28.11.1966

EMPÖRUNG ALS KONSERVE

Walter Mehring, 70, gebürtiger Berliner, ist in den zwanziger Jahren, neben Tucholsky und Kästner, als Autor politischer Lyrik ("Das Ketzerbrevier"), als satirischer Schriftsteller und zeitkritischer Publizist berühmt geworden. Er emigrierte 1933 aus Hitlers Deutschland und entkam 1941 aus Frankreich nach den USA. Im Exil entstand seine "Autobiographie einer Kultur" "Die verlorene Bibliothek". Mehring, der Mitarbeiter von "Weltbühne" und "Tagebuch" war und mit mehreren Beiträgen, in der hier von ihm besprochenen Anthologie vertreten ist, lebt heute in Ascona. - Wolfgang Weyrauch, 59, schrieb Erzählungen, Gedichte und Hörspiele ("Anabasis") und trat mehrfach als Herausgeber von literarisch-politischen Anthologien ("Ich lebe in der Bundesrepublik") hervor.
Ein greiser (doch noch nicht weiser) Autor erhielt kürzlich ein über 400-Seiten starkes Geschenk- und Belegexemplar, betitelt "Ausnahmezustand" (was ihm zunächst nach einer staatsrechtlichen Abhandlung klang - Artikel 48 der Weimarer Verfassung), aber untertitelt: "Eine Anthologie aus 'Weltbühne' und 'Tagebuch'".
Und das rührte, das berührte ihn wie ein Familienalbum von Geistesverwandten und Gesinnungsfreunden, mit denen er einmal Schulter an Schulter polemisiert hatte. Es tauchten da sogleich Assoziationen in ihm auf, Reminiszenzen an Feldpost- und Brotkarten, Dolchstoßlegende, Feme, Spartakus, Freikorpsputsche, Nackttanz-Dielen, Kokain, Kulturbolschewismus, Schmutz und-Schund-Gesetz, Gotteslästerungen (im Sinne der einschlägigen Paragraphen) und an "Die Hitlerei". So lautet - ach, so harmlos - eine Kapitelüberschrift. Eine andere dagegen: "Der Krieg ist eine grauenhafte Schlächterei". Fürwahr: Gelinde gesagt!
Wie rasch doch alles historisch wird: "Mein Kampf" zu einem Krimi-Paperback. KZ-Dokumente zu Premierenerfolgen. Protestsongs von Links bis Rot zu einer Hauspostille für Frankfurter Buchmessen. Und: "Eine Anthologie aus 'Weltbühne' und Tagebuch"' zu einer Bienenfleißarbeit, die noch Honig aus der Makulatur saugt. Sie hebt an mit einem zwölf Seiten langen "Prolog" in freien Rhythmen des Herausgebers, des Dichters Wolfgang Weyrauch, teils neoexpressionistisch, teils unterkühlt (so heißt das ja wohl heute modern): "Ich bin kein Geschichtsschreiber,/ andrerseits habe ich in Geschichtsschreibern gelesen,/ mit Abscheu im Treitschke,/ im Lächeln und Verdruß im Friedell,/ im Wells mit Entzücken/ ... neinsagend, jasagend, zweifelnd, fragend, erkennend, irrend./ Aber in einem irre ich bestimmt nicht, daß nämlich Chruschtschow, Johannes XXIII./ und Kennedy besser waren, als die Mörder und ihre Pygmäen ..."
Kennedy, ohne Zweifel, war besser als sein (oder seine) Mörder. Der selige
Papst Johannes XXIII. womöglich im Diesseits schon seliger als manche Stellvertreter im besseren Jenseits. Doch Chruschtschow, inzwischen wegen seiner "Irrtümer" entthront - der hatte sich einst sehr aktiv an den Stalinschen "Liquidationen" beteiligt. Und worauf bezieht sich "... und ihre Pygmäen?" Und was in alldem auf "Weltbühne", "Tagebuch" und deren Mitarbeiter?
Zum Kernstück seiner Ode hat Wolfgang Weyrauch, sich den "Fall Jakubowski" auserwählt. Und da sei für die Nach-Leserschaft erläuternd hinzugefügt:
Josef Jakubowski, während des Ersten Weltkriegs polnischer Kriegsgefangener in Rußland, dann Land (Fremd-)Arbeiter in Deutschland, war 1925 fälschlich der Ermordung seines Kindes bezichtigt und in Neustrelitz hingerichtet worden. Die "Deutsche Liga für Menschenrechte" und ihr Generalsekretär Kurt R. Großmann, die bürgerliche Presse, zögernd die kommunistische, doch selbstverständlich "Weltbühne" und "Tagebuch" (Ossietzky, Tucholsky, Josef Bornstein, Anton Kuh, jeder von uns) alarmierten die öffentliche Meinung. In einem Revisionsverfahren wurden die wahren Täter entlarvt, einer zum Tod verurteilt, Jakubowski aber wurde dennoch nicht, nicht einmal nachträglich, rehabilitiert.
