03.04.1967

BUNDESWEHR / BUCHSWeiß alles

Hitlers Generale in der Bundeswehr sind pass& Die letzten Obersten stehen schon auf dem Aussterbe-Etat. Die Majore ergreifen die Macht.
An ihrer Spitze rückte der großdeutsche Major a. D. und bundesdeutsche Generalmajor Herbert Büchs beim Beförderungsschub am 1. April zum
> Generalleutnant,
> stellvertretenden Generalinspekteur
und
> Leiter der Abteilung "Streitkräfte" im Bundesverteidigungsministerium auf.
Jüngere Kameraden nennen ihn "Wunderknabe mit Elektronenhirn", ältere schränken ein: "Klug, aber ohne Profil." Seine Gehilfen sind ihm gram, weil er immer alles, was sie ihm nach emsiger Wühlarbeit vortragen, schon weiß.
Am 20. November 1913 als Sohn eines Zigarrenkaufmanns in Beuthen/ Oberschlesien geboren, absolvierte Büchs dort 1933 an der Städtisch-Katholischen Oberrealschule das Abitur "mit Auszeichnung". Es folgten vier Semester Volkswirtschaft an den Universitäten Graz und München.
Als Göring 1935 die bis dahin getarnte Luftwaffe offen zur Schau stellte, wurde Büchs Kampfflieger, 1937 Leutnant. Die Neuaufstellungen des neuen Wehrmachtteils brachten es mit sich, daß er in den Friedensjahren bis 1939 zwölfmal die Garnison wechselte.
Es war in Celle, wo Büchs, der Musik liebt, Schallplatten kaufen wollte. Im Musikalienladen stand ein Steinway-Flügel. Büchs faßte einen neuen Entschluß: Er verzichtete auf die Schallplatten und kaufte den Flügel.
"Dann erst fiel ihm ein, daß seine Leutnantsbude den Flügel nicht faßte. Jeden Abend kam er zum Üben ins Geschäft. Im Kasino hieß der Alleinunterhalter "Peter Kreuder".
Bei Kriegsausbruch fungierte er feindfern als Einsatzoffizier (Geschwader-Ia), aber am 22. Juni 1941, dem ersten Angriffstag gegen die Sowjet-Union, kam er ins Feuer. Der Geschwader-Kommodore wünschte den befohlenen Tiefangriff mitzufliegen, der Geschwader-Ia setzte sich hinter den Steuerknüppel.
In der Gegend von Wilna schoß ein Sowjet-MG den rechten Motor der zweimotorigen Ju 88 in Brand und zerschmetterte Büchs den rechten Arm. Der Blessierte brachte die Maschine bis Insterburg zurück. Das Klavierspiel ersetzte er fortan durch Briefmarkensammeln.
Nach fünf Monaten Lazarett begann das Kommando auf der Luftkriegsakademie in Berlin. Resultat: Hörsaal-Primus.
Über mehrere Stationen im Truppengeneralstab und nach kurzem Training im Vorzimmer des Generalstabschefs der Luftwaffe erklomm Büchs am 1. November 1943 die allerhöchste Kommandostufe: Generalstabsoffizier der Luftwaffe beim Chef des Wehrmacht-Führungsstabes im Führerhauptquartier.
Fast täglich trug er Hitler die Luftlage vor, Verluste über Verluste, die der Kriegsherr mit gallebitterem Spott quittierte. Die Briefmarken halfen Büchs in den Nächten über Schlaflosigkeit hinweg.
Wenige Tage nach dem 20. Juli 1944 -- Stauffenbergs Bombe hatte Büchs nicht versehrt -- duldete Hitler nur ihn als Zeugen eines erlesenen Spektakels. Mit erhobenen Fäusten stürzte der Führer auf seinen Reichsmarschall Göring zu: "Sie werden es noch so weit bringen, daß Sie mir eines Tages melden, die Luftwaffe habe ihren letzten Jäger verloren, aber immer noch die besten Piloten der Welt."
Am 6. November des gleichen Jahres war Büchs das Angriffsziel Hitlers: Die Luftwaffe operiere mit irreführenden Erfolgs- und Verlustmeldungen. Büchs setzte sich mit genauen Zahlen zur Wehr. Hitler: "Wie er (Göring) neulich hier war, hatte er noch nicht einmal eine Ahnung, daß unsere Verluste größer sind, weil man durch diese verfluchten Nichtlande-Meldungen das ganze Bild verpfuscht."
In den Nichtlande-Meldungen führte die Luftwaffe die Zahl jener eigenen Maschinen auf, die noch nicht als Totalverlust festgestellt und abgebucht, in der errechneten Flugzeit aber auch noch nicht wieder gelandet waren: Es waren, wie sich stets hinterher herausstellte, zu 90 Prozent Totalverluste.
Während der Ardennenoffensive Ende 1944/Anfang 1945 empfing die Luftwaffe den Todesstoß. Mehr als 900 Maschinen starteten zum Unternehmen "Bodenplatte" gegen die alliierten Absprungplätze in Belgien und Nordfrankreich.
Göring meldete sich mit renoviertem Selbstvertrauen im Hauptquartier. Zu Büchs: "Was wollen Sie vortragen?" Büchs zeigte auf die letzten Meldungen. Göring: "Ich trage selber vor."
Der Reichsmarschall verkündete seinem Führer Sieg. Hitler sah gleichsam durch ihn hindurch: "Sind Sie fertig, Göring?" und ohne eine Antwort abzuwarten: "Büchs, die Luftlage!"
Büchs: "300 Maschinen sind vermißt."
Nach dem Krieg half Büchs den Amerikanern, die Kriegsgeschichte zu ordnen. Alsdann führte er in einem Ingenieur-Büro, das im Nahen Osten Straßen und Hospitäler baute, die kaufmännischen Geschäfte. Erst im November 1957, zwei Jahre nach dem Start der Bundeswehr, war er wieder Soldat: Hörsaal-Leiter "Luftwaffe" und Taktiklehrer an der Führungsakademie.
Beim Planmanöver der Gesamtstreitkräfte im Frühjahr 1961 spielte Büchs den Doppelpart des atomaren Angriffsschlages und Gegenschlages. Franz-Josef Strauß, damals Verteidigungsminister, zeigte sich begeistert. Straußens Personaldirektor Gumbel machte Notizen. Der unaufhaltsame Aufstieg des Herbert Büchs ging weiter. Er wurde
> Referent "Führungsgrundlagen und Einsatzplanung", dann
> Unterabteilungsleiter "Führung" im Luftwaffen-Führungsstab und schließlich
> Stabschef im Bundeswehr-Führungsstab (Abteilung "Streitkräfte"). Im letzten Frühsommer bat der damalige Generalinspekteur Trettner den Verteidigungsminister von Hassel, ihn von der Last der Abteilung "Streitkräfte" zu befreien und statt seiner den Bundeswehr-Stabschef Büchs, der ohnehin die Arbeit mache, auch förmlich zum Abteilungsleiter zu erheben.
Hassel hielt Büchs für ein "Goldstück". Aber Bonner Wehrparlamentarier und nicht zuletzt die alten Kameraden der Luftwaffe fanden, Büchs sei zu jung und ohne Fronterfahrung.
Die Luftwaffen-Front reiste Büchs mittlerweile geschwind ab. Und knapp ein Jahr älter bekam er nun mit dem Titel des stellvertretenden Generalinspekteurs, zu dem Kompetenzen bislang nicht gehörten, die Abteilung "Streitkräfte" dazu.

DER SPIEGEL 15/1967
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