19.12.1966

NEU IN DEUTSCHLANDLeichen unter Eichen

Die Nibelungen, 1. Teil (Deutschland). Am Hof zu Worms rasseln die Recken mit Rüstzeug, und König Gunther fragt mahnend den Ankömmling Siegfried: "Ihr seid doch getauft?" Siegfried: "Im Namen des dreifaltigen Gottes." Gunther. "Das macht uns zu Brüdern."
Zehn Jahre lang besann der Filmproduzent Artur Brauner, 48, der Nibelungen Not und Tod. Allensbachs Fragefirma konnte ihm schließlich verkünden, 35 Prozent der befragten Deutschen wollten einen Siegfried-Film sehen, aber Siegfried müsse blond und unbekannt sein.
Aus 14 Test-Blonden wurde der Hammerwerfer Uwe Beyer, 21, gekürt. Die knapp acht Millionen Mark Produktionskosten vertraute Brauner dem Regisseur seiner Wahl an. Brauner: "Wer könnte so etwas besser machen als Harald Reinl?"
Reinl, 58, Dr. jur., Österreicher, zeitweiliger Leni-Riefenstahl-Assistent, hatte schon immer alles gut gemacht - die Heimatfilme ("Rosen-Resli"), die Kriegsfilme ("Die grünen Teufel von Monte Cassino"), die Krimis ("Der Frosch mit der Maske") und die Karl-May -Western ("Winnetou I, II, III"). "Man sollte", empfahl der Cineasten-Kurier
"Cahiers du Cinéma", "sich jährlich einen Reinl-Film ansehen."
Jetzt faßte Reinl wieder Tritt in einer Bewegung - die "Nibelungen" strudeln im Kielwasser der "Herkules" - und "Maciste"-Spektakel, wie sie die Italiener simpel, bunt und leichenreich vormachen.
Reinl hatte beide Nibelungen-Teile (der erste endet mit Siegfrieds Tod) in einem halben Jahr unter jugoslawischen Eichen, in Spanien und auf dem geysirsprühenden Island fabriziert - mit "gutaussehenden Gesichtern, die in die Zeit passen", und seiner Frau Karin Dor als Brunhilde. "Schließlich", erklärt Reinl die Gatten-Wahl, "stand sie bei der Otto-Wahl (der beliebtesten Schauspieler) an achter Stelle."
So geriet ihm das gereimte Helden -Epos (12. Jahrhundert) zum kindlichen Heroen-Kino: Siegfried spielt mit den Muskeln, ein hydraulisch betriebener Drache pufft Feuer aus der Düsen -Nase, Damen in Glanzpapier-Gotik schneiden Gesichter, und Burgunds wortkarger Kriegerverein blickt ernst in die Runde.
Mit Fritz Langs stilisiertem "Nibelungen"-Film des Jahres 1923 - Filmhistoriker Georges Sadoul: "Vorspiel zum Pomp der großen Nürnberger Paraden" - ist der Reinl-Fall nicht zu vergleichen. Nur mit Reinls "Winnetou".
Siegfried-Spieler Uwe Beyer ist "fürs erste ganz froh, tot zu sein".
Beyer in "Die Nibelungen"
Hydraulik für den Drachen

DER SPIEGEL 52/1966
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