27.03.2006

ISRAELDer Stellvertreter

Einst hat Ehud Olmert den mächtigen Premier Ariel Scharon herausgefordert, in dieser Woche nun soll er sein Nachfolger werden. Zur Wahl tritt er mit einem klaren Programm an.
Ein vertrautes Gespräch, in dem sich ein Lebender an einen Bewusstlosen wendet, eine Art Geisterbeschwörung also, das hatte es im israelischen Wahlkampf noch nicht gegeben - bis sich der amtierende Regierungschef Ehud Olmert vorige Woche mit der Bitte um Beistand direkt an den seit zwölf Wochen im Koma liegenden Ariel Scharon wandte. In einem Wahlwerbespot beschwor er den bewusstlosen General a. D.: "Ich möchte zu Arik sprechen."
Die Ausstrahlung des kurzen TV-Streifens war als Abschluss einer Wahlkampfstrategie gedacht, die darauf abzielte, die Sympathien für den Noch-Premier Scharon möglichst vollständig auf dessen voraussichtlichen Nachfolger zu übertragen. Ob es der Chefsessel am Kabinettstisch war, den Olmert in demonstrativer Bescheidenheit zunächst freiließ, oder die Interviews, in denen er behauptete, Scharon habe ihn vor dem Schlaganfall zu seinem politischen Erben auserkoren: Stets ging es darum, den Wählern zu suggerieren, dass nichts gegen Scharons letzten Willen geschieht.
Den aber kennt niemand. Wer weiß schon, wie Scharon zum Beispiel auf den
Wahlsieg der militanten Palästinenserorganisation Hamas reagiert hätte? Glaubt man den Ärzten, wird man es auch nie erfahren. Scharon wird künstlich ernährt, mitunter sogar beatmet. Sein Körper stirbt langsam. Vor ein paar Wochen mussten ihm die Ärzte ein Drittel seines Dickdarms herausschneiden. Jede weitere Operation kann Scharons Leben beenden. "Ich habe lange für seine Genesung gebetet", sagte Olmert im Fernsehen, "jetzt erbitte ich seinen Segen für meinen Weg."
Wenn der 60-Jährige an diesem Dienstag wie vermutet die Wahl gewinnt und den Auftrag zur Regierungsbildung erhält, ist dies nicht das Ergebnis einer sorgsam geplanten Karriere, sondern Folge einer Verkettung äußerst glücklicher Umstände.
Keiner hätte vor drei Jahren gedacht, dass der Wirtschaftsjurist Olmert eine politische Zukunft vor sich habe. Gerade noch so war er damals auf einen der hinteren Listenplätze für den rechten Likud-Block ins Parlament gerutscht. Er hatte gegen Scharon für den Parteivorsitz kandidiert und kläglich verloren. Olmert war im zehnten Jahr Bürgermeister von Jerusalem und galt als gescheitert - in der Stadt wuchs die Armut, und die politischen Spannungen nahmen zu.
Dass er trotz des fast aussichtslosen Listenplatzes, mit dem ihn die Partei bestraft hatte, ins Parlament einzog, verdankte er Scharons fulminantem Wahlsieg. Erst sollte er Finanzminister werden, aber Scharon brauchte den Posten, um seinen Rivalen Benjamin Netanjahu ruhigzustellen. Als Entschädigung erhielt Olmert einen Titel, der im Ausland imponieren mag, in Israel aber noch nie Geschichte gemacht hat: Stellvertreter des Premierministers.
Was dann passierte, hatte niemand vorhersehen können. Völlig überraschend entschied sich Scharon für den Abzug aller Siedler aus dem Gaza-Streifen, die Hardliner um Netanjahu verließen die Regierung. Scharon erwirkte Neuwahlen, kehrte dem Likud den Rücken und kam gerade noch dazu, die neue Partei Kadima zu gründen. Dann erlitt er zwei Schlaganfälle und fiel ins Koma.
