21.11.1966

KRIEGSTOTEZu lange vermißt

Fünfzig Millionen Soldaten und Zivilisten kamen in den europäischen Kriegen der letzten 350 Jahre ums Leben. Über die Hälfte davon starben in den sechs Jahren des Zweiten Weltkrieges.
Aus Geschichtsbüchern, Kriegsberichten, offiziellen Verlustlisten und den Schätzungen der jeweiligen Kriegsgegner versuchte der sowjetische Bevölkerungswissenschaftler Boris Zesarewitsch Urlanis, die Kriegsverluste von dreieinhalb Jahrhunderten zu errechnen*.
Obwohl, so verzeichnet Urlanis klassenbewußt, "im 17. und 18. Jahrhundert lediglich die Verluste an Generälen vollständig erfaßt wurden", gelang es ihm doch zu ermitteln, daß im Dreißigjährigen Krieg 600 000 Landsknechte ihr Leben lassen mußten. Die Gesamtverluste in den Kriegen des 17. Jahrhunderts betrugen laut Urlanis 3,3 Millionen "Söldner".
Heftiger als Morgensterne und Musketen wüteten im Dreißigjährigen Krieg freilich Pest, Typhus und Cholera. So ließ im Herbst des Jahres 1632 eine Seuche das Heer des Schwedenkönigs Gustav Adolf von 26 300 auf 12 000 Mann zusammenschmelzen. Auf einen in der Schlacht gefallenen oder tödlich verwundeten Soldaten kamen im 17. Jahrhundert zwei an Krankheiten gestorbene.
Für das 18. Jahrhundert vermerkt Urlanis nicht ohne Stolz: "Der russische Staat spielt in diesem Jahrhundert eine wichtige Rolle ... und beteiligt sich an den größten gesamteuropäischen Kriegen." Den möglichen Hinweis, daß die Toten-Bilanz gerade deshalb auf über fünf Millionen Krieger anstieg, verkneift sich der Sowjet-Statistiker. Die größten Verluste hatte, laut Urlanis, Frankreich mit 1,4 Millionen toten Kriegern. Erst an vierter Stelle, hinter Österreich (780 000) und der Türkei (600 000), liegt Rußland mit 550 000 vor Deutschland mit 500 000 Toten.
Im 19. Jahrhundert starben auf den Schlachtfeldern Europas- trotz zweier Napoleone und Bismarck - nur 300 000 Soldaten mehr als im Jahrhundert vorher, nämlich 5,5 Millionen. Dabei brachten die Feldzüge Napoleon I. die höchsten Verluste: 3,5 Millionen. Für den deutsch-französischen Krieg 1870/71 errechnete Urlanis 188 000 Tote. Am glücklichsten operierte das piemontesisch sardinische Heer im Krimkrieg 1853 bis 1856: zwölf Gefallene.
Bei seinen Recherchen über die Kriegsverluste des 20. Jahrhunderts verläßt sich Bevölkerungswissenschaftler Urlanis nicht mehr auf offizielle Statistiken und Schätzungen der jeweiligen Gegner. Vor allem deutsche Quellen hält er für ausgesprochen unglaubwürdig. So errechnete er zum Beispiel, daß die Verluste der unmittelbar im
Kampf gefallenen deutschen Soldaten von offiziellen Stellen um fast 100 Prozent zu niedrig angegeben worden seien.
Die deutschen Streitkräfte haben, laut Urlanis, im Ersten Weltkrieg 2 037 000 Tote verloren. Davon wurden 1 473 000 im Kampf getötet. Nach deutschen Feststellungen aus dem Jahre 1934 betrugen die Verluste einschließlich der unmittelbar an Kriegsfolgen Gestorbenen 1 936 897 Soldaten und Offiziere. Für Rußland errechnete Urlanis 1,2 Millionen Gefallene. Die geringsten Verluste hatte Japan: 300 Mann. Die Gesamtverluste des Ersten Weltkrieges: 9 442 999 Streiter.
Manipuliert sind nach Ansicht des Sowjetmenschen besonders die deutschen Verluste im Zweiten Weltkrieg. Vor allem erbittert ihn der angebliche Mißbrauch mit dem Begriff "vermißt".
So hätten seine westdeutschen Fachkollegen - "würdige Nachfolger des Dritten Reiches" - die deutschen Vermißten zu lange leben lassen. Statistiker Urlanis schafft hier Klarheit: "Alle diese ,Vermißten' sind... längst im Feuer des Krieges umgekommen."
Mutmaßungen westdeutscher "Experten des Suchdienstes", 50 Prozent der
Vermißten seien in der Gefangenschaft ums Leben gekommen, weist Urlanis "als völlig haltlos" zurück.
Gleichwohl verwendet er ohne Bedenken deutsche Quellen, wenn es darum geht, die Leistungen der Sowjet -Armee herauszustellen. Urlanis: "Die Hauptkräfte der Hitler-Armee (wurden) gerade an der Ostfront vernichtet." Aus einem angeblich bei Flensburg entdeckten Geheimarchiv ermittelte Urlanis, daß bis zum 30. November 1944 insgesamt 1 710 000 deutsche Soldaten gefallen sind, davon allein 83 Prozent, nämlich 1 419 000, an der Ostfront. Daß der "Geheimbericht" 1 541 000 Krieger als vermißt meldet, ignoriert Urlanis. Für ihn sind auch sie längst im Feuer des Krieges umgekommen. Die gesamten Verluste Deutschlands im Zweiten Weltkrieg beziffert er auf über vier Millionen.
Das Naheliegendste bereitet Sowjetmensch Urlanis Schwierigkeiten. Er konnte nicht ermitteln, wieviel Soldaten sein Vaterland im Zweiten Weltkrieg verloren hat. Der ansonsten auf Zahlen erpichte Statistiker begnügt sich mit dem Hinweis: Die Verluste waren "erheblich".
* Boris Zesarewitsch Urlanis: "Bilanz der Kriege - Die Menschenverluste Europas vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart". VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften. Ost -Berlin; 424 Seiten; 19,80 Mark.
Gefallene deutsche Soldaten bei Stalingrad: Zahlen zu niedrig?

DER SPIEGEL 48/1966
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