14.11.1966

SOWJET-UNIONSoll und Haben

Der Plan verhieß den Sowjet-Athleten für 1966 die Weltherrschaft in den wichtigsten Sportarten, ein Goldenes Medaillen-Zeitalter bei Internationalen Meisterschaften und staunenerregende Weltrekorde. Die Wettkampf -Praxis bewirkte das Gegenteil: die größte Niederlagen-Serie in der Geschichte des Sowjetsports.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die sowjetischen Funktionäre erkannt, daß sie durch sportliche Erfolge ihr internationales Prestige beträchtlich aufzuwerten vermochten. Als erste erfaßten sie systematisch ihre Talente und befreiten die Medaillen-Kandidaten für ein damals ungewöhnlich intensives Training von normaler Arbeit. Taktisch geschickt konzentrierten sie sich zunächst auf weniger verbreitete und besonders fleißfordernde Sparten wie Kunstturnen, Eisschnellauf oder Skilanglauf, weil so rasche Anfangserfolge möglich waren.
In wenigen Jahren hangelten sich die Sowjets zu den sportlichen Weltmächten hinauf. 1956 überflügelten sie bei den Olympischen Spielen erstmals die führenden Amerikaner. Konsequent setzten die Plan-Akrobaten 1959 mit einem Siebenjahresplan zur endgültigen Machtergreifung im Weltsport an.
Als erstes Planziel sollte die Basis von damals 19,5 Millionen aktiven Sportlern verdoppelt werden. Erreicht wurde ein Zuwachs von 5,5 Millionen. Auch im Fußball, in der Leichtathletik und im Schwimmen wollten die Sowjets die führenden Nationen überholen. Außerdem sollten Sowjet-Sportler die Rekordlisten anführen. Im 100-Meter -Lauf schraubten sie ihr Soll beispielsweise auf 9,8 Sekunden (Weltrekord: Armin Hary, 10,0 Sekunden). Es wurde nicht erfüllt. Dagegen wurden die vorgeplanten 21 Meter im Kugelstoßen erreicht - allerdings von dem Amerikaner Randolph Matson.
Doch die Welt lernte von den Sowjets. Viele andere Länder unterstützen ihre Talente inzwischen ebenfalls materiell. Die erfolgreichen Sportler trainieren auf der ganzen Welt ähnlich intensiv und nach gleichen Methoden. Deshalb erwuchsen den Sowjets bei internationalen Wettkämpfen immer mehr gleichwertige Rivalen.
So nahmen die internationalen Niederlagen ständig zu, obwohl sich die russische Elite in nahezu allen Sportarten verbessert hatte. Sogar im russischen Lieblingssport Schach wurde das sowjetische Großmeister-Kollektiv 1964 bei der Weltmeisterschaft erstmals nach vielen Jahren (von den Bundesdeutschen) besiegt. Bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio errangen die Sowjets statt der vom Plan vorgeschriebenen 50 Goldmedaillen nur 30 - zumeist in Randsportarten (Rom 1960: 43 Olympia-Siege). "Unsere Sportanhänger fordern Aufklärung", grollte die "Prawda".
1966 wurde der Sowjets bisher schwärzestes Sportjahr. Bei der Weltmeisterschaft im Biathlon, einem aus Skilanglauf und Schießen kombinierten Winter-Wettkampf, erreichten die Russen im Februar in Garmisch lediglich eine Bronzemedaille. Vorher hatten sie in drei aufeinanderfolgenden Jahren den Einzelsieger gestellt und zweimal zusätzlich in der Nationenwertung gesiegt.
Bei der Medaillen-Verteilung der Eisschnellauf-Weltmeisterschaft in Göteborg gingen die russischen Eissprinter völlig leer aus. Die beste Placierung bei den Welttitelkämpfen in Oslo im Skilaufen waren fünfte Plätze. Während die erfolggewohnten russischen Langläufer versagten, erkämpften erstmals sogar Italiener und der Deutsche Walter Demel Langlauf-Medaillen.
Fünf Monate später, im Juli, wurden sogar die russischen Scharfschützen degradiert. Die Weltmeisterschaft in Wiesbaden endete mit "einer totalen Verschiebung der bisherigen Werte" ("Frankfurter Rundschau"): Mit 17 Siegen übertrafen die Amerikaner zum erstenmal die UdSSR (zehn Titel). Bei den voraufgegangenen Weltmeisterschaften waren die Russen den Amerikanern noch im Verhältnis von 22:7 Siegen überlegen gewesen.
