14.11.1966

VERBÄNDEHALF DIE „SPINNE“ BEI DER FLUCHT?

Dem Buch "Hitler lebt!" des Verlassungsschützers Werner Smoydzin, das im Ilmgau -Verlag, Pfaffenhofen, erschien, ist der folgende Auszug entnommen:
Die am meisten als angebliche Fluchtorganisation für ehemalige NS Funktionäre genannte "Spinne" hat tatsächlich existiert. In dem österreichischen Internierungslager für ehemalige Nationalsozialisten in Glasenbach wurde sie um die Jahreswende 1948/49 als Feme- und Untergrundorganisation gegründet. Ihre Gründer, zu denen die NS-Funktionäre Stefan Schachermayer und Kern (jetzt als Kernmayer eine der "literarischen" Größen des Rechtsradikalismus in Deutschland) gehörten, wollten mit der "Spinne" für die Rehabilitierung der Nationalsozialisten und für den Anschluß Österreichs an Deutschland kämpfen.
Tatsächlich sind die Anhaltspunkte dafür, daß die "Spinne" eine Einrichtung eines westlichen Geheimdienstes war, viel glaubhafter als die vielen reißerischen Gruselgeschichten über ihre Wirksamkeit als NS-Nachfolgeorganisation.
Der amerikanische Journalist Curt Riess machte sich zum Handlanger eines ausgemachten Nachrichtenschwindels, als er im Jahre 1949 in einer "Enthüllungsserie" angebliche Hintergründe der "Spinne" aufdeckte und den inzwischen verstorbenen Prof. Johannes von Leers zu einem ihrer führenden Mitglieder machte.
Sicher ist Leers, der in Goebbels' Propagandaministerium beschäftigt und ein übler Antisemit war, auch nach dem Kriege ein überzeugter Nationalsozialist geblieben: ein Draufgänger war er jedenfalls nicht. Er paßte schon von seinem Zuschnitt nicht in die Garde der anderen von Riess als Mitglieder der "Spinne" genannten Größen wie Otto Skorzeny, Dr. Ante Pavelie, Eberhard Fritsch, Erich Kernmayer und Martin Bormann, die niemals eine gemeinsame Gruppe gebildet haben. Aber das hätte man wissen müssen, bevor die Öffentlichkeit hinters Licht geführt wurde. Doch nun war einmal die "Spinne" in der Welt, und es wurde niemals ganz ruhig um sie.
Zuletzt machte sie wieder Anfang 1964 im Zusammenhang mit der Flucht des Kriegsverbrechers Nenntwich (alias Zech-Nenntwich) die Runde. Nenntwich war es gelungen, auf - wie es zunächst schien - abenteuerlichen Wegen nach seiner Verurteilung wegen Kriegsverbrechens aus der Bundesrepublik Deutschland nach Ägypten zu entkommen. Er selbst behauptete vor Journalisten, seine Flucht sei einer gut funktionierenden Untergrundorganisation von Offizieren aller Schattierungen zu verdanken. Er wollte damit aber nur die Untersuchungen vom wahren Hergang ablenken, vor allem von der Mitwirkung seiner Fluchthelferin Steinheuer.
Tatsache ist, daß die Flucht Nenntwichs das Ergebnis einer gelungenen Bestechung eines Gefängniswärters, ausreichender finanzieller Mittel und von Verbindungen einer Freundin Nenntwichs zur Botschaft der Vereinigten Arabischen Republik in Deutschland gewesen ist. Aufgrund dieser Verbindung erhielten Nenntwich und seine Freundin die für die Einreise nach Ägypten erforderlichen Visa. Soweit der nackte Tatbestand.
Was brachte aber die internationale Presse? Da war wieder die "Spinne" am Werk (in der US-Zeitschrift "Aufbau" vom 1. 5.1964) oder "Die Spinnen" (Londoner Sonntagszeitung "The News of the World", In Abdruck bei der deutschen "Rheinzeitung" am 11. 5. 1964 veröffentlicht). Nach der Londoner Zeitung stehen sogar hohe Regierungsbeamte der Bundesrepublik, ehemalige Nationalsozialisten natürlich, hinter den "Spinnen". Selbstverständlich werden Namen nicht genannt. Die Wahrheit könnte sich allzu leicht herausstellen, und es wäre um die Sensation geschehen.
Die "New York Herald Tribune" stempelte noch in ihrer Pariser Ausgabe vom 8. 2. 1965 die "Spinne" erneut zur Fluchthilfeorganisation. Ihr Reporter Chesnoff hatte seine Informationen offenbar von einem Deutschen erhalten, der seinerseits dem "Deutschen Verein" in Pretoria/Südafrika das gleiche Geschäft unterschieben wollte. Nur stellte es sich heraus, daß die für die Existenz der Organisation mitgeteilten Angaben, soweit sie überhaupt überprüfbar waren, falsch waren...
Keine der bisherigen Behauptungen über NS-Fluchthilfeorganisationen hat den eingehenden Ermittlungen des deutschen Generalbundesanwalts und der Sicherheitsbehörden standgehalten. Aber In der Weltöffentlichkeit haben diese unqualifizierten, nur aus Sensationslust oder Übelwollen zu erklärenden Berichte dem Ansehen Deutschlands geschadet...
NS-Kriegsverbrechern ist die Flucht vor der drohenden Strafverfolgung ins rettende Ausland- in einzelnen Fällen
- bis hin zu Dr. Eisele und Dr. Bohne gelungen. Die Ermittlungen der deutschen Behörden haben auch In diesen Fällen keine Hinweise auf die Existenz einer Fluchthilfeorganisation ergeben. Sicher ist, daß in den ersten Jahren nach der Kapitulation des Nationalsozialismus eine Reihe seiner führenden Anhänger über eine sogenannte "vatikanische Hilfslinie" das Ausland erreichen konnte. Um diese Linie zu benutzen, war zunächst jedoch eine mühsame Flucht über Österreich nach Italien zu bestehen. Eichmann will diesen Weg gegangen sein. In Rom hat dann Bischof Alois Hudal, der inzwischen verstorben ist, die Flüchtlinge mit den erforderlichen falschen Papieren für die Weiterreise versorgt. Diese "vatikanische Hilfslinie" hat jedoch nur In den Nachkriegswirren funktioniert. Etwa im Jahre 1949 dürfte sie stillgelegt worden sein.
Skorzeny
Von Werner Smoydzin

DER SPIEGEL 47/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 47/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VERBÄNDE:
HALF DIE „SPINNE“ BEI DER FLUCHT?

Video 02:15

Neuer Spider-Man-Trailer Jetzt hat er auch noch Flügelchen

  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen