27.03.2006

BND„Schweinehunde“ willkommen

Jüngst freigegebene US-Akten belegen, dass im Bundesnachrichtendienst weit mehr NS-Schergen beschäftigt waren als bisher bekannt. Das führte anfangs zu Verwerfungen zwischen konkurrierenden amerikanischen Geheimdiensten.
Agent V-616 hatte eine bewegte Vergangenheit. Er war Sturmbannführer der SS, leitete in den besetzten Niederlanden die Gestapo und befehligte kurzzeitig das Lager Westerbork nahe Groningen - von wo aus Juden in die Gaskammern deportiert wurden.
Der Mann hieß Erich Deppner. Oder auch Egon Dietrich. Oder Ernst Borchert. Heinrich Himmler, der SS-Chef, hatte ihn während des Krieges für höhere Aufgaben empfohlen. Ein solches Avis war für manche NS-Kämpfer zeitlos, auch für Deppner: Er heuerte im neuen Deutschland beim Bundesnachrichtendienst (BND) an, der in der Frühphase "Organisation Gehlen" hieß und dem US-amerikanischen Geheimdienst CIA unterstand.
Deppner alias Dietrich/Borchert alias V-616 - jetzt erst wird sein deutsches Doppelleben enttarnt. Zeitlich passend zum 50. Gründungstag des Bundesnachrichtendienstes am Samstag dieser Woche hat die CIA schubweise Tausende Seiten Akten freigegeben, die in bislang ungekannter Detailfülle den Geburtsfehler des nach dem Zweiten Weltkrieg auferstandenen deutschen Nachrichtendienstes dokumentieren: Er war durchsetzt mit ehemaligen Nazi-Kadern.
Lange ging die zeitgeschichtliche Forschung davon aus, dass der BND und sein Vorläufer gleichermaßen Zuflucht- und Dienststätte für einige Dutzend hochkarätiger Hitler-Schergen gewesen seien. Der langjährige amerikanische Pullach-Aufseher James H. Critchfield erachtete dieses Problem eher "als unbedeutend". Da gab es zwar SS-Standartenführer wie Willi Krichbaum oder Franz Six, der eine der gefürchteten Einsatzgruppen geleitet hatte.
Bekannt war auch, dass SS-Obersturmführer Hans Sommer, der 1941 im besetzten Paris sieben Synagogen sprengen ließ, Unterschlupf beim BND fand, ebenso wie der Eichmann-Adjutant Alois Brunner, der immer noch weltweit wegen hunderttausendfachen Judenmords gesucht wird - Brunner soll als illegaler BND-Resident in Damaskus operiert haben.
"Wir wussten, was wir taten", sagte der CIA-Russland-Experte Harry Rositzke. "Es war unbedingt notwendig, dass wir jeden Schweinehund verwendeten. Hauptsache, er war Antikommunist."
In welchem Ausmaß dies geschah, wird erst allmählich offenkundig. Neue, bislang unbekannte Namen tauchen in den CIA-Akten auf, quer durch alle Repressionsapparate der Nazis, ob Reichssicherheitshauptamt und Militärpolizei, Feldgendarmerie oder Gestapo. Karl Guse beispielsweise, der verdächtigt wurde, Kriegsverbrechen in Russland begangen zu haben. Veteranen aus Ein-
satzgruppen wie Walter Kurreck oder Konrad Fiebig; Letzterem wurde später die Ermordung von 11 000 Juden in Weißrussland angelastet. Alexander Dolezalek hatte in Posen sowie in Lodz Kleidung und Wertgegenstände von NS-Deutschland im besetzten Polen errichteten Vernichtungslagern versilbert. Historiker wie der amerikanische Spezialist Kevin C. Ruffner gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent aller Gehlen-Mitarbeiter der Frühphase in Machenschaften der SS verwickelt waren, bis hin zum Jahrtausendverbrechen Holocaust. Bei einer vermuteten Stärke der Organisation Gehlen von 4000 Mann im Sommer 1949 wären das etwa 400 Mann gewesen.
Der Berufsoffizier Gehlen war einst in Hitlers Wehrmacht zum Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost im Oberkommando des Heeres aufgestiegen; ihr oblag es, die sowjetische Kampfkraft in "Feindlageberichten" zu analysieren.
Als die russischen Panzer und das Ende Großdeutschlands nahten, hatte sich Gehlen Anfang April 1945 mitsamt Stab und seinem einzigartigen Schatz an Informationen über die Rote Armee in die bayerischen Alpen abgesetzt. Dort begab er sich in amerikanische Gefangenschaft.
Der US-Armee schienen Gehlens Wissen und Kontakte so wertvoll zu sein, dass sie ihn bereits 1946 autorisierte, seine alte Dienststelle unter dem Decknamen "Operation Rusty" wiederzubeleben, einschließlich angeblicher Agentennetze im Osten. Bezahlt wurde das Unternehmen zum Teil auf ungewöhnliche Art - nämlich mit Naturalien aus den schier unerschöpflichen Beständen der US-Armee. "Nie gab es finanzielle Probleme", heißt es in einem Report. "Waren aller Art, angefangen von Nylonstrümpfen, Seife und Care-Paketen bis hin zu unzähligen Millionen Zigaretten und Konserven" habe die Organisation Gehlen auf dem Schwarzmarkt verkauft - und damit viel Geld verdient.
Die Existenz des neuen Nachrichtendienstes sprach sich schnell bei jenen herum, die wegen ihrer Nazi-Vergangenheit "gezwungen waren, in der Illegalität zu leben" (US-Geheimdienstbericht). Ihnen bot die Organisation etwas Unbezahlbares: Falsche Ausweispapiere und eine neue Identität. Einmal eingestellt, bestand kaum mehr Entdeckungsgefahr, denn registriert wurden die Mitarbeiter nur unter einer Nummer.
Kritik an Gehlen gab es kaum. "Mich interessiert nicht, ob er mit Ziegen fickt", erklärte drastisch US-Präsident Harry S. Truman einem nachdenklichen Kongressabgeordneten. "Wenn er uns hilft, benutzen wir ihn."
Die US-Armee erkundigte sich zwar halbherzig, ob die Organisation irgendwelche Kriegsverbrecher beschäftigte, forderte aber keine biografischen Angaben über die Agenten. Und Gehlen hütete sich, deren Identität preiszugeben.
