27.03.2006

Der Richtungsstreik

Ortstermin: In Stuttgart steht ein Streikführer zwischen den Fronten.
Der Doktor betritt den Saal im schwarzen Mantel, er hat die Augen eines Mannes, der keinen Schlaf findet. Es ist eine komplizierte Operation, vielleicht seine schwierigste, er darf keinen Fehler machen. Er stellt seine Tasche ab, seine Hände sind ruhig.
Es ist die siebte Woche im Arbeitskampf im Öffentlichen Dienst Baden-Württembergs, und in einem verrauchten Saal des Gewerkschaftshauses in Stuttgart tritt Dr. Thomas Böhm vor die Streikenden. Er ist Personalratsvorsitzender des Klinikums Stuttgart, 6000 Menschen arbeiten in den vier Krankenhäusern des Klinikums, die meisten von ihnen Schwestern, Pfleger, Putzfrauen, die Bodentruppen des Gesundheitssystems. Böhm soll für sie den Kampf gewinnen.
Vordergründig geht es um 18 Minuten. Das ist die Zeit, die sie jeden Tag länger arbeiten sollen, 40 Stunden in der Woche statt 38,5. In Wahrheit geht es um grundsätzlichere Fragen, um Arbeitsplätze, um Zukunft.
Böhm und die Gewerkschaft haben sich in einer schwierigen Zeit für den Kampf entschieden. Er findet vor einem Publikum statt, das sich mit Einschnitten abgefunden hat, in einem Land, in dem jeder Vierte mehr als 39 Stunden in der Woche arbeitet. Es ist ein Abwehrkampf. Es geht nicht nur um die Zukunft der Arbeit, sondern auch um die der Gewerkschaften.
Intellektuell ist dieser Kampf für Böhm nicht ohne Reiz. Er arbeitete 20 Jahre als Chirurg, bevor er vor 4 Jahren den Vorsitz des Personalrats übernahm. Anfangs operierte Böhm abwechselnd im Krankenhaus und im Gewerkschaftshaus, dann ließ er sich freistellen. Er war gern Arzt, doch die politische Auseinandersetzung faszinierte ihn schon während des Studiums. Er suchte Antworten auf die großen Fragen. "Eigentlich", sagt Böhm, "hab ich's wegen Ché Guevara gemacht und Leuten wie Rudolf Virchow. Der hat mal gesagt: 'Politik ist Medizin im Großen.'"
Ché Guevara, Rudolf Virchow, Salvador Allende. Ärzte waren für Böhm immer die wahren Visionäre, die Verfechter einer sozial gerechten Politik. Er sah eine Logik darin, eine natürliche Neigung zur Solidarität. "Es gibt wenige Berufe", sagt Böhm, "in denen man die Folgen seines Handelns so unmittelbar erlebt."
Es ist die Ironie dieses Kampfes, dass sich die Ärzte in Böhms Klinikum nicht an ihm beteiligen. Sie warten noch. In den Landeskrankenhäusern und Universitätskliniken streiken sie inzwischen, doch sie kämpfen ihren eigenen Kampf. Sie sind bereit, länger zu arbeiten, und sie wollen mehr Geld. Wenn sie es bekommen, befürchtet Böhm, wird es seinen Leuten weggenommen. "Da ist ein Knacks drin", sagt er, als ließe sich dieser Bruch eingipsen.
Es war noch dunkel, als Böhm vor sieben Wochen den Kampf aufnahm. Er hatte schlecht geschlafen in der Nacht, um halb fünf war er aufgestanden und hatte sich auf den Weg in das Katharinenhospital gemacht. Er stand vor dem Portal im eisigen Wind und fror, um ihn herum wurden Transparente ausgerollt. Es war der erste Streik im Land, es ging darum, eine Linie zu ziehen, hinter die niemand zurückfallen sollte.
Böhm und seine Leute zogen durch die Innenstadt und riefen: "Lasst die 40 Stunden sein, sonst heizen wir euch kräftig ein!" Auf der Kundgebung vor dem Rathaus stieg er auf die Ladefläche eines Lastwagens und hielt eine klassenkämpferische Rede. Böhm sprach vom Recht auf Arbeit und menschengerechten Arbeitsbedingungen, von den Armen und Alten, von Lohnraub und Lügen.
An jenem Morgen wirkte er wie ein Mann, der überzeugt war, auf der richtigen Seite zu stehen. Vier Wochen später stand Böhm zwischen den Fronten. Die Streikenden zogen zum Schlossplatz, sie waren jetzt Tausende, unterwegs erzählte er, welchen Druck die Chefärzte auf seine Leute ausübten. Mit welchen Methoden sie seinen Kampf untergruben. Sie schürten den Zorn der Patienten, indem sie Operationen auf Streiktage legten und die Patienten dann wieder nach Hause schickten. "Die lassen uns auflaufen", sagte Böhm.
Er war sehr vorsichtig geworden, er wollte im Krankenhaus keine Interviews geben. Böhm fürchtete, die Klinikleitung könnte ihm einen Strick daraus drehen.
An jenem Tag kam Frank Bsirske nach Stuttgart. Der Ver.di-Chef trug einen schönen erdfarbenen Mantel und redete, bis der Schlossplatz halbleer war. "Ich glaube, er will abschließen", sagte Böhm. Hinter der Bühne gab Bsirske Autogramme, er sah aus wie ein Popstar. Böhm ging auf ihn zu und beschwor ihn, nicht nachzugeben.
Sieben Wochen sind vergangen, seitdem Böhm vor dem Katharinenhospital stand und den Kampf aufnahm. Es hat sich nichts geändert, das Krankenhaus wirkt so gespenstisch wie an jenem Morgen. Patienten schlurfen in Bademänteln umher wie Passagiere auf einem verlassenen Schiff. Irgendwo läutet ein Telefon, niemand hebt ab. Im Schaufenster des Andachtsraums liegen zerknitterte Zettel, als seien sie vom Himmel gefallen. Auf einem steht: "Es gibt ein erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche." Es klingt wie eine Botschaft der Arbeitgeber.
Im Gewerkschaftshaus steht Böhm an diesem Morgen zwischen den Streikenden und versucht, ihnen Mut zu machen. Als der Kampf begann, streikten sie jede Woche einen Tag mehr, von Montag an vorwärts. Nach sieben Wochen sind ihnen die Tage ausgegangen, sie haben wieder neu angefangen, von Freitag nach hinten, sie streiken jetzt rückwärts.
Es ist ein schönes Symbol für den Richtungsstreit. Die Ärzte kämpfen für mehr Geld, der Arzt Böhm kämpft gegen mehr Arbeit. Er ist Chirurg, aber diesen Bruch kann er nicht heilen. MARIO KAISER
Von Mario Kaiser

DER SPIEGEL 13/2006
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