24.10.1966

NS-VERBRECHERZuchthaus zu Haus

Die Witwe feierte Wiedersehen mit ihrem Lebensgefährten: In ihrer Wohnung im ersten Stock des Münchner Mietshauses Balanstraße 209 hieß die grauhaarige Marie-Luise Hesse am 16. Oktober 1965 ihren guten alten Freund Otto Bradfisch, 62, willkommen.
Sieben Jahre lang hatten Gitter den Häftling von der Frau getrennt, die ihm von nun an das Essen kochte und das Bett bereitete. Otto Bradfisch, zu 13 Jahren Zuchthaus wegen Beihilfe zu 37 000 Morden verurteilt, kam an jenem Oktobertag geradewegs aus der Strafanstalt München. Allerdings: Entlassen worden war er nicht. Denn der SS-Massenmord-Gehilfe hatte erst die Hälfte seiner Strafe verbüßt.
Daß es ihm dennoch gelingen konnte, seit dem Herbst letzten Jahres insgesamt- 196 Tage statt im Zuchthaus in unumschränkter Freiheit zu Haus bei der Frau Hesse zu verbringen, hat jetzt in München und Hannover zu einem "handfesten Skandal" ("Hannoversche Presse") geführt.
Dr. rer. pol. Bradfisch, bei Kriegsende SS-Obersturmbannführer, hatte 1941 als Einsatzkommando-Leiter 15 000 Juden in Rußland erschießen und seit 1942 als Staatspolizei-Chef von Lodz 22 000 Juden ins Vernichtungslager Kulmhof schicken lassen.
Nach 1945 gab sich Bradfisch, der sich 1937 zur Gestapo gemeldet hatte, vor den Amerikanern als ehemaliger Unteroffizier aus, tarnte sich zunächst mit dem Namen Karl Ebers und ließ sich später unter richtigem Namen als Versicherungskaufmann nieder. 1958 wurde er verhaftet.
In zwei Mammutprozessen - unter den Hunderten von Zeugen: die Bonner Staatssekretäre Globke und Vialon - wurde Bradfisch alias Ebers von den Schwurgerichten München I (1961) und Hannover (1963) verurteilt. Seinen Ausreden ("Judensachen habe ich meinem Vertreter überlassen") schenkten die Geschworenen keinen Glauben.
Auch seine Versuche, im hannoverschen Prozeß wegen "Beschwerden in der linken Kopfseite" für verhandlungsunfähig erklärt zu werden, scheiterten. Gutachter urteilten, der Angeklagte sei "uneingeschränkt verhandlungsfähig".
Im März 1965, in seiner Zuchthauszelle, klagte der Ex-Obersturmbannführer wieder über Schmerzen - diesmal am Halswirbel. Bradfischs Antrag auf sofortige "Haftunterbrechung" wurde vom zuständigen niedersächsischen Justizministerium abgelehnt ("nicht unbedingt erforderlich"). Aus Hannover angeordnet wurde dagegen eine ambulante Behandlung in der Orthopädischen Poliklinik der Universität München: Von Gefängniswärtern wurde Bradfisch zwölfmal zu Krankengymnastik und Kurzwellenbestrahlung "ausgeführt".
Da bemühte sich Bradfisch, über immer heftigere Schmerzen klagend, erneut um Beurlaubungs-Atteste - nicht ohne Erfolg: Klinik-Oberarzt Dr. Göb gutachtete drei Seiten lang, daß nur eine längere stationäre Behandlung der Halswirbelerkrankung die Schmerzen "in ein erträgliches Maß überführen" könne.
Einen zweiten Befürworter seines Ferien-Gesuchs fand Häftling Bradfisch in dem Münchner Landgerichts-Arzt Dr. Sperr Sperr zum SPIEGEL: "Als der Bradfisch die Juden umgebracht hat, war er ein junger Mann. Heute muß man das in einem anderen Licht sehen. Immerhin hatte er ja schon sieben Jahre abgesessen, das ist kein Pappenstiel. Andere, die viel mehr am Stecken haben, laufen dagegen frei herum."
Sperr schrieb denn auch, ohne eine baldige stationäre Behandlung in einer Fachklinik drohe Bradfisch "vollzugsuntauglich" zu werden.
Nach der Lektüre dieser Gutachten genehmigte Hannovers Justiz-Staatssekretär Mannzen im vorigen Oktober
schließlich eine "sechsmonatige Haftunterbrechung" mit der Auflage, Bradfisch solle sich umgehend in der Orthopädischen Klinik behandeln lassen.
Ohne jede Bewachung verließ der Zuchthäusler - laut Gutachten unter "unerträglichen" Schmerzen leidend - die Strafanstalt, begab sich dann aber nicht zur "unumgänglichen" Behandlung in die Klinik, sondern zu Frau Marie-Luise Hesse, bei der er zunächst die folgenden sieben Wochen verbringen konnte, ohne der Justiz aufzufallen.
