07.11.1966

NPDGanz tolle Sache

Weil er fromm war, erschien Franz Florian Winter, 43, den Führern der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands als rechter Mann, im schwarzen Bayern für die Bewegung zu werben. Sie machten ihn zum Landesvorsitzenden.
Letzte Woche erhielt Winter den Abschied. Er war zu fromm geworden.
In einem Rundbrief an Parteigenossen hatte der katholische Würstchenfabrikant aus Tegernsee davor gewarnt, daß "gottlose Fanatiker" NPD und Nation ins Unglück stürzen. Es war die letzte christliche Tat des Nationaldemokraten Winter, der sich "aus tiefer Gläubigkeit heraus zur abendländischen Kultur" bekennt und damit die Parteifreunde so sehr verwirrte, daß sie ihn am Ende für einen Spion der Jesuiten hielten.
Florian Winters abendländische Mission begann im Januar 1965. In Münchner Hotels verhandelten damals der NPD-Chef Fritz Thielen und sein Vize Adolf ("Bubi") von Thadden mit dem ehemaligen Jagdflieger und Ritterkreuzträger. Zwar, so machte Winter den beiden Werbern klar, sei sein Nationalbewußtsein unversehrt, doch gedeihe es nur auf der Basis eines strengen Christentums.
Den protestantischen NPD-Führern schien es so recht zu sein, sie nickten beifällig. Winter heute: "Ich empfand es so, als meinten sie es ganz ehrlich."
Die nationaldemokratische Karriere des einstigen CSU-Mitglieds ließ sich wohl an. Winter legte auf dem Kriegsverbrecherfriedhof beim Zuchthaus Landsberg einen Kranz nieder, machte den Landesverband mit 7000 Mitgiedern zum stärksten in der Gesamtpartei und er führte die NPD zu einem unerwarteten Wahlerfolg: Bei den bayrischen Kommunalwahlen im März dieses Jahres kam die NPD zum erstenmal auf nennenswerte Stimmenzahlen. Sie erkämpfte zahlreiche Kreis-, Stadt- und Gemeinderatssitze und sogar zwei Bürgermeisterposten. Vize von Thadden damals: "Ganz tolle Sache, wir haben uns verdoppelt und verdreifacht."
Dann aber kam das Christliche in Franz Florian Winter über die Rechtspartei. Auf dem ersten Parteitag der Nationaldemokraten am 18. Juni in Karlsruhe beantragte ihr Bayernführer, ein Bekenntnis "zu abendländisch christlicher Kultur" in die Satzung aufzunehmen. Im Getriebe des Parteitages wurde der Antrag zwar mit knapper Mehrheit angenommen, aber von Stund an lag Winter im ideologischen Clinch mit den Parteigenossen.
Die Opposition gedieh am üppigsten im eigenen Lande, vor allem im Fränkischen, wo die NPD bei den Kommunalwahlen besonders gut abschnitt. Wortführer: der Nürnberger Rechtsanwalt Eberhard Engelhardt, der als Stadtratskandidat im März 46 564 Stimmen bekam und damit den parteiinternen Rekord hält.
Engelhardt war 1936 aus der Kirche ausgetreten, nachdem er Mathilde Ludendorffs "Triumph des Unsterblichkeitswillens" gelesen hatte. Der Anwalt heute: "Jawoll, ich bekenne mich zur Gotterkenntnis, wie sie Frau Dr. Ludendorff in ihren philosophischen Schriften niedergelegt hat."
Nach dem Parteitag protestierte Engelhardt, der "das Christentum für das größte Nationalunglück" ansieht, "das über unser deutsches Volk gekommen ist", auf 13 Schreibmaschinenseiten und gab sein Mitgliedsbuch zurück.
In Franken und andernorts kursierte fortan das Gerücht, Franz Florian Winter sei von der römischen Kirche in die Partei eingeschleust worden, manche tippten auch auf den Verfassungsschutz. Und vielen mißfiel allein, daß der Landeschef jeden Sonntag in die Kirche geht und drei seiner Söhne in Klosterschulen gesteckt hat (Winter: "Der vierte ist noch zu klein").
Dort in Franken, wo einst Julius Streicher groß wurde, fand auch die Nachricht Interesse, Winters Frau sei "nichtarisch". Verzweifelt appellierte Winter an Thielen und Thadden, die
Untergrundpropagandisten zur Räson zu rufen und Mittelfrankens Bezirksvorsitzenden Dietrich Richter als "Hauptquerulanten" aus der Partei auszuschließen. Doch die Führer belehrten ihn: Angesichts der bayrischen Landtagswahlen am 20. November sei das nicht ungefährlich.
Anfang Oktober setzte Winter dein NPD-Präsidium "die Pistole auf die Brust" (Thadden): Er zog seine Landtagskandidatur zurück und fragte an, ob die christliche Verpflichtung in der Satzung nur Deklamation sei. Gleichzeitig offerierte er seinen Austritt.
Tage danach beruhigte das Präsidium im Klubzimmer IV des hannoverschen Hotels "Luisenhof" den gottesfürchtigen Tegernseer abermals. Winter gab sich mit dem einmütigen "Vertrauen und Hochachtung vor meiner Person" zufrieden. Die Grundsatzdebatte wurde ihm "alsbald nach der Landtagswahl" zugesagt. Winter hinterher: "Nun denke ich nicht mehr an Austritt."
Statt dessen aber traten andere Funktionäre aus, weil ihnen die weltanschauliche Linie der NPD unerfaßlich geworden war. Nachdem Winter in seinem Rundbrief vor den Gottlosen und einer immer mächtiger werdenden Parteigruppe gewarnt hatte, "die nichts vergessen und nichts gelernt hat", lancierten seine Gegner voreilig seinen Parteiaustritt in die Zeitungen.
Jetzt identifizierte auch das NPD -Präsidium den bayrischen Vorsitzenden als Gefahrenherd. An Allerheiligen, als Florian Winter ahnungslos am Tegernsee spazieren ging, traten die Parteispitzen in Göttingen zusammen. Winters Austritt, längst zurückgenommen, wurde nun "angenommen". Vorgeschobener Grund: Der Bayer mache sich für die Bekenntnisschule stark, die Partei aber müsse auf leistungsfähigen Mittelpunktschulen" bestehen.
Winter, der die Hinauskomplimentierung nicht durch die Partei, sondern von Zeitungsleuten erfuhr, zum SPIEGEL: "Irgendwo ist es schon eine Erleichterung, weil mich ja die Gewissenszweifel schrecklich hin und her gerissen haben." Anderntags beschimpften anonyme und nicht so anonyme Anrufer" (Winter) den Ritterkreuzträger als "gekauften Verräter".
Zurückgetretener NPD-Führer Winter
Gefahrenherd mit Ritterkreuz

DER SPIEGEL 46/1966
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