Bald betrachteten die amerikanischen Militärs Gehlens Dienst als "die zuverlässigste Quelle an Informationen über die russische militärische Stärke". Als aber der Schwarzmarkt nach der Währungsreform 1948 zusammenbrach, war für Gehlen die Zeit gekommen, sich nach einem neuen Geldgeber umzusehen.
Die kurz zuvor geschaffene CIA war bereit einzuspringen, vor allem weil Gehlen plötzlich auftrumpfen konnte: Seine Angaben über die Anzahl und Standorte der sowjetischen Abfangjäger in der Ostzone während der Berlin-Krise erwiesen sich als unersetzlich, US-Luftwaffengeneral Curtis LeMay nannte sie "ein grundlegendes Element für den Erfolg der Luftbrücke".
Critchfield, der neue CIA-Kontrolleur in Pullach, verlangte schärfer als seine Army-Vorgänger Aufklärung über alle Operationen Gehlens und sämtliche Beschäftigte. Gehlen gewährte ihm nach heftigem Sträuben Einblick in die Personalakten seiner 150 hochrangigsten Mitarbeiter, vornehmlich früherer Wehrmachts- und Abwehroffiziere. Genauer hinschauen wollten die CIA-Leute dann aber nicht.
Misstrauen kam dagegen vom früheren Arbeitgeber, der US-Armee. Deren Abwehrtruppe CIC beobachtete den deutschen Dienst zunehmend voller Argwohn. So hielt das damit beauftragte Team um Thomas Wesley Dale es für "einen der größten nachrichtendienstlichen Fehler der USA", den Gehlen-Dienst je übernommen zu haben. Gehlens Methoden seien veraltet, "sein System der Nachrichtenübermittlung ist primitiv, und seine Sicherheitsvorkehrungen sind gleich null. Die Gefahr, dass sein Dienst penetriert würde, bestand vom ersten Tag."
Wie richtig das Dale-Team lag, zeigte sich bald. Als ein in die Organisation Gehlen eingeschleuster DDR-Spion im Oktober 1953 aus Furcht vor Enttarnung nach Ost-Berlin floh, wurden innerhalb weniger Stunden etliche westdeutsche Agenten in der DDR verhaftet. Später bat das Ministerium für Staatssicherheit zu Pressekonferenzen, in denen mehr Informationen über Gehlens Dienst präsentiert wurden, als die Verhafteten hätten verraten können. Seither war klar, dass es weitere Spione in der Organisation geben musste.
Gehlens politischer Ehrgeiz und sein mangelndes Risikobewusstsein drohten darüber hinaus, das gesamte westdeutsche Staatswesen verwundbar zu machen. Denn wie ein Krake streckte seine Organisation ihre Arme in den Sicherheitsapparat und die Machtzentren der Bundesrepublik aus.
Der Oberagent sei "machthungrig, karrieresüchtig und ähnlich wie Ignatius von Loyola dazu fähig, Personen, die er heute als politische und persönliche Freunde bezeichnet, morgen zu ermorden". Diese Charakterisierung stammte zwar aus der Feder eines Ostspions, wurde vom CIC aber interessiert zur Kenntnis genommen. Denn auch das CIC zeichnete das Bild eines besessenen nationalistischen Geheimdienstchefs, der sich entgegen allen Abmachungen nicht an die in Demokratien übliche Trennung von Staatsschutz im Innern und Spionageoperationen nach außen halten wollte. Stattdessen erstrebte er einen Supergeheimdienst, der alle Dienste in einer Hand, nämlich seiner Hand, vereinen sollte.
Um diese Entwicklung abzuwenden, schlug das CIC dem Generalstab der US-Armee in Stuttgart im Februar 1954 eine allumfassende Gegenspionageaktion vor - so, als ginge es gegen einen feindlichen Geheimdienst. Hauptfigur in dieser Geheimdienstintrige war ein Mitarbeiter der Spionageabwehrstelle in Karlsruhe, Ludwig Albert. Gegen Bezahlung versorgte Albert das CIC mit Informationen über Gehlens Personal und andere Interna des Dienstes.
Albert konnte berichten, dass Gehlen nach dem Fiasko in der DDR längst selbst ungeduldig nach dem Spion in den eigenen Reihen fahndete. Schon im Juni 1954 konzentrierte sich der Verdacht auf eine Person: Heinz Felfe alias Hans Friesen.
Der ehemalige SS-Obersturmführer arbeitete seit 1951 in Gehlens Spionageabwehr, dem sensibelsten Bereich des Dienstes, wie eine ganze Seilschaft früherer SD-Leute auch. Doch auf den Antibolschewismus der Altnazis konnte man sich nicht mehr verlassen. In Gehlens Büro auf der Verastraße in Stuttgart betrieben die alten Kameraden eine florierende Außenstelle des KGB.
Der Verdacht, dass es sich bei Felfe und der "SD-Clique" um "Feinde" des Dienstes handelte, wuchs ständig. Doch Gehlen handelte nicht entschlossen. "Frustriert" sah Albert daher keine andere Möglichkeit, wie er seinem Auftraggeber weismachte, als über das CIC von außen "Druck auf die Spitze der Gehlen-Organisation auszuüben, die bitternötigen Veränderungen in den Sicherheitsvorkehrungen herbeizuführen".
Der Plan schlug fehl: Wie sich erwies, war auch Albert im Auftrag östlicher Schlapphüte tätig. Und das CIC stand plötzlich blamiert da, weil es gegen den Partnerdienst CIA operiert hatte und dabei selbst einem feindlichen Agenten aufgesessen war.
Bis Heinz Felfe das Handwerk gelegt wurde, vergingen noch sechs Jahre - ungehindert konnte er während dieser Zeit etliche Staatsgeheimnisse an das KGB verraten. 1963 wurde er zu 14 Jahren Haft verurteilt und 1969 ausgetauscht, heute lebt er in Berlin. Die anderen Doppelagenten und NS-Chargen blieben ungeschoren, auch nachdem die Organisation 1956 von den Amerikanern an die Deutschen überging.
Auch Agent V-616 versah unbehelligt seinen Dienst beim BND, noch jahrelang. GEORG BÖNISCH, AXEL FROHN
* 1951 mit CIA-Kontrolleur Critchfield in New York.
Von Georg Bönisch und Axel Frohn

DER SPIEGEL 13/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BND:
„Schweinehunde“ willkommen

Video 01:37

Höhle in Thailand Neue Animation zeigt Details der Rettung

  • Video "Die Nato und das aggressive Montenegro: Wie Trump den Bündnisfall infrage stellt" Video 01:50
    Die Nato und das "aggressive" Montenegro: Wie Trump den Bündnisfall infrage stellt
  • Video "Verwirbelt: Qualle verfängt sich in Luftkringel" Video 00:54
    Verwirbelt: Qualle verfängt sich in Luftkringel
  • Video "Trumps Auftritt und seine Folgen: Chaostage im Weißen Haus" Video 03:37
    Trumps Auftritt und seine Folgen: "Chaostage im Weißen Haus"
  • Video "Forscher entwickeln Unterwasserroboter: Sanfter Fangarm für Qualle und Co." Video 01:40
    Forscher entwickeln Unterwasserroboter: Sanfter Fangarm für Qualle und Co.
  • Video "Riskanter Stunt: Mountainbiker springt über Tour de France-Gruppe" Video 00:33
    Riskanter Stunt: Mountainbiker springt über "Tour de France"-Gruppe
  • Video "Licht aus für Trump: Der Versprecher, die Ausrede, das Desaster" Video 03:37
    Licht aus für Trump: Der Versprecher, die Ausrede, das Desaster
  • Video "Rettungsaktion: Helikopterpilot wagt spektakuläres Manöver" Video 01:27
    Rettungsaktion: Helikopterpilot wagt spektakuläres Manöver
  • Video "Wetterphänomen Habub: Frau von plötzlichem Sandsturm eingeschlossen" Video 01:47
    Wetterphänomen "Habub": Frau von plötzlichem Sandsturm eingeschlossen
  • Video "Land unter in Alcúdia: Mini-Tsunami auf Mallorca" Video 01:02
    Land unter in Alcúdia: Mini-Tsunami auf Mallorca
  • Video "Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe" Video 01:11
    Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe
  • Video "Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet" Video 03:06
    Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet
  • Video "Schwarzenegger zu Trump: Weichgekochte Nudel, Fanboy!" Video 01:07
    Schwarzenegger zu Trump: "Weichgekochte Nudel, Fanboy!"
  • Video "Amateurvideo von Hawaii: Lava-Bombe trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte" Video 01:52
    Amateurvideo von Hawaii: "Lava-Bombe" trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte
  • Video "Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf" Video 01:06
    Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf
  • Video "Höhle in Thailand: Neue Animation zeigt Details der Rettung" Video 01:37
    Höhle in Thailand: Neue Animation zeigt Details der Rettung