Es war Justizmord, ein fast perfekter. Und Anlaß damals zu erregten Debatten über die Todesstrafe. Denn schließlich lebte man - jeder Biedermann, jeder Tucholsky-Wendriner - noch in einem Hindenburg-Rechtsstaat mit standesgemäßem Komfort; und noch nicht in einem "Ausnahmezustand für Alle", alle reinrassigen Untertanen. Alles übrige sonst waren "zur Zeit" Ausnahmefälle, etwa der "Fall Bullerjahn", die sogenannte Dreyfusaffäre der Weimarer Republik; wie die Plädoyers. Dr. Paul Levis gegen die Luxemburg-Liebknecht -Mörder; wie seine Reichstagsreden gegen die Alldeutschen Weltkriegsanstifter; wie die Strafprozesse "wegen versuchten Landesverrats" kontra den (später von den Nazis umgebrachten) "Weltbühne" -Publizisten Berthold Jacob, der die Umtriebe der Feme, der Schwarzen Reichswehr, aufgedeckt hatte.
Nun legt Wolfgang Weyrauch dem armen, primitiven, schuldlos hingerichteten Jakubowski einen "erfundenen Monolog" in den Mund, 80 Verszeilen, ausgeschmückt mit der Legende eines indischen Königs und mit einer Moralpredigt, die sich gewaschen hat: "Na, Ihr,/ Ihr gebrannten Pygmäen,/ scheut Ihr die Feuer ...? ... Jedoch,/ als Josef Jakubowski zu Ende geredet hatte,/ da hörte ich eine andere Stimme,/ die ich zwar nicht kannte,/ aber ich konnte mir wohl denken./ wer es war ... Carl von Ossietzky ..."
Auch mit ihm führt Wolfgang Weyrauch ein Selbstgespräch, hochpoetisch in der Form, doch stilistisch "verfremdet". Nein, die Stimme Ossietzkys, leise, entwaffnend unpathetisch, sarkastisch getönt - und ich habe sie noch im Ohr -, war das nicht noch seit ich sie zum letzten Mal hörte, morgens am 27. Februar 1933. Und Ossietzky sagte: "Ich bleibe!" Und abends brannte der Reichstag.
Wolfgang Weyrauch ist gewiß ehrlich in seiner Ossietzky-Verehrung; so auch in seiner Poetik. Er liebt "den Taunus und die Lombardsbrücke/ Andreas Gryphius und Brecht/ Johann Sebastian Bach und Max Beckmann / ... den Aufstand für die Freiheit in Weltbühne und Tagebuch ... die moralische Ordnung ihrer Wörter", die er wortgetreu, soweit es sich schickt, in seine Anthologie übernimmt. Aber Anthologien sind Leitartikel in Konservenbüchsen, "Tränen des Zorns und des Mitleids", wie es im Waschzettel des Verlags heißt - mit Kohlensäure versetzt. Und so schmeckt ihr Inhalt sterilisiert, entkeimt, "garantiert unschädlich gemacht".
Das zeigt sich besonders in den Kostproben der Ossietzky-Prosa. Allerdings mußte man, um diese drucken zu dürfen, erst die Lizenz von seiner Witwe einholen, nominelle Herausgeberin der heutigen Ost-Berliner "Weltbühne", offiziell das kharascho der DDR-Zensur. Und die hätte wohl nie solche Ossietzky -Sätze durchgehen lassen, wie:
- "Wenn die Führung der KPD so weitermacht, dann wird der Augenblick bald erreicht sein, wo sie einen frisch gecharterten Marineoffizier vorführt, der die Parteiversammlungen mit dem Rufe belebt: Gebt uns unsere Kolonien wieder!" ("Weltbühne" 25/1931); oder:
- "Es kann gar nicht bekannt genug werden, was die Moskauer in blinder Parteiwut ihrem größten noch lebenden Helden (Trotzki) angetan haben. Kein Vernünftiger wird Stalins Recht bezweifeln, sich seines genialen Kritikers so zu erwehren, wie er kann. Aber die Kampfmittel müssen dem Geist der sozialistischen Revolution entsprechen, sie dürfen nicht dem schlechtesten Arsenal des bürgerlichen Polizeistaats entnommen werden" ("Weltbühne 4/1933).
Die Weyrauch-Anthologie verdient wohl das Prädikat "kulturell wertvoll" - als Ergänzung zum Geschichtsunterricht der höheren Lehranstalten. Aufsätze verfolgter, in den Selbstmord gehetzter, gekillter Autoren. "Ausnahmezustand" in Permanenz. Ganz interessant nachzulesen. Nur: Die spontane Empörung hält sich nicht in solchen Konservenbüchern.
Mehring
Wolfgang Weyrauch
(Herausgeber):
"Ausnahmezustand"
Verlag,
Kurt Desch München
432 Seiten
19,80 Mark
"Weltbühne"-Herausgeber Ossietzky
Prosa ohne Pathos
Anthologie-Herausgeber Weyrauch
Prolog mit Pygmäen
Von Walter Mehring

DER SPIEGEL 49/1966
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