28.11.1966

ENGLAND / ABHÖR-AFFÄRE

Neue Nummer

Immer, wenn er telephonierte, hörte der Labour-Abgeordnete Peter Jackson ein verdächtiges Knacken in der Leitung. Jackson, Pazifist und Ostermarschierer, argwöhnte öffentlich via TV: "Mein Telephon ist angezapft."

Auch bei anderen Abgeordneten hatte es geknackt. Seit Monaten maulten Labour-Leute und Konservative: Premier Wilson lasse ehrenwerte Mitglieder des Unterhauses, die seine Politik kritisierten, an der Strippe bespitzeln. Vorletzte Woche stellten vier Parlamentarier, vom argwöhnischen Jackson angeführt, die Regierung zur Rede.

Gegen Lauscher in der Leitung sind die seit je um den Schutz ihrer privaten Sphäre besorgten Briten besonders empfindlich. Deshalb verlangt eine Verordnung aus dem Jahre 1957: Scotland Yard und der Spionage-Abwehrdienst MI 5 dürfen das Postgeheimnis nur brechen, wenn

- begründeter Verdacht eines schweren Verbrechens besteht, die Beweise aber nicht mit herkömmlichen Ermittlungsmethoden sichergestellt werden können;

- der Innenminister die Telephonüberwachung persönlich genehmigt.

Ein eigens eingerichtetes Sicherheitsbüro im Postministerium besorgt die Strippen-Spitzelei. Auch Geheimmikrophone, mit denen jedes in einer Wohnung geführte Gespräch belauscht werden kann, bringt die Post ins Haus - mittels eines simplen Tricks: Die Post -Schnüffler sperren den Anschluß und täuschen so einen Schaden vor. Dann schicken sie einen Techniker, der den Apparat angeblich repariert und - den Spion installiert.

Mit Genehmigung des damaligen konservativen Innenministers Butler wurden 1961 die Telephone einiger extrem linker Labour-Abgeordneter angezapft. Die Angezapften standen im Verdacht, Krypto-Kommunisten zu sein.

Auf diesen Vorfall spielte Premier Wilson vorletzte Woche im Unterhaus an. Mit Biedermannsmiene erklärte er: Wohl hätten seine konservativen Vorgänger das Mithören von Abgeordneten-Telephonaten gestattet. Er selbst aber habe unmittelbar nach seinem Amtsantritt verfügt, daß die Fernsprecher von Volksvertretern grundsätzlich nicht angezapft werden dürften.

Das war scheinheilig. Denn die Labour-Führung selbst hatte 1961 die MI-5-Untersuchung gegen ihre Linksabweichler beantragt. Wilson konnte den Verdacht nicht entkräften, daß "einige übereifrige Sicherheitsbeamte Dinge tun, die zum Himmel stinken" (so der Labour-Abgeordnete Russell Kerr).

24 Stunden nach der Wilson-Erklärung weckte der Privatdetektiv Barry Quatermain im Fernsehen neuen Argwohn: Er enthüllte, daß er im Telephon eines konservativen Abgeordneten, der nicht genannt werden wollte, ein Mini-Mikrophon entdeckt habe.

Seit der Telephon-Debatte hat Wilson Ärger mit seinem eigenen Apparat in Downing Street 10. Die "Daily Mal" verriet in einer Karikatur des Premiers geheime Nummer (WHI 4433). Tausende Scherzbolde aus allen Teilen des Landes riefen daraufhin an: "Ist Harold da?"

Letzten Montag vergatterte Wilson die Nachrichten-Agenturen: Sie sollten seine nicht mehr geheime Nummer keinesfalls im Ausland verbreiten. Er fürchtet, daß dann auch die Kontinentalen mit dem heißen Draht spielen. Gleichzeitig beantragte er bei seinem Postminister eine neue Nummer.

Fernsprechteilnehmer Wilson: "Ist Harold da?"


DER SPIEGEL 49/1966
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