21.11.1966

BIERSünde mit Chemie

Zwei Bayern, beide CSU-Ernährungsminister, gerieten über den Maßkrug in Streit: Alois Hundhammer in München wollte verhindern, daß Hermann Höcherl in Bonn das Bier verpantschen hilft. Aber Hilfe kam nicht aus Bonn, sondern von einem bayrischen Hopfenhändler.
Dem apostelbärtigen Hundhammer lag das Wohl der Hopfenbauern in der Hallertau am Herzen, das bislang durch das Reinheitsgebot im Paragraphen 9 des Biersteuergesetzes geschützt ist; der Gerstentrank darf nur aus Wasser, Hopfen, Malz und Hefe gebraut, der Hopfen nur mechanisch zerkleinert werden.
Bonn aber will künftig neben den frischen Dolden der Hopfenrebe auch ein Präparat für zulässig erklären: flüssigen Hopfenextrakt.
Er ist eine Sünde wider den Geist der reinen Brau-Lehre. Bei seiner Zubereitung werden chemische Lösungsmittel wie Trichloräthylen, Methylenchlorid und Methanol verwendet. Deutschlands Bier-Universität, die Braufakultät der Technischen Hochschule München in Weihenstephan, empfahl Vorsicht vor dem Extrakt: "Seine Verwendung bedarf einer eingehenden und objektiven Prüfung."
Den Hopfensaft gibt es seit langem, aber Reinheits-Fanatikern und Hopfenbauern gilt er für minderwertig. Er enthalte zwar die Bitterstoffe, nicht aber das volle Aroma der Dolde. Hochwertiges Bier könnte nur mit Edelhopfen, der Aroma und Bitterkeit vereint, gebraut werden.
Für den Edelhopfen gibt es Wertsiegel und Herkunfts-Zertifikat, der Extrakt muß ohne Dekoration auskommen. Er kann dafür ungestraft auch mit billigeren Hopfenarten, wie sie zum Beispiel Amerika liefert, zubereitet werden.
Hopfenhändler Robert Fromm aus Wolnzach: "Stellt sich der Weltmarkt auf Extrakt um, verliert der Edelhopfenanbau an Bedeutung. Die deutschen Hopfenbauern müßten sich auf Nichtedelhopfen umstellen. Die Folge wäre nicht nur, daß sie in Zukunft für ihre Ware geringere Preise erzielen würden; darüber hinaus wären sie ... Ländern mit landwirtschaftlicher Großproduktion ... nicht gewachsen."
Für das Kosten-Konto der Brauereien ist jedoch der Absud vorteilhaft. Sie müssen frischen Hopfen in Spezial -Lagerhäusern aufbewahren, und auch dort verliert er nach einem Jahr sein Aroma. Jeden September von neuem sind Brauhäuser nach der Ernte den Preisforderungen der Bauern ausgeliefert, die derzeit bis zu 600 Mark je Zentner verlangen. Proteste schieben sie mit dem alten Spruch beiseite: "Der Hopf is a Tropf."
Der Extrakt kostet zwar rund 110 Mark mehr als ein Zentner frische Ware, ist aber durch den Fortfall der hohen Lagerkosten am Ende billiger. Da er sich über mehrere Ernten hinweg hält, können die Brauereien damit auch den Preissprüngen für frischen Hopfen ausweichen.
Zugunsten der fünf westdeutschen Extrakt-Hersteller duldete der Bundesfinanzminister bislang die Verwendung der Konserve etwa so, wie der Staat die Prostitution duldet. Er ließ Brauereien, die den Saft benutzen wollten, gewähren, teilte ihnen jedoch mit: "Für den Fall, daß gegen Sie eine gerichtliche Entscheidung (wegen Verletzung des Reinheitsgebots) getroffen wird, behalte ich mir das Recht auf Widerruf (der Genehmigung) vor." Von der Möglichkeit machten bayrische Brauereien bisher gar nicht, nördlichere Braufirmen nur begrenzt Gebrauch.
Da aber durch EWG-Verpflichtungen ohnehin eine Neufassung des Biersteuergesetzes nötig wird, will der Bundesfinanzminister zugleich auch den Hopfenextrakt für zulässig erklären. Bierminister Hundhammer alarmierte in Bonn seinen Kollegen und Parteifreund Höcherl, aber vergeblich. Höcherl-Referent Schümann: "Wir haben dem Finanzministerium unsere grundsätzliche Zustimmung gegeben."
Da kam Hopfenhändler Fromm dem bayrischen Minister und seinen bedrohten Bauern zu Hilfe. Er eröffnete vor kurzem eine Fabrik, in der er Edelhopfen nach einem neuen Verfahren konserviert: Die Dolden werden getrocknet und zu einem grünen Pulver vermahlen. In Zehn-Pfund-Kartons verpackt, hält FrommsHopstabil" ohne chemische Zusätze mindestens zwei Jahre lang das Aroma.
Aus Weihenstephan kam Zustimmung: "Eine natürliche Sache, die praktisch dem Hopfen entspricht." Bonn erklärte das Produkt für "Hopfen im Sinne des Gesetzes" und erlaubte, daß es mit Brief und Siegel ausgezeichnet wird.
Da Hopstabil auch billiger ist als Extrakt, haben sich schon 60 Brauereien bei Fromm dafür interessiert. Eine Bestellung kam von Bayerns renommiertestem Sudhaus: Löwenbräu in München.
Hopfen-Ernte in Bayern
Lösung for Löwenbräu

DER SPIEGEL 48/1966
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