28.11.1966

HELMUT THIELICKE

Helmut Thielicke ist einer der meistbesprochenen evangelischen Theologen der Gegenwart. Der 57jährige Ordinarius für Systematische Theologie an der Hamburger Universität ist an überfüllte Hörsäle, der "gewaltige Kanzelredner" ("Welt") an überfüllte Kirchen gewöhnt. Thielickes bislang rund zwei Dutzend Bücher sind zumeist in mehreren Auflagen erschienen.
Sein Hauptwerk, die "Theologische Ethik", trug ihm "weltweiten Ruhm" ein - so die "Frankfurter Allgemeine". Dasselbe Blatt vermerkte aber auch Thielickes "rasche, formulierungsfreudige Intelligenz, verbunden mit einer Neigung zu Auftritt und Schau - unter Theologiestudenten ging früher das Wort um vom 'Goebbels der Kirche'". Thielicke spricht vor Zahnärzten ("Ihre Prothesen sind oft haltbarer als manche wissenschaftliche Hypothesen") und vor Jugendverbänden ("Laßt euch nichts vorführen, macht selber etwas"). Er redet vor dem Hamburger Übersee -Club über den "Sinn des Lebens", vor Automobilindustriellen über "Das Automobil als Problem der Humanität", vor Sportmedizinern über "Sport und Humanität", vor Managern der Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG über die "Rationalisierung der Nächstenliebe".
Gewerkschafter applaudierten, als ihr Gastredner Thielicke gegen den "Rummel der eiligen Autobusreisen durch Renommierlandschaften und Fettweiden der Touristik" wetterte; Gewerkschafter protestierten, als Festredner Thielicke am 17. Juni 1962 im Plenarsaal des Bundestages von Sozialpartnern sprach, die "im Schatten der Mauer um Tarifprobleme feilschen".
Bei der Feier zum 150jährigen Bestehen der Jenaer Burschenschaft in West-Berlin verglich der Theologe das Deutschlandlied mit der "Liebeserklärung eines Kindes an seine Mutter"; im "Deutschen Pfarrerblatt" wurde ihm daraufhin vorgeworfen, er lasse sich als "Chefideologe für machtpolitische Ziele mißbrauchen".
Den Wuppertaler Rektors-Sohn und Schüler Helmut Thielicke hatte einst die Rhetorik des Schweizer Theologen Karl Barth - wie er später schrieb - in so "unflätige Begeisterung" versetzt, daß er sich entschloß, Theologe zu werden.
Zu Beginn des Studiums in Greifswald zog er sich nach einer verfehlten Schilddrüsen-Operation eine postoperative Tetanie (Wundstarrkrampf) zu, die - so Thielicke 27 Jahre später - "mir in der medizinischen Welt eine traurige Berühmtheit verschaffte". Das Studium in Marburg, Erlangen und Bonn wurde von zahlreichen Klinikaufenthalten unterbrochen. Examina bestand er im Rollstuhl. Erst 1933, nach Erfindung eines neuen Heilmittels, wurde er gesund.
Dr. phil. (seit 1931) Thielicke kam schnell voran. 1934 promovierte er zum Doktor der Theologie, 1935 habilitierte er sich, 1936 wurde er Dozent in Erlangen, und noch im selben Jahr übernahm er kommissarisch einen Lehrstuhl in Heidelberg. 1940 wurde er wegen seiner Aktivität in der NS-feindlichen Bekennenden Kirche von der Dozentenliste gestrichen. Landesbischof Theophil Wurm ernannte den gefährdeten Amtsbruder zum Leiter eines eigens für ihn geschaffenen Theologischen Amtes in der Württembergischen Landeskirche.
Nach Kriegsende wurde Thielicke zunächst Professor in Tübingen. 1946 lehnte er es ab, Bischof der badischen Landeskirche, 1948, Kultusminister von Württemberg-Baden zu werden. 1964 lehnte er einen Ruf auf den in München neu errichteten Lehrstuhl für Religionsphilosophie ab - eine Parallel-Professur zu der Karl Rahners, des bedeutendsten katholischen Theologen der Gegenwart.
Den Theologen "treibt es" - so Thielicke selber - immer wieder, Ereignisse des Alltags in den Text- oder Leserbriefspalten von Zeitungen zu kommentieren:
Er schrieb über den Ankauf einer Brahms-Partitur ("Studentenheime sind wichtiger"), über die Sputnik-Hündin Laika ("Haben wir ein Recht, zu diesem Himmelhund aufzusehen, dem wir nicht helfen können, und unsere Menschenbrüder zu übersehen, denen wir helfen könnten?"), über das Glockenläuten beim Besuch der englischen Königin ("unangenehm berührt") und über die Berichterstattung im Auschwitz -Prozeß ("... geht unter die Haut"). In einem offenen Brief appellierte Thielicke - Vater von vier Kindern - an das Fußball-Idol Uwe Seeler, er solle sich nicht noch Italien verdingen, sondern daheim der Jugend ein "leuchtendes Fanal" für sportliche Lauterkeit sein.
Mehrfach unternahm der Gelehrte, der 1951/52 Rektor der Universität Tübingen und 1960/61 Rektor der Universität Hamburg war, Studienreisen ins Ausland. Bücher schrieb Thielicke, zu dessen Frühwerken ein Kriminalroman "Männer, die im Keller husten" gehört, über eine Ostasienreise ("Vom Schiff aus gesehen") und über eine Amerikatour ("In Amerika ist alles anders"). Zur Zeit verfaßt Thielicke eine Dogmatik. Aus seiner "Theologischen Ethik" ist in diesem Jahr unter dem Titel "Sex. Ethik der Geschlechtlichkeit" ein Auszug erschienen (312 Seiten, 18 Mark).

DER SPIEGEL 49/1966
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