Das Unglück traf seine Anhänger im denkbar schlechtesten Augenblick. Der Wahlkampf hatte bereits begonnen, aber Regeln für die Suche nach einem Nachfolger gab es nicht, geschweige denn Zeit für Personaldebatten. Der Einzige, der sich kraft seines Titels auf ein Recht zur Nachfolge berufen konnte, war Olmert. Scharon wurde diskret von der Wahlliste gestrichen, seinen Platz nahm Olmert ein.
In der Zentrale der Kadima-Partei in Petach Tikwa bei Tel Aviv riecht es nach frischer Farbe. Aus den Lautsprechern dringt die Wahlkampfmelodie der Partei, eine poppige Abwandlung der israelischen Nationalhymne. Es ist einer der ersten Auftritte von Olmert als Parteichef. Hinter ihm hängt ein großes Foto von Scharon. "Kadima Israel" heißt es darauf, "Vorwärts, Israel". Aber wohin, fragen sich die anwesenden Parteimitglieder.
Scharon hinterlässt kein politisches Testament. Niemand weiß, ob er nach dem Gaza-Abzug weitere Siedlungen räumen
lassen wollte. Olmert kann diese Unschärfe geschickt nutzen. "Auch wenn Arik uns keine genauen Anweisungen mehr geben konnte, wissen wir doch, was er von uns erwartet", verspricht er in seiner angenehmen Baritonstimme. Er ist der perfekte Stellvertreter.
Doch von Woche zu Woche gewann seine Politik an Kontur, am Ende stand ein Programm, das so klar wohl noch kein Ministerpräsident vor ihm verkündet hatte: Der größte Teil des Westjordanlandes würde geräumt, drei Siedlungsblöcke blieben unter israelischer Hoheit, 2010 würden die Grenzen des jüdischen Staates feststehen. Er will das so durchziehen, am liebsten ohne die Palästinenser. Der Aufstieg der Hamas kommt ihm dabei höchst gelegen.
Anders als Scharon, der sich erst spät zum Gaza-Abzug durchrang, wird Olmert von Einsichten getrieben, die über lange Zeit gereift sind. Bereits Ende der achtziger Jahre traf er sich mit den PLO-Funktionären Feisal al-Husseini und Sari Nusseiba und verfasste ein Papier, das als Basis für Friedensgespräche hätte dienen können - von Rivalen wie Scharon damals aber kategorisch abgelehnt wurde. "Olmert hat diesen Weg schon verfolgt, als Scharon noch lange nicht so weit war", sagt sein langjähriger Weggefährte Dan Meridor.
Für Scharon erfüllte Olmert die Funktion eines Vorkosters. Häppchenweise testete er, welche Pläne dem Volk schmeckten und welche ungenießbar waren. Erstmals sprach er im Dezember 2003 in einem Interview über die Politik der "Loslösung" von den Palästinensern. "Olmert gibt Gebiete auf" titelte die Zeitung. Die Entrüstung hielt sich in Grenzen, der Test war erfolgreich.
Es gab schon einmal ein Duo in der israelischen Politik, das eine ähnliche Arbeitsteilung pflegte: Jizchak Rabin und Schimon Peres. Rabin war der hochdekorierte Soldat, von dem die Israelis glaubten, dass er nichts tun würde, was die Sicherheit des Landes gefährde. Peres' Aufgabe war es, Premierminister Rabin von der Notwendigkeit eines Kompromisses mit den Palästinensern zu überzeugen.
In Peres' Büro in Tel Aviv hängen viele Fotos aus jener Zeit: Peres und König Hussein von Jordanien, Peres und Jassir Arafat, Peres und Rabin. Der mittlerweile 82-Jährige hat sie alle überlebt.
Auch ihm bot sich einst die Chance, einen Ministerpräsidenten zu beerben. Nach dem Mord an Rabin im November 1995 drängten ihn seine Parteifreunde zu Neuwahlen. Aber Peres wollte nicht mit Fotos des Ermordeten den Wahlkampf bestreiten, er wollte aus eigener Kraft gewinnen. Peres zögerte, es kamen die ersten Selbstmordanschläge der Palästinenser, und am Ende verlor seine Arbeitspartei gegen den Likud.
