünde. Er antwortete, es sei alles prima und in Ordnung. Ich fragte ihn weiter, ob er denn schon einen gesehen habe. Er antwortete und lachte: Nein, gesehen habe ich noch keinen, nur einen aus Holz.
Wieder einige Zeit später hatte Dr. Lenz in seinem Banner Büro, An der Evangelischen Kirche 5, eine Besprechung mit einem Herrn, dessen Namen ich nicht weiß. Dr. Lenz empfing ihn in dem Geschäftszimmer seines Partners Dr. Schneider, der nicht anwesend war Die Besprechung dauerte etwa eine halbe Stunde. Als Dr. Lenz wieder herauskam, hatte er zwei Schecks in der Hand und wedelte damit. Er sagte mir: Das ist nun das große Geschäft. Es hat geklappt. Dieser eine Scheck ist für den nächsten Wahlkampf der CDU, und der hier ist für mich.
Acht Tage später schenkte Dr. Lenz mir eine Brosche mit Brillanten und Saphiren, die ich mir in einem Juweliergeschäft in der Brienner Straße in München ausgesucht hatte. Wert etwa 10 000 Mark. Bei der Übergabe dieses Geschenks sagte Dr. Lenz, dies sei nun die angenehme Folgeerscheinung dieses großen Geschäfts für mich, und wenn ich wollte, würde er mir nun auch ein Haus kaufen. Wann dies alles sich genau abgespielt hat, erinnere ich nicht mehr genau. Es muß aber Ende 1956/Anfang 1957 gewesen sein.
Herr Dr. Lenz war zu dieser Zeit CDU-Bundestagsabgeordneter, zugleich aber der eigentliche Propaganda-Leiter der Bundesregierung und der CDU.
Hamburg, den 17. Oktober 1966 gez. Maria Clerc
Frau Maria Clerc weiß nichts von einem Skandal um einen Schützenpanzerwagen. Sie hat die einschlägigen Veröffentlichungen so wenig gelesen wie irgend sonst ein unbescholtener und unbedarfter Bürger. Sie kann zwischen einem Panzer und einem Schützenpanzerwagen nicht unterscheiden. Aber daß der Panzer, den ihr Gönner Otto Lenz gesehen hatte, aus Holz gewesen sei, das weiß sie, denn darüber hatte der unverwüstliche Lenz gelacht. Er war nicht nur ein Kämpfer, er hatte auch Humor.
Die Vorgänge um den Schützenpanzerwagen HS 30 sind ein wenig zur Unzeit hochgekommen. Da Wahlen in Hessen und in Bayern bevorstehen, könnten alle Beteiligten versucht sein, die Vorgänge in einem Strudel von Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen untergehen zu lassen. Wie es scheint, ist es damit nicht mehr getan. Man sollte Strauß Gelegenheit zu einer ruhigen Reaktion geben, vielleicht der Art, daß man den fälligen Untersuchungsausschuß erst im Dezember zusammentreten läßt.
Wieder wird die Wahrheitsliebe des früheren Bundesverteidigungsministers Strauß auf die Probe gestellt werden. Im SPIEGEL vom 20. August 1958 hatte gestanden, der CDU-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Kanzler-Intimus, Staatssekretär a. D. Otto Lenz, habe die Hispano-Suiza bei den Panzerverhandlungen vertreten, er habe für die "spanisch-schweizerischen Rüstungslieferanten" Vorteile herausgeholt.
Daraufhin fragten "Ollenhauer und Fraktion" in einer Kleinen Anfrage die Bundesregierung: "Entspricht die Behauptung den Tatsachen, wonach ein damaliges Mitglied des Vorstandes der CDU-Bundestagsfraktion für die Lieferfirma bei ihren Vertragsvorbereitungen gegenüber dem Bundesverteidigungsministerium beteiligt war?"
Strauß gab der SPD vor dem Bundestag unter dem 3. November 1958 Antwort. Sie war eine Silbe lang: "Nein."
Der Bundestagsabgeordnete Otto Lenz war vom Oktober 1953 bis zu seinem Tode Mitglied des Vorstandes der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion.
** Treviranus selbst ist nicht völlig sicher, ob er am 8. Oktober 1958 oder am 7. Mai 1957 bei Strauß war. Er hält sich zur Zeit in Palermo auf, hat seine Unterlagen aber in Ronco bei Ascona. Mit Bestimmtheit weiß er, daß er um 10.30 Uhr bei Strauß war, und zwar an dem gleichen Tag, an dem Macmillan um 12.25 Uhr in Bonn-Wahn eintreffen sollte. Am 7. Mai 1957 traf Macmillan um 12. Uhr in Wahn ein, am 8. Oktober 1958 flugplanmäßig um 12.25 Uhr. Gewichtigere Indizien als dieser Minutenvergleich schließen den Termin vom 7. Mai 1957 nahezu aus.
* Die "Frankfurter Rundschau" am 16. Dezember 1958: In der Zeit, als Franz-Josef Strauß auf diesen Mann (Kraémer) noch sehr wütend war, fragte er einmal den Bundeskanzler geradeheraus, was denn an dem Gerücht, nicht nur Kraémer und die Hispano -Sulza, sondern auch die CDU habe an dem Schützenpanzerwagen-Auftrag verdient, wahr sei. CDU- und Regierungschef Konrad Adenauer antwortete: ,Davon weiß ich jar nichts. Dat hat alles der Otto Lenz jemacht.' Mit dieser Antwort unseres greisen, weisen Kanzlers (die er morgen sicher dementieren wird) wollen wir - vorläufig - unsere Artikel-Serie ,Das Geschäft seines Lebens' beenden."
HS-30-Modell Bewunderer*: "Nur einer aus Holz"
Reichsminister a. D. Treviranus Erinnerung an Namen und Summen
CDU-Propagandist Lenz
Schock und Scheck
* Von links nach rechts: General Speidel, Verteidigungsminister Strauß, Kanzler Adenauer am 25. September 1958 auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 44/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 44/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HS 30 - ODER WIE MAN EINEN STAAT RUINIERT

Video 02:15

Neuer Spider-Man-Trailer Jetzt hat er auch noch Flügelchen

  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen