24.10.1966

ELBEStrich im Strom

Die Grenzsoldaten in den DDR-Wach booten hielten ihre Mützen fest: Nur drei Meter über ihnen an der Elbe bei Stromkilometer 492 - machten am Dienstag letzter Woche um 14.30 Uhr fünf westliche Hubschrauber Wind.
Zehn Streckenboote mit Hammer -Zirkel-Flaggen hatten gegenüber von Gorleben im niedersächsischen Kreis Lüchow-Dannenberg einen Sperriegel vor dem östlichen Ufer gebildet. "Achtung, Achtung" schepperte eine Lautsprecherstimme hinter der schwimmenden Mauer, "verletzen Sie nicht das Territorium der DDR."
Doch die Angesprochenen - westdeutsche Zöllner und Grenzer - hörten nicht hin: Mit heulenden Motoren jagten drei Sturmboote des Bundesgrenzschutzes, zwei Pontons und sechs Zollmotorboote auf die Kette zu, fuhren den roten Booten vor den Bug und drängten sie mit schwierigen Manövern in einem Buhnenfeld zusammen*. Bordwände beulten sich, Holzgeländer splitterten, doch Ulbrichts Volksarmisten, mit Maschinengewehren und -pistolen bewaffnet, gaben keinen Schuß ab.
Denn: Vom westlichen Ufer drohten die Kanonen von zwanzig Schützenpanzern des "British Frontier Service" über die Elbe.
Mit der Vertreibung der DDR-Schiffe war das Ziel der Aktion (unter den Beobachtern: Bundesgrenzschutz-General Müller) erreicht: Das Vermessungsschiff "Kugelbake" der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Hamburg konnte ungehindert den Fluß befahren, um in Längs- und Querpeilungen mit seinem Echographen das Elbprofil auszuloten.
Eine Woche zuvor, am 11. Oktober, hatten an einem anderen Punkt der Elbe, die zwischen Lauenburg und Schnackenburg auf 92 Kilometern die Scheidelinie zwischen DDR und Bundesrepublik bildet, ostdeutsche Boote schon einmal die 36-Tonnen-"Kugelbake" gehindert, sich dem DDR-Ufer zu nähern. Und obwohl auch damals Schnellboote und Hubschrauber sowie britische Panzerspähwagen dem Vermessungsschiff Begleitschutz gaben, hatten Briten, Zoll und Bundesgrenzschutz tatenlos zugesehen.
Mit der gelungenen Abdrängung der Zonen-Boote am letzten Dienstag war jedoch die vorerst letzte Runde eines jahrelangen west-östlichen Geplänkels um die Hoheitsrechte auf diesem Teil der Elbe für die Bundesrepublik entschieden:
Denn so eindeutig es ist, daß der Fluß die Grenze zwischen der früheren britischen und der sowjetischen Besatzungszone markiert, so umstritten bleibt, an welcher Stelle der an dieser Stelle rund 300, bei Hochwasser bis zu 1000 Meter breiten Elbe der Strich anzunehmen ist: Nicht weniger als vier verschiedene Rechtsauffassungen über den Verlauf der Demarkationslinie auf diesem Strom-Stück stehen sich gegenüber.
Bis Ende der vierziger Jahre vertraten die britischen Besatzer mit Zustimmung der Sowjets die Ansicht, die ganze Elbe, bis zum östlichen Ufer gehöre zur Britenzone. Oberregierungsbaurat Metschies von der Wasser- und Schiffahrtsdirektion Hamburg erinnert sich, daß noch im Jahre 1950 russische Offiziere ein von den Engländern vorgeschlagenes Treffen auf der Elbmitte als "unzumutbar" ablehnten, "weil der Fluß zur britischen Zone gehört".
Nach 1950 freilich haben die Briten so ein Sprecher des Mende-Ministeriums - "auf der Elbe sehr viel versäumt": Stillschweigend verzichteten sie darauf, von den Wachbooten der DDR die Beantragung eines "permits" zum Befahren des Stromes zu fordern. Die Folge: Bundes-Zollboote und MG bestückte Boote der Nationalen Volksarmee fahren auf dem Fluß durcheinander.
Dennoch betrachtet die Bundesregierung die "Linie des jahreszeitlich mittleren Wasserstandes" am jenseitigen Elbufer als "Demarkationslinie". In der Praxis halten sich Bonns Zöllner jedoch nicht an diese bei normalem Hochwasser selbst von Fachleuten kaum auszumachende Grenzziehung. Für sie gilt die auch bei Überschwemmungen noch wahrnehmbare "Streichlinie", eine gedachte Verbindung zwischen den Buhnenköpfen.
Kaum weniger widersprüchlich als die westelbische ist die ostelbische Rechtsauffassung: Teils nimmt die DDR "nach internationalem Recht" die Strom-Mitte als ihre "Staatsgrenze West" in Anspruch, teils aber die Mitte des Schiffahrts-Talweges, der manchmal rechts, manchmal links der Flußmitte verläuft.
Nachdem die blaue Grenze im Nordosten der Bundesrepublik jahrelang als ruhig gegolten hatte und die DDR -Boote ab und zu lediglich einmal westlichen Zollbooten den Kurs abgeschnitten hatten, hielt die SED im Sommer 1965 offenbar den Zeitpunkt für gekommen, auf der rechten Elb-Hälfte Hoheitsbefugnisse zu demonstrieren - sei es, um den ihrer Meinung nach zum Gewohnheitsrecht gewordenen Zustand zu zementieren, sei es, um mit Bonn in "Regierungsverhandlungen" über den Verlauf der Grenze eintreten zu können:
- Am 10. August 1965 wurde auf die "Kugelbake", als sie sich bei einer Querpeilung dem Ost-Ufer näherte, von einer DDR-Doppelstreife "gezieltes Feuer" ("Neues Deutschland") eröffnet.
- Als am 16. November 1965 die Besatzung des westdeutschen Motorschiffes "Christoph" den auf der östlichen Seite festgekommenen Hamburger Lastkahn, "Lekarni" freischleppen wollte, wurden sie von einem Zonenboot mit Schüssen daran gehindert.
- Am 20. Juni 1966 wurde das West-Vermessungsboot "Lauenburg" an das DDR-Ufer abgedrängt, wo Offiziere der Volksarmee die Besatzung 45 Minuten lang über den Grenzverlauf "belehrten".
- Am 15. Juli 1966 hinderten mitteldeutsche Strecken- und Schnellboote mit Maschinengewehrsalven die Zollbarkasse "Blankenese" vier Stunden lang an der Weiterfahrt. Und zwei Tage später wurde ein Schwesterschiff der "Blankenese", die "Hohnstorf", beschossen.
Vor drei Wochen nun fanden die DDR -Behörden, die seit 1955 für die Jahres "Hauptpeilungen" der "Kugelbake" gar nicht erbetene "Genehmigungen" zum Befahren der rechten. Elbseite erteilt hatten, einen Vorwand, um dem Peilboot plötzlich diese Stromhälfte zu "verbieten":
Am 5. Oktober schickte Ost-Berlin erstmals ein eigenes Vermessungsschiff, die "Lenzen", weit über die Strommitte an das Westufer. Durch ein Megaphon protestierte ein britischer "Frontier" -Offizier von Bord eines Zollkreuzers gegen die östliche Peilfahrt, und gehorsam zog sich die "Lenzen" sofort zurück.
Zwei Tage später freilich machte die DDR ihre Peil-"Genehmigung" für die "Kugelbake" rückgängig. Begründung: Eines ihrer Vermessungsboote sei "behindert" worden.
Ein Sprecher der Wasser- und Schilffahrtsdirektion Hamburg dazu: "Wir rechnen damit, daß die drüben irgendwann das Ganze wiederholen."
* Als Buhnen werden die zum Uferschutz und zur Strömungsregulierung angelegten, in den Fluß hineinragenden Dammkörper bezeichnet.
Elbe-Peilschiff "Kugelbake", Begleitboote: "Gezieltes Feuer"

DER SPIEGEL 44/1966
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