05.12.1966

CAPOTE-PARTY

Menschen im Hotel

GESELLSCHAFT

Hollywood-Schauspieler Frank Sinatra zückte seine Brieftasche. Dann schob er einem Kellner des New Yorker Plaza-Hotels 100 Dollar Trinkgeld zu. Der Plaza-Portier war ihm weniger wert: Ihm drückte er 50 Dollar in die Hand.

Vor der Prominenten-Herberge patrouillierten zehn Polizisten; die drei Hoteleingänge wurden von Geheimdienstbeamten beobachtet. Lediglich Gäste, die Einladungskarten mit der roten Aufschrift "Mr. Capote's Dance" vorzeigen konnten, durften die Treppen zum Ballsaal des Hotels betreten. 150 Luftballons schwebten unter der Decke.

Auf dem New Yorker LaGuardia -Flugplatz drängten sich die privaten Düsenmaschinen der Wirtschaftsführer, Künstler und Politiker der USA.

Amerikas Bestseller-Autor Truman Capote, 41, der mit seinem letzten Werk (Titel: "Kaltblütig") etwa acht Millionen Mark verdienen wird, hatte "alle seine Freunde zu einem kleinen Maskenball" eingeladen.

Und alle seine Freunde kamen zur "Party des Jahrhunderts" ("New York Post"): der Automobil-König Henry Ford II, Sonderbotschafter Averell Harriman, die ehemaligen Kennedy-Berater Ted Sorensen, McGeorge Bundy und Arthur Schlesinger, die reichen Familien des Landes, die Kennedys, Vanderbilts und Rockefellers.

Insgesamt kamen 540 Gäste, die laut "New York Times" in dieser Zusammensetzung nie zuvor auf einer privaten Party anzutreffen waren. An 53 Tischen feierten sie mit Schriftsteller Capote und dessen Ehrengast Katharine Graham, der Herausgeberin von "Washington Post" und "Newsweek", bis zum Morgengrauen.

An den scharlachrot gedeckten, von Kerzen in silbernen Leuchtern erhellten Tischen saß die Creme Amerikas, die sich kannte, aber nicht sogleich erkannte.

Denn: Der erfolgreiche Schreiber hatte die Damen gebeten, ihr Antlitz bis Mitternacht mit weißen Masken zu bedecken und sich in weiße oder schwarze Kleider zu hüllen; die Herren sollten schwarze Smokings und schwarze Masken tragen. Nur die aus Madrid herbeigeeilte Gattin des Maharadschas von Dschaipur erwies sich als Spielverderberin: Sie trug ein goldenes Gewand.

Autor Capote und die Zeitungsfrau aus Washington begrüßten alle Gäste persönlich und nach konservativem Zeremoniell: Sie ließen sich die Namen der Gäste von einem an der Tür postierten Lakaien zurufen.

Präsident Johnsons Tochter Lynda Bird, die sich bei der Frauenzeitschrift "McCall's" als Journalistin ihr Taschengeld verdient, wurde von acht Geheimdienstbeamten und ihrem Arbeitgeber Bob Stein begleitet.

Eine betagtere Präsidententochter, Theodore Roosevelts Sproß Alice Longworth, 82, kam aus Washington, weil Capote "eines der angenehmsten menschlichen Wesen ist, die ich kenne". Tanzen wollte sie nicht: Ein Ball ist "der feinste Zuschausport, den ich kenne".

Aber auch Frau Longworth hatte sich dem Ball-Spiel angepaßt und ihre Maske (Kaufpreis 1,20 Mark) mit Klebestreifen an den Schläfen befestigt. Suppenmillionär Heinz aus Pittsburgh hatte sich seine Maske aus einem Pappteller gebastelt. Auch Kennedy-Schwester Eunice Shriver trug eine hausgefertigte Larve: "Ich habe einen Abend dafür geopfert." Andere Ballbesucher ließen sich ihre Masken mit Diamanten besetzen. Preis: 2400 Mark.

Selbst weniger Wohlhabende durften sich unter den Reichen bewegen und nach den Klängen des Orchesters Peter Duchin tanzen. Sie brachten keine Namen mit Klang, aber einen Hauch von Mord mit Bauern und Handwerker aus dem Kansas-Städtchen Holcomb. Sie hatten Capote bei seinen Nachforschungen für sein "Kaltblütig"-Buch unterstützt. Dafür durften sie jetzt einen Blick "auf die internationalen Typen, den Haufen schöner Frauen und die anderen entzückenden Dinge" (Capote) werfen.

Die Tochter des Automobilfabrikanten Ford, Charlotte, noch Gattin des griechischen Reeders Stavros Niarchos, saß mit Präsidenten-Tochter Lynda Bird an einem Tisch; Frank Sinatras junge Frau Mia, 21, zog es vor, nach den Rhythmen der Negerband "The Souls" mit jugendlichen Partnern zu tanzen, ebenso Lee Prinzessin Radziwill, Jackie Kennedys ältere Schwester.

Nach Mitternacht bat der Schriftsteller seine Gäste, darunter die Kollegen John Steinbeck ("Früchte des Zorns") und Norman Mailer ("Die Nackten und die Toten") ans Büfett. Die Speisen paßten nicht zum glanzvollen Rahmen. Capote ließ Hühnerfrikassee, Spaghetti, Rühreier mit Speck, geröstete Brötchen und Kaffee servieren.

60 000 Mark mußte der Schriftsteller für seinen Superball zahlen. Seine Gäste tranken 400 Flaschen Champagner der Marke "Taittinger".

Das New Yorker "Social Register 1967" nahm den Aufwand nicht zur Kenntnis. In der soeben veröffentlichten Neuauflage, in der die High Society der amerikanischen Ostküste registriert wird, sind einige Gäste des Schriftstellers aufgeführt. Truman Capote fehlt.

Gastgeber Capote, Gast Katharine Graham

Hauch von Mord

Capote-Gast Harriman, Ehefrau

Namen mit Glanz

Capote-Gast Lee Prinzessin Radziwill

Ein Haufen schöner Frauen ...

Capote-Gast Christina Ford

... und andere entzückende Dinge


DER SPIEGEL 50/1966
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