Sein Ego steht Peres oft im Weg. In der Partei wollten sie ihn nicht mehr, daher wechselte er zu Kadima. Voller Respekt spricht er von Scharon, mit ihm befand er sich auf gleicher Augenhöhe. Jetzt muss er sich Olmert unterordnen, und das fällt ihm erkennbar schwer.
Neulich traf sich Peres mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Olmert hatte ihn gebeten, das Treffen abzusagen, aber Peres dachte gar nicht daran. Dann möge er aber keine aktuellen politischen Fragen erörtern, bat Olmert. Peres' Gesicht verzieht sich zu einem Grinsen. "Natürlich habe ich mit Abbas über alles gesprochen. Glaubt jemand im Ernst, wir würden uns über Frauen unterhalten?" Aber es nötigt einem Überzeugungstäter wie Peres Respekt ab, wie sich Olmert vom kompromisslosen Falken zum Befürworter einer Zwei-Staaten-Lösung gewandelt hat. "Das ist schon revolutionär", gibt er zu.
Wer herausfinden will, was Olmerts Kehrtwende bewirkt hat, muss in den Norden Tel Avivs fahren, in die Hochburg der Linken und Liberalen. Hier, in der Ferdinand-Lassalle-Straße, lebt das Ehepaar Lapid. Tommi, 75, Holocaust-Überlebender und langjähriger Führer der liberalen Schinui-Partei, und Shulamit, 72, eine erfolgreiche Schriftstellerin.
Seit 20 Jahren sind die Lapids mit dem Ehepaar Olmert befreundet. Jeden Sabbat treffen sie sich zum gemeinsamen Plausch. "Ehud ist als Revisionist angetreten", erzählt Tommi Lapid: "Er träumte von Groß-Israel." Als Olmert 1993 Bürgermeister von Jerusalem wurde, versuchte Tommi seinen Freund davon zu überzeugen, dass Israel auf die arabischen Teile der Stadt verzichten müsse. Er stieß auf taube Ohren.
Ein paar Jahre später, im Sommer 2003, sagt Olmert einen Satz, den Tommi Lapid sich gemerkt hat: "Um die jüdische Bevölkerungsmehrheit von Jerusalem zu sichern, müssen wir auf die arabischen Stadtteile verzichten." Da wusste Lapid: "Ehud hatte verstanden. Er hatte verstanden, dass wir nicht über ein Volk herrschen können, das uns nicht will."
Niemand aber habe Olmert mehr verändert als seine Familie. Seine Frau Alisa, eine Theaterautorin, tritt seit dem Sechstagekrieg 1967 für die Rückgabe der damals besetzten Gebiete ein. Der ältere Sohn verweigerte den Dienst in den Palästinensergebieten, der jüngere leistete gar keinen Wehrdienst. Eine seiner drei Töchter engagiert sich in einer propalästinensischen Menschenrechtsorganisation.
Früher schadete es Olmert, dass Frau und Kinder politisch links von ihm stehen. Heute aber, wo Olmert den Anspruch erhebt, die politische Mitte der Gesellschaft zu vertreten, nützen ihm die Berichte über seine andersdenkende Familie.
Die regelmäßigen Treffen mit seinen Kindern dienen Olmert als Seismograf für Volkes Stimmung. In den letzten Jahren sind die Ausschläge auf der häuslichen Kritik-Skala allerdings immer schwächer geworden. "Früher haben mich meine Kinder nicht gewählt", erzählt Olmert mit spürbarem Stolz. "Aber dieses Mal werden sie es wohl tun." CHRISTOPH SCHULT
* Mit Außenministerin Zipi Livni und Verteidigungsminister Schaul Mofas.
Von Christoph Schult

DER SPIEGEL 13/2006
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