26.12.1966

„KATZ UND MAUS“Das Dingslamdei

An die Reling des halb in der Ostsee versunkenen russischen Minenlegers tritt, mit dem Rücken zum Betrachter, ein klappriger Knabe und beginnt, seine altväterliche Badehose abzustreifen. Bei etwa hälftig entblößtem Gesäß hält er inne. Andere Knaben treten herzu, blicken über seine Schultern an ihm hinab und urteilen neidvoll: "Mensch, doll!"
Später führt der nämliche Knabe, diesmal frontal zum Betrachter, auf dem schrägen Bootsdeck einen wilden Freudentanz auf, wobei er eine geklaute Kriegsauszeichnung nicht nur durch die Luft, sondern auch kurzfristig in seine zu diesem Zweck vorn vom Körper abgespreizte Badehose hineinbaumeln läßt.
Dies sind zwei Szenen aus dem Lichtspiel, das der Bundesfilmpreisträger Hansjürgen Pohland nach der "Katz und Maus" betitelten Novelle des Blechtrommlers Günter Graß zusammengekurbelt hat. Aber wenn es nach den in Bonns neuer Regierung vereinigten Interessen des Innenministers Paul Lücke (CDU) und des Außenministers Willy Brandt (SPD) geht, dann werden diese Szenen keine deutsche Kinoleinwand beflecken.
Denn der Knabe an der Reling ist des neuen deutschen Außenministers und Vizekanzlers zweitältester Sohn Lars Brandt, 15. Und was er da baumeln läßt, Ist der alten deutschen Soldaten hoher Orden: das Ritterkreuz.
Was aber für den Es-Pc-De-Wahlhelfer Graß nur ein "Bonbon" ist, ein "Apparat", ein "galvanisierter Vierklee", ein "Ding Ding Ding", dieses "Dingslamdei", dieses "Ichsprechesnichtaus", das ist für die von wachsender NPD-Opposition beunruhigte Große Koalition gewiß ein ehrenschutzwürdiger Gegenstand.
Franz-Josef Straußens vielgepriesene politische Wahrschau hat ihn schon am 21. September, als er noch gar nicht wieder Minister war, erkennen lassen, daß hier eingeschritten werden müsse: "Tun Sie das Ihre ... ", bat er im Bundestag den wehrfreudigen SPD-Kollegen Helmut Schmidt, "daß die Darbietung von hohen Orden, getragen von jungen Leuten prominenter Politiker, und das in dem Falle in Danzig bei der Verfilmung eines Stückes von Günter Graß, entweder überhaupt nicht erfolgt oder nicht veröffentlicht wird. Sie wissen, was ich meine."
Ganz genau wissen es die Beteiligten freilich erst seit der zweiten Dezemberwoche: seit Willy Brandts engste Mitarbeiter den fertigen Film in Bonn - und Frau Rut Brandt in Berlin-Lankwitz - vorgeführt bekommen haben. Willy Brandt selber ist durch seine neuen Pflichten davor bewahrt worden, sich die Bescherung noch vor den Weihnachtsfeiertagen ansehen zu müssen.
Die Bescherung ist vor allem das, was von der pubertären Do-it-yourself-Erotik, die Autor Graß seinen jugendlichen Helden Joachim Mahlke ausüben läßt, in der Film-Fassung des Berliner Produzenten Hansjürgen Pohland ("Das Brot der frühen Jahre") noch übriggeblieben ist: eine Andeutung bloß und dennoch zuviel.
Mehr jedenfalls, als Willy Brandt annahm - oder gar billigte -, als er auf Pohlands Drängen seinen Söhnen Peter, 18, und Lars im Frühjahr 1965 widerstrebend die Erlaubnis gab, diesen Joachim Mahlke, der seinen enormen Adamsapfel samt zugehörigen Komplexen durch ein Ritterkreuz zu kompensieren sucht, in verschiedenen Stadien seiner Entwicklung auf der Leinwand darzustellen (SPIEGEL 28/66).
Auch Autor Graß ("Loblied auf Willy") war nicht sicher, ob man Brandt das antun solle. "Ich ahnte", so Graß heute zum SPIEGEL, "was auf ihn zukommt. Ich sprach mit den Brandts auch darüber. Sie waren skeptisch. Doch Willy meinte, seinen Söhnen verbiete sich ohnehin schon vieles; denn alles, was sie tun, komme gleich in die Presse. Er sah auch die Chance für die Jungs, nach Polen zu kommen. Er sagte: ,Ich kann es ihnen nicht verbieten.'"
Väterliche Fürsorge war es denn auch, was Willy Brandt bei der Abfassung des "Anstellungsvertrags für Filmschaffende" leitete, den er und seine Frau am 23. März 1966 unterschrieben. Unter Ziffer 13 ("Besondere, Vereinbarungen") ließ er die Bedingung aufnehmen, die Dreharbeiten müßten während der großen Ferien stattfinden. Außerdem habe der Produzent darauf zu achten, daß die am Aufnahmeort (Danzig, heute Gdansk) geltenden gesetzlichen Bestimmungen eingehalten würden. Besonders sei der Genuß von Alkohol zu vermeiden. Die Gage wurde auf tausend Mark pro Sohn beschränkt.
"Ich gehe davon aus", ließ Brandt in einem weiteren Vertragszusatz festlegen, "daß diese Bestimmungen nur so angewendet werden, wie es sich gegenüber Minderjährigen, die die Schule besuchen, verantworten läßt und mit meiner Stellung in der Öffentlichkeit zu vereinbaren ist."