Auch im Schwimm-Bassin stockte die sowjetische Rekord-Offensive. An insgesamt 25 Weltrekorden dieses Jahres war nur ein Russe mit einer Bestleistung beteiligt. Sogar die russischen Ruderinnen verloren ihre Vorherrschaft an die DDR-Athletinnen.
Die DDR übertrumpfte die Sowjets auch bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Budapest mit acht zu sechs Siegen. Insgesamt erreichten die Sowjets weniger Medaillen als die Bundesdeutschen. Um eine katastrophale Niederlage zu vermeiden, sagten sie den Länderkampf gegen die USA ab und zahlten freiwillig 100 000 Mark Schadensersatz.
Harte Rückschläge trafen auch die Sowjet-Kicker. Sie schieden bei der Weltmeisterschaft in England durch ihre erste Niederlage gegen die Bundesrepublik aus. So zahlten zum Länderspiel gegen die Türkei im Moskauer Lenin-Stadion (102 000 Sitzplätze) nur noch 40 000 Zuschauer Eintritt. Die Russen verloren gegen die zweitklassige Türken-Elf 0:2. Im Oktober mußten sie
- vor 35 000 Besuchern - ein 2:2 gegen
die DDR zulassen. In Mailand gelang den Italienern der erste Sieg über die Sowjets. Für Italien spielten neun Kicker des Klubs Inter Mailand, der zuvor den Sowjetmeister Torpedo Moskau in der ersten Runde aus dem Europacup geworfen hatte.
Hauptgrund für die herben Enttäuschungen ist die Überalterung der meisten sowjetischen Sport-Kader. Unter 22 Fußballspielern des Weltmeisterschafts-Aufgebotes waren nur sechs jünger als 25 Jahre. Die beim Olympia 1964 in Tokio unterlegenen Russen-Radler waren durchschnittlich 27,3 Jahre alt. Ihre siegreichen westeuropäischen Konkurrenten zählten erst 22 Jahre.
Am krassesten ist das Mißverhältnis bei den Leichtathleten. In der letzten Olympia-Equipe starteten 20 mehr als 30 Jahre alte Athleten. Trotz der Niederlage in Tokio traten die Sowjets zur Europameisterschaft dieses Jahres in Budapest wieder mit 14 Veteranen an.
Die älteren Stars treten nicht freiwillig ab. Sie wollen möglichst lange ihre Privilegien genießen. Deshalb sammeln Nachwuchs-Sportler zu spät und zu wenig internationale Wettkampf-Erfahrungen. Die Trainer begünstigen routinierte Stars. Von deren Erfolgen hängt ihre Karriere ab. an ihren Prämien sind sie beteiligt.
Immer wenn überstürzt eingesetzte Jung-Athleten einmal versagt hatten, griffen die Trainer deshalb auf ältere Sportler zurück. Statt der Weltrekordlerin Tamara Press, die sich dem medizinischen Weiblichkelts-Test entzogen hatte, startete bei der Europameisterschaft Galina Sybina, 35, im Kugelstoßen. Nach den Fußball-Niederlagen wurde Torwart Lew Jaschin, 37, wieder eingesetzt.
Deshalb entschlossen sich die sowjetischen Plan-Strategen jetzt zu einer radikalen Lösung: Wer 25 Jahre alt wird, soll aus den Nationalmannschaften ausscheiden. "Wir dürfen nur noch im Ausland starten", entsetzten sich die Eiskunstläufer Oleg Protopopow und Ludmilla Belousowa, "weil wir Olympiasieger sind."
Jurij Wlassow, der sowjetische Weltrekordler im Gewichtheben, glaubt dagegen, daß die staatliche Unterstützung nicht ausreicht. "Es wird der Tag kommen", erklärte der "Verdiente Meister des Sports", der für diesen Titel eine Monats-Prämie von 120 Rubeln (528 Mark) bezieht, "an dem der Leistungssport in der UdSSR wie Ballett, Gesang und Zirkus ein Beruf ist."
Sowjettorwart Jaschin*, Olympiasieger Belousowo, Protopopow: "Wie Ballett, Gesang und Zirkus"
* Im Weltmeisterschafts-Vorfinale in England gegen die Bundesrepublik mit Uwe Seeler.

DER SPIEGEL 47/1966
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