Erst am 8. Dezember wurde der Urlauber in die Orthopädische Klinik München-Harlaching aufgenommen, "nachdem man mich dort vorher zweimal wegen Bettenmangels abgewiesen hatte" (Bradfisch). Aus demselben Grund wurde der Patient schon am 25. Februar 1966 wieder entlassen - jedoch nicht ins Zuchthaus, sondern in die Balanstraße 209, wo er ("bei Hesse") seinen offiziellen Wohnsitz hat.
Landgerichts-Mediziner Dr. Sperr letzte Woche auf die Frage, ob während einer Haftunterbrechung die Einhaltung der damit verbundenen Auflagen nicht überwacht werde: "Nein. Ich habe eine objektive Behandlungsbedürftigkeit von sechs Monaten festgestellt, und damit hat es sich. Wenn er (der Häftling) nicht gerade auf dem Platz von München 1860 Fußball spielt, ist mir gleich, was er in dieser Zeit macht."
Einem Sprecher des niedersächsischen
Justizministeriums erschien solch bayrisches Gebaren "rätselhaft": "Offenbar sind da unten in München irgendwelche Pannen passiert." Konterte Bayerns Justizministerium: "Die Verantwortung für die Strafvollstreckung liegt bei Niedersachsen. Wir sind von der Sache überhaupt nicht berührt."
Bradfisch, unbehelligt von den Justizbehörden an der Leine und der Isar, konnte so den ganzen Frühling bei Witwe Hesse verbringen. Er nutzte die Zeit und, beantragte beim Landgericht München I die Wiederaufnahme seines NS-Verfahrens. Drei Tage bevor Bradfischs Haftunterbrechung abgelaufen war, teilte das niedersächsische Justizministerium der Münchner Justiz mit, sie solle "von Zwangsmaßnahmen (gegen Bradfisch) absehen", solange über seinen Wiederaufnahme-Antrag nicht entschieden worden sei.
Die Entscheidung - Ablehnung des Antrages - fiel erst nach über zehn Wochen: am 28. Juni. Doch auch der nächste Tag brachte für Bradfisch noch keine "Zwangsmaßnahmen" und damit auch nicht das Ende der Ferien zu Haus in der Balanstraße: Denn inzwischen hatte Niedersachsens Justizminister erneut einer - bis zum 15. Oktober befristeten - Haftunterbrechung zugestimmt.
Der Grund für die Verlängerung: Klinik-Orthopäden hatten bestätigt, daß in des Häftlings Gesundheitszustand während des Aufenthaltes außerhalb des Zucht- und des Krankenhauses "eine deutliche Verschlechterung eingetreten" sei. Dr. Sperr vom Landgericht hatte sogar Haftunfähigkeit, "auch ... im Rahmen der Krankenabteilung" (einer Strafanstalt) festgestellt.
Doch der angeblich Schwerkranke feierte erst einmal bei Marie-Luise Hesse seinen 63. Geburtstag, bevor er sich am 18. Juli, nach insgesamt 28 Wochen Freiheit, endlich wieder in der Orthopädischen Klinik einfand.
Es war höchste Zeit für ihn: Mittlerweile war die Kunde von seiner Frei-Zeit bis nach Wien zu der Verfolgten -Organisation "Comité International des Camps" gedrungen, deren Sekretär Hermann Langbein brieflich bei Niedersachsens Justizminister Bosselmann (CDU) anfragte, "wieso derartiges möglich wurde".
Nachdem er "über ein Vierteljahr" (Langbein) vergeblich auf eine befriedigende Antwort gewartet hatte, verlor der Comité-Sekretär die Geduld, reiste nach Hannover und stellte Bosselmanns Staatssekretär Mannzen zur Rede.
"Wissen Sie", erklärte Mannzen dem Auschwitz-Überlebenden Langbein das Versagen der Justiz, "es geht bei uns nicht so preußisch zu, wie Sie sich das denken."
Darauf Langbein: "Um das Ansehen der deutschen Justiz wiederherzustellen, sind nicht nur die NS-Prozesse erforderlich. Es muß auch der Eindruck bestehen, daß die Urteile gegen NS-Verbrecher von allen Behörden ebenso ernstgenommen werden, wie die Urteile gegen Bankräuber und Taximörder und daß es keine Amnestien durch die Hintertür gibt, mit denen die Urteilssprüche deutscher Gerichte umgangen werden."
Bradfisch selber ("Gegen mich ist eine gesteuerte Verleumdungskampagne im Gange") ist es noch in der vorletzten Woche gelungen, eine erneute Verlängerung seines Zuchthaus-Urlaubs zu erzwingen. Genau vier Tage vor dem 16. Oktober, dem Tag, an dem er endgültig im Zuchthaus zurückerwartet wurde, ließ er sich die linke Hand operieren.
Und in den nächsten Wochen und Monaten sind weitere Operationen vorgesehen: an der rechten Hand, den Kiefern, der Blase und den Mandeln. Bradfisch zum SPIEGEL: "Alles dringend."
Verurteilter Bradfisch
Amnestie durch die Hintertür?

DER SPIEGEL 44/1966
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