Aber dieser Zusatz bezieht sich erkennbar nur auf die Vertragsziffern 9 und 10, in denen lediglich Publicity-Verpflichtungen erwähnt werden. Die Bedingung,_ daß seinen Söhnen der öffentliche Vollzug irgendwelcher Sexualpraktiken nicht zugemutet werde - sozusagen die Geschäftsgrundlage seiner Einwilligung - ließ Willy Brandt, wohl aus Respekt vor der Freiheit der Künste und im Vertrauen auf die "Freiwillige Selbstkontrolle" der Filmindustrie, vertraglich nicht fixieren.
Immerhin hatte auch das fachkundig besetzte, dem Innenministerium attachierte "Kuratorium Junger Deutscher Film" Pohlands Drehbuch, noch in Unkenntnis der Besetzung, am 6. Oktober 1965 förderungswürdig gefunden und damit ein Darlehen von 300 000 Mark aus Staatsgeldern für "Katz und Maus" lockergemacht, das normalerweise nur dann zurückgezahlt werden muß, wenn der Film genügend einbringt.
Hermann Höcherl (CSU), damals Innenminister, unternahm nichts gegen die Gewährung dieser Darlehensprämie. Erst sein Amtsnachfolger Paul Lücke entdeckte, von Beamten des Hauses aufmerksam gemacht, einen sittlich begründeten Widerspruch zwischen Früherotik und Finanzspritze. Woraufhin der Filmreferent des Innenministeriums, Ministerialrat Fuchs, am 22. Dezember 1965 bei Pohlands "Modern Art Film" in Berlin anrief und das Anliegen vortrug, die auf den Drehbuchseiten 49 bis 51 beschriebene Pubertätspassage aus dem Film herauszunehmen. Pohland sagte noch am selben Tag fernschriftlich zu, die beanstandete Szene "in geeigneter Weise zu ändern oder ganz zu streichen".
Aus Gdansk, Gdynia und Umgegend, wo Pohland mit den Brandt-Buben und in Kooperation mit "Film Polski" vom 1. Juli bis 15. August 1966 drehte, kam keine verdachterregende Kunde. Abgesehen von 23 Flohstichen als Andenken an sein Hotel "Dom Marynarza" hatte auch Lars nach Rückkehr nichts Unappetitliches zu melden.
Der fertige Film passierte die "Freiwillige Selbstkontrolle" am 18. November ohne Schnittauflage. Bewertung: Frei ab 18 Jahren, nicht feiertagsfrei.
Zehn Tage darauf, am 28. November, rief eine Dame aus dem Bonner Innenministerium bei Pohland in Berlin an und bat um Übersendung einer Kopie des Films. Wie der Zufall so spielt, war es der nämliche Tag, an dem die Morgenzeitungen meldeten, daß in Bonn die Große Koalition zustande gekommen sei. "Bild"-Schlagzeile: "Jetzt geht's wieder aufwärts!"
Und während das Opus von der "Filmbewertungsstelle Wiesbaden" in der Berufungsinstanz das steuerbegünstigende Prädikat "Wertvoll" bekam ("Filmisch erscheinen dem Ausschuß die Szenen auf dem Boot, auch die Szene der ,männlichen Spiele', mit Delikatesse gemacht zu sein"), reagierte das Innenministerium ganz anders.
Pohland empfing einen vom 6. Dezember datierten Brief des Ministerialrats Fuchs, in dem dieser verärgert schrieb, daß die beanstandete Szene ja nun doch - inhaltlich unverändert - in dem Film enthalten und sittlich anstößig sei. Fuchs erbat Stellungnahme und kündigte sein Kommen an.
Er kam am 13. Dezember und hinterließ bei Pohland und dessen Prokuristen Dietrich Krausser den Eindruck, daß Fuchs "Katz und Maus" samt allen Freigaben und Prädikaten am liebsten überhaupt nicht aufgeführt sehen würde. Jedenfalls beanstandete er jetzt nicht nur eine, sondern vier Sequenzen als unanständig und heischte deren Entfernung.
Wenn die Produzenten sich den amtlichen Änderungswünschen widersetzten - so verstanden die Filmleute den Fuchs aus Bonn -, dann wolle das Innenministerium spornstreichs seine, unter anderen Voraussetzungen gewährten, 300 000 Mark wiederhaben.
Doch während man im Bonner Innenministerium daranging, zu prüfen, mit Hilfe welcher Rechtsmittel die längst ausgegebenen 300 000 Mark von der "Modern Art Film" gegebenenfalls wieder beigetrieben werden könnten, fand Pohland, am 19. Dezember, für "Katz und Maus" einen bei Deutschlands Lichtburgherren renommierten Verleiher: Ilse Kubaschewskis "Gloria". Die Premiere wurde für Anfang Februar in Berlin angesetzt.
In dieser Klemme zwischen dem Staatsinteresse, das sie schon Willy Brandt zuliebe nicht geringschätzen mögen, und dem Anspruch auf künstlerische Freiheit, den sie aber aus Gründen des guten Geschmacks nicht mit voller Wucht vertreten können, fiel den Filmleuten ein finanzieller Ausweg ein.
Pohlapd-Prokurist Krausser: "Wenn der neuen Bundesregierung der Film nicht gefällt, kann sie ihn ja kaufen. Aber sie soll nicht glauben, daß sie die Entwicklung der letzten Monate auf dem Buckel eines kleinen Produzenten austragen kann."
Im Vorspann könnte es, so Krausser, dann heißen: "Sie sehen die entschärfte Fassung des Innenministeriums."
Ritterkreuz-Träger Brandt
Spielt der Sohn des Außenministers ...
"Katz und Maus"-Produzent Pohland
... sittlich anstößige Szenen?

DER SPIEGEL 53/1966
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