27.03.2006

RHETORIKGestammelte Werke

Hingerichtete Blumen, heranwachsende Bahnhöfe - im Internet erheitern sich Hunderttausende an den Rumpelreden des bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber.
Die Homepage der bayerischen SPD-Landtagsfraktion gehörte lange zu den vernachlässigten Informationsquellen im weltweiten Netz. Bürger verirrten sich selten auf die lieblos gestaltete Internet-Seite. Allenfalls Parteimitglieder nutzten das Forum, um ihre Wahlniederlagen und gescheiterten Gesetzesinitiativen im tiefschwarzen Bayern zu beklagen.
Doch plötzlich ist der Andrang groß - dem politischen Gegner sei Dank. Neuerdings lassen sich bei der bayerischen SPD nicht nur Stellungnahmen der eigenen Leute abrufen, sondern auch ausgewählte Beiträge des CSU-Chefs Edmund Stoiber. Ein Mausklick reicht, schon ertönt die Stimme des Ministerpräsidenten. "Unsere Leute", berichtet ein Sozialdemokrat, "sind total begeistert."
Die bayerischen Genossen sind nicht die einzigen Stoiber-Fans im Internet. Dutzende Betreiber von Online-Seiten, vom Heise-Verlag bis www.cartoonland.de, bieten seit einigen Wochen den für seine Stolpersätze berüchtigten CSU-Chef ("in die gludernde Lot, in die gludernde Glut, in die lodernde Flut ...") im O-Ton an. Die Technik sorgt dafür, dass sich jedes neue Fundstück mit rasendem Tempo verbreitet.
Lauschen, lachen, weiterleiten: Seit Schnappi, dem kleinen Krokodil, hat die Internet-Gemeinde nicht mehr so viel Spaß gehabt wie mit Edi, dem einst großen Kanzlerkandidaten der Union. Hunderttausende delektieren sich am Mitschnitt einer Stoiber-Rede, in der dieser von seinen morgendlichen Freuden berichtet. "Ich hab's mir angewöhnt, dass ich jeden Tag in der Früh in den Garten schau und vielleicht eine Blume hinrichte", bekennt Stoiber darin. "Ansonsten sag ich meiner Frau, was ich alles tun würde, und dann macht sie es beziehungsweise mit dem Gärtner zusammen."
Ähnlich beliebt ist ein Lobgesang auf den Transrapid, der alsbald den Münchner Hauptbahnhof mit dem Flughafen verbinden möge: "Das bedeutet natürlich, dass der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern, an die bayerischen Städte heranwächst", so Stoiber, "weil das ja klar ist."
Da brechen dann auch Parteifreunde in herzliches Gelächter aus. Die Mitarbeiter der CDU-Parteizentrale im Konrad-Adenauer-Haus beömmeln sich ebenso ungeniert über Stoibers Rumpelreden wie Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer. In der bayerischen Staatskanzlei wandern Stoibers gestammelte Werke von Computer zu Computer - kein Wunder, ist der Hofstaat vom fortschrittsbegeisterten neuen Amtschef Eberhard Sinner ("Die Kommunikation läuft by E-Mail") doch gehalten, neue Medien einzusetzen.
Manch Scherzbold sieht sich gar herausgefordert, Stoibers Einlassungen künstlerisch zu veredeln. Der Münchner Radiosender Charivari produzierte einen "Transrapid-Song" ("Ede, jetzt musst du dich sputen"). Es gibt die "Technoversion" eines "Databoy78" und die mit entspannten Beats unterlegte Variante eines "Peter Presto". Das MDR-Fernsehmagazin "Fakt" setzte die Transrapid-Rede in einen Trickfilm um, der - munter kopiert - natürlich umgehend durchs Internet geisterte.
Dass es sich um älteres Stoiber-Material handelt, tut der Begeisterung keinen Abbruch. Die bayerischen Grünen bieten auf ihrer Homepage einen "Oldie aus der Bundestagswahl" an: eine Rede, in der Stoiber im vergangenen Sommer über die
angeblich frustrierten Ostdeutschen hergezogen war. Zünftige Blasmusik im Hintergrund verleiht seinen Worten zusätzlichen Schwung.
Für Stilblüten war der Ministerpräsident ja schon öfter gut. Ob zur Bevölkerungspolitik ("Wenn heute eine Familie ein Kind bekommt, eine Frau mit ihrem Mann oder umgekehrt"), zur EU-Verfassung ("Wer hat die Kompetenz-Kompetenz, die Kompetenz-Kompetenz?") oder zu Fragen der Verhandlungstaktik ("Ich möchte im Konsens Lösungen erzwingen") - in Sachen Stoiber sind die Schallarchive sehr ergiebig. Auch Schnipsel aus alten Fernsehsendungen, in denen Stoiber die Moderatorin Sabine Christiansen versehentlich mit "Frau Merkel" anredet und Gattin Karin mit "Muschi", werden lustvoll wieder hervorgekramt.
Als besonders heiße Ware gelten Aufnahmen von Journalisten, die Stoiber einmal im Hintergrundgespräch erlebt haben. Eigentlich dürften derlei Mitschnitte nie in der Öffentlichkeit auftauchen. Gleichwohl amüsiert man sich in ausgewählten Kreisen köstlich darüber, wie es dem Bayern auch beim sechsten Versuch nicht gelingt, das Wort "Kohäsionsfonds" auszusprechen - und er irgendwann beim "Konfusionsfonds" landet.
Stoiber selbst nimmt's scheinbar gelassen. Klaglos erduldete er, als ihn der Kabarettist Bruno Jonas vorvergangene Woche beim traditionellen Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg als "große, schwarze Null" bezeichnete. Er sei ja "inzwischen einiges gewohnt", gab Stoiber zu Protokoll.
Der Mann versteht schließlich Spaß. "Wir beide, wir haben Humor", hatte Stoiber einst über sich und seine Frau bekannt: "Sie in der Praxis, ich in der Theorie."
ALEXANDER NEUBACHER
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 